«Yeehaw!»

Wenn die Erde bebt in South Dakota

1300 Büffel werden jährlich im Herbst zusammengetrieben. Zu Beginn des grossen Spektakels bleibt nur eines – beten

Der grosse Tag startet mit dem Briefing der Cowboys: Breitbeinig stehen sie auf dem sandigen Boden im Rund,den Hut tief ins Gesicht gezogen, die silbernen Sporen glänzen in der Morgensonne.

Regel Nummer eins, beginnt der Chief-Cowboy und nimmt den Zahnstocheraus dem Mund: «Keep everybody safe.» Reiter, aber auch Pferde und Büffel, «wir wollen nicht, dass jemand verletzt wird». Das Briefing endet mit einem gemeinsamen Gebet.

Kendra PetersonMiss Rodeo South Dakota

Kendra Peterson
Miss Rodeo South Dakota

Pferdewiehern, ein paar Buben üben das Lassowerfen. Die einzige Frau mit Schminke im Gesicht ist Kendra Peterson, Miss Rodeo South Dakota, sie hat die Ehre, die hellblaue Staatsflagge hoch zu Ross voranzutragen.

Ein paar Journalisten und Fotografen aus der ganzen Welt wurden zum 50. Buffalo-Roundup am letzten September-Wochenende im Custer State Park in den Black Hills von South Dakota eingeflogen, sie fahren in vier Pickup-Trucks mit.

Gouverneur Dennis Daugaard, 62, in Jeans, Boots und Cowboyhut, ist jedes Jahr dabei – beste Werbung für sich und seinen Staat.

Am Vorabend hat er in der State Game Lodge ein paar Hundert Gäste zum Roundup-Dinner geladen. Man verschlingt das Menü mit der linken Hand unter dem Tisch, das Weinglas ist randvoll. In seiner Rede hebt der Gouverneur hervor, wie attraktiv South Dakota für Investoren ist und mit tiefen Steuern lockt. «We do want you to come!» Jeder ist willkommen.

Ganz besonders der Millionär aus Kalifornien,der in Schiessanlagen investieren will. Kein Problem im Staat der Jäger, wo jeder eine Waffe trägt und der Gouverneur insbesondere als gun-friendly gelobt wird. «Have a great Roundup!»

Wobei: Der Buffalo Roundup ist nur in zweiter Linien eine Touristenattraktion. Er dient vor allem der Pflege der Herde, die Kälber werden geimpft und erhalten ein Brandzeichen, 300 Tiere werden aussortiert und im November an einer Auktion verkauft. Denn der State Park vermag nicht mehr als 1000 Büffel zu ernähren.

15 000 Zuschauer erwarten auf den Hügeln die Ankunft der Büffel

«Yeehaw!» Hufe trommeln! Staub wirbelt auf. «Get after them! Cut’ em off!» schreien die Cowboys. Die meisten sind geübte Reiter, wie Bob, seine Haut ist von der Sonne gegerbt, die O-Beine stecken in Jeans und ledernen Chaps, die vor den Hörnern der Rinder schützen sollen, seit 44 Jahren ist Bob am Roundup dabei, «never missed one».

Aber auch ein Dutzend Möchtegern-Cowboys, die sich bewerben konnten, sind im Einsatz. Ein paar von ihnen fallen vom Pferd, bevor die Büffel überhaupt in Sicht sind. Einer wird mit gebrochenem Bein von der Custer-Ambulanz gerettet, ein Buffalo ziert den Krankenwagen. Hüte fliegen, Peitschen knallen, ein Hirsch stiebt davon – «Yeehaw!»

15 000 Zuschauer erwarten auf den Hügeln die Ankunft der Büffel, seit den frühen Morgenstunden sind sie hier, manche haben die Nacht im Auto verbracht.

Sie kommen! Der Boden bebt, 1300 Büffel donnern über die Prärie. Die Zuschauer jubeln: «Boy oh boy – well done!» Ausgerechnet Bob, der erfahrene Cowboy, rutscht aus dem Steigbügel, stürzt vom Pferd. Seine Hand blutet, der alte Horseman ist kein Pferdeflüsterer, grob zerrt er am Zügel und flucht. Die Tiere sind in den Gattern – jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.

Heute zählt man im ganzen Land noch rund eine halbe Million Büffel. Einst lebten etwa 60 Millionen American Bisons, besser bekannt als Buffalo, in Nordamerika.

Um 1900 waren die Büffel praktisch ausgestorben. Doch in keinem Prospekt über den Buffalo Roundup steht geschrieben, weshalb der Indianerbüffel verschwunden war: weil ihn der weisse Mann zu Tausenden abgeschlachtet hat, um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen.

«Wir haben den Büffel zu 100 Prozent verwertet», sagt Arlin Whirlwind Horse, als Nahrung, das Leder für die Tipi, die Felle für Kleidung, «mit dem Büffel wurde uns alles genommen».

Whirlwind Horse lebt im Pine Ridge Reservat im Süden des Staates, er gehört zum Stamm der Oglala Lakota
People, seine Urgrossväter seien mit Crazy Horse geritten. Er arbeitet als Touristenführer, will den Gästen die Geschichte der Tatanka, so die indianische Bezeichnung für den Bison, weitergeben. Tatanka seien seinem Volk sehr wichtig, der weisse Buffalo gilt gar als heilig.

Whirlwind Horse gehört zum Stamm der Oglala Lakota
 People. Er erzählt den Touristen die Geschichte der Tatanka (Bison)

Whirlwind Horse gehört zum Stamm der Oglala Lakota People. Er erzählt den Touristen die Geschichte der Tatanka (Bison)

Für die Roundup-Besucher geht das Vergnügen weiter. Bei der State Game Lodge locken Stände mit lokalem Kunsthandwerk, vieles mit Büffel-Motiv, Ölgemälde mit Büffel im Sonnenuntergang, Büffel auf Tassen, Büffel auf Christbaumkugeln. Als nackter Schädel (150 Dollar) oder ausgestopfter Kopf (1600 Dollar) ist er schon am ersten Tag ausverkauft.

Country Music wird gespielt, beim «Coyote-Song» heulen alle mit. In South Dakota ist nicht viel los, wenn mal etwas geboten wird, sind alle dabei. Man hat die beste Jeans angezogen, isst Burger und Popcorn, zielt mit Kuhfladen in eine WC-Schüssel – und hat Fun.

«Der mit dem Wolf tanzt»
mit Kevin Costner wurde hier gedreht

South Dakota hat das Mount Rushmore Memorial, die in Granit gemeisselten Köpfe der US-Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln. Und das Crazy Horse Memorial, die gigantische, noch nicht zu Ende gebaute Skulptur des tapferen Lakota-Indianerhäuptlings Crazy Horse.

Am Sonntag nach dem Roundup pilgern Tausende Menschen die sechs Meilen bis zum Arm von Crazy Horse hoch – was sonst nicht erlaubt ist. Abgesehen davon kann der nordwestliche Präriestaat mit seinen rund 800 000 Einwohnern nicht gross mit Attraktionen auftrumpfen.

Landschaftlich allerdings schon: Nur etwa 50 Meilen von den tiefen Kiefernwäldern der Black Hills entfernt, befinden sich die Badlands. Zerrissener, zerklüfteter Fels, eine gigantische Mondlandschaft, die Bruce Springsteen so schön besingt.

«Der mit dem Wolf tanzt», der mit sieben Oscars ausgezeichnete Western mit Kevin Costner, wurde 1990 in South Dakota gedreht – man zehrt noch immer davon.

Man reist günstig hier, das Doppelzimmer im Motel kostet 80 Dollar im Schnitt. Der Burger ist die beliebteste Mahlzeit, gesünder ist der Buffalo-Burger: magerer das Fleisch, mehr Protein, weniger Cholesterin. Vegetarier haben einen schweren Stand, immerhin läuft Chickensalad inzwischen nicht mehr unter Vegi.

In South Dakota hört man Country Music, man schaut den Outdoor-Channel, momentan mit Tipps für die beginnende Fasanen-Jagd. Man kauft in riesigen Outdoor-Shops ein, die alles führen, was der Naturbursche begehrt: Campingausrüstung, Tarnanzug, Gewehre – für die kleine Prinzessin eines in Rosa –, Angelrute, alles für den Pickup und fürs Pferd.

Man glaubt an die Familie – und natürlich an Gott, «Under God, the People Rule», so das Staatsmotto. Man besucht die «Cowboy-Church», oft eine grosse Scheune mit Kreuz, wo der Cowboy auch in dreckigen Boots willkommen ist und wo sich die Gottesdienste nach den Rodeos richten.

Die Bison-Herde im Custer State Park ist das ganze Jahr über die Touristenattraktion von South Dakota.

Von den Autos lassen sich die Kolosse scheinbar nicht stören, sie wirken zutraulich und gemütlich. Doch: «Bisons sind und bleiben wilde, gefährliche Tiere», sagt Park-Ranger Craig Pugsley. Trotz ihrer Masse seien sie blitzschnell, weder Mensch noch Auto seien sicher vor ihnen.

Tatsächlich sterben jedes Jahr mehrere Menschen in den US-Nationalparks, weil sie den Bisons zu nahe gekommen sind. Den Lärm stehender Motorräder könnten sie übrigens gar nicht ausstehen, erzählt der Ranger, manch eine Maschine wurde schon samt Biker auf die Hörner genommen. Also: «Unbedingt im Auto bleiben – und nicht zu nahe ranfahren.»

Diese Reise wurde unterstützt von South Dakota Tourism

«Nach meiner Amtszeit werde ich auf die Farm zurückkehren»

Dennis Daugaard, der Gouverneur von South Dakota, über Natur und den nächsten US-Präsidenten

Warum sollten Schweizer South Dakota besuchen?

South Dakota bietet grossartige Outdoor-Aktivitäten, ein Paradies für Camper, Jäger, Fischer, Biker und Hiker. Wir leben in einem ländlichen, spärlich bevölkerten Staat mit «wide open spaces», gerade für Europäer ist das bestimmt «a great experience».

Was muss der Tourist in South Dakota unbedingt besuchen?

Natürlich unsere beiden in den Berg gemeisselten Monumente in den Black Hills: Das Mount Rushmore National Memorial, die überdimensionalen Köpfe von vier bedeutenden US-Präsidenten, der «Schrein unserer Demokratie». Und das Crazy Horse Memorial, zu Ehren des Oglala-Lakota-Indianerhäuptlings Crazy Horse.

Ihre Vorfahren kommen aus Dänemark, Ihr Grossvater liess sich 1911 als Farmer in South Dakota nieder. Sie haben den Staat nie verlassen, warum?

Oh, I Ioved living on a farm! Nach meiner Amtszeit als Gouverneur werde ich mit meiner Frau Linda auf die Farm zurückkehren. Wir geniessen die kleinen Dinge im Leben.

Sind Sie ein guter Reiter?

«Pretty good». Ich bleibe jedenfalls auch ohne Sattel auf dem Pferd. Ich bewundere die Rodeo-Reiter, besuche Rodeos - der Sport Nr. 1 in unserem Staat - wann immer möglich.

Was bedeuten Ihnen Buffalos?

Well, der Bison ist das Symbol der Great Plains. Bisons repräsentierenden Pionier-Spirit, sind tough, sie überleben trotz aller Widrigkeiten. Der Bison steht für das harte Leben in South Dakota.

Kritiker monieren, der Buffalo Roundup verkomme zur Touristenattraktion.

Absolutely not! Der Schutz der Natur und des Wildlife ist auch hier das zentrale Anliegen. Aber der Fun gehört natürlich dazu. Jeder Bürger von South Dakota soll den Roundup einmal im Leben gesehen haben.

Noch mehr Besucher zieht das jährliche Sturgis Motorcycle Rallye an, der weltweit grösste Motorrad-Event. Sind Sie auch ein Easy Rider?

You bet! Ich fahre eine Harley Davidson Sportster - great fun. Im August feierten wir das 75. Jubiläum, es kamen über 700 000 Biker aus aller Welt. Fast so viele Leute wie in South Dakota leben.

Hier hockt jeder ohne Helm auf seiner Harley – Sie auch?

(lacht) Nein, ich trage einen Helm, ich sollte schliesslich Vorbild sein.

Wen wünschen Sie sich als nächsten Präsidenten der USA?

Ich hoffe natürlich auf einen republikanischen Präsidenten. Donald Trump? Nein, der ist viel zu bombastisch für meinen Geschmack.

Auf Wild-West-Spuren zum nächsten Buffalo Roundup

Anreise
Mit Delta ab Zürich via Paris/Amsterdam und Minneapolis nach Rapid City, www.delta.com
Mit United ab Zürich via Washington und Denver nach Rapid City, www.united.com

Arrangement
Knecht Reisen bietet die Mietwagenrundreise «Auf den Spuren des Wilden Westens» ab/bis Rapid City an. Der Trip führt ab South Dakota nach North Dakota, Montana und Wyoming. 14 Tage, Preis pro Person im DZ ab 1595 Franken, zuzüglich Flug und Mietwagen. Buchung: Knecht Reisen, Tel 062 834 71 11
www.knecht-reisen.ch

Unterkunft
Grosse Auswahl an Motels und Hotels in Custer City, einer ehemaligen Goldgräberstadt. Im Custer State Park befinden sich einige Lodges. Campieren ist überall erlaubt, Feuermachen nur auf den Campingplätzen. In den Sommermonaten und während des Buffalo Roundup ist eine Reservation nötig.
www.custerresorts.com
www.campsd.com

Buffalo Roundup
Der 51. Buffalo Roundup im Custer State Park in South Dakota findet am 30. September 2016 statt, kein Eintritt, keine Reservation
www.custerstatepark.com

Beste Reisezeit
Mai bis September, warme, sonnige Tage, milde Nächte, ideal für Camping.

Allgemeines Infos
www.realamerica.de
www.travelsouthdakota.com

Text
Chris Winteler

Fotos/Video
Moritz Hager
Scott Howard

Gestaltung
Natalie Hauswirth