Stille am Strand

Tunesien leidet unter den Terroranschlägen, die Hotels sind fast leer - dabei ist das Schicksal das Landes vom Tourismus abhängig. Ein Besuch im Club Robinson auf Djerba

Das Flugzeug auf die Sonneninsel Djerba ist – mitten in den Sommerferien – nur zu einem Drittel besetzt. Vor allem Tunesier sind an Bord der Maschine der Tunis­air, direkt vor uns, in der ersten Reihe, sitzt Yassine Chikhaoui, der tags zuvor seinen Abflug beim FC Zürich machte. Wie die meisten Passagiere verlässt er beim Zwischenstopp in Tunis die Maschine. Zurück bleiben exakt 26 Touristen, die weiter nach Djerba fliegen.

Vorher war der Flieger immer voll, sagt der Maître de Cabine. Vorher, das bedeutet vor dem Anschlag vom 26. Juni in Sousse, bei dem ein 23-jähriger Attentäter mit einer Kalaschnikow 38 Hotelgäste, vor allem Briten, ermordete. Die furchteinflössenden Bilder von Leichen am tunesischen Strand und fliehenden Touristen werden die Reisebranche auf Jahre schädigen. 50 Prozent der Buchungen für den Sommer wurden storniert. Mitten in der Hochsaison stehen viele Hotels in den Ferienzentren Sousse, Monastir, Hammamet und Djerba leer.

Doch der Maître de Cabine gibt sich optimistisch: Die Touristen kämen bestimmt wieder. «Terrorismus ist neu für Tunesien – wir sind fröhliche Menschen.» Zum Beweis zieht er die Mundwinkel mit den Zeigefingern hoch.

Keine Schlange am Zoll, dafür eine Charmeoffensive der Zöllner, ein Schwätzchen hier, ein Flirt dort, winke, winke mit dem Kleinkind. Die Ankunftshalle ist so leer, wie es die Abflughalle ein paar Tage später sein wird. Kein einziger Engländer, kein einziger Belgier – deren Länder warnen ausdrücklich vor Reisen nach Tunesien, da «weitere Terrorattacken hochwahrscheinlich sind». Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hingegen rät in seinem aktuellen Reisehinweis lediglich zu «erhöhter Wach­samkeit».

Wir passieren mehrere Strassenkontrollen, mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten sind vor der Tourismuszone und den Hotelzufahrten positioniert. Rund 1400 Soldaten und Polizisten hat die Regierung zusätzlich zum Schutz von Touristen abgestellt, 300 Uniformierte markieren Präsenz auf Djerba. Die Hotels auf der Ferieninsel sind zur Hälfte belegt, normalerweise sind sie im Sommer praktisch ausgebucht. 35 Hotels mussten bereits schliessen, viele Angestellte haben ihren Job verloren.

Im neuen Club Robinson Djerba Bahiya in der Nähe von Midoun jedoch läuft trotz wenigen Gästen das volle Programm, «nichts wurde heruntergefahren, absolut keine Einschränkungen», sagt Clubdirektor Hisham Tawik, «wer hier ist, der profitiert und geniesst». Der gebürtige Ägypter spricht breites Bayrisch, man ist per Du, im deutschen Club Robinson herrscht das «Du-Konzept».

Im Mai, sechs Wochen vor dem Anschlag, feierte die Anlage direkt am langen Sandstrand Eröffnung. Die ersten Wochen seien super gelaufen, so Hisham. Dann aber seien die Flüge massiv eingeschränkt worden, noch sei keine Entspannung in Sicht, «wir wissen nicht, was morgen ist». Ein junger Bursche unterbricht das Gespräch. Animator Tobi, in Badehose und Fliege, schleppt eine rote Kiste mit sich rum, fragt jede Frau, ob sie mit ihm in die Kiste steigen wolle. Hisham findets lustig, solche «Spontis», spontane Aktionen, seien bei den Gästen besonders beliebt.

"Kinder! Essen! Lecker Pommes!"

Im Pool des Robinson Club Djerba Bahiya sorgt eine schwimmende Bar für Erfrischung. Hoteldirektor Hisham singt, ein DJ legt auf

Im Pool des Robinson Club Djerba Bahiya sorgt eine schwimmende Bar für Erfrischung. Hoteldirektor Hisham singt, ein DJ legt auf

Der deutsche Urlauber ist ja bekannt dafür, dass er sich gerne frühmorgens einen Liegestuhl am Pool sichert. Jetzt ist das nicht nötig, selbst die erste Reihe ist frei. Das Frühstücksbuffet lässt keine Wünsche offen, kein Anstehen, keine Wartezeit an der Eierstation, der Koch freut sich, wenn er endlich mal eine Omelette zaubern darf. Erstes Gespräch mit Kellner Achmed: «Suisse? Sepp Blatter?» Ganz Tunesien sei für Platini als Nachfolger, «ein grosser Name, gut für Nordafrika».

Der Tag im Roby Club beginnt mit dem Clubtanz – «Uhh lala» –Kinder ab drei Jahren werden von 9 bis 21 Uhr von den Robins, wie die Animateure genannt werden, bespasst. Zurzeit praktisch eine Eins-zu-eins-Betreuung, pro Kind ein Robin. Und das Kasperlitheater wird auch für 3 statt für 50 kleine Zuschauer aufgeführt.

Die Masseurinnen im Spa-Bereich warten auf Arbeit, Fatimas Terminbuch ist leer, eine Massage sei jederzeit buchbar. Eine Reservation für die Tennisplätze ist nicht nötig, «spielt, wann ihr wollt», sagt Tennislehrer Timo. Bis Juni war das anders, da hätten sie zu zweit elf Stunden Lektionen erteilt, jeder der sieben Plätze sei stets besetzt gewesen.

Das Fitnesscenter ist auf 16 Grad runtergekühlt, «Cycling Fatburner», «Rücken Fit» oder «Bauch Pur», die Lektionen werden auch für einen einzigen Gast durchgeführt. Aber Gruppendynamik komme so leider nicht auf, sagt Grit Böttcher, 46. Die Lehrerin aus Herford (D) bezeichnet sich als Fan vom Club Robinson. Zusammen mit Tochter Romi, 13, will sie sich eine Woche fallen lassen, nette Leute treffen, fein essen und Sport treiben. Sie hat erst nach dem Attentat gebucht, sie glaubt, die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Anschlags sei sehr gering, «die Wirkung ist ja bereits da». Aber auf einen Ausflug wird sie wie alle hier verzichten.

Wir nehmen ein Taxi, fahren zum Markt von Midoun. Es hat kaum Touristen, die Lederware ist staubig, die Tücher verblichen von vielen Tagen an der Sonne. «Nur schaun! Kost nix!» – Die Händler sind so aufdringlich wie immer schon. «Hallo», ruft uns jemand nach. «Kennt ihr mich nicht? Ich bins, Abdul, euer Kellner.» Widerstand zwecklos, er führt uns in den Gewürzladen seines Bruders, «vertraut mir». Wir haben ihm vertraut – es ist uns teuer zu stehen gekommen. Natürlich war Abdul nicht unser Kellner.

Der Trick sei bekannt und weitverbreitet, wird uns Christine Pigler, 44, Bankangestellte aus Basel, später sagen. Sie ist die einzige Schweizerin unter den deutschen Gästen im Club. Seit 13 Jahren ist sie verheiratet mit Abdel, einem Tunesier, und ebenso lange verbringt sie die Sommerferien auf Djerba.

«Und wer sagt, dass der schwer bewaffnete Polizist am Strand kein Islamist ist?»

Christine Pigler, 44, Touristin aus Basel

Den Club Robinson hat sie ausgesucht, «weil ich mit dem Alter mehr Wert auf Qualität und ein Kinderangebot lege». Wobei Nesim, 4, lieber mit Mama und Papa spielt als im «Kunterbunt», wie er den Kinderclub nennt. Sie frühstücken am Vierertisch – und nicht wie im Club üblich an Achtertischen, man will die Zeit als Familie geniessen. Die Küche finden sie fein, «hohes Niveau für Djerba», sagt sie, nur den Hauswein, «sorry», den könne man wirklich nicht trinken.

Christine Pigler kann verstehen, dass die Gäste die Anlage nicht verlassen, auch sie sei sensibler als in andern Jahren. «Und wer sagt, dass der schwer bewaffnete Polizist am Strand kein Islamist ist?» Am Abend wird die Familie aufs Festland zu Abdels Verwandtschaft fahren. Bei der Hochzeit vor 13 Jahren sei etwa ein Drittel der Frauen verschleiert gewesen, erzählt sie, heute alle. Die Familie verpasst den Galaabend im Club – Kleidermotto «schwarz-weiss» – die Robinson-Gäste liebten solche Mottoabende, sagte der Clubdirektor, tatsächlich, wer nicht schwarz-weiss gekleidet ist, fällt auf.

Wir treffen den Tourismuskommissär Taoufik Gaied, zuständig für die Region Djerba-Zarzis. Er kommt gerade aus Sousse, rund fünf Stunden Autofahrt, er brauchte länger als sonst, musste einige Polizeikontrollen passieren. Der Tourismus auf Djerba werde sich rascher erholen als auf dem Festland, prophezeit er, Djerba sei sicherer, weil die Insel leichter zu kontrollieren sei. Es gibt nur drei Möglichkeiten, auf die Insel zu gelangen: über den 6,5 Kilometer langen Römerdamm, der Djerba mit dem Festland verbindet, mit der Fähre oder dem Flugzeug.

Seiner Meinung nach ist Djerba der Inbegriff der Toleranz: Muslime, Juden und Christen würden friedlich miteinander leben – Moschee neben Synagoge neben Kirche. Einmal mehr: «Madame, Terrorismus ist uns fremd.» Allerdings: Vor inzwischen 13 Jahren, im April 2002, wurde auf Djerba eine Reisegruppe beim Besuch einer Sy­nagoge von Terroristen angegriffen. 21 Menschen, darunter 14 Deutsche, mussten sterben.

Der Tourismuskommissär spricht von einem «Pulverfass», blüht der Tourismus nicht wieder auf, befürchtet er grösste soziale Probleme. Über eine Million unter den elf Millionen Tunesiern sind vom Tourismus abhängig, Hotelangestellte, Taxifahrer, Kunsthändler, Kamelführer, Souvenirverkäufer, Reiseleiter, eine lange Kette. Sie alle bangen um ihr kleines Einkommen. «Ohne Touristen ist Djerba tot», 80 Prozent der Bevölkerung leben davon. Man wolle keine Almosen, aber Unterstützung: «Kommt, zeigt Solidarität, lasst die Terroristen nicht gewinnen», appelliert er an die Schweizer.

Rambazamba am Pool: Der DJ legt auf, Hoteldirektor Hisham singt ins Mikrofon: «Weil i di mog», eine Slackline ist über das Wasser gespannt, das Animationsteam tanzt den Splish-Splash-Tanz, eine schwimmende Bar sorgt für Erfrischung. Gross und Klein, alle sind dabei. Bis zur Durchsage: «Kinder! Essen! Lecker Pommes, lecker Würstchen!»

Stille am Strand – nur wenige Liegestühle sind besetzt. Zwei Polizisten patrouillieren über den heissen Sand, der eine mit kugelsicherer Weste und Sturmgewehr, der andere in Uniform und Hut. Alle paar Stunden stiebt ein schwarzes Polizeifahrzeug über den Strand. Auf einem Plastikstuhl unter einem Strohschirm sitzt stundenlang der Security-Mann vom Hotel – bewaffnet mit einem Walkie-Talkie. Auch er soll dem Gast Sicherheit vermitteln.

Keine Strandverkäufer, die einem bunte Tücher andrehen wollen – man vermisst sie fast. Auch die wilden Reiter auf ihren stolzen Hengsten, stets auf der Pirsch nach reitfreudigen jungen Frauen, durchleben harte Zeiten, kaum Beute in Sicht. Kamele ziehen das Meer entlang, doch auf ihrem Rücken gondeln diesen Sommer keine spärlich bekleideten Touristinnen, sondern vergnüglich lachende, schwarz gewandete, Kopftuch tragende Tunesierinnen.

Diese Reise wurde unterstützt von TUI Suisse

Text
Chris Winteler

Fotos
Moritz Hager

Design
Natalie Hauswirth

TextChris WintelerFotosMoritz HagerDesignNatalie Hauswirth