Der Arzt und
seine 14 Porsches

Superreiche importieren illegal Luxusautos - um ein paar Tausend Franken Steuern zu sparen. Wie der Zoll gegen die Trickser mobil macht.

Am 21. Mai 2013 fährt am Grenzübergang Ferney-Voltaire, gleich hinter dem Genfer Flughafen Cointrin, ein Lamborghini 400 GT2+2 vor.

Ein Luxus-Cabrio aus den Sechzigern. 320 PS, 3,9 Liter Motor, gebaut vom legendären italienischen Karosseriehersteller Carrozzeria Touring, dessen Fabrikate bei Oldtimer-Auktionen jederzeit Spitzenpreise erzielen. Nur 247 dieser ­Lamborghinis wurden gebaut. Selbst die Dienst habenden Zollbeamten, die jeden Tag Hunderte Autos sehen, heben die Augenbrauen.

Der Fahrer ist CEO einer Luxusgüterfirma, sein Gehalt liegt im Millionenbereich. Er will den Wagen einführen. Die Steuern für das Coupé zu begleichen, wären für den Konzernchef eigentlich eine Kleinigkeit, doch er versucht, bei der Einfuhr mit einem Gaunertrick 10 000 Franken Mehrwertsteuer zu sparen.


Der kleine, meist unbewachte Grenzübergang bei Ferney-Voltaire in der Nähe des Genfer Flughafens.


Im Strafbescheid der EidgenössischenZollverwaltung vom 1.  April 2015 heisst es, der «Directeur Général» habe den Lamborghini mit einem Wert von 157 710 Franken angegeben. Dabei sei das Auto 268 519 Franken wert.

Der Zoll lässt sich nicht hinters Licht führen und verurteilt den ­Autoliebhaber zu einer Busse von 10 000 Franken. Superreiche, die Steuerhinterziehung und Abgabenbetrug mit Luxusautos begehen, sind keine Seltenheit in der Schweiz. Und es werden immer mehr.

Allein in den letzten drei Jahren deckte die Zollfahndung Betrugs- und Hinterziehungsfälle auf, deren Gesamtwert weit über 30 Millionen Franken beträgt. Die meist gutbetuchten Täter umgehen so erkleckliche Summen an Abgaben. 2012 forderte der Zoll von Delinquenten 1,2 Millionen Franken zurück. 2013 waren es 2,1 und letztes Jahr 1 Million Franken.

Wie oft die Betrügereien unentdeckt bleiben, weiss niemand. «Die Dunkelziffer ist hoch», sagt Oliver Brand, Chef der Abteilung Strafsachen und Beschwerden bei der Eidgenössischen Zollverwaltung.

Dabei geht es beileibe nicht nur um einzelne Liebhaberautos. Am 13. Juli dieses Jahres verurteilte die Eidgenössische Zollverwaltung einen gutsituierten Zürcher Arzt per Strafbescheid. Er habe von 2009 bis 2011 für insgesamt 14 Porsches unrichtigeWertnachweise vorgelegt. Über 25 000 Franken Mehrwert- und 6500 FrankenAutomobilsteuern wollte der Mann so «einsparen».

Eine Dame aus Lugano importierte von 2008 bis 2014 ebenfalls 14  Luxusfahrzeuge im Wert von 1,3 Millionen Franken und hinterzog Mehrwertsteuern in der Höhe von 113 000 Franken. Sie wurde am 30.Juni 2015 verurteilt.

«Diese Menschen geben sich viel Mühe, um ein paar Tausend Franken Steuern zu umgehen», sagt ein Zollfahnder, der regelmässig mit solchen Fällen zu tun hat. Er erklärt drei gängige Vorgehensweisen der Mehrwertsteuer-Schwindler:

Trick Nummer 1 Der zukünftige Besitzer lässt sich beim Kauf im Ausland zwei Rechnungen für ein Auto ausstellen und bezahlt beide separat von seinem Konto. Am Zoll zeigt er nur eine der Rechnungen und den passenden Bankbeleg dazu.

Trick Nummer 2 Der Käufer bezahlt den grösseren Teil des Autopreises in bar vor Ort und den Rest via Banküberweisung. Dem Zoll zeigt er nur den Bankbeleg mit dem tiefen Betrag.

Trick Nummer 3 Der Käufer versucht, beim Zoll einen teuren Wagen als einen billigen auszugeben. So wurde am 18. Februar ein Rentner aus dem Kanton Zürich verurteilt, weil er drei Ferraris im Gesamtwert von 956 000 Franken einführte und angab, die Luxuswagen kosteten bloss 258 000 Franken. Er hat damit 20 646 Franken Steuern hinterzogen.

Manche Täter gehen noch weiter. Sie fälschen Ebay-Inserate oder gleich die Bankbelege, um einen tieferen Preis anzugeben und zeigen dem Zoll dann die manipulierten Dokumente. «Diese Personen haben unglaublich kreative Ideen, wenn es darum geht, Abgaben zu umgehen», sagt der Fahnder.

Doch die Zollfahndung schlägt inzwischen zurück: mit Observationen, Hausdurchsuchungen und internationalen Recherchen. Und sie hat aufgerüstet: Mit einer eigenen Datenbank mit Hochpreis­autos. Damit können die Fahnder die Preise vergleichen und merken sofort, wenn jemand schummelt. Zudem arbeiten die Schweizer eng mit ausländischen Zollfahndern zusammen.

Begehrtes Objekt: Luxus-Oldtimer wie der Lamborghini 400 GT 2+2 werden von Reichen für Steuertricks benutzt.

Begehrtes Objekt: Luxus-Oldtimer wie der Lamborghini 400 GT 2+2 werden von Reichen für Steuertricks benutzt.

Sammlerstück aus den 60er-Jahren: Der Porsche 911.

Sammlerstück aus den 60er-Jahren: Der Porsche 911.

Hochprofitable Wertanlage: Luxusautos wie der Maserati MC12.

Hochprofitable Wertanlage: Luxusautos wie der Maserati MC12.

Das forsche Vorgehen der Fahnder überrascht die Autotrickser. Sie erschrecken, wenn plötzlich frühmorgens die Zollfahndung zur Hausdurchsuchung vor der Tür steht – und auch die Ferienhäuser, Garagen und Einstellplätze der Betroffenen zeitgleich durchsuchen.

«Das Überraschungsmoment ist bei solchen Durchsuchungen gross», sagt der Fahnder, «damit rechnen solche Leute nicht.» Sie bezahlen schnell – auch wenn es dabei zum Teil um Nachzahlungen bis zu mehreren Hunderttausend Franken geht. Denn: Die wohlhabenden Steuerhinterzieher fürchten um ihren guten Ruf.

«Luxusautos sind in den letzten Jahren zu einer hochprofitablen Wertanlage geworden», sagt Philip Kantor, Direktor der Abteilung Automobil beim Auktionshaus Bonhams.

«Autos waren in den letzten fünf Jahren die beste Wertanlage überhaupt – mit einer Rendite von fast 100 Prozent pro Jahr.» Der Lamborghini des Firmenchefs hat seinen Wert in den letzten drei Jahren fast verdreifacht.




Entsprechend werden die Autos von den Sammlern wie Kunstwerke in den Garagen eingeschlossen, denn sie sind auch ein sehr beliebtes Diebesgut.

Gemäss einer Studie der Axa-Versicherungen ist das Risiko eines Diebstahls bei einem Porsche dreimal und bei einem Bentley viermal höher als bei einem Durchschnittsauto. Auf jeden Fall wollen Steuerhinterzieher vermeiden, dass auch sie beklaut werden – denn dann wird es versicherungstechnisch sehr kompliziert.☐

«Es sind strafbare Handlungen, die wir mit hohen Bussen sanktionieren»

Oliver Brand, Chef der Abteilung Strafsachen und Beschwerden bei der Eidgenössischen Zollverwaltung.

Oliver Brand, Chef der Abteilung Strafsachen und Beschwerden bei der Eidgenössischen Zollverwaltung.

Der illegale Import von Luxusautos nimmt zu.
Tatsächlich. In den letzten Jahren sind viele vermögende Menschen dazu übergegangen, einen Teil ihres Vermögens in physische Anlagen zu investieren - sei es in Kunstwerke, Liegenschaften oder eben Luxusautos. Einige versuchen es auf illegale Weise.

Was war das teuerste Auto, dessen Besitzer Sie verurteilten?
Konkret erinnere ich mich an einen Ferrari, der 3,2 Millionen Franken wert war. Aber es gibt natürlich noch viel teurere Wagen.

Nervt Sie das, wenn Superreiche wegen ein paar Tausend Franken Steuern hinterziehen?
Grundsätzlich ist es für uns ein Straffall wie andere. Aber man macht sich schon seine Gedanken: Da erwirbt einer Werte für Millionen, den kleinen Anteil Steuern will er dann aber nicht bezahlen.

Wir haben die Täter befragt. Für sie sind das Kavaliersdelikte.
Für uns gibt es keine Kavaliersdelikte. Es sind strafbare Handlungen, die wir mit hohen Bussen sanktionieren. Bei Bussen über 5000 Franken gibt es gar einen Strafregistereintrag.

Aber kein Gefängnis.
Nein, in der Schweiz ist die sogenannte einfache Steuerhinterziehung nur eine Übertretung. Der politische Wille ist anders als in den umliegenden Ländern. Dort ist auch für eine solche Hinterziehung die Strafandrohung viel höher. Dort gibt es dann Freiheitsstrafen in solchen Fällen.

Die Täter müssen einiges tun, um den Schwindel abzuwickeln.
Ja, vor allem wenn gefälschte Dokumente im Spiel sind - also zu tiefe Rechnungen und Bankbelege, die entweder fabriziert wurden oder nur eine Teilzahlung zeigen. Das braucht schon ein hohes Mass an krimineller Energie.

Wie erfolgreich sind Sie im Kampf gegen die Autotrickser?
Wir sehen den Erfolg, nicht nur bei den Autos, sondern auch bei den Kunstwerken. Es spricht sich herum, dass die Zollfahndung sehr aktiv ist. Wir haben heute gute Recherchemethoden, können auf Datenbanken über Luxusautos, Preise, Modelle zugreifen. Das hilft, Falschangaben schnell zu erkennen. Aber trotzdem ist die Dunkelziffer sicher sehr hoch. ☐

Texte
Catherine Boss
Antoine Harari

Photos
Marco Zanoni
Craig Howell
DR, EZV

Design
Alexandre Haederli

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