Verschollen
am 8000er

Das Protokoll der tödlichen Expedition des Schweizer Bergsteigers Cedric Hählen auf den elfthöchsten Berg der Welt

Der Wind wütet mit bis zu 150 Stundenkilometern, die Temperaturen fallen auf minus fünfzig Grad: Noch nie wurde der Gasherbrum I (G1), 8080 Meter, im Karakorum-Gebirge Pakistans, im Winter erklommen.

Der Schweizer Cedric Hählen, 30, der Österreicher Gerfried Göschl, 39, und der Pakistaner Nisar Hussain, 31, wollten es Anfang 2012 schaffen. Die drei Männer kehrten nie zurück. Auf dem Weg zum Gipfel ist der Kontakt am 9. März abgebrochen. Die Suchhelikopter fanden keine Spur. Ob die Seilschaft den Gipfel erreicht hat, ist nicht klar.

Wie die über Todesfälle in der ersten Hälfte 2012 am Mount Everest gezeigt haben, können die höchsten Berge der Welt trotz Hightech-Klettermaterial, Satellitentelefon und intensivem Training zu tödlichen Fallen werden. Doch während es im Himalaja zu Warteschlangen am Berg kommt, wagte sich Hählens Team in ein Gebiet, das im Winter von Menschen verlassen ist.

Die drei Bergsteiger wollten nicht bloss auf einem berühmten Gipfel stehen. Sie wollten erreichen, was zuvor noch nie jemandem gelungen ist. Mit dem Einverständnis von Hählens Eltern und Göschls Familie hat die SonntagsZeitung die Expedition rekonstruiert. Die Tagebücher, nach Österreich übermittelte Videos und Aussagen von Überlebenden zeugen von den dramatischen Ereignissen.

Wollten erreichen, was zuvor noch niemandem gelungen ist (v. l.): Der Schweizer Cedric Hählen, 30, der Pakistaner Nisar Hussain, 31, und der Österreicher Gerfried Göschl, 39.

Die Kälte

Neben Hählen, Göschl und Hussain gehören vier weitere Bergsteiger der Gruppe an; zwei Polen, zwei Spanier. Acht Pakistaner kümmern sich um Küche und Unterhalt im Basislager. Allein der Weg dahin ist beschwerlich.

Von Askole (3000 m), im Norden Pakistans, geht es nur zu Fuss weiter – sechs Tage. Es liegen nur zwei bis sechs Zentimeter Schnee. Am Samstag, 21. Januar, erreicht die Karawane das Basislager auf 5100 Metern. Hählen schreibt tags darauf: «Als wir uns gestern Abend gegen 20 Uhr in unsere Schlafsäcke ein mummten, waren es bereits –28 Grad.» Das Esszelt lässt sich auf 5 bis 15 Grad wärmen.

Das meiste Material und die Verpflegung wurden im Oktober angeliefert. Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Fleisch; alles muss aufgetaut werden. Wasseraufbereitung und Kocher benötigen 20 Liter Kerosin pro Tag.

Die Bergsteiger sind angespannt. Göschl sagt in seine Kamera, mit der er die Reise dokumentiert: «Es ist kalt.Wir haben heute einen Schlechtwettertag. Aber wir müssen das nutzen. Denn wir wollen rauf, rauf, rauf.»

Mehrere Anläufe sind nötig, um die gut 3000 Meter Höhendifferenz zum Gipfel zu überwinden und die neue Route über die steile Südwand zu eröffnen. Weil die Südwand, die Headwall, noch nie durchstiegen wurde, müssen die Bergsteiger dort zunächst «fixieren». Das heisst, ein Bergsteiger klettert mit Eispickeln und Steigeisen voraus, montiert Verankerungen für die Seile.

Göschl hat den Schweizer extra dafür angefragt, denn er bezwingt regelmässig gefrorene Wasserfälle, hat die Eigernordwand solo durchstiegen. «Cedric ist unser heisses Eisen», sagt Göschl.

1600 Meter geht es fast senkrecht den Eiskanal aufwärts. Hählen schreibt: «Langsam und stetig kämpfe ich mich in die Höhe. Die Waden brennen.»

Nach einigen Metern muss er eine Schraube in die Wand drehen. Cedric rammt die Steigeisen in die Eiswand. Eissplitter fallen in die Tiefe. Hunderte Meter über dem Gletscher halten ihn einzig die Stahlspitzen der Steigeisen und der Pickel mit Chromstahl-Haue, den er ins Eis schlägt.

An der Eisschraube bringt Cedric einen Karabiner an, an dem sein Sicherungsseil hängt. Dieses verbindet ihn mit Göschl und Hussain. Durch die Lasche am Ende der Eisschraube zieht Cedric das Fixierseil. Es bleibt am Berg, die Route ist «verfixt».

Am ersten Tag in der Headwall schaffen die Bergsteiger 500 Höhenmeter. Tags darauf sind die Spanier an der Reihe. Bis die Steilwand verfixt ist, geht es rauf und runter. Dazwischen müssen sie sich im Basislager erholen.

Auf über 6000 Metern verschwinden Hunger und Durst. Die dünne und trockene Luft, die Anstrengung, die Kälte zehren den Körper aus. Im Basislager auf 5100 Metern regenerieren sich die Expeditionsteilnehmer, essen und trinken, so viel es geht. Sie spielen Schach, sprechen via Satellitentelefon mit ihren Familien, schneiden Videoaufnahmen,schreiben Tagebuch. Hählen steht stundenlang mit dem Feldstecher vor dem Zelt und beobachtet den G1. Er geht die Route durch.

Zum ersten Mal auf einer Expedition verspürt Cedric Hählen so etwas wie Heimweh. Er ist frisch verliebt. Im Herbst 2011 hat er als Bergführer-Aspirant eine Touristenexpedition auf den Kilimandscharo begleitet – und Teilnehmerin Michaela, 32, kennen gelernt. Am Gate in Zürich-Kloten hatte sie ihn gefragt, ob man vor dem Abmarsch noch duschen könne. Cedric antwortete lachend: «Ist das dein einziges Problem?» Ihr gefiel sein ansteckendes Lachen. Nach der Expedition wollten sie zusammen an die Wärme irgendwo ans Meer fahren.

Seit der Primarschule in Rütihof AG hat Hählen ausschliesslich fürs Bergsteigen, Klettern und für Skitouren gelebt. Seine Eltern – Berg-Begeisterte aus dem Berner Oberland – haben dem kleinen Cedric auch Tennis, OL oder Kanufahren gezeigt. Doch er wollte in die Berge. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Landschaftsgärtner. «Im Büro würde ich eingehen wie eine Primel», sagte er. 2004 stand er mit 22 Jahren als jüngster Europäer auf dem schwierigsten aller 8000er, dem K2. Er besteigt Gipfel in Südamerika, im Himalaja, immer wieder im Karakorum. Die Expeditionen kosten 10 000 bis 20 000 Franken. Hählen wohnt bis 28 bei den Eltern, legt jeden Rappen zur Seite. Auswärts essen geht er fast nie. Was er mag: Stocki, Instant-Nudeln mit Marzipan sowie M-Budget-Milchschoggi. Was er nicht mag: Shopping und Temperaturen über 25 Grad.

Auf seiner Homepage hat das Home Team während der Expedition immer wieder Gedanken und Etappen aufgeschrieben. Während der Suche haben Verwandte diesen Kanal verwendet, und auch ihre Trauer darin verewigt.

Der Sturm

Selbst mit den extremen Temperaturen im Karakorum kommt er zurecht.Vom Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck hat er einen Daunenoverall dabei, den er zusätzlich gestopft hat. Niemals habe er sich über die Kälte beklagt, sagen seine Eltern.

Minus 35 Grad ist es, als die drei Alpinisten erstmals auf 6200 Metern in einem Zelt übernachten. Der Grat ist schmal und fällt zu beiden Seiten steil ab. Damit sie ihr Lager 1 errichten können, müssen sie eine Plattform aus dem Eis hacken. Cedric, auf dem Eis kniend, sagt in die Kamera: «Ist zum Glück recht spröd durch die Kälte.»Meistens kommentiert Göschl. Abends im Zelt von Lager 1 sagt Hählen einzig:«Ja, ich sag nix.» Das sagt er meistens, wenn Göschl ihn filmt.

Morgens ist alles mit Eiskristallen überzogen: Innenzelt, Schlafsäcke, Mützen; die Augenbrauen und Wimpern sind vereist.

Tags darauf zieht ein Sturm auf. Das Team muss ins Basislager zurück. Die Zelte werden mit Bambusstangen verstrebt. In der Nacht auf den 21. Februar bricht der Sturm los.

Die Bergsteiger messen Spitzenwerte von 120 Stundenkilometern. Es ist ohrenbetäubend laut, der Wind reisst alles mit, was nicht angebunden ist. Drei Tage und Nächte wütet der Sturm. Als er abflaut, tut sich ein Fenster für einen Gipfelversuch auf. Wenn es klappt,ginge es am 4. März heimwärts. Cedric schreibt: «Jeder möchte die kalte, windige Eiswüste verlassen.»

Zunächst sieht es viel versprechend aus: Nach 28 Tagen am G1 und acht Aufstiegen ist die Headwall am 27. Februar durchstiegen. Vorsteiger Cedric überwindet um 16 Uhr den Grat. Er blickt auf das tiefer liegende Plateau und zum Gipfel. Der schwierigste Teil ist geschafft. Göschl schreibt später von einem «gewaltigen alpinhistorischen Moment».

Cedric notiert: «Ganz so einfach ist es aber nicht, auf der anderen Seite runter und auf das ersehnte Plateau zukommen. Ich steige noch über den verwechteten Grat und muss feststellen, dass es zu dieser Uhrzeit und mit der mitgebrachten Menge Seil kein Weiterkommen gibt.» Sie kehren ins Basislager zurück. Seiner Michaela schreibt Cedric, sie brauche keine Angst zu haben, dass er zu viel riskiere – schliesslich wolle er zurück zu ihr.

Der Orkan

Dienstag, 6. März, 2 Uhr nachts: Die drei Alpinisten wagen noch einen Versuch. Mit etwas Abstand brechen die Polen und Spanier auf. Um 14 Uhr sind sie im Lager 1 auf 6200 Metern. Es ist minus 35 Grad kalt. Das Team hat zwei Thuraya-Satellitentelefone dabei sowie ein Funkgerät. Die Satellitenverbindung ist gestört, die Batterien in der extremen Kälte rasch leer. Ihre Position melden sie meist per Funk ins Basislager. Die Nacht verbringen alle in Lager 1.

Am anderen Tag kommen Hählen, Göschl und Hussain auf ihrer «verfixten» Route zügig voran. Sie ziehen am Lager 2 vorbei, überqueren den scharfen Grat der Headwall, steigen auf der anderen Seite fünfzig Meter runter, erreichen das wenig verschneite Plateau und steigen bergwärts.

Auf 7000 Metern ist es 43 Grad unter null, melden sie. Um 18 Uhr berichtet Göschl, dass sie Lager 3 aufschlagen, ein Minizelt für drei Mann. Das Satellitentelefon geht wieder. Keuchend sagt Göschl zu seiner Frau Heike: «Es ist eiskalt, wir haben schlechte Sicht, aber zum Glück nur wenig Wind. Wir werden um circa 3 Uhr früh aufbrechen, wir hoffen,den Gipfel am Nachmittag erreicht zu haben.» Cedric habe dank seinem Daunenoverall warm.

Am anderen Morgen, es ist der 8. März, 10.30 Uhr Ortszeit, meldet sich Göschl bei seiner Frau: «Wir befinden uns 450 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Hidden Peak, ich glaube, wir schaffen es, ich melde mich später wieder!» Die Temperatur ist auf minus 50 gesunken. Um 14 Uhr funkt Göschl ins Basislager, sie seien noch zwei bis zweieinhalb Stunden vom Gipfel entfernt. Auf 7700 Metern entscheiden sie, ein Zelt für die Nacht aufzuschlagen. Sie sind ohne zusätzlichen Sauerstoff unterwegs. Die Luft ist so dünn, dass nur noch ein Drittel Sauerstoff zum Atmen bleibt. Die Gipfelstürmer können kaum sprechen.

Freitag, 9. März. Um 8.30 Uhr erreichen die Polen Adam Bielecki und Janusz Golab den Gipfel des G1. Sie sind über die herkömmliche Nordroute aufgestiegen. Vom Gipfel aus erspähen sie am südlichen Hang das orange Zelt von Hählen, Göschl und Hussain.

Zehn Minuten später meldet sich Göschl per Funk im Basislager: Er sagt, die Nacht sei extrem kalt gewesen. Dann gratuliert er den Polen zur Erstbesteigung des G1 im Winter.

Die Polen steigen auf ihrer Nordroute ab. Für ihre Kameraden lassen sie die Zwischenlager stehen, mit drei Schlafsäcken, sechs Gaszylindern, drei Brennern sowie Verpflegung. So kann sich das 3er-Team das Ausgraben der im Sommer von Göschl angelegten Depots sparen. Die drei steigen weiter in Richtung des Gipfels auf. Die Verbindung per Funk-und Satellitentelefon ist abgebrochen. In der ganzen Region sind die Netze zusammengebrochen. Elektromagnetische Strahlung eines Sturms auf der Sonnenoberfläche könnte der Grund gewesen sein.

  1. März, 12 Uhr. Vom Grat der Headwall aus entdeckt der Spanier Alex Txikon die drei mit dem Feldstecher. Sie sind 250 bis 300 Meter am Eisfeld unter dem Gipfel. Txikon gibt zu Protokoll, dass die drei versucht hätten, nach rechts zu traversieren, um den Gipfel über den Ostgrat zu erreichen. Txikon verfolgt seine Kameraden. Da bricht das Wetterhoch auf einen Schlag zusammen. Hählen, Göschl und Hussain verschwinden in den Wolken.

Der Sturm wächst zu einem Orkan an. Die Kälte fühlt sich noch kälter an. Alex Txikon kann nichts für seine Kameraden tun. Zusammen mit Tamara Stys seilt er sich zum Gletscher am Fuss der Headwall ab. Um 22 Uhr erreichen sie das Basislager. Sie haben Erfrierungen an den Fingern und Zehen, können kaum noch gehen.

Samstag, 10. März. Über die österreichische Botschaft fordern die Kameraden Helikopter an. Wegen schlechter Sicht und starken Winds bleiben sie aber am Boden. Fünf Tage vergehen.

Die Suche

Erst am 15. März heben zwei Ecureuil-Helikopter zu einem Suchflug ab. Doch die Piloten finden nichts. Cedrics Familie und Freunde schreiben auf seiner Website: «Wir aber können einfach nicht abschliessen, da es noch gar keine Gewissheit gibt. Wir glauben daran, dass Cedric lebt!»

Cedrics Eltern wollen, dass der G1 nochmals abgesucht wird. Der Schweizer Botschafter in Islamabad sagt ihnen, sie müssten die 18 000 Franken für einen Suchflug selber bezahlen. Hählens überweisen das Geld. Doch das Wetter bleibt schlecht, die Helikopter bleiben am Boden.

Am 22. März wird das Wetter besser –doch Verletzte haben Vorrang vor Vermissten: Der Spanier Alex Txikon mit den Erfrierungen und zwei weitere Teilnehmer werden evakuiert. Die Eltern oder Michaela rufen täglich den Botschafter in Islamabad an und schreiben E-Mails, er möge Druck machen, dass nochmals gesucht werde. Am 30. März interveniert der Schweizer Militärattaché. Er faxt einen «Urgent Request» an den Chief of General Staff der pakistanischen Armee. Tags darauf – 23 Tage nach dem letzten Kontakt – heben um 8.30 Uhr zwei Ecureuil-Helikopter ab. Sie stiegen bis auf 7200 Meter. Doch nicht der geringste Hinweis ist zu sehen. Wind und Schnee haben alle Spuren verwischt.

Drei Wochen später, am 21. April, in Zweisimmen im Berner Oberland: 400 Freunde und Verwandte nehmen am Gedenkgottesdienst Abschied. Cedrics Eltern wollen seinen Wunsch respektieren. Er habe gesagt: «Wenn mir etwas am Berg passieren sollte, dann lasst mich in meinen geliebten Bergen. Ich will nicht, dass sich andere in Gefahr begeben.»☐

Der von Anfang an geplante Film von Gerfried Göschl über die Winterexpedition 2012 am Gasherbrum I wurde fertig gestellt. 25. Mai 2012 lief er zum ersten Mal auf Servus TV unter dem Titel «Der letzte Weg», und ist online einsehbar.

Text
Daniel Glaus

Bilder
Flickr
Homepage von Cedric Hähler
Servus TV
Rega

Gestaltung
Titus Plattner
Linda von Burg