Big Manni und der verlorene Schatz

In Frauenfeld kommt es zum Geldwäschereiprozess der Superlative: Es geht um Diamanten, Chagalls – und um die ­Souveränität der Schweiz

Ein 51-Karat-Edelstein, so gross wie ein Kronjuwel, vier Bilder von Marc Chagall, eine Yacht, ein 21-Millionen-Franken-Chalet in St. Moritz, Goldringe und Colliers, besetzt mit Rubinen und Brillanten – der Kampf um diesen Schatz steht im Zentrum eines der grössten Strafverfahrens der letzten Jahre. In acht Tagen geht der Prozess los. Schauplatz: Das beschauliche Frauenfeld im Kanton Thurgau.

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt bahnt sich seit sechs Jahren in dem kleinen Städtchen ein Geldwäscherei-Verfahren an, wie es die Ostschweiz wohl noch nie erlebte hat: Der Prozess wird Monate dauern: 21 Verhandlungstage sind angesetzt, die Akten ­füllen140 Bundesordner. Der Staatsanwalt hat Vermögen in zweistelliger Millionenhöhe beschlagnahmt, bis zu fünf Jahren Gefängnis fordert er, unter anderem wegen gewerbsmässiger Geldwäsche, Urkundenfälschung und Steuerbetrug.

Einer der Angeklagten: Manfred S., 66, Spitzname «Big Manni», ­Architekt des sogenannten Flowtex-Betruges, des grössten Falles von Wirtschaftskriminalität der deutschen Geschichte. Im Dezember 2001 wurde S. in Mannheim verurteil wegen Betruges in 145 Fällen,bandenmässigen Betruges in 97 Fällen. 11 Jahre Haft gabs für ihn. Der Gesamtschaden beträgt 2,6 Milliarden Euro – ein Teil des Geldes ist bis heute verschwunden.

Jetzt sagt der Thurgauer Staatsanwalt, er habe Millionen aus dem Flowtex-Betrug gefunden: Hier in der Schweiz. Er klagt deshalb Manfred S. an, der seit 2007 wieder auf freiem Fuss ist, dessen Frau, zwei weitere Familienmitglieder und einen Anwalt. Sie hätten einen ganzen Schatz aus Kunst, Immobilien und Schmuck mit den ­kriminellen Geldern ­finanziert, ­später in der Schweiz verkauft und so ein Millionen­vermögen ­ge­waschen.

Um zu verstehen, woher die ganzen Edelsteine und Chagalls kommen, muss man gemäss der Anklage bis in die neunziger Jahre zurückgehen. Damals lief das Betrugsspiel des Manfred S. auf Hochtouren. Auf dem Papier vertrieb er 3142 so genannte Horizontalbohrmaschinen. Tatsächlich existierten nur 270. Banken, Aktionäre und Investoren bezahlten Milliarden – für heisse Luft.

Davon ahnt aber 1996 noch ­niemand etwas. Damals avanciert Manfred S. dank dem Betrugs­schema bereits zum Multimillionär –und gibt das Geld mit beiden Händen aus. Am 27. November 1996 zum Beispiel finanziert er laut Anklage für seine Frau in einer komplizierten Finanztrans­aktion via Aktien ein Grundstück samt Chalet am Suvretta-Hang bei St. Moritz.

Das war damals bereits die teuerste Lage der Schweiz, mit Residenzen von Milliardären wie Onassis, Agnelli oder Heineken. Entsprechend ist das Chalet ausgestattet mit Kino, Marmor-Hallenbad, Personallift, mehreren Küchen, unterirdischer Grossgarage und eigenem Zugang zum Skilift. Der Preis samt Umbau: 17 Millionen Franken.

Wenige Monate später sitzt «Big Manni» mit einem Kunst-Experten im Genfer Zollfreilager und lässt sich dutzende Gemälde vorlegen. Er kauft 25 Bilder von Marc Chagall zum Preis von fünf Millionen Dollar. Er bezahlt sie über eine Stiftung in Liechtenstein und eine Schweizer Kantonalbank.

Im Frühling 1998 kauft die Familie S. beim Inhaber eines ­grossen Juweliergeschäftes in St. ­Moritz einen Ring mit einem 51.04 Karat Diamanten. Verkaufswert heute: 1,5 Millionen Franken. Später kommt ein Brillanten-Collier von einem Genfer Auktionshaus­hinzu, ein Ring mit einem 15-Karat Rubin, zwei 14-Karat Diamanten – der Schmuck würde Schatullen füllen.

Am 3. Juli 1999 feiert der ­Unternehmer auf seinem Anwesen mit 500 Gäste seinen Fünfzigsten. Der amtierende Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, zahlreiche Bürgermeister und Bankdirektoren defilieren an S.’ Hubschrauber und Modellen seiner Yachtenvorbei. «Solche Männer braucht das Land», sagt Ehrengast Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident des Landes. «Big Manni», greift nach den Sternen.

Sieben Monate später ist die Party aus.

Am 4. Februar 2000 lässt die Justiz den grössten Betrugsfall in der deutschen Geschichte hochgehen. Manfred S. geht ins Gefängnis. Im selben Moment fällt der Startschuss für die Jagd nach seinem Schweizer Schatz. Doch ­vieles bleibt unauffindbar. Der genannte Schmuck zum Beispiel im Wert von über fünf Millionen Franken, darunter der 51-Karat-Diamant. Es fehlen vier Chagalls, die Skulptur «The Drummer» des Künstlers Barry Flanagan, vor allem aber kommen die Vertreter der Geschädigten nicht an das Luxushaus in St.Moritz heran.

Deutsche Insolvenzverwalter sind nicht bekannt für Zimperlichkeit. Kaum ist Manfred S. im Gefängnis, setzen sie dessen Frau unter Druck, denn bei ihr vermuten sie – zu recht – das verschwundene Vermögen.

Sie ergreifen alle Mittel, um an Schmuck, Kunst, Yacht und Haus zu kommen. Nachdem sie die Frau verklagten, willigt diese 2001 in einem Vertrag ein, ihren Teil am Luxus-Haus von St. Moritz an die Gläubiger des Flowtex-Betruges abzutreten. Dazu allen Schmuckund die Kunst.

Der Betrüger wird von einem Betrüger betrogen

Im Laufe der folgenden Jahre kommt die Frau von Manfred S. jedoch zur Überzeugung, dass der Vertrag nicht gerecht, ja sogar­«sittenwidrig» sei, wie sie in verschiedenen Klagen schreibt, und man die Dinge doch nicht zurückgeben müsse.

Auch «Big Manni» fängt noch aus der Zelle an, Güter zu verschieben. Er vertraut einem Mithäftling an, dass die Deutschen Beamten bei der Hausdurchsuchung im 2000 vier Chagalls im Schlafzimmer übersehen hätten. Der Häftling organisierte seine Kumpel draussen,und diese spedieren Ende 2005 die Chagalls in einer Nacht und Nebel-Aktion in die Schweiz. Späte Meisterwerke des Künstlers wie «L’ange au bouquet» gelangen zu S.’ Frau, die sich inzwischen in Küsnacht an der Goldküste niedergelassen hat.

Die Frau kündigt darauf den Vertrag mit den deutschen Gläubigern formell und sieht sich nun auch berechtigt den Schmuck, die Bilder und das Haus in St. Moriz zu verkaufen. Sie tut das allerdings nicht offen, sondern in einer Reihe von komplexen Aktionen.

Zunächst schenkt sie das Haus ihren Kindern. Gleich darauf verkauft sie es in deren Namen für 17,5 Millionen Franken. Separat von der eigentlichen Immobilie verkauft sie aber noch das formelle «Wohnrecht» in dem Luxus-Haus. Dafür lässt sie sich vom Käufer des Hauses noch einmal vier Millionen extra geben - und zwar in bar.

Am 30. Mai 2006 nimmt die Frau von Manfred S. die Bündel mit Banknoten im Wert von vier Millionen in einer Kanzlei in der Innenstadt von Chur in Empfang und bringt sie noch am selben Tag nach St. Gallen zu einer Privatbank. Dort eröffnet die Frau das NummernkontoN 527 und zahlt 3,4 Millionen Franken ein.

Ganz ähnlich geht sie mit dem Schmuck vor. Sieben Schmuckstücke gehen für eine Million Dollar an den Bijoutier G. in Genf, darunter ein Netzcollier mit Brillanten von Cartier und der 15-Karat Rubin. Kurz darauf verkauft sie den 51-Karat Diamanten an einenSchmuckhändler aus Hong Kong für 1,5 Millionen Dollar. Abgewickelt wird das ganze laut Staatsanwalt über das Konto des Anwalts.

Inzwischen sind die deutschen Gläubiger aber nicht untätig. Manfred S.’ Mithäftling hat mittlerweile den Chagall-Plan an die Polizei verraten, um selber früher aus dem Gefängnis zu kommen. Der Betrüger wird von einem Betrüger betrogen. Sofort leiteten die Deutschen ein Verfahren ein, um die Chagalls zurück zu bekommen.

Im Zuge der Rechtshilfe durchsucht die Zürcher Staatsanwaltschaft am 16. Juli 2006 das Anwesen von S.’ Frau in Küsnacht, die inzwischen von ihm geschieden ist. Sie findet die Bilder aber nicht. Am 18. August übergibt ein Vertrauter der Frau die Chagallsder Staatsanwaltschaft 2 in Zürich. Seither ruhen sie dort in einem Tresor.

Manfred S. wird für diese Aktion vom Landgericht Mannheim für verurteilt und muss sich entschuldigen.
 Nach dem Rechtshilfeverfahren in Zürich werden nun allmählich auch die Schweizer Behörden aufmerksam auf die Tatsache, dass die Ex-Frau des FlowTex-Architekten in der Schweiz lebt, dass sie mit viel Geld hantiert und ein Teil des Betrugsvermögens fehlt.

Am 22. Juni 2009 schlägt die Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei MROS Alarm. Sie erhielt eine Verdachtsmeldung einer Grossbank aus Frauenfeld. Auf einem Konto von Manfred S.’ Frau und dessen Tochter habe es verdächtige Aktivitäten gegeben sagt die Bank. MROS beurteilt den Fall als schwerwiegend und leitet ihn an die Staatsanwaltschaft in Frauenfeld weiter. Diese eröffnet das Straferfahren gegen die Familie S.

Die Ermittlungen dauernd sechs Jahre. In Zuge dessen liess die Staatsanwaltschaft Frauenfeld mit einem Grossaufgebot die Privatbank in St. Gallen durchsuchen. Sie beschlagnahmte Schmuck und Kunstwerke im Wert von weit über zehn Millionen Franken. Nacheinem derartigen Aufwand wird der Prozess auch für sie zur Schicksalsfrage.

Probleme bekommt die Staatsanwaltschaft womöglich wegen eines Teilurteils des Bezirksgerichtes von Meilen ZH von letztem Juni. Dort kamen die Richter zum Schluss, dass die Frau zumindest das Luxus-Haus gar nicht an die deutschen Gläubigern abtreten muss,weil die deutschen Vertreter der FlowTex-Gläubiger mit dieser Forderung gar die Schweizer Souveränität verletzten. Ob das schon ausreicht für einen Freispruch im Strafprozess ist ungewiss. In einem Zirkularbeschluss bewertete das Strafgericht den Vertrag bereits als «nicht ohne weiteres so zentral». Entscheidend wird sein, ob die Richter den Schatz von Familie S. alsillegale Mittel beurteilen. Dann würde deren Verkauf zur Geldwäscherei. Jedenfalls gilt die Unschuldsvermutung.

Lebt Manfred S. also immer noch von kriminellen Geldern? Die deutsche Presse zeigte ihn nach seinem Gefängnisaustritt auf einer Yacht beim Zigarre-Rauchen in Mallorca - beim «resozialisieren», wie der «Spiegel» spottete. Er lebe dort in Saus und Brauswährend seine Gläubiger immer noch auf ihr Geld wateten. Vor dem Gericht in Meilen bestritt die Frau, dass sie vermögend sei. Sie habe «keinerlei Erwerbseinkommen» gab ihr Anwalt zu Protokoll, sie habe teils nicht einmal die Medikamente für ihre Kinder bezahlenkönnen.
Tatsache ist, Manfred S. wohnt noch immer in Mallorca, die Frau an der Goldküste. Für das Verfahren engagierten sie fünf Anwälte teils von den besten Kanzleien der Schweiz. Darüber hinaus noch einen ausgewiesenen Experten für Schadensersatz-Forderungenaus Deutschland. Üblicherweise verhandelt er mit Konsorten wie Gaddafi über die Wiedergutmachung von Terroranschlägen. Wenn einer von seinem Schlag nach Frauenfeld kommt ist wohl ein Sturm im Anzug.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch

Deutsche Insolvenzverwalter haben gemäss einem Gerichtsurteil die Souveränität der Schweiz verletzt.

Im Jahr 2001 schlossen die Frau von Flowtex-Betrüger Manfred S. und Deutschen Vertreter seiner Gläubiger in Basel einen Vertrag, der regelt, dass die Frau Anteile an einem 21-Millionen-Franken-Anwesen in St. Moritz an die Deutschen abtritt. Nach einem Urteil des Bezirksgericht Meilen ZH gebärdeten sich die Deutschen auf Schweizer Hoheitsgebiet als wären sie Schweizer Konkursverwalter, vertraten aber in Wahrheit den Deutschen Staat. In seinem Urteil schreibt das Gericht: «Durch den Abschluss der Vereinbarungen wurde die schweizerische Gebietshoheit verletzt.». Vertreter der Deutschen Insolvenz haben das Teilurteil angefochten, es ist also noch nicht rechtskräftig. Handlungen für einen Fremden Staat sind Strafbar, auf Anfrage sagt die Bundesanwaltschaft sie habe bisher kein Strafverfahren eingeletet.

Text
Oliver Zihlmann

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Gestaltung
Linda von Burg