Die Extrawurst der Experten

Nach Alkohol und Tabak gehts nun ums Fleisch. Doch die Angstmache der WHO lenkt ab von den echten Gefahren – und verfehlt ihre Wirkung

Selten hat eine Gesundheitswarnung so viel Widerspruch und Protest provoziert. Kein Wunder, schliesslich geht es diesmal um die Wurst. Der Angriff zielt auf ein Kulturgut: den Cervelat in der Schweiz, die Currywurst in Deutschland, den Bacon in England, den Serrano in Spanien und den Parmaschinken in Italien. Schon als Kind wird man beim Metzger mit einem Wursträdli angefixt, zu jeder Schulreise gehört ein Cervelat. Auch vielen Erwachsenen fällt es schwer, am Wurststand einfach so vorbeizugehen.

Dieses Schweizer Grundnahrungsmittel soll tödlich sein? Dass es nicht gesund ist, ist jedem klar. Dass wir zu viel Fleisch essen, ebenfalls. Doch am Montag teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit, der regelmässige Verzehr von verarbeitetem Fleisch erhöhe das Risiko für Darmkrebs. Die Forscher der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC, einer WHO-Behörde, stufen Würste, Schinken und Speck in die gleiche Kategorie krebserregender Stoffe ein wie Tabak und Asbest.

Nach weltweiten Protesten sah sich die WHO am Donnerstag zu einer Klarstellung genötigt: Die IARC fordere keineswegs den völligen Verzicht auf verarbeitetes Fleisch. Man wolle lediglich darauf aufmerksam machen, dass ein geringerer Konsum das Krebsrisiko vermindern könne. Beim Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) nimmt man diese Präzisierung «mit Genugtuung» zur Kenntnis. Die Studie habe ohnehin «grosse Schwachpunkte», meint Elias Welti vom SFF: «Sie basiert auf rein statistischen Berechnungen, und Faktoren wie Rauchen oder Bewegungsmangel werden nicht berücksichtigt.»

Die WHO warnt, dass sich das Darmkrebsrisiko bei einem Konsum von 50 Gramm verarbeitetem Fleisch pro Tag um 18 Prozent erhöht. Das klingt dramatisch. Allerdings handelt es sich dabei um ein relatives Risiko. Das absolute Risiko, an Darmkrebs zu erkranken – nicht zu sterben –, beträgt etwa 5 Prozent. «18 Prozent mehr» bedeutet also, dass sich das absolute Risiko von 5 auf knapp 6 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Rauchen erhöht das Lebenszeitrisiko für Lungenkrebs von 1 auf 15 Prozent. «Relative Risiken sind ein bewährtes Mittel, die Gefahr zu übertreiben und Menschen Angst zu machen», sagt dazu Thomas K. Bauer, Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Er erklärte die «18-Prozent-Meldung» sogleich zur «Unstatistik des Monats».

Krebsalarme gehören zum Medienalltag. Vor gut zehn Jahren war es Acrylamid in Rösti, Chips und Pommes frites, 2011 Dioxin in Hühnereiern, 2013 lauerte der Krebs in Plastik-Crocs, 2014 schallte der Radon-Alarm durchs Land, zur WM in Brasilien wurde vor krebserregenden Stoffen in Fanartikeln und «Gift in Lebensmittelverpackungen» gewarnt.

Doch diesmal hat nicht irgendeine Interessengruppe den Alarm ausgelöst, sondern die Weltgesundheitsorganisation. Demgemäss gehen pro Jahr 34 000 Todesfälle auf Darmkrebs als Folge des Verzehrs von verarbeitetem Fleisch zurück. Die WHO beruft sich dabei auf Schätzungen des Global Burden of Disease Project. Das an der University of Washington angesiedelte Forschungsprogramm vereinigt über 1000 internationale Forscher und verkörpert die weltweit grösste wissenschaftliche Anstrengung zur Quantifizierung von Gesundheitsentwicklungen.

Doch wer in das Datenmeer eintaucht, erlebt eine Überraschung. Die Gesamtzahl der weltweit in einem Jahr vermeidbaren Todesfälle als Folge von zu viel Wurst und Speck ist mit geschätzten 644 000 um ein Vielfaches höher als die von der WHO veröffentlichte Zahl von 34 000 Krebstoten. Der Grund: Herzkrankheiten und Diabetes infolge Fleischkonsums fordern rechnerisch 18-mal so viele Todesfälle wie Darmkrebs.

Unterschätzte Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Das überrascht Peter Jüni, Professor für klinische Epidemiologie und Hausarztmedizin an der Uni Bern, überhaupt nicht. Man überschätze typischerweise das Risiko, an Krebs zu sterben, und unterschätze gleichzeitig die Gefährlichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selbst seine Medizinstudierenden würden auf die Frage nach der häufigsten Todesursache bei Frauen über 50 oft zuerst Brustkrebs nennen, «was kompletter Unsinn ist». «Wir haben alle Angst vor Krebs, aber wir ignorieren andere Todesursachen, die viel wichtiger sind», stellt Jüni fest.

Die Fixierung auf Krebs hat System. So gibt es in der Schweiz seit 2005 eine nationale Strategie gegen Krebs. Eine nationale Strategie zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird dagegen erst noch entwickelt. Einseitig geführte Kampagnen bewegen Frauen zur Früherkennung von Brustkrebs zu Mammografie-Screenings. Die Krebsliga empfiehlt und unterstützt solche Programme. Wissenschaftlich bestehen jedoch Zweifel an ihrem Nutzen. Die Sterblichkeit an Brustkrebs wird dadurch nur wenig gesenkt. Gleichzeitig kommt es aber in rund 10 Prozent der Fälle zu Fehlbefunden.

Bei den viel häufigeren Herz-Kreislauf-Erkrankungen fehlen dagegen systematische Früherkennungsprogramme. So könnte man mit einer simplen Ultraschalluntersuchung bei über 65-Jährigen den Durchmesser der Aorta messen, um Erweiterungen frühzeitig zu erkennen, und so die Sterblichkeit eindeutig senken. «Unsere Entscheidungen werden häufig emotional, nicht rational getroffen, dabei sind wir nicht fähig, Risiken und Wahrscheinlichkeiten vernünftig abzuschätzen», sagt Jüni.

Gemäss Schätzungen des Global Burden of Disease Project spielt Fleisch als Risikofaktor keine grosse Rolle. Die ganz grossen Killer sind Rauchen mit 5,8 Millionen Todesfällen pro Jahr, zu viel Salz oder zu wenig körperliche Bewegung. So weckt die Einstufung von Wurst und Speck in die gleiche Kategorie wie Tabak und Asbest den Verdacht, sie diene einem Trick: Wenn Warnungen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen keine Wirkung zeigen, muss halt das Reizwort Krebs den nötigen Schrecken verbreiten.

Ob die Taktik zum Ziel führt, muss bezweifelt werden. «Wir haben nach der WHO-Meldung keine Schwankungen beim Fleischverkauf festgestellt», sagt Elias Welti vom Schweizer Fleisch-Fachverband . Solche Warnungen führten kaum zu Einbrüchen an der Verkaufsfront. «Die Leute sind übersättigt von den ständigen Skandalmeldungen, was man alles nicht essen dürfe. Das wird zunehmend als Alarmismus und Bevormundung verstanden», sagt Welti.

Gemäss Ulrich Keller, Präsident der Eidgenössischen Ernährungskommission, könnten alarmierende Medienmitteilungen zwar enorme Auswirkungen auf den Konsum haben, wie der Einbruch im Geflügelkonsum bei der Vogelgrippe-Epidemie oder der Rückgang des Fleischkonsums nach dem Rinderwahn-Skandal zeigte. Dabei handle es sich aber «nur um kurzfristige Veränderungen des Konsums», so Keller.

«Rauchen kann tödlich sein – Räuchern auch»

Der Alarmismus der Gesundheitsbehörden und Interessengruppen hat das Vertrauen in Informations- und Präventionskampagnen untergraben. Das zeigen die Kommentare auf den WHO-Alarm in den sozialen Medien. Auf Twitter, unter #Wurstgate, manifestiert sich unverhohlenes Misstrauen.

Man macht sich nur noch lustig über die Warnungen: «Ausweispflicht für Cervelat-Käufer», «Ich hol mir jetzt ’ne Currywurst. Hörst du mich, Gefahr? Ich lach dir ins Gesicht!», «Begrüsse jetzt die Fleischfachverkäuferin nur noch mit: Hallo Todesengel», «Mein Bruder (Arzt) sagte mir einmal, wenn du auf alles hörst, wirst du auch nur achtzig – es fühlt sich nur viel länger an» oder «Am gesündesten erscheint es mir zu verhungern».

Der Verein der Schweizer Vegetarier und Veganer würde die Einführung eines Risikolabels auf Fleischprodukten begrüssen. «Der Bund soll anerkennen, dass der Fleischkonsum gesundheitlich bedenklich ist», sagt Renato Pichler von Swissveg, «die bisherige Praxis, die Fleischwerbung und die Fleischproduktion mit Steuergeldern zu unterstützen, muss beendet werden.» Noch schneller als die Forderung der Vegetarier waren allerdings die Witze über solche Warnhinweise auf den Onlineforen: «Rauchen kann tödlich sein – Räuchern auch.»
Geht es um die Einschätzung von Risiken, ist mehr Information nicht der entscheidende Punkt. Für wahr gehalten wird vielmehr, was sich emotional gut anfühlt und im Freundeskreis als richtig angesehen wird. Das gilt für so etwas Emotionales wie Essen ganz besonders.

Statt auf Information kommt es dabei auf das Vertrauen an. Der Mensch wehre sich unterbewusst gegen Fakten, die seine prägenden Werte bedrohen, stellt Yale-Professor Dan Kahan fest. Vor allem vermeide er, in Widerspruch zu seinem persönlichen Umfeld zu geraten, dem er vertraut. Wegen des Fleischalarms der WHO wird nächsten Sommer kein einziges Grillfest gestrichen werden.

Wer das Risikoverhalten der Menschen verändern will, müsste, statt Angstmacher-Kampagnen zu fahren, auf Experten setzen, denen die Menschen vertrauen. Das sind gemäss Kahan aber solche, die die eigenen kulturellen, fundamentalen Werte teilen. Ausgerechnet die Funktionäre der Gesundheitsbehörden erfüllen diese Voraussetzungen nicht.

Entsprechend wirkungslos bleiben somit ihre Aufklärungskampagnen und Informationsoffensiven. Da verzichten die Leute lieber auf die WHO als auf ihre Bratwurst. Der Verein der Schweizer Vegetarier und Veganer würde die Einführung eines Risikolabels auf Fleischprodukten begrüssen. «Der Bund soll anerkennen, dass der Fleischkonsum gesundheitlich bedenklich ist», sagt Renato Pichler von Swissveg, «die bisherige Praxis, die Fleischwerbung und die Fleischproduktion mit Steuergeldern zu unterstützen, muss beendet werden.»Z

«Sie können alles essen, nur nicht vegan»

Herr Pollmer, die WHO stuft verarbeitetes Fleisch wie Würste, Schinken und Speck als krebserregend ein . . .

Zeigen Sie mir die Studie, auf die sich die WHO stützt! Die gibt es gar nicht. Der Forschungsbericht ist nicht veröffentlicht worden.

Sie zweifeln an der Seriosität dieser Warnung?

Ich zweifle an der Seriosität des Vorgehens. Wenn man eine wissenschaftliche Arbeit macht, noch dazu als Internationale Agentur für Krebsforschung, kann man nicht einfach daherkommen und sagen, wir haben 800 Studien durchgeschaut, die Daten extrahiert – und das ist dabei herausgekommen. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass der Forschungsbericht nicht vorgelegt wurde, muss man dieser Aktion unlautere Absichten unterstellen.

Es geht um Angstmacherei?

Das weiss ich nicht. Aber man kann nicht einfach die Studie unter Verschluss halten und ein Ergebnis hinausposaunen, das kein Fachmann überprüfen kann. Wenn man die Daten unterschlägt, sind wir wirklich bei der Beobachtung von Hexenflügen auf Besenstielen. Hinzu kommt, dass Erhebungen, was die Leute angeblich gegessen haben, grundsätzlich zweifelhaft sind. Nicht mal ein Chemiker weiss, was in den Lebensmitteln drin ist und wie sie zusammengesetzt sind. Und da befragt man auf der ganzen Welt unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Fragebögen, was sie so essen, und die schreiben da irgendwas rein.

Gesundheitsbehörden warnen immer wieder vor Nahrungsmitteln. Was bewirkt das?

Damit produziert man bei den Jugendlichen Essgestörte. Und das führt in nicht wenigen Fällen zum Tod. Das ist das Einzige, was man erreicht. Man kann nicht zeigen, dass Menschen, die sich gesund ernähren, tatsächlich gesünder sind.

Sie sind ein Kritiker von veganer Ernährung. Warum?

Vegan ist eine ungewöhnlich ungesunde Form der Ernährung. In den Produkten aus Sojaeiweiss, das von Veganern als ein Stück Lebenskraft vergöttert wird, sind weit mehr Hormone als in tierischen Lebensmitteln. Es gibt erhebliche Wachstumsstörungen bei Kindern von diesen Gesundheitsmüttern.

Fleisch ist gesünder?

Gesundheit ist ein religiöser Ausdruck. Sie können alles essen, nur nicht vegan.

Text
Armin Müller, Nadja Pastega

Fotos
Cortis+Sonderegger

Gestaltung
Natalie Hauswirth