Dicke Freunde

In keinem Land Afrikas leben so viele Elefanten wie in Botswana. Und nirgends kommt man ihnen so nah wie beim Ehepaar Groves im Okavango-Delta

Fröhliches Hallo: Doug Groves mit Elefantenkuh Thembi, 28.

Thembi wedelt mit den Ohren und schwenkt den Rüssel über dem Kopf. Die 28-jährige Elefantenkuh gehorcht ihrem Besitzer aufs Wort. Doug Groves hat sich im offenen Grasland des Okavango-Deltas mit dem kleinsten seiner drei Elefanten vor die Touristengruppe gestellt und lässt Thembi «Hallo»
sagen. Morula, 38, und der Bulle Jabu, 28, stehen etwas entfernt bei einer Baumgruppe und angeln sich die zarten Zweige.

Mit ruhiger, gleichmässiger Stimme erzählt Doug von den
charakteristischen Eigenheiten der riesigen Tiere. Dass die Ohren besonders gross und dicht mit Adern durchzogen sind, damit die Elefanten durch Wedeln das Blut herunterkühlen können. Schweissdrüsen besitzen sie nicht. Dass die Dickhäuter ein zweizipfliges Herz haben wie Seekühe, mit denen sie eng verwandt sind. Dass sie täglich Hunderte von Kilo Grünzeug fressen, gleichzeitig aber auch für neue Vegetation sorgen, indem sie mit Urin und Kot den Boden düngen. Dass das Büschel am Schwanz sehr langsam nachwächst und die Touristinnen deshalb bitte keinen Schmuck aus Elefantenhaaren kaufen sollen.

Doug lässt uns das Büschel anfassen, auch das Vorderbein von Jabu dürfen wir streicheln und den Rüssel in unseren Armen halten. Die dicke Haut ist merkwürdig hart und weich zugleich. Ein Gefühl von Ehrfurcht kommt auf. Die Tiere wirken durch ihre Grösse und die langsamen Bewegungen erhaben. Doug lässt die Elefanten nicht aus den Augen. Trotz der grossen Vertrautheit ist er jederzeit wachsam. Er weiss: Es sind unberechenbare Wildtiere. Immer wieder redet er mit ihnen, lobt sie und schiebt kleine Leckerbissen ins Maul.

Botswana ist ein Paradies für Elefanten: Der 28-jährige Elefantenbulle Jabu.

Der Amerikaner und seine Frau Sandi leben seit 20 Jahren mit ihren Elefanten, Waisen aus Südafrika und Zimbabwe, in Botswana, im südlichen Teil des Okavango-Deltas. «Living with Elephants» heisst die Stiftung, die sie gegründet haben.

Das Land gehört den umliegenden Dorfgemeinschaften. Regelmässig kommen Schulklassen zu Besuch. Doug und Sandi bringen nicht nur den Touristen, sondern auch den einheimischen Kindern die Elefanten näher. Eine wichtige Erziehungsarbeit, verläuft doch das Zusammenleben von Mensch und Tier auch im dünn besiedelten Botswana nicht konfliktfrei. Besonders im Norden des Landes, wo die Elefantendichte am höchsten ist, kommt man sich in die Quere. Die Bauern sind erzürnt, wenn die Elefanten die Felder niedertrampeln.
Von allen afrikanischen Ländern ist Botswana jenes mit den meisten Elefanten – aktuell weit über 100 000, und es dürften noch mehr werden. «Denn Botswana ist für sie ein sicherer Hafen», sagt die Biologin Anna Songhurst, die in der Nordregion das Projekt «Ecoexist» leitet. Viele Tiere seien vor den Bürgerkriegen in Angola und Namibia geflohen oder vor den Wilderern aus Sambia und Zimbabwe.

Auf einen Drink bei den Dickhäutern: Unter schattigen Bäumen bringt Doug seine Elefanten den Touristen näher.

Botswana ist ein Paradies für Elefanten. Die Regierung hat die Jagd verboten, Wilderer werden verfolgt und hart bestraft. Davon profitieren auch die vom Aussterben bedrohten Nashörner. In den vergangenen Monaten wurden 100 von ihnen aus Südafrika ins Okavango-Delta umgesiedelt.

Südafrika schafft es selbst im weltbekannten Krügerpark nicht, seine Nashörner zu schützen. Deren Horn gilt, zu Pulver gemahlen, in der asiatischen Medizin als Wundermittel. Tansania und Kenia haben ebenfalls riesige Probleme mit Wilderern, die jährlich Zehntausende von Elefanten abschiessen. Über mafiöse Netzwerke gelangt das Elfenbein nach Asien. Die wachsende chinesische Mittelschicht lässt die Nachfrage nach Elfenbeinschnitzereien steigen. Trotz einem offiziellen Handelsverbot ist der Bestand der afrikanischen Elefanten deshalb seit einigen Jahren rückläufig. Experten schätzen ihn auf 470 000 Tiere.

«Botswana ist für die Elefanten ein sicherer Hafen»

Biologin Anna Songhurst, Projekt «Ecoexist»

Für Botswana zahlt sich der strenge Naturschutz aus. Das Land setzt erfolgreich auf hochpreisigen Tourismus. Besucher, vor allem aus westlichen Ländern, sind bereit, für Safaris in einer intakten Natur sehr viel Geld auszugeben. Zwischen 550 und 1150 Dollar, je nach Saison, kostet zum Beispiel eine Nacht im Stanley’s Camp, jener Lodge, die mit der Elefanten-Stiftung zusammenarbeitet. Im Übernachtungspreis inbegriffen sind Essen, Getränke und täglich zwei Pirschfahrten im Jeep oder Einbaum.

Spaziergang mit Morula und ein Rüsselkuss auf die Wange

Der Ort ist exklusiv, maximal 16 Gäste halten sich gleichzeitig in der Lodge auf. Sie erleben archaische Natur und müssen trotzdem nicht auf Luxus verzichten. Sie schlafen im Zelt, doch dieses ist gross und das Bett weich, und am Morgen erwachen sie vom «Knock knock» des Zimmermädchens, das frischen Kaffee bringt. Vielleicht setzen sich die Gäste in der Dämmerung auf die Veranda, geniessen die Stille und blicken, geschützt unter Bäumen, auf die Savanne hinaus. Gut möglich, dass Antilopen, Warzenschweine oder eine Hyäne vorbeilaufen. Oder dass sich ein neugieriger kleiner Affe die Verandatreppe heraufwagt.

Abends nach der Pirschfahrt, wenn sich der Himmel rasch verdunkelt, empfängt der Manager die Gäste am Eingang des Camps und begleitet sie zum Lagerfeuer, wo sie den Tag bei einem Glas Weisswein Revue passieren lassen. Welche Tiere haben sie heute gesehen? Löwe, Leopard, Büffel, Gepard, Wildhund, Flusspferd, Nashorn? Alles ist hier möglich. Und natürlich immer wieder Elefanten, in dieser Jahreszeit häufig Mütter mit Jungen.

Den halben Tag mit Doug sollte man sich leisten, auch wenn er 300 Dollar extra kostet. Es ist der Höhepunkt der Reise, einmalig und unvergesslich. Der Spaziergang mit Morula, die einem ihre Rüsselspitze an die Hand gibt, und die jeden, der hinzuhalten wagt, zum Abschied auf die Wange küsst: dass Elefanten so zärtlich sein können!

Die Reise wurde unterstützt von der Lodge-Betreiberin Sanctuary Retreats und der Fluggesellschaft Edelweiss

Transfers zu Lodges, Pirschfahrten und Stopover in Kapstadt

Anreise Edelweiss fliegt bis März jeweils donnerstags und sonntags von Zürich nach Kapstadt. Der Retourflug kostet in der Economy Class ab 1049 Franken. Neu kann man im Schweizer Ferienflieger auch in der Eco etwas bequemer reisen, für einen Zuschlag von 250 Franken pro Weg gibts mehr Beinfreiheit und gratis Getränke.
www.flyedelweiss.com

Reiseveranstalter Private Safaris, Travelhouse, Knecht Reisen.

Unterkunft Sanctuary Retreats betreibt vier Lodges in Botswana, drei davon im Okavango-Delta: Stanley’s Camp, Baines’ Camp (diese beiden bieten exklusiv den Besuch von «Living with Elephants» an) und Chief’s Camp. Sanctuary Retreats legt Wert auf Ökologie und die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. Im Delta gibt es insgesamt rund 40 Lodges von unterschiedlichen Betreibern, die meisten sind nur per Kleinflugzeug erreichbar. In der Regel organisieren die Lodge-Anbieter die Transfers ab Maun oder Kasane. Maun, das Tor zum Okavango-Delta, wird von verschiedenen Airlines angeflogen.
www.sanctuaryretreats.com

Reisezeit Safaris sind das ganze Jahr über möglich. Hochsaison im Delta ist von Mai bis Oktober sowie Ende Jahr.
Stopover Ein Aufenthalt in Kapstadt an Afrikas Südspitze ist
eine attraktive Ergänzung zu einer Safari in Botswana.
www.capetown.travel

Allgemeine Informationen
Botswana Das Land im südlichen Afrika ist seit Jahrzehnten politisch stabil. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind Bergbau (Diamanten), Landwirtschaft und Tourismus. www.botswanatourism.co.bw

Text
Susanne Anderegg

Fotos/Video
Susanne Anderegg
Rahel Schmucki

Gestaltung
Natalie Hauswirth