Der grosse Bluff

Hervé Falciani orchestrierte den grössten Bankdatendiebstahl aller Zeiten. Er war ein Spieler, ein Charmeur, der Liebling der Geheimagentenund trickste die Schweizer Polizei nach Strich und Faden aus. Seine Geschichte

Es sind nicht nur fünf DVDs, die Hervé Falciani aus seiner Tasche zieht. Hier, in einem Bistro am Flughafen Nizza Côte d’Azur, am 26. Dezember 2008, hält der 36-jährige Franzose die geheimen Schweizer Bankdaten von über 100 000 Menschen in den Händen. Konten im Umfang von 100 Milliarden Euro.

Die Scheiben enthalten Spuren der Financiers von Bin Laden. Sie entschlüsseln die Geschäfte der Drogendealer in Panama, enthüllen die Wege der Blutdiamanten nach Antwerpen, sie beweisen, dass Tausende Manager, Models, Politiker und Adelige weltweit systematisch ihre Steuern hinterzogen.

Die eingebrannten Daten sind fast eine Milliarde Franken wert – so viel zusätzliche Steuereinnahmen konnten Regierungen von sieben Ländern bis heute aus ihnen gewinnen.

Ermittler häuften 23 000 Seiten Akten zu Hervé Falciani an.

Um zehn Uhr morgens übergibt Falciani die DVDs dem französischen Steuerfahnder Jean-Patrick Martini. Er stürzt die Schweiz damit in eine diplomatische Krise, bringt den Bundesrat in Erklärungsnot und beschert dem Finanzplatz Schweiz einen historischen Imageschaden.

Er sorgt dafür, dass Tausende reiche Franzosen insgesamt 34 Milliarden Euro legalisieren und allein der Fiskus in Paris zusätzliche Steuereinnahmen in der Höhe von 186 Millionen Euro erhält.

Und er düpiert die Schweizer Ermittler, denen er mit List und Charme entwischte, und die mit ihren Gegenmassnahmen – ohne es zu wollen – den grössten Bankdaten-Skandal aller Zeiten überhaupt erst möglich machten.

Dramatis personae: Hervé Falciani, Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Staatsanwältin Laurence Boillat (vorne), Falcianis Geliebte Georgina Mikhael.

Dramatis personae: Hervé Falciani, Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Staatsanwältin Laurence Boillat (vorne), Falcianis Geliebte Georgina Mikhael.

Der Hauptdarsteller dieses Krimis: Hervé Daniel Falciani, geboren 1972 in Monaco, Sohn eines Bankers und einer Coiffeuse. Ein Filou und Gambler. Ein Womanizer, Geschäftemacher und lizenzierter Pokerspieler. Ein Datendieb, gejagt von Interpol, umworben von Geheimdiensten weltweit, ein Whistleblower und ein Albtraum für den Finanz­platz Schweiz. Kurz: Ein Mann, der jeden Romanhelden in den Schatten stellt.

So wichtig ist die «Akte Falciani», dass Ermittler aus der Schweiz und Frankreich bis heute fast 23 000 Seiten Untersuchungsberichte und Einvernahmeprotokolle anhäuften.

Die SonntagsZeitung konnte den grössten Teil dieses Fundus sichten und damit die unglaubliche Geschichte des grössten Bankdatendiebstahls aller Zeiten rekonstruieren.

Die Bank

Die Genfer Zentrale der HSBC: Hier stahl Hervé Falciani die Daten von zehntausenden Kunden.

Die Geschichte beginnt in Monaco, in einer Welt des Luxus: Als Jugendlicher jobbt der junge Hervé hier als Schiffsjunge auf Luxusjachten. Mit 22 ist er Croupier in den Spielbanken. Die Verwaltungsgesellschaft des Casinos von Monte Carlo stellt ihn schliesslich als Sicherheitsspezialisten an. Mit 28 wechselt Falciani 300 Meter weiter zur Monaco-Filiale der Hongkong & Shanghai Banking Corporation Holdings, kurz HSBC. Er ist klug, gewitzt, geschmeidig, beliebt.

Das Casino in Monte-Carlo: Hervé Falciani hat dort als Croupier gearbeitet und später als Sicherheitsspezialist.

Das Casino in Monte-Carlo: Hervé Falciani hat dort als Croupier gearbeitet und später als Sicherheitsspezialist.

Das Internet wird gerade zum Massenmedium. Der junge Hervé reitet gekonnt auf der Welle. Die Genfer Zentrale der HSBC hört von dem fähigen jungen Mann und holt ihn 2004 nach Genf.

Falciani ist jetzt 32 und hat bereits eine Scheidung hinter sich. In Genf lebt er mit seiner neuen, sieben Jahre jüngeren Freundin Simona C. in einer bescheidenen Vierzimmerwohnung an der Rue des Mouettes 9 in Genf. Miete: 1820 Franken.

Ende 2005 bekommen die beiden eine Tochter, Kim. Sie ist behindert, Simona kümmert sich rund um die Uhr um das Mädchen. Sie ist Dauergast im Genfer Universitätsspital. Falciani ist derweil viel weg, wie die Nachbarn bemerken. Und das liegt nicht nur an seiner Arbeit.

Georgina Mikahel hat der spanischen Presse Fotos aus der glücklichen gemeinsamen Zeit übergeben.

Georgina Mikahel hat der spanischen Presse Fotos aus der glücklichen gemeinsamen Zeit übergeben.

Falciani bändelt mit anderen Frauen an. Im Herbst 2006 fällt ihm in den Grossraumbüros der HSBC die 31-jährige Georgina Mikhael auf. Die attraktive Libanesin mit den langen braunen Haaren arbeitet erst seit September in der Bank. Eine der wenigen Frauen in der IT-Abteilung. Ab November ist sie Hervés Geliebte.

«Ich habe ihn einfach bewundert», sagt Georgina später in «Le Monde». «Es war seine Intelligenz, die mich anzog.»

Falciani erzählt der verliebten Libanesin nun eine fantastische Geschichte: Er habe eine geheime Datenbank mit wertvollen Kundeninformationen. Gemeinsam könnte man die doch verkaufen und ein neues Leben beginnen?

Was genau das für Daten sind, verschweigt er.

Der Coup

Seit Oktober 2006 stiehlt Falciani Kundendossiers der HSBC - und das zu Zehntausenden. Noch drei Jahre später ist es Ermittlern ein Rätsel, wie er dies schaffte – als Entwickler hatte er gar keinen Zugriff auf Kundendaten.

Vom 10. März bis zum 4. August 2009 vernimmt die Bundeskriminalpolizei BKP elf Manager und Techniker der HSBC, darunter die Chefs der IT- und der Rechtsabteilung, sowie Falcianis Kollegen. Fazit: Der Informatiker war oft alleine zuständig dafür, Kundendaten der Bank in ein neues IT-System zu überführen. «Er hat die neue Datenbank alleine konstruiert», bestätigt HSBC-Projektleiter Florent D. bei seiner Vernehmung.

Ein Empfangsraum für vermögende Kunden bei der HSBC in Genf.

Ein Empfangsraum für vermögende Kunden bei der HSBC in Genf.

Bei diesen Transfers waren die Daten zwar immer noch verschlüsselt, doch die Ermittlungen zeigen, dass die Codierung manchmal aussetzte. Dann «ist es auch für einen Entwickler wie Falciani möglich, alle Daten unverschlüsselt herunterzuladen, zum Beispiel in der Form von Excel-Tabellen, und sie danach auf einem beliebigen Datenträger zu speichern», so das Fazit im Abschlussbericht der Ermittler.

Es ist nicht restlos geklärt, warum Falciani die Daten kopierte. Er selber erzählte immer wieder andere Versionen. Klar ist nur, dass er bereits mit der Wahl der Software-Lösung nicht einverstanden war, dass er mit seinem Gehalt nicht zufrieden war, und dass er Mahnungen für Steuerrechnungen in Frankreich erhielt.

Ab Oktober 2006 beginnt die HSBC an den Wochenenden mit den Transfers der Kundendaten. Hervé Falciani sitzt an langen Sonntagen Stunden alleine vor seinem Terminal in den Büroräumen der HSBC an der Noirettes 35 im Genfer Stadtteil Carouge.

Er ist in diesem Moment der Albtraum jedes Sicherheitsverantwortlichen einer Bank: technisch brillant, mit Insiderwissen, beruflich frustriert, finanziell am Anschlag, persönlich instabil – ein Abenteurer mit Drang zu Höherem. Was tut so einer, wenn die Verschlüsselung zusammenbricht?

Er fängt an zu kopieren.

«Wir müssen aufpassen, Baby.»

Was führte Falciani damals im Schilde mit seiner Beute? Er behauptet heute, er wollte das System der Steuerhinterziehung bei HSBC ans Licht zerren.

Falcianis Bruder Philippe gibt später zu Protokoll, Hervé habe ihm gesagt, er wolle die Daten verkaufen. Georgina sagte bei ihrer Vernehmung, Falciani habe ihr versprochen, er wolle mit ihr in den Libanon ziehen, in ihre Heimat. Dort würden sie nur noch vom Geld aus dem Verkauf der Daten leben. Er brauche das Geld dringend, um die Scheidung von seiner Frau bezahlen zu können.

Falciani bestreitet das alles.

Auszug aus dem Bericht der Schweizer Ermittler, mit einem Faksimile der Festplatte von Falciani.

Auszug aus dem Bericht der Schweizer Ermittler, mit einem Faksimile der Festplatte von Falciani.

Auf eine Krise mit seiner Lebensgefährtin Simona deutet wenig hin. 2007, noch während seiner Liaison mit Georgina, heiratet Falciani die Mutter seines Kindes.

Gleichzeitig lässt er sich von seiner Geliebten beim Datenverkauf helfen. Sie habe für ihn eine SIM-Karte gekauft, damit Falcianis Name nicht auf den Rechnungen auftaucht, erzählt Georgina später. Und sie sollte vorsichtig mit Mails sein, weil seine Frau die lese.

Hat die Libanesin gewusst, dass Falciani Daten stiehlt? Sie bestreitet das bis heute.

Doch die Protokolle der Skype-Kontakte zwischen den beiden lassen Zweifel aufkommen: «Hast du gefischt?», fragt die Libanesin im März 2007. Sie nennt sich Palomino, das ist ein Pferd mit goldenem Fell und weisser Mähne. Georgina ist Pferdenärrin.

Georgina Mikhael nennt sich «Palomino» – wie die Pferde mit dem goldenen Fell.

Georgina Mikhael nennt sich «Palomino» – wie die Pferde mit dem goldenen Fell.

Sie will also wissen, ob Falciani neue Daten beschafft hat. «Drei Monate Updates für Adressen, Personen», antwortet der Informatiker. Palomino fragt besorgt: «Und du hast dich nicht erwischen lassen?» Falciani antwortet kryptisch: «Es fehlen noch die accounts (?) (Beträge)», und hängt noch verschwörerisch an: «Wir müssen aufpassen, Baby.»

Am 17. Juni versuchen die beiden erstmals ihre Daten zu verkaufen. Hervé schickt Georgina vor. Sie versendet eine Mail an Yaser Bakr, Direktor der Direct Marketings Services in Jeddah, Saudiarabien.

Ihre E-Mail-Adresse lautet whitepalomino@hotmail.com. Sie bietet dem Saudi «Finanzdaten von Bankkunden» an, aufgeteilt nach Ländern. Und sie nennt auch gleich einen Preis: 1000 Dollar pro Kunde. Allein für die 812 Saudis im Angebot hätte Bakr fast eine Million Dollar bezahlen müssen.

Die gestohlenen Daten müssen jetzt also zu Geld gemacht werden. Aber wie?

Beirut,
Februar 2008

Hervé Falciani während der Libanon-Reise: In Beirut versuchte er seine Daten an verschiedene Banken zu verkaufen.

Beim Versuch die Daten zu verkaufen geht Falciani extrem vorsichtig vor. Er versteckt sich bei jedem Kontakt hinter Georgina oder seiner Frau und hinterlässt selber keine Spuren. Er bleibt ein Phantom.

Seine libanesische Geliebte ist es, die für ihn ab Dezember 2007 die Website Palorva.com gründet und finanziert. Palorva ist ein Kürzel aus «PALO-mino», «héRVe» und «georginA».

Die Angebote an die Banken kommen stets von Georginas privatem Computer, Marke Dell. Für den Server, den Falciani extra für sein Projekt kauft, muss ihm Georgina 1000 Euro bezahlen. Der Informatiker selber arbeitet für sein Datenprojekt konsequent am privaten Apple-Laptop seiner Frau Simona.

Immerhin soll Falciani nun den lange geplanten Trip nach Libanon im Februar 2008 finanzieren. Er will dort die Daten endlich an den Mann bringen. Doch auch hier knausert Falciani. Er nimmt sich kurzerhand die Kreditkarte seiner Ehefrau und bucht damit am 7. Januar 2008 für sich und seine Geliebte zwei Last Minute Flüge nach Beirut mit Umsteigen in Budapest. Kostenpunkt 705,78 Euro - inklusive Rückflüge.

Georgina kümmerte sich um die Logis. Sie will ins Bel Azur, ein charmantes Viersternhotel mit zwei Pools im historischen Herzen von Jounieh, direkt an der Mittelmeer-Riviera.

In der Nacht von Freitag auf Samstag 1. Februar fliegt Falciani mit seiner Geliebten nach Beirut. Er will ein Vermögen verdienen für ein neues Leben. Seine Frau und die kleine Tochter bleiben zu Hause.

Das Hotel Bel Azur im historischen Herzen von Jounieh im Libanon

Das Hotel Bel Azur im historischen Herzen von Jounieh im Libanon

Das Hotel liegt direkt an der Mittelmeer-Riviera.

Das Hotel liegt direkt an der Mittelmeer-Riviera.

Indem er nie selbst bezahlt, spart Falciani nicht nur Geld, er sorgt auch hier dafür, dass nur seine Frau und seine Geliebte Spuren hinterlassen.

Er lässt nun auch Georginas richtigen Namen auf Visitenkarten seiner Scheinfirma Palorva drucken, was die Ermittler später auf ihre Spur bringt. Er selber versteckt sich ab jetzt hinter einem Pseudonym: Ruben al-Chidiack.

Nur bei der Bank Audi verläuft das Treffen anders. Die Filialleiterin kommt aus der Schweiz.

Zwischen dem 2. und dem 4. Februar 2008 sprechen die beiden bei einer ganzen Reihe von Banken in Beirut vor, darunter die Byblos Bank, die FFA Private Bank SAL und Société Générale. Allein die Credit Suisse lehnte ein Treffen ab.

Falciani tritt jeweils als «Sales Manager» al-Chidiack auf, legt seine gefälschte Visitenkarte auf den Tisch und präsentiert am Mac Book seiner Frau seine gestohlenen Kundenlisten. Dabei erzählt er, wie einfach man an solche Daten kommt, indem man Fax-Übermittlungen im «Deep Web» abfängt. Alles vollkommen legal. Seine Gesprächspartner reagieren verdattert bis verwirrt.

Nur bei der Bank Audi verläuft das Treffen anders. Aus Angst vor Entdeckung in der Schweiz wollte sich Falciani nur mit Libanesen treffen. Doch als Georgina die Treffen organisierte, bemerkte sie nicht, dass die Audi Bank sie an eine Filiale weiterleitete, die von einer Schweizerin geführt wird.

Libanesische Aufenthaltsbewilligung, gefunden im Büro von Hervé Falciani.

Libanesische Aufenthaltsbewilligung, gefunden im Büro von Hervé Falciani.

Am Montag 4. Februar, sitzt Falciani also unvermittelt vor einer 47-jährigen Dame aus Quarten im Kanton St. Gallen. Sie starrt auf Falcianis Laptop mit all diesen Kundendaten einer Schweizer Bank. Sie sieht das HSBC-Logo auf den Listen– und sie wird misstrauisch. Das sind doch keine legalen Faxdaten?

Nach dem Treffen verständigt sie die Schweizerische Bankiervereinigung. Ein gewisser al-Chidiack habe ihr gestohlene Bankdaten der HSBC angeboten.

Die Dame aus St. Gallen war Falcianis entscheidender Fehler.

Auf dem Daten-Bazar

Am 7. März 2008 um 13.21 Uhr geht beim Deutschen Geheimdienst BND eine Mail ein. Der Absender nennt sich toomuchwalls@yahoo.fr, also: «zu viele Mauern». Im Betreff steht: «Steuerhinterziehung».

Der Text ist englisch und lautet übersetzt: «Ich habe die Liste aller Kunden von einer der fünf grössten Privatbanken der Welt. Die Bank ist in der Schweiz. Ich habe auch Zugriff auf das Informationssystem.»

Die Mail stammt von Falciani. Der Trip nach Beirut brachte ihm nichts. Doch wenige Tage nach seiner Rückkehr stand in der Zeitung, dass der BND für 4,6 Millionen Euro gestohlene Daten der Bank LGT aus Liechtenstein gekauft hat. Der Präsident der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wurde so überführt. Die TV-Bilder seiner Verhaftung am 14. Februar gingen um die Welt. Bei den Deutschen liess sich etwas holen.

Der deutsche Postchef Klaus Zumwinkel wird überführt aufgrund von gestohlenen Bank-Daten. Falciani wittert ein Geschäft.

Der deutsche Postchef Klaus Zumwinkel wird überführt aufgrund von gestohlenen Bank-Daten. Falciani wittert ein Geschäft.

Der BND reagiert interessiert. Falciani schreibt nun unter dem Namen Ruben al-Chidiack an eine Margrit Venter, mit der er davor offenbar schon Kontakt hatte.

Am 25. März schreibt er ihr von der Adresse barackj@yahoo.co.uk: «Hier ein paar Fakten darüber, was ich besitze.» Danach preist er seine Ware an wie auf einem Bazar: «Konten von 107 181 Personen, 20 130 Firmen, 40 Tabellen voll mit Daten, 70 Gigabyte Umfang».

Auch dem Deutschen Zollkriminalamt versucht Falciani seine Ware zu verkaufen. Am Dienstag, 15. April um 13 Uhr, meldet sich dort eine «Gina». Sie benutzt die Genfer Nummer 0041 22 343 07 99. Zollamtsrätin Barbara Neuhaus nimmt den Anruf entgegen. Sie sagt später, «Gina» habe mit einem «osteuropäisch klingenden Akzent» gesprochen und Geld für Bank-Kundendaten verlangt.

Eine E-Mail-Kopie an den Bundesnachrichtendienst. Falciani versucht die Daten dem deutschen Geheimdienst zu verkaufen.

Eine E-Mail-Kopie an den Bundesnachrichtendienst. Falciani versucht die Daten dem deutschen Geheimdienst zu verkaufen.

Es ist Georgina, eingepfercht mit Hervé in einer Telefonzelle gleich neben Falcianis Fitnessclub in Genf. «Gina» versichert den Zollbeamten später, dass sie die Ware nur ihnen anbietet. Doch zuvor verschickte Falciani seine Werbe-Mail bereits an den britischen Fiskus, der verständigt hinter den Kulissen die Franzosen.

Noch während Falciani mit Geheimdiensten dreier Länder jongliert, nehmen erste Spürhunde aus der Schweiz die Fährte auf.

Ab dem 28. April wird Georginas Mobiltelefon abgehört.

Der Fehler von Libanon stellt sich jetzt als fatal heraus. Nach dem Fall Zumwinkel reagieren die Banker in der Schweiz nervös auf die Meldung der Bank Audi aus Beirut.

Am 20. März verschickt die Bankervereinigung einen Alarm, das Bundesamt für Polizei beginnt mit Ermittlungen. Bisher haben sie nur eine Spur: die Visitenkarten des Duos aus Beirut.
Der Salesmanager Al-Chidiack ist unauffindbar, aber die Frau ist sofort ermittelt: Georgina Mikhael, Libanesin, Informatikerin bei der HSBC, wohnhaft Rue des Vollandes 73, 1207 Genf. Am 28. April veranlassen die Schweizer Ermittler die Überwachung des Handys der Libanesin.

Die Ermittlungen sind nach einer libanesischen Vorspeise benannt.

Die Ermittlungen sind nach einer libanesischen Vorspeise benannt.

Am 29. Mai eröffnet die Bundesanwaltschaft ein Verfahren. Name der Operation: «Mezze», wie die libanesische Vorspeise. Der Verdacht: wirtschaftlicher Nachrichtendienst.

Code: bJ0$RY3T62n_chxVBMzXRGka

Bereits zuvor, im April 2008 gelangt das Anliegen eines gewissen Ruben al-Chidiack via London und Paris auf den Tisch von Roland Veillepeau, dem mächtigen und gefürchteten Chef der obersten französischen Steuerbehörde Direction nationale des enquêtes fiscales, kurz DNEF. Veillepeau ist sofort elektrisiert.

Er veranlasst eine «intensive Vorrecherche» um herauszufinden, wer dieser al-Chidiack ist. Ist er glaubwürdig? Ist es die Mafia, die Geld machen will?

Roland Veillepeau, Leiter der mächtigen Division nationale des enquêtes fiscales (DNEF).

Roland Veillepeau, Leiter der mächtigen Division nationale des enquêtes fiscales (DNEF).

Am 28. Juni kommt es zum ersten Treffen in Frankreich, gleich hinter der Schweizer Grenze.

Die Franzosen schicken Jean-Patrick Martini, 55, Chef der Brigade für Sonderermittlungen, einen der besten Steuerfahnder der Republik. Sein Spitzname: «L’Apéritif».

Einerseits heisst er eben mit Nachnamen Martini, wie der Cocktail. Andererseits sehen ihn die Steuersünder, die er aufspürt, nur am Anfang. Er ist quasi ihr Apéro. Später folgt die Behörde, der «Hauptgang». Der wird in der Regel teuer.

Ebenfalls am Tisch sitzt Martinis Chef François Jean-Louis. Es ist sonnig, bei 27 Grad. Da schlendert der mysteriöse Al-Chidiack auch schon heran - in T-Shirt mit lässig umgehängtem Rucksack.

Martini trägt ein Mikrofon unter der Krawatte. Ausser Sichtweite stehen Spezialisten des französischen Auslandgeheimdienstes DGSE. Sie fotografieren Falciani aus allen Winkeln.

Eine Stunde lang umkreisen sich Martini und al-Chidiack. Dann entscheiden sie, dass der Informatiker eine Stichprobe der Daten liefert.

Fünf Tage später, am 3. Juli 2008 um 22.17 Uhr, erhält Martini auf seiner privaten Adresse eine E-Mail von toomuchwalls@yahoo.fr. Betreff: «Von Ruben». Darin nur ein Datei «data.tc».

Allerdings schafft es der Steuerfahnder nicht, den verschlüsselten Anhang zu öffnen. Am 7. Juli schickt Martini von seinem privaten Handy eine SMS an «Ruben» und beschwert sich: «Bonjour, der Code funktioniert nicht. Bitte zurück rufen für Präzisierung svp JPM.» Falciani schickt jetzt den Entschlüsselungscode per SMS zurück. Er lautet:

bJ0$RY3T62n_chxVBMzXRGka

Neugierig öffnet Martini die Datenprobe. Sie enthält eine Tabelle mit sieben Namen und Adressen von Franzosen samt ihrem Vermögen bei der HSBC in Dollar. Noch bis ins Jahr 2010 hoffte die HSBC, dies seien die einzigen Daten, die Falciani gestohlen hat.

Die Daten erweisen sich als absolut exakt. Martini ist schwer beeindruckt.

Eine Frau, eine Geliebte - daneben noch zwei Affären

Zwischen Falciani und Georgina steigen ab Sommer 2008 die Spannungen. Sie will wissen, wo der Server ist, den sie bezahlt und nie gesehen hat. Sie fängt an Fragen zu stellen. Dann erfährt die Geliebte von weiteren Affären Falcianis.

Weil Falciani sich die SIM-Karte von Georgina bezahlen lässt, erhält die Libanesin auch seine Handy-Abrechnungen, und sieht, mit wem er telefoniert. «Ich habe zwei Mädchen gefunden, mit denen er ausging», sagt sie später dem Magazin «Vanity Fair». «Mir hat er dann erzählt, er müsse an diesen Abenden zu Hause sein, weil seine Frau sich nicht um das Kind kümmere und er für alle kochen müsse.»

Die Polizei vernimmt die beiden Damen später. Sarah*, 32, Psychologiestudentin, bestätigt, Hervé hätte bei einem Pokerturnier mit ihr angebändelt. Im April, unmittelbar nach dem Trip mit seiner Geliebten nach Libanon. Sie bezeichnet ihn in der Vernehmung als «Manipulator».

Mirela*, 26, sagt gegenüber der Polizei, Hervé habe sie im Schwimmbad angesprochen. Im Juli. Zu der Zeit verhandelt er gerade mit Martini und dem BND und versuche, seine Geliebte vor seiner Frau zu verstecken. Mirela sagt, er habe sie gebeten, eine SIM-Karte für ihn zu kaufen. Er sei gerade «sehr beschäftigt».

Am 11. Dezember 2008 eskaliert die Situation. Hervé will an diesem Abend nicht wie versprochen mit Georgina zum Ball der HSBC gehen. Sie zerreisst die alten Visa für den Libanon, die sie noch selber organisiert hatte, und schmeisst sie auf seinen Arbeitstisch. «Ich konnte nicht mehr, die Situation war unhaltbar», sagt sie später.

Längst hat sich die Libanesin entschlossen, Hervé zu verlassen. Am 19. Dezember kündigt sie bei der HSBC. Die Schlüsselübergabe für ihre Wohnung ist für den 26. Dezember geplant.

Ohne es zu wissen löste sie damit den Zugriff der Schweizer Polizei aus.

Die Flucht

Laurence Boillat ist Polizistin aus Leidenschaft. Sie war mit 28 bereits Leutnant der Schweizer Armee, später wird sie Kommandantin der Sicherheitspolizei des Kantons Jura. Bis 2008 steigt sie zur Staatsanwältin des Bundes auf. Boillat ist es, die im Herbst 2008 die Fährte von Ruben al-Chidiack aufnimmt.

Am 23. Oktober vernimmt sie die Filialleiterin aus Beirut, und zeigt ihr ein Bild von Georgina Mikhael. Die Bankerin identifiziert sie sofort. Bis zum 10. November fordert Boillat die Handydaten der Libanesin von der Genfer Polizei.

Von Ende Februar bis Ende Juli stand Mikhael nicht weniger als 500-mal in Kontakt mit einem gewissen Hervé Falciani, ebenfalls Angestellter der HSBC. Ist das der gesuchte al-Chidiack?

Staatsanwältin des Bundes: Laurence Boillat.

Staatsanwältin des Bundes: Laurence Boillat.

Dank der Telefonüberwachung erfährt Boillat Ende Dezember, dass Mikhael ihre Wohnung für den 26. Dezember kündigt. Sie hat den Verdacht, dass die Libanesin flüchten will – und handelt.

Am Montag, 22. Dezember, morgens um 10.30 Uhr taucht sie mit einer Polizeieskorte am Arbeitsplatz von Georgina Mikhael auf. Sie nimmt die Libanesin sofort ins Kreuzverhör. Innert Minuten gesteht Mikhael: Ja, Ruben al-Chidiack ist Hervé Falciani. Ja, sie waren in Beirut. Ja, sie haben der Audi Bank Daten der HSBC angeboten.

Aber der Kopf des Ganzen, so Georgina, sei Falciani gewesen, nicht sie!

Nach dem Verhör von Georgina knöpft sich die Staatsanwältin diesen «Hervé» vor. Während die Polizei sein Büro durchsucht, wird der Informatiker zur Zentrale der Genfer Kantonspolizei am Chemin de la Gravière 5 abgeführt. Während Stunden wird er dort verhört.

Doch Falciani ist aus härterem Holz als seine Geliebte. Er gibt nichts zu.

Sie trifft die wohl folgenschwerste Entscheidung ihrer Karriere: Sie lässt Falciani ziehen.

Kurz vor Mitternacht fängt Hervé an zu jammern. Wie so oft schiebt er seine Familie vor. Seine kleine, dreijährige Tochter sei doch behindert. Er müsse zu ihr schauen, er müsse jetzt wirklich unbedingt nach Hause. Es sei doch Weihnachten.

Charmeur Falciani zieht bei Staatsanwältin Boillat nun alle Register – und er gewinnt. In diesen Minuten trifft sie die wohl folgenschwerste Entscheidung ihrer Karriere: Sie lässt Falciani ziehen – und verpasst die letzte Gelegenheit, den Abfluss der Daten ins Ausland zu verhindern.

Er solle sich doch morgen früh um 9.30 Uhr wieder melden, und das Land dürfe er nicht verlassen,verlangt sie noch. Aber sie wird Falciani nie wieder in ihre Gewalt bekommen.

Der schnappt sich sein Trottinett, mit dem er stets zur Arbeit fährt. Innert sieben Minuten ist er zu Hause. Zeit genug sich eine Geschichte für seine Frau auszudenken. In der Wohnung packt er hastig alles zusammen, nimmt Tochter und Frau an die Hand und flieht aus der Wohnung, den Schlüssel lässt er von aussen stecken. Stunden nach dem Verhör fährt er mit einem Mobility-Auto über die französische Grenze.

Warum lässt Boillat Falciani ziehen?

Die Bundesanwaltschaft sagt, es habe zu wenig vorgelegen für eine Verhaftung. Zu diesem Zeitpunkt habe Boillat auch noch nicht gewusst, wie viele Daten Falciani tatsächlich gestohlen hat, und ob es nicht nur ein paar gefälschte Screen­shots waren, die er in Libanon zeigte.

Juristisch wäre eine vorläufige Festnahme wohl möglich gewesen, oder zumindest eine Überwachung des Verdächtigen zu Hause.

Ein Beteiligter sagt später, Charmeur Falciani habe einfach erfolgreich «an die Gefühle» von Staatsanwältin Boillat appelliert – sein Talent mit den Frauen habe Falciani letztlich gerettet.

Und Pokerspieler Falciani sollte noch weitere Asse im Ärmel haben.

Bube, Damen - Ass

Es ist der 26. Dezember, 10 Uhr, in einem kleinen Bistro im Flughafen an der Côte d‘Azur. Hervé Falciani hat die fünf DVDs in den Händen. Ihm gegenüber sitzt Steuerfahnder Jean-Patrick Martini, den Milliardenschatz in Griffweite.

Seit Martini die sieben Namen aus der HSBC erhalten hat, sind fast sechs Monate vergangen. In dieser Zeit hat der Steuerfahnder alles gemacht, um in den Besitz von Falcianis Daten zu kommen. Ohne Erfolg.

Er schrieb mehrfach herzliche Mails an «Ruben», wie er ihn nun freundschaftlich nannte. Er organisierte sich dafür extra eine geheime E-Mail-Adresse: jean-patrick@martini1.fr. Er umgarnte ihn. Noch zweimal traf er sich persönlich mit dem Informatiker. Das letzte Mal am 6. Dezember in St. Julien nahe der Schweizer Grenze. Für dieses Treffen brachte er sogar eine Profilerin vom Auslandgeheimdienst DGSE mit, eine Spezialistin für die Rekrutierung und Auswertung von «Quellen».

Anderthalb Stunden redeten sie damals auf «Ruben» ein, danach hängten sie noch ein spätes Frühstück dran. Auch dieses Gespräch wurde heimlich gefilmt. Martini schlug Falciani sogar vor, ihn aus der Schweiz herauszuholen – vergeblich.

Doch am 24. Dezember um 15 Uhr ruft der wendige Ruben unerwartet auf Martinis privatem Handy an. Er sei auf der Flucht, er brauche Hilfe.

Und jetzt nennt er auch endlich seinen richtigen Namen: Er heisse Hervé, Hervé Falciani. Die beiden sind sofort beim «Du». Die HSBC habe ihn gestern gefeuert, erzählt Hervé. Die Schweizer Staatsanwältin rufe ihn dauernd an, er werde gejagt wie ein Wild.

Ist das die lange ersehnte Gelegenheit für Martini?

Der Steuerfahnder drängt Falciani, ihm sein Material sofort zu übergeben. Er organisiert sogar einen Anwalt für den Datendieb. Falciani willigt schliesslich ein, Martini am 26. Dezember am Flughafen Nizza zu treffen.

Der Flughafen Nizza Côte d'Azur.

Der Flughafen Nizza Côte d'Azur.

Und hier sitzen sie also. Es ist der Moment, wo Hervé nach Monaten Verhandlung die fünf DVDs in die Hand des Franzosen drückt. Martini muss ein Stein vom Herzen gefallen sein.

Es ist zweifellos ein hübsches Weihnachtsgeschenk für die Republik – doch das Schicksal hat noch ein zweites Geschenk parat für «L’Apéritif».

Mit freundlicher Hilfe der Bundesanwaltschaft

Bei den Schweizer Ermittlern ist man sich nach den Feiertagen einig, dass man Falciani nicht mehr kriegt. Am 5. Januar schreiben sie ihn bei Interpol zur Fahndung aus. Er steht nun in den Datenbanken von Schengen und Ripol. An jedem Zoll auf dem Kontinent würde man ihn festhalten.

Die Schweizer vermuten zu Recht, Falciani verstecke sich im Ferienhaus seiner Eltern bei Nizza.

Am 9. Januar schicken sie ein dringendes Rechtshilfegesuch an den Staatsanwalt von Nizza. Der weiss noch nichts von Falcianis Daten und hilft bereitwillig.

Staatsanwältin Boillat reist sofort mit einem Kommissar und einem Inspektor der Bundeskriminalpolizei nach Südfrankreich.

Hervé Falciani hat im Ferienhaus der Eltern in Castellar Zuflucht gesucht.

Hervé Falciani hat im Ferienhaus der Eltern in Castellar Zuflucht gesucht.

Am 20. Januar um 7.10 Uhr fährt das Schweizer Trio mit einer ganze Karawane französischer Polizeikarossen vor das Ferienhaus von Falcianis Eltern an der Route de la Condamine in Castellar an der italienisch-französischen Grenze.

Die Beamten kommen mit einem Durchsuchungsbefehl, beschlagnahmen Falcianis Apple-Laptop G4, sein Notizbuch, sein neues iPhone 3G, ein Siemens-Handy SL 65, versteckt in der linken Schublade seines Tisches und seinen Qbic-Server – dass die Computer auch die gestohlenen Bankdaten der HSBC-Kunden enthalten, wissen die Polizisten aus Nizza nicht.

Falciani hat seine Frau und Tochter zu den Schwiegereltern nach Italien geschickt. Er ist allein und wird auf die Gendarmerie der nahe gelegenen Stadt Menton an der Côte d'Azur abgeführt.

Zwischen Falciani und Boillat entwickelt sich nun ein Katz-und-Maus-Spiel wie aus einem Agententhriller: Falciani versucht in unbeobachteten Momenten mit seinem Freund, dem Steuerfahnder Martini in Kontakt zu treten, damit er ihm hilft. Doch Boillat darf davon nichts mitkriegen. Er drängt also einen Polizisten auf der Fahrt in die Gendarmerie, dieser möge doch einem Jean-Patrick Martini vom DNEF sofort Bescheid geben.

Er raunt dem Mann zu, es seien Daten auf seinem Server, die für Frankreich wichtig sind. Im Verhör mit Boillat verweigert Falciani jede Aussage zu Martini, auch als die Schweizerin nachhakt.

Die Staatsanwältin wiederum versucht zu erreichen, dass die Polizei in Nizza ihr Falcianis Computer mitgibt. Was da drauf ist, sagt sie nicht so genau.

Croissants für Falciani - «mit Empfehlung der französischen Steuerbehörde»

Die Schweizer seien nicht so offen gewesen, was sich auf dem Server befand, steht im Bericht des französischen Parlaments: «Sie betonten immer die Affäre in Libanon, ohne klar zu sagen, um was für gestohlene Daten es sich eigentlich handelt.»

Boillat hat wohl Angst, dass die Franzosen den Wert der Daten erkennen – und genau das passiert.

Nach stundenlangem Verhör darf Falciani in einer Pause telefonieren. Um 15 Uhr 18 wählt er «Jeanpatrick» auf seinem Handy, doch Martini nimmt nicht ab. Erst zwei Minuten später kommt er durch.

Der Steuerfahnder veranlasst sofort, dass der Chef des DNEF beim Staatsanwalt von Nizza interveniert. Noch während Boillat Falciani vorsichtig verhört, erfahren die französischen Polizisten um sie, was für einen Schatz sie gehoben haben.

Als Boillat den Server schliesslich in die Schweiz mitnehmen will, lehnen die Polizisten ab. Begründung: höhere Interessen des französischen Staates.

Doch es sollte noch schlimmer kommen für die Schweiz.

Martini steht nach der Übergabe der DVDs vor unlösbaren juristischen Problemen. Er weiss zwar nun, wer die mutmasslichen Steuersünder sind, aber nach französischem Recht darf er gestohlene Daten vor Gericht nicht einsetzen.

Doch mit ihrem Rechtshilfegesuch hat die Schweiz der französischen Justiz einen amtlichen Grund geliefert, Falcianis Daten auf dessen Computer zu beschlagnahmen.

Nach französischem Recht darf man amtlich beschlagnahmte Beweismittel verwenden, auch wenn sie aus einem Verbrechen stammen. Der parlamentarische Untersuchungsbericht vermerkt später triumphierend: «Man kann also mit einer etwas flapsigen Formulierung sagen, dass der Staatsanwalt von Nizza Falcianis Daten ‹gewaschen› hat».

Boillat kehrt nach dem Verhör mit leeren Händen zurück. Falciani muss die Nacht auf der Gendarmerie verbringen, doch bei den Polizisten hat sich die Stimmung gewendet.

Hervé kriegt die VIP-Zelle. Am Morgen, pünktlich um acht, bringen die Wachen mit dem üblichen Kaffee noch frische Croissants, «mit Empfehlung der nationalen Steuerbehörde».

Bundesrat ahnungslos

Finanzminister Merz schliesst ein Steuerabkommen mit den Franzosen - die bereits Falcianis Daten haben.

Kaum ist Falciani aus dem Gefängnis befreit, startet die französische Steuerfahndung ein bis dato einmaliges Grossprojekt, um die HSBC-Daten auszuschlachten. Nachdem die Operation «Mezze» der Schweizer im Desaster endete, setzen nun auch die Franzosen für ihre Ermittlungen auf ein lokal-kulinarisches Codewort: Im Februar 2009 startet «Operation Chocolat».

Ein ganzes Team bestehend aus zwei Brigaden mit über 20 Spezialisten und Technikern wird nach Nizza verlegt und mietet sich dort in einem Hotel ein. Zeitweise werden noch drei weitere Brigaden beigezogen, das Team erreicht fast Kompaniestärke.

Die Riviera von Nizza. Hier wertete ein ganzes Team die Daten von Falciani aus.

Die Riviera von Nizza. Hier wertete ein ganzes Team die Daten von Falciani aus.

Für die Operation wird eine eigene, hochspezialisierte Software angeschafft, für 300 000 Euro. Die Atmosphäre ist angespannt. Die Spezialisten fühlen sich von ausländischen Geheimdiensten verfolgt. Martini läuft gar mit Polizeischutz herum.

Zu Beginn sind die Techniker von Falcianis Daten komplett überfordert: «Man musste erst mal die Codes dieser Bank verstehen», erzählt Cheftechniker Thibault L. später einem Untersuchungsausschuss.

Der Einzige, der letztlich helfen kann, ist Falciani selbst. Nicht weniger als 102-mal müssen ihn die Techniker innerhalb der sechsmonatigen Entschlüsselungsarbeit anrufen und um Rat fragen. Das Hauptproblem: Die Bank trennte aus Gründen der Geheimhaltung die Datenbanken mit Namen und Adressen komplett von den Informationen über die Vermögen. Letztere wiederum waren teils in einem Labyrinth von Offshore-Strukturen verschachtelt. «Ohne Falciani hätten wir keine Chance gehabt», sagt Martini später.

Erst nach Monaten forensischer Kleinarbeit gelingt es Falciani und dem «Team Chocolat», die Daten der Vermögen mit den Namen der Kunden zu verbinden. Sie erstellen schliesslich eine Liste mit 106 682 Personen und 20 129 Firmen mit ihrem jeweiligen Vermögen zwischen dem 9. November 2006 und dem 31. März 2007.

Das sind letztlich die Falciani-Daten, die sich in den kommenden fünf Jahren zur Superwaffe der Steuerfahnder in zehn Ländern entwickeln werden. In Frankreich beginnen die Behörden schon im August 2009, gegen 2956 Personen zu ermitteln.

Der Bundesrat tappt trotz Warnung der Bundesanwaltschaft in die Falle.

Nichtsahnend von der gigantischen Operation verhandelt der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz derweil ein neues Steuerabkommen mit Frankreich.

Paris soll erlaubt werden, bei Verdacht auf Steuerhinterziehung um Amtshilfe zu bitten. Aber was ist, wenn der Verdacht auf gestohlenen Daten beruht?

Der Bundesanwaltschaft schwant Unheil. Sie informiert am 26. Januar die Eidgenössische Steuerverwaltung im Finanzdepartement von Merz, dass ein Dieb Daten der HSBC dem französischen Fiskus übergeben hat.

Dort nimmt das niemand ernst. Als ein Jurist bei der Steuerverwaltung anfragt, ob man denn nicht Datendiebstahl beim neuen Abkommen ausklammern müsse, winkt die Behörde ab – obwohl sie zu der Zeit bereits von Falcianis Diebstahl weiss.

Am 27. August 2009 unterzeichnet ein stolzer Bundesrat Merz im Lichtsaal des Bernerhofes feierlich das neues Steuerabkommen mit Paris. Angereist ist auch die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Sie versichert, Frankreich werde keine Fischzüge nach Steuersündern starten, sondern die Schweiz nur anfragen, wenn sie konkrete Namen und Adressen von Verdächtigen habe.

48 Stunden später verkündet der französische Budgetminister zum Entsetzen der Schweiz, er sei im Besitz von 3000 konkreten Namen und Adressen von verdächtigen Steuersündern mit Bankkonten in der Schweiz. Der CEO der HSBC tut das noch als «Lärm der französischen Behörden» ab.

Einige Wochen später,am 9. Dezember 2009, enthüllt die Zeitung «Le Parisien», die 3000 Namen kämen von der HSBC. Vier Tage später lächelt deren Ex-Informatiker Hervé Falciani in die Kameras und erklärt der Welt: Ich bin der Dieb.

Bundesrat, Parteien, Banken reagieren konsterniert. Finanzminister Merz droht, das Abkommen nicht mehr zu ratifizieren. Er will nun auch bei gestohlenen Daten keine Amtshilfe mehr gewähren – was sein Departement im Sommer noch gut hiess. Es kommt zu ernsten Spannungen zwischen Frankreich und der Schweiz. Erst nach mehreren ultimativen Forderungen aus Bern liefert Frankreich Kopien der Daten von Falciani in die Schweiz.

Cédric H., Spezialist beim Kommissariat für IT-Ermittlungen der Bundeskriminalpolizei, ist schliesslich der erste Schweizer, der Falcianis Daten sieht. Es ist ein Schock. Nicht nur stimmen die Daten genau mit jenen der HSBC überein. Es sind auch weit mehr als ein paar Screenshots, wie man bisher annahm, oder eine CD mit einigen Tabellen wie in anderen Fällen. Es sind zehntausende Dossiers. Der gesamte Bestand der HSBC, wie die Bank später zugibt.

Erst jetzt erkennt man in Bern und Genf, welch gigantische Ausmasse das Leck hat. Die HSBC warnt ihre Kunden möglichst schnell ihre «Vermögenssituation» zu regeln, weil ihre Daten bei Steuerämtern landen könnten. Und genau das passiert.

Die Daten gehen in den folgenden Monaten nach Spanien, Belgien, Grossbritannien, Indien, USA, Kanada, Australien, Irland, Griechenland und Argentinien. Erst über die Jahre entwickeln sie ihre volle Wirkung: Sie lösen Tausende Steuerverfahren weltweit aus.

So stellt sich heraus, dass von den 2846 steuerpflichtigen Kunden aus Frankreich nur sechs ihr HSBC-Vermögen deklariert hatten. Die Schwarzgeldquote allein bei den Franzosen liegt bei 99,8 Prozent. In zwei Ländern laufen Strafverfahren gegen die HSBC als Bank. Mehr werden folgen.

Mittlerweile ist es ein Wirtschaftskrieg, der sich hier abspielt, und Hervé Falciani, der Pokerspieler aus Monaco, ist bei alledem nur noch Zaungast.

Epilog

2012 sorgt Falciani noch einmal für Schlagzeilen, als ihn die Spanier nach einer Reise mit einem Boot am Hafen von Barcelona festnehmen – aufgrund des internationalen Haftbefehls von Staatsanwältin Laurence Boillat.

Sechs Monate schmort er im Gefängnis von Valdemoro bei Madrid. Die Bundesanwaltschaft schöpft noch einmal Hoffnung. Aber am 8. Mai 2013 lassen die Spanier Falciani aber frei. Zu viel haben ihm die Steuerbehörden auf der ganzen Welt zu verdanken.

Das Gefängnis bei Valdemoro in der Nähe der spanischen Hauptstadt Madrid.

Das Gefängnis bei Valdemoro in der Nähe der spanischen Hauptstadt Madrid.

Hervé Falciani, nutzt seine Haft um Spanisch zu lernen. Nach seiner Entlassung geht er an den Europawahlen im Mai 2014 für die neue Partido X ins Rennen. Er wird nicht gewählt.

Am 11. Dezember 2014 hat die Bundesanwaltschaft Falciani wegen unbefugter Datenbeschaffung, Verletzung des Geschäftsgeheimnisses, Verletzung des Bankgeheimnisses und wegen wirtschaftlichem Nachrichtendienst angeklagt. Der Prozess beginnt am 12. Oktober 2015 am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Ohne den Angeklagten. Der bleibt der Verhandlung fern.

Sein Verteidiger wird aus der Staatskasse bezahlt – Falciani ist es offensichtlich gelungen, zu beweisen, dass er mittellos ist. Heute lebt er an einem geheim gehaltenen Ort in Frankreich. Wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet, ist nicht bekannt. Er selbst und alle französischen Behörden haben stets versichert, er sei nicht bezahlt worden.

Hervé Falciani – der Gambler. Letztlich hat der Mann mit der Leidenschaft fürs Bluffen nicht schlecht gepokert mit den Karten, die er hatte. Am Ende der ganzen Geschichte hat das Schicksal ihm eine Rolle zugeschrieben, die ihm passen dürfte: Für die Welt ist er der Held.

* Name von der Redaktion geändert

Kurz nach der Ablehnung seiner Auslieferung aus Spanien in die Schweiz, am 13. Juli 2013, wird Hervé Falciani in den französischen Senat eingeladen. Zehn Tage zuvor war er in der Nationalversammlung.

Falcianis Teilnahme an den Europawahlen im Mai 2014 ist ein Misserfolg: Hervé Falciani verpasst den Einzug ins Parlament und kommt nicht in den Genuss der parlamentarischen Immunität.
Im Februar 2015 haben 140 Journalisten aus 45 Ländern die gravierenden Mängel der HSBC-Bank im Umgang mit Schwarzgeld auf der Grundlage der Daten von Hervé Falciani aufgezeigt. Diese Daten, die die Zeitung «Le Monde» von einer französischen Quelle bekam, beinhalten rund 106 000 Kunden mit Konten bei der HSBC Private Bank. Unter dem Namen SwissLeaks haben in der Schweiz die Zeitungen «SonntagsZeitung», «Le Matin Dimanche», «L’Hebdo», «Tages-Anzeiger» und «Le Temps» bei diesem Projekt mitgewirkt.
Die Enthüllungen haben dazugeführt, dass verschiedene Länder und Banken Fehler zugeben mussten. Der Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornot (Bild) liess die HSBC-Filiale in der Woche nach den Medienberichten durchsuchen. Dreieinhalb Monate schloss die Genfer Staatsanwaltschaft einen Deal über 40 Millionen Franken mit der HSBC, um ein Verfahren wegen Geldwäscherei und Bestechung ausländischer Amtsträger zu beenden.

Lisez la version française dans «Le Matin Dimanche»


Text
Titus Plattner und Oliver Zihlmann

Mitarbeit
Gérard Davet, Fabrice Lhomme («Le Monde»), Bastian Obermayer, 
Hans Leyendecker («Süddeutsche Zeitung»)

Fotos
Pascal Frautschi, Michael Pleesz, Keystone, AP, Reuters,
Samuel Kirszenbaum, Francisco Anzola, Arte,
France 2, DR

Gestaltung
Titus Plattner und Oliver Zihlmann