Oh, James!

Warum Daniel Craig seine 007-Rolle «sehr Zen» sieht. Und wie «Spectre» im Bond-Film-Vergleich abschneidet

Vorgestern, im Londoner Luxushotel Corinthia: James Bond hetzt in den Raum, als ob ihm der Bösewicht noch im Nacken sitzen würde. Mit einem lauten «Hello» nimmt Daniel Craig, 47, Platz und mustert sein Gegenüber mit eisblauen Augen.

Was jetzt? Darf man ihn fragen, ob dieser fulminante Auftritt in «Spectre» wirklich sein allerletzter als Bond ist, wie er in Interviews rausposaunt hat?

Oder soll man mit etwas Einfacherem beginnen, vielleicht mit... Zehn Sekunden lang ist es still im Hotelzimmer, eine Ewigkeit an einem Interview-Marathontag.

Aber Craig selber lockert die Situation, sagt, «danke für die interessanten Fragen» und tut so, als ob er sich schon wieder verabschieden wollte. Darum nichts wie los, die Zeit ist knapp.

Ist «Spectre» Ihr letzter Bond-Film?
Keine Ahnung, wie Sie auf solche ­Ideen kommen.

Sie sagten in einem Interview, Sie würden sich eher die Pulsadern aufschneiden, als noch einmal Bond zu spielen.
Ich weiss. Aber ich sagte das zwei Tage nach Drehschluss. Damals war ich so kaputt, dass ich wirklich nie im Leben mehr Bond spielen wollte. Es war eine Momentaufnahme.

Und jetzt, drei Monate später?
Ich denke, allen Beteiligten ist klar,wie das gemeint war. Ausserdem: Meine Meinung kann ich immer ändern.

Haben Sie das?
Ehrlich, ich könnte Ihnen irgendwelchen Bullshit erzählen, wie ich das in der Vergangenheit offensichtlich getan habe. Aber jetzt, in diesem Moment, weiss ich es wirklich nicht.

Das Ende des Films gibt, ohne es zu verraten, doch ein paar Hinweise. Sie schmeissen die Pistole...
... ja, ja, ich schmeisse meine Walther PPK in die Themse. Na und, als Bond habe ich schon für ganz anderen Materialschaden gesorgt, nicht wahr? Was ich sagen kann: Es gibt noch kein nächstes Bond-Projekt. Jetzt will ich zuerst diesen Brocken hier aus dem Weg schaffen.

Die ersten Kritiken zu «Spectre» sind gut.
Was für eine Erleichterung. Zwar pflegen wir gern zu sagen, Kritiken spielten keine Rolle. Aber natürlich tun sie das. Ich hoffe, dass sich das jetzt aufs Publikum überträgt.

Als ihr Name erstmals genannt wurde, als neuer James Bond vor über zehn Jahren, waren die ­Reaktionen gemischt.
Gemischt? Sie sind zu nett. Sie waren katastrophal.

Und jetzt sagen alle, es wäre ­schade,wenn Sie gehen würden. Ist das ein Triumph für Sie?
Nein.

Sie haben es doch den Kritikern gezeigt!
Ich denke nicht auf diese Art. Als das los ging, damals, war ich bereits auf den Bahamas, wo wir die ersten sechs Wochen ruhig drehten. Eines Abends rief mein Agent an und sagte, schau mal ins Internet. Das war 2005, damals gehörte das noch nicht zur täglichen Gewohnheit. Ich ging also online und mir schlug blanker Hass entgegen: der sieht aus wie ein Prolo, der wird die Serie in den Abgrund stürzen. Ich war ziemlich ratlos. Was kann man dagegen tun?

Was?
Nichts. Oder doch, auch wenn es ein wenig nach Schulpsychologie tönt: Ich kann versuchen, den besten Film zumachen, der mir möglich ist. Das tat ich. Und war bereit, wegzulaufen, falls es nicht funktionieren würde. Ich kann das ja nicht kontrollieren, ich will auf keinen Fall in einen Dialog treten mit Leuten, die solches Zeug verbreiten. Aber jetzt empfinde ich kein Triumphgefühl. Ich bin sehr Zen in der ganzen Bond-Sache.

Im neuen Film sind Sie sogar ­Koproduzent.Was war Ihr Job?
Zu Beginn des Projektes war er ganz einfach. Regisseur Sam Mendes war nicht sicher, ob er einen zweiten Bond drehen wollte, deshalb musste ich ihn ungefähr fünf Mal am Tag anrufen und sagen:«Bitte, bitte, mach es.»

Da waren Sie ja erfolgreich.
Ich habe mich schon von Beginn an immer eingemischt. Als ich mich entschied, die Rolle zu übernehmen, sagte ich zu den Produzenten Barbara Broccoli und ­Michael G. Wilson, ich kann das nur, wenn ihr mir erlaubt, mich in alle Belange einzubringen. Nur so werde ich rausgehen und behaupten, James Bond zu sein.

Behaupten? Sind Sie es nicht ein klein wenig?
Niemals. Vermutlich bin ich das absolute Gegenteil von der Figur, mit der mich alle identifizieren. Ich bin kein Killer, ich denke nicht so klar wie 007, ich mag keine Schlägereien. Ich bin Schauspieler. Ich mag den lässigen Sean-Connery-Stil, die alte Schule und versuche, ein wenig von dem reinzulegen in die Rolle. Aber mein Bond ist moderner, er rennt gegen Wände, muss sich immer wieder aufrappeln. Das mag ich,und ist das einzige, was ich als real empfinde an ihm.

«Spectre» ist voller Referenzen an ihre früheren Bond-Filme.
Stimmt.

«Quantum of Solace» kommt dabei am wenigsten vor. Haben Sie das Gefühl, dass der Film von Marc Forster ein Fehler war?
Niemals. Das Problem war, dass damals die Autoren streikten, wir hatten kein Drehbuch. Ich schrieb mit Marc Forster ganze Szenen um und ich bin nun wirklich kein Autor. Wir mussten einen Film zusammen basteln, der vom Schreiben her halbfertig war. Ihn als Fehler zu bezeichnen ist gemein...

... sagen wir, er ist nicht so ­gelungen.
Wer will, kann das so sehen.

Was ist schwierig beim Drehen eines Bond-Films?
Es dauert drei Mal länger als jeder andere Film. Acht Monate Dreharbeiten, und dazu drei oder vier Monate Vorbereitung. Harte Arbeit, aber unglaublich befriedigend.

War es ein Vorteil, wieder mit dem gleichen Regisseur zu arbeiten?
Oh ja. Beim ersten Mal sind Sam Mendes und ich ein paar Mal aneinander geraten, er war nervös, ich ebenfalls. Jetzt kennen wir uns so gut, dass wir am Set nicht mehr miteinander sprechen. Wir brummeln: «Mhmhmhm», sage ich. Und er: «Mh Mh Mh.» Beide wissen dabei genau, was wir meinen.

Der neue Film ist weniger dunkel.
Ja. In «Skyfall» haben wir Judi Dench verloren, da konnte nicht eitel Freude herrschen. Und auch im neuen gibt es dunkle Momente, nicht wahr? Aber es gibt auch solche, die Spass machen. Die sind ebenso wichtig.

Der Spass eines Schauspielers besteht doch auch darin, unterschiedliche Rollen zu spielen. Sie dagegen sind jetzt einfach Bond.
Und?

Ich will ja Sie ja nicht dazu bringen zusagen, «Bond stinkt mir»...
... das kann ich schon, wenn Sie wollen, aber Sie werden es dann in den Titel schreiben. Und ich bekomme wieder Probleme.

Stinkt er Ihnen aber nicht ­tatsächlich manchmal, weil Ihnen dadurch andere Rollen entgehen?
Ich sehe das nicht so. Ich habe mich nun mal für das verpflichtet. Zu Beginn versuchte ich, ein paar kleinere Dinge zwischen den Bond-Filmen zu drehen. Ich will nicht sagen, dass das ein Fehler war, aber eigentlich ist es nicht möglich. Wenn ich einen Film drehe, will ich mich komplett auf das konzentrieren. Es gibt sicher wieder einmal Zeit für anderes. Nächstes Jahr spiele ich in einem Theaterstück in New York. Das mache ich, weil ich gerne auf der Bühne stehe und es dort offensichtlich jemanden gibt, der mich engagieren will.

«Spectre» ist der sentimentalste Bond-Film, nicht wahr?
Ja. 007 zeigt Gefühle, verliebt sich. Das ist neu.

Noch in den letzten Filmen haben Sie als Bond Frauen verführt, die dann sogleich umgebracht wurden.
Wir wollen stärkere Frauen, die Welt hat sich schliesslich verändert. Zum Glück. Natürlich ist die Gleichberechtigung nicht erreicht, in diesem Film, es ist ja James Bond. Der hat immer einen Fuss in den Sechzigerjahren, die äussert sexistisch waren. Aber ich finde, es ist viel erotischer, wenn ihm die Frauenfiguren ebenbürtig sind.

Bond kommuniziert in «Spectre» nicht nur mit Frauen. Sondern auch mit einer kleinen Maus.
Und jetzt wollen Sie wissen, wie es war, mit der Maus zu drehen? Pssst, niemandem sagen, ich sah sie gar nicht.

Ich wollte eher wissen, wie diese Szene in den Film kam.
Es war die Idee von Sam Mendes. Ich war nicht so sicher, ob es funktionieren würde. Aber letztlich bin ich froh um sie. Ein kleiner Moment, wo man Atem holen kann.

«Spectre» hat mehr Sprüche als der Vorgänger «Skyfall». Bewusst?
Es ist unvorstellbar schwierig, solche Dinge zu schreiben. Sie wissen nicht, wie viel Post ich bekomme, mit Sprüchen für Bond: Bitte, sagen Sie im nächsten Film dies oder das.

Die sind unbrauchbar?
Sie sind schrecklich. Aber es ist schwierig. In den grossen US- Shows wie den «Simpsons» oder den «Late Night»-Sendungen, sitzen zehn Leute in einem Raum und spielen stundenlang herum, bis sie vielleicht zwei brauchbare Sprüche haben. Das können wir nicht.Wir können nur den Humor am Set zulassen, Raum schaffen dafür. Einige der besten Sprüche entstanden spontan, am Tag. Wir hatten allerdings auch schlechte Ideen. Darum haben wir viele wieder rausgeschmissen.

Erinnern Sie sich an einen?
Nein. Da habe ich zum Glück ein ­miserables ­Gedächtnis.

Haben Sie eigentlich ihren persönlichen Stil aufpoliert, seit Sie Bond sind? Tragen Sie auch privat Tom Ford und fahren schicke Autos?
Ich habe einen Aston Martin, ja. Aber ich fahre ihn nicht allzu oft.

Im nächsten Film schon?
Ha, ha, Fangfrage. Der Tag wird es zeigen.

Die besten Bond-Songs

  1. «Goldfinger», Shirley Bassey
  1. «Live and Let Die», Paul McCartney and Wings
  1. «Skyfall», Adele
  1. «Goldeneye», Tina Turner
  1. «The Living Daylights», a-ha

Der neue Bond «Spectre» ist gut. Aber ist er besser als Vorgänger «Skyfall»? 007 Punkte dazu

 **001**

James Bond Klar, an Sean Connery führt auch 53 Jahre nach dem ersten Film kein Weg vorbei. Aber Daniel Craig ist ein perfekter Bond des 21. Jahrhunderts: Er teilt aus, man sieht ihm aber auch an, dass er schon viel einstecken musste. Sanft kann er auch: In einer «Spectre»-Szene bekommt es seine sonst ebenfalls abgebrühte Partnerin Léa Seydoux mit der Angst zu tun. Und was macht da der moderne Mister Bond? Er nimmt ihr Händchen und hält es. Feinfühlig und grob –­ Craig wird von Film zu Film besser. 1:0 für «Spectre».

 **002**

Vorspiel Die ersten Minuten vor dem Vorspann sind stets entscheidend. Wer erinnert sich nicht gerne an die Eröffnung von «Golden ­Eye» (1995) mit dem Sprung von der Verzasca-Staumauer, immer noch das Mass aller Dinge. Auch der «Skyfall»-Auftakt– Bagger auf dem Zug und ein Todesschuss gegen Mister Bond – konnte sich sehen lassen. «Spectre» aber bietet jetzt die spektakulärste Eröffnungssequenz der ganzen Reihe. Sie spielt am Tag der Toten in Mexiko, involviert sind 2000 Statisten, ein Looping fliegender Helikopter und 007, der verführt wird und killt. Man ist im Kino gleich geschüttelt und gerührt. 2:0 für «Spectre».

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Song Die Fistelstimm-Ballade «Writing’s On The Wall» von Sam Smith ist zwar, im Kontext des Films, nicht ganz so belanglos wie beim ersten Hören ohne Bilder. Gegen den oscargekrönten «Skyfall»-Powersong von Adele hat sie allerdings trotzdem keine Chance. 2:1 für «Spectre».

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Ausstattung Es gibt Dinge, die Bond einfach tun muss. Ja, er trinkt auch in «Spectre» einen Vodka Martini, er haucht einer Schönen «Mein Name ist Bond, James Bond» ins Ohr und lässt sich mit drei verschiedenen Frauen ein. Er fährt einen Aston Martin zu Schrott, schäkert mit Moneypenny, schaut bei Quartiermeister Q vorbei, lässt sich vom Boss M zusammenstauchen. In «Skyfall» war die Neubesetzung seines Büros aufregend und überraschend, in «Spectre» entfaltet das unterdessen eingespielte Team jetzt seine volle Kraft.
2:2 Unentschieden.

 **005**

Girls Wer war nur schon das Bond-Girl in «Skyfall»? Eben, sie hiess Bérénice Marlohe und hatte nicht allzu viele Spuren hinterlassen. Bei «Spectre» ist das anders. Da gibt es gleich zwei Damen, die Eindruck machen. Da ist einmal die Französin Léa Seydoux, bekannt auch aus Ursula Meiers Wallis-Film «Sister». Es hat sie auch hier wieder in die Berge verschlagen, sie spielt eine Psychiaterin, die in einer Alpenklinik haust, bevor sie von 007 rausgelockt wird. Und da ist Monica Bellucci, mit ihren 51 Jahren eine veritable Bond-Lady. Es ist das erste Mal, dass sich der Agent mit einer Frau seines Alters einlässt, in einer hinreissenden Szene. Ihr einziger Nachteil: Sie ist viel zu kurz, nach 5 Minuten ist alles vorbei.
3:2 für «Spectre».

 **006**

Bösewicht Erinnert sich noch jemand an Ernst Stavro Blofeld? Das ist Bonds genialer Gegenspieler aus längst vergangenen Tagen, mit Narbe im Gesicht und weisser Katze im Arm. Heute treten die Bösewichte eher ungeschminkt auf, wie eben jetzt Christoph Waltz in «Spectre». Er ist ein grossartiger Schauspieler, aber das Drehbuch lässt ihn ein wenig im Stich. Um das zu begründen, müsste man hier Dinge verraten, für die einen Bond jederzeit killen würde, darum nur allgemein: Der Hintergrund seiner Figur ist, naja, etwas zu einfach und familiär. Kein Vergleich mit dem furchteinflössenden Javier Bardem aus «Skyfall».
3:3 ­Unentschieden.

 **007**

Fazit «Spectre» ist ein wuchtiger, fast altmodischer Bond, ohne dabei zu verleugnen, dass er in der heutigen Zeit spielt. Und trotz seiner fast zweieinhalb Stunden ist er ungemein unterhaltend. Was ihm abgeht, sind starke emotionale Momente wie der Tod von M in «Skyfall». Und eben, das Böse, das Böse ist nicht böse genug.
Schlussbilanz: 4:3 für «Skyfall»

Text
Matthias Lerf

Fotos/Videos
Metro-Goldwyn-Mayer
Youtube

Gestaltung
Andrea Bleicher