Jurassier und Bündner profitieren am meisten

Die Auswertung der Direktzahlungen nach Gemeinden zeigt erstmals,
wohin das Geld für die Bauern fliesst

«Wir müssen wegen der langen Winter mehr Futter für das Vieh kaufen»
Albert Amstutz, Les Verrières NE

In der idyllischen Gemeinde Les Verrières im Neuenburger Jura sind die Bauern zwar erstaunt, dass sie Schweizer Rekordhalter bei den Direktzahlungen sind, aber die Subventionen seien nötig: «Wir müssen wegen der langen Winter mehr Futter für das Vieh kaufen», sagt Albert Amstutz, 59. Er besitzt 42 Hektaren Land, 22 Milchkühe und bezieht jährlich rund 80 000 Franken. Im Durchschnitt erhielten die 21 Höfe in Les Verrières 2011 sogar 143 631 Franken – das ist fast dreimal so viel wie der Schweizer Durchschnitt von 52 000 Franken.

Die Daten vom BLW umfassen Zahlungstotal, Anzahl Betriebe, Grossvieh-Einheiten und Landwirtschaftsfläche für Gemeinden mit mehr als 
fünf Bauernbetrieben. Gemeinden mit weniger Höfen hielt das BLW aus 
Datenschutzgründen zurück. Analysiert wurde die Verteilung von 2,6 
Milliarden der 2,8 Milliarden Franken, die 2011 ausbezahlt wurden. Die Daten
 für das Jahr 2012 wurden vom BWL noch nicht aufbereitet. 

Die Daten vom BLW umfassen Zahlungstotal, Anzahl Betriebe, Grossvieh-Einheiten und Landwirtschaftsfläche für Gemeinden mit mehr als fünf Bauernbetrieben. Gemeinden mit weniger Höfen hielt das BLW aus Datenschutzgründen zurück. Analysiert wurde die Verteilung von 2,6 Milliarden der 2,8 Milliarden Franken, die 2011 ausbezahlt wurden. Die Daten für das Jahr 2012 wurden vom BWL noch nicht aufbereitet. 

Das zeigt die Auflistung der Direktzahlungen nach Gemeinde, die das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Auftrag der SonntagsZeitung erstellt hat. Yann Huguelit, Direktor der Neuenburger Landwirtschaftskammer, bestätigt, dass die grossen Höfe in Les Verrières über 200 000 Franken erhalten. Einer der grössten Betriebe in Les Verrières gehört Jean-François und David Sancey. Gemäss einem Angestellten hat der Betrieb über 600 Kühe, das Anwesen gleicht einer US-Ranch. Wie viel Jean-François Sancey aus Bern erhält, möchte er nicht sagen: «Ich schäme mich nicht für dieses Geld. Ich arbeite mit 67 Jahren 15 Stunden am Tag und beschäftige 10 Arbeiter.»

«Die Jurassier bekommen mehr für weniger Aufwand»
Leo Hodel, Willisau LU

«Der Bund behandelt uns wie bessere Landschaftsgärtner»

Rudolf Veraguth, Avers GR

Nächstes Jahr könnte sich die Schere gemäss Experten zwischen Gross- und Kleinverdienern weiter öffnen. In der Frühjahrssession hat das Parlament gegen den Willen der SVP beschlossen, Subventionen für die Tierhaltung umzulagern. Dem Landbesitz soll in der Agrarpolitik 2014–2017 (AP 14–17) mehr Gewicht eingeräumt werden. Viele Höfe, die bereits hohe Subventionen erhalten, werden damit noch mehr Gelder erhalten, während andere, die bereits wenig beziehen, verlieren.

Zu den Gewinnern werden neben Westschweizer Betrieben Bergbauern gehören. Bündner Betriebe erhalten bereits heute im Schnitt 74 000 Franken, also 22 000 Franken oder über 40 Prozent mehr als im Schweizer Schnitt. Bündner Spitzenreiter ist die Gemeinde Avers. Die zwischen 1670 und 2126 Metern höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung Europas gehört zu den Schweizer Gemeinden mit der höchsten Direktzahlung pro Hof in Graubünden– nämlich 126 791 Franken.

Es kommt für Avers noch besser. Aus den Alpwiesen ragen in diesen Tagen rote Pfähle. Es handelt sich um Markierungen der sogenannten Meliorationsstrassen. Mit diesen Strassen sichert sich Avers, wie viele andere Berggemeinden auch, den Zugang zu bisher brachliegendem Land. Kostenpunkt: 20 Millionen Franken, wovon 15,5 Millionen der Bund und der Kanton übernehmen. Mehr Land heisst mehr Direktzahlungen. «Wir haben Platz in Avers», sagt Rudolf Veraguth, dessen Vater genauso wie sein Grossvater im Tal Felder bestellt hat, «das ist unser Glück.»

Doch die AP 14–17 verletzt Bauer Veraguth auch im Stolz. «Bundesrat Schneider-Ammann behandelt uns wie bessere Landschaftsgärtner, nicht wie Bauern.» Einige seiner Kollegen seien nur noch damit beschäftigt, auszurechnen, wie sie aus ihren Feldern möglichst viel an Direktzahlungen herausholen könnten.«Aber glauben Sie jetzt nicht, dass wir alle mit dem Mercedes herumfahren», will Veraguth klargestellt haben. Die Bauern seien meist nur das Durchlaufkonto. Geld verdienen würden andere: die Ingenieure, die die Meliorationsstrassen planen; der Schlosser, der eine Maschine reparieren muss. Der 57-Jährige sagt: «Bei einer 75-Stunden-Woche kommen ich und meine Frau gemeinsam kaum je auf einen Lohn von 4000 Franken.»

Kurt Patzen, der Gemeindepräsident von Avers, sieht die Lage entspannter. Mit dem Erlös aus den 2,5 Tonnen Fleisch, die Patzens Rinder im besten Fall hergeben würden, könnte der 55-Jährige seine Familie nie ernähren. «Seien wir ehrlich: Die Bezeichnung Landschaftsgärtner ist sogar sehr zutreffend.» Patzen bekommt für seine 45 Hektaren deutlich mehr als
120 000 Franken Direktzahlungen.
Die Bauern im Tal hören solche Zahlen nicht gern. Im luzernischen Willisau fliessen die Subventionen spärlich. Jakob Lütolf, der Bauernverbandspräsident des Kantons, bestätigt: «Viele laufen bereits heute auf dem Zahnfleisch.» Der Viehbestand vieler Bauern ist hier besonders dicht, die Fläche dafür geringer als andernorts. Deshalb befürchten Luzerner Bauern, dass ihnen mit der AP 14–17 die Subventionen zusammengestrichen werden.

«So kann man nicht planen, es braucht mal Ruhe im Stall»

Leo Hodel, Willisau LU

Etwa bei Leo Hodel, Landwirt in Willisau, dessen Umsatz zu 40 Prozent von den Direktzahlungen abhängt. Hodels Grundstück steht am Bahngleis, eingezwängt zwischen den gelb blühenden Rapsfeldern und Kuhweiden des Nachbarn. Platz, um neues Land zu erschliessen, wie in Avers, hat er keinen.

Hodel treffen die neuen Direktzahlungsbestimmungen hart, weil er vor sieben Jahren den Betrieb ausgebaut hat. Zu den Schweinen ist ein Kuhstall gekommen mit 45 Milchkühen. Bauer Hodel fragt: «Was ist in vier Jahren? So kann man doch nicht planen. Es braucht einmal Ruhe im Stall.» Dass im Jura Betriebe ein Vielfaches bekommen, stösst Hodel besonders sauer auf. «Sie bekommen mehr für weniger Aufwand. Einfach nur, weil sie mehr Land zur Verfügung haben.» Die neuen Regelungen würden Fehlanreize schaffen, um weniger zu produzieren, sagt auch Bauernverbandspräsident Lütolf. «Das geht gegen das Prinzip der Selbstversorgung.»

Hodel ärgert sich über die neuen ökologischen Bestimmungen. Es gebe etwa Subventionen für das Pflanzen von Obstbäumen. Gleichzeitig sei der Preis für Birnen so tief, dass es sich nicht lohne, sie aufzulesen. So faulen nun Birnen unter den subventionierten Bäumen vor sich hin.

Es sind solche Bauern, die der Berner SVP-Grossrat Samuel Graber anspricht, wenn er sagt: «Die Ökologisierung der Landwirtschaft fördert die Grenzöffnung. Weil weniger produziert wird, wird mehr importiert werden müssen.» Der Präsident des Kälbermäster-Verbandes strebt ein Referendum an. SVP-Präsident Toni Brunner forderte an der letzten SVP-Delegiertenversammlung alle Bauern auf, das Referendum zu unterschreiben, damit die 50 000 Unterschriften zusammenkommen. «Wenn die Basis das Referendum unterstützt», sagte Brunner zur SonntagsZeitung, «kann ich mir vorstellen, dass die SVP zu gegebenem Zeitpunkt eine ablehnende Parole fassen wird.»

Rudolf Veraguth, Avers GR: «Glauben Sie jetzt nicht, dass wir alle mit dem Mercedes herumfahren»

Text
Barnaby Skinner
Julian Schmidli
Martine Brocard

Fotos
Laurent Crottet
Michele Limina
Stefano Schröter

Gestaltung
Natalie Hauswirth