Heidi vs. Schellen-Ursli

Zwei Kinderbuchklassiker, zwei neue Verfilmungen:
Welches Kind aus den
Bergen ist stärker?

Hoch in den Bergen, weit von hier, da... wohnt nicht nur der Schellen-Ursli, der jetzt als Kinofilm Furore macht. Nein, da lebt natürlich auch das Heidi und das gibts ab dem 10. Dezember ebenfalls auf der Leinwand. Damit treten im Kino die beiden bekanntesten Schweizer Kinderbücher gegeneinander an, beides nostalgische Geschichten mit Geissen, Heimatgefühlen und Schnee. Und das sind nicht die einzigen Gemeinsamkeiten – aber der Reihe nach.

Herzig und frech: Anuk Steffen überzeugt in «Heidi»

Bündner Bub: Jonas Hartmann spielt die Hauptrolle in «Schellen-Ursli»

1. Anfang
«Schellen-Ursli» beginnt mit einem Flug über das Dorf, runter und hinein in die verschneiten Gassen, dann übers Feld zum freistehenden Haus mit der bekannten Tür. Die öffnet sich und wir sind – hoppla – im Sommer auf der Alp, bei Ursli und den Geissen. «Heidi» beginnt mit einer Nahaufnahme, eine Hand fährt durchs Gras, eine erdverbundene Geste, bevor es mit einem Adler auch in die Lüfte geht. Die Hand vom Anfang ist ein Filmzitat, «Gladiator» mit Russell Crowe beginnt genau mit so einer Aufnahme, sie steht dort für seine Heimat und seine Liebsten. Nicht schlecht, aber der «Schellen-Ursli»-Auftakt ist origineller.
Ein Punkt für den Buben: 1 zu 0 für Ursli

2. Kinder
An Heidi (gespielt von der neunjährigen Anuk Steffen) und am Schellen-Ursli (gespielt vom etwas älteren Jonas Hartmann) gibt es nichts auszusetzen. Beide stammen aus Graubünden, beide wirken herzig und auf freche Art unverbraucht. Und beiden wird manchmal von ihren Sidekicks die Show gestohlen: Dem Schellen-Ursli von der altklugen Freundin Seraina (Julia Jecker) und dem Heidi vom Geissenpeter (Quirin Agrippi), der so schön beleidigt dreinschauen kann.
Zwei Punkte für beide: 3 zu 2 für Ursli

3. Vorläufer
«Heidi» nach Johanna Spyri ist schon oft verfilmt worden: Es existiert als US-Stummfilm (1920), als Hollywood-Kinderfilm mit Shirley Temple (1937), als Schweizer Filmklassiker (1952), als im Internetzeitalter spielende Modernisierung von Markus Imboden (2001). Dazu kommen sieben weitere Spielfilme und natürlich all die TV-Serien, ob gezeichnet oder real gespielt. Der «Schellen-Ursli» nach Selina Chönz und Alois Carigiet war vorher ein einziges Mal auf der Leinwand: In einem 19-minütigen Werbefilm aus den 1960er-Jahren für die Bündner Berge.
Ein Punkt für den unverbrauchteren Stoff: 4 zu 2 für Ursli

Der Beste des Schweizer Films: Bruno Ganz als wortkarger Alpöhi

Der Beste des Schweizer Films: Bruno Ganz als wortkarger Alpöhi

Verhalten: Marcus Signer in der Rolle als Urslis Vater

Verhalten: Marcus Signer in der Rolle als Urslis Vater

4. Autoritätsperson
«Heidi» kann – Heinrich Gretler! – nur so gut sein wie sein Alpöhi. Mit Bruno Ganz hat die Neuversion den Besten aufgeboten, den der Schweizer Film gegenwärtig hat. Und er hält, was er verspricht, ist kauzig, wortkarg und am Ende eben doch der liebevolle Grossvater. Beim «Schellen-Ursli» erfüllt diese Funktion der Vater, der seinen Sohn strengliebend führt. Auch er wird von einem guten Schauspieler verkörpert: Marcus Signer, der in «Dr Goalie bin ig» brillierte und damit letztes Jahr den Schweizer Filmpreis gewann. In der Rolle des Bünder Bergbauern mit entsprechendem Dialekt scheint es ihm aber nicht ganz wohl zu sein, er wirkt verhalten.
Der Alpöhi gewinnt, Heidi holt auf: 4 zu 3 für ­Ursli

5. Die Stadt
Klar, Frankfurt: Grauer Ort in «Heidi» und nicht mal hoch oben vom Kirchturm aus sind die Berge sichtbar. Ausserdem regiert das Fräulein Rottenmeier mit harter Hand, ständig übertritt das wilde Schweizer Mädchen ein Gesetz, das es gar nicht kennt. Beim «Schellen-Ursli» ist die Stadt nur der ferne Ort, der dem Buben die Mutter entreisst, weil sie dort ihr Geld verdienen muss. Und von dem der Postbote schwärmt, weil in der Stadt die Strassen immer vom Schnee geräumt werden, und zwar im Winter und im Sommer... Eine lustige Pointe, aber erst das «Heidi»-Frankfurt lässt die Sehnsucht nach den Bergen ins Unermessliche wachsen.
Ausgleich: 4 zu 4

Oscar-Preisträger Xavier Koller ist mit allen Wassern gewaschen 

Oscar-Preisträger Xavier Koller ist mit allen Wassern gewaschen 

5. Der Regisseur
Xavier Koller, 71, ist mit allen Wassern gewaschen: vom Oscar gekrönten Drama bis zum Bauernschwank drehte er vieles. «Schellen-Ursli» ist inspirierter als viele seiner Filme der letzten Jahre. Er punktet damit gegenüber Alain Gsponer, der mit 39 Jahren auch schon über beträchtlich Routine verfügt («Akte Grüninger», zwei Martin-Suter-Verfilmungen). Und das «Heidi» flott, aber ohne prägnante Handschrift in Szene setzt. 5 zu 4 für Ursli

Das Soliser Viadukt hat einen Kurzauftritt in «Schellen-Ursli»

Das Soliser Viadukt hat einen Kurzauftritt in «Schellen-Ursli»

6. Rhätische Bahn
Kurzauftritt in «Schellen-Ursli» mit Fahrt übers Soliser Viadukt. Mehr Raum bei «Heidi» mit Innenaufnahmen und Bahnhofsszenen.
5 zu 5

Zum Anfassen: Der Wolf in «Schellen-Ursli» frisst keine Geissen

Zum Anfassen: Der Wolf in «Schellen-Ursli» frisst keine Geissen

7. Die Tiere
Ziegen haben beide. Schwänli und Bärli führen natürlich prominent die Herde von Geissenpeter an. Und Schellen-Ursli hat eine Lieblingsgeisslein namens Zilla, das eine wichtige Rolle spielt. Aber das ist noch lange nicht alles. In beiden Filmen zu sehen sind: viele andere Ziegen, Pferde, Kühe, Hühner, Säue und Murmeltiere. «Heidi» bietet auch noch: einen Adler, eine tote Gämse, die kleinen Kätzchen in Frankfurt sowie einen äusserst wichtigen Schmetterling. «Schellen-Ursli» hat dazu: einen Frosch, einen Reh-Totenkopf und – die grösste Überraschung – einen Wolf, der keine einzige Ziege frisst, weil er sich mit dem Buben versteht.
Da gibt es nichts zu gewichten, Punkte für beide: 6 zu 6

Doppelter Auftritt: Peter Jecklin spielt in «Schellen-Ursli» und in «Heidi» mit

Doppelter Auftritt: Peter Jecklin spielt in «Schellen-Ursli» und in «Heidi» mit

8. Der doppelte Jecklin
Punkto Schauspielerei gibt es wenig Überschneidungen. Ein einziger Darsteller tritt in einer grösseren Nebenrolle zwei Mal auf: Peter Jecklin spielt in «Schellen-Ursli» den Lehrer. Und in «Heidi» praktischerweise ebenfalls. Dort ist der Mann, der die Kinder unterrichtet, aber im Hauptberuf der Dorfpfarrer, was die Rolle vielfältiger macht.
So kann er in diesem Film mehr punkten: 7 zu 6 für Heidi

9. Der tiefe Fall
Klar, der Geissen-Peter lässt Klaras Rollstuhl in die Tiefe rollen, auch eine der «Heidi»-Szenen, die einfach dazu gehören. Bei «Schellen-Ursli» fällt die Ladung eines Fuhrwerks in die Schlucht, darunter der ganze Käse, von dessen Verkauf die Familie im Winter leben sollte. Auch das ein Fall von grosser Symbolkraft, aber an den Rollstuhl und dessen Folgen kommt er nicht heran.
8 zu 6 für «Heidi»

Ganz schön fies: Leonardo Nigro ist als rotblonder Armon in «Schellen-Ursli»

Ganz schön fies: Leonardo Nigro ist als rotblonder Armon in «Schellen-Ursli»

Katharina Schüttler (in schwarz) plagt als Fräulein Rottenmeier gekonnt Heidi

Katharina Schüttler (in schwarz) plagt als Fräulein Rottenmeier gekonnt Heidi

10. Der Bösewicht
Hoppla, denkt man, als der Böse in «Schellen-Ursli» erstmals ins Bild kommt. Breitbeinig und rothaarig steht Leonardo Nigro beim Fischen im Bach und fällt gleich slapstickmässig ins Wasser. Aber die überzeichnete Figur ist als Dorfgewaltiger ein guter Gegenpart zum kleinen Buben. Und der Tessiner Leonardo Nigro füllt ihn mit sichtbarer Lust am Spiel und am Bündner Dialekt. Katharina Schüttler ist dagegen ein junges Fräulein Rottenmeier, das Heidi auf alle Arten malträtiert. Nur bei ihren Katzenallergieanfällen – hatschi, hatschi – verliert sie die Contenance und übertreibt derart, dass sie fast aus der Rolle fällt.
Nigro gewinnt, Ursli holt auf: 8 zu 7 für Heidi

11. Schlittenfahrt
Einmal saust der Alpöhi mit dem Heidi zu Tal, eine schöne Szene. Aber noch besser – und wunderschön gefilmt – ist die «Schlittenfahrt» von Ursli. Er saust auf der grossen Glocke vom Maiensäss zurück ins Dorf und punktet so.
8 zu 8

12. Und jetzt?
Ja klar, Berge, Heimat, zeitlose Nostalgie.Das steckt in beiden Filmen. Aber Heidi kann brauchen, was es gelernt hat und wird in dieser von den klerikalen Zwischentönen der Vorlage befreiten Filmversion vielleicht Schriftstellerin und sicher selbstbestimmte Frau. Und Uorsin, wie er im Film genannt wird, bleibt hoffentlich auch mit der grössten Glocke bis ins Alter der verantwortungsvolle Lausbub, der er einmal war. Beide zeigen, dass man solche Geschichten auch heute erzählen kann, ohne in Kitsch- und Heimatfilmmuster zu fallen. Zwei gelungene Filme, wobei derjenige mit dem Buben etwas frischer und überraschender wirkt.
Schellen-Ursli gewinnt mit 9 zu 8

«Die Berge sind mir zu schroff, zu abweisend»

Bruno Ganz, 74: «

Bruno Ganz, 74: «

Bruno Ganz, haben Sie den Alpöhi-Bart sofort abrasiert?
In der Regel hat man nach so ­einer Rolle genug davon. Aber ich habe danach in Mazedonien in einem Film gespielt, bei dem er auch verlangt war.

Der Bart ist in einem zweiten Film zu sehen?
Ein wenig manierlicher gemacht, ja. Ich spiele einen General, der zu einem Kriegsverbrecherprozess gebracht werden soll. Am letzten Drehtag in Skopje war der Bart dann weg.

Alpöhi Bruno Ganz mit der 9-jährigen Anuk Steffen, die Heidi spielt

Alpöhi Bruno Ganz mit der 9-jährigen Anuk Steffen, die Heidi spielt

Als Alpöhi melken Sie Ihre Geissen selber, nicht wahr?
Ja, klar. Ich habe einen kleinen Crashkurs bekommen im Ziegen-Melken. Aber ich konnte es eigentlich schon: Mein Vater war Bauernsohn, melken lernte ich in den Ferien bei meinen Onkeln in Buch am Irchel. Bei Ziegen ist es übrigens viel einfacher als bei Kühen, weil die Zitzen zarter sind.

Bruno Ganz als Alpöhi im Gespräch mit Regisseur Alain Gsponer

Bruno Ganz als Alpöhi im Gespräch mit Regisseur Alain Gsponer

Dann sind Sie ein Alpöhi aus Überzeugung!
Ich finde ja den «Heidi»-Film mit Heinrich Gretler sehr gut und verstand nicht, wieso man ein Remake machen muss. Aber man sagte mir, es sei so. Und wenn ich den Film jetzt sehe, stimmt es, es ist ein anderer Zugang, der mir gefällt. Gretler war hervorragend. Aber ich sagte mir: Wenn ich das mache, wird es sowieso etwas anderes.

Wie haben Sie es eigentlich selber mit den Bergen?
Ich finde sie dermassen grossartig, dass ich nichts damit zu tun haben will. Wenn ich im Flugzeug sitze, und darüberfliege, ist es gigantisch: das Licht und die Schatten. Aber zu Fuss habe ich lieber mit Hügeln zu tun. Die Berge sind mir zu schroff, zu abweisend.

Anuk Steffen (Heidi) und Bruno Ganz (Alpöhi) während der Dreharbeiten

Anuk Steffen (Heidi) und Bruno Ganz (Alpöhi) während der Dreharbeiten

Dennoch, sie gehören zur Schweiz wie das Heidi.
Ja, schon. Aber das Heidi kennt man wirklich überall. Das ist die Schweiz, wie Schokolade. Als ich meinem Sohn, der in Berlin aufgewachsen ist, erzählte, ich spiele den Alpöhi, sagte er sofort: Bärli und Schwänli.

Sie haben schon so viele Auszeichnungen gewonnen. Träumen Sie vom Oscar?
Davon träumt doch jeder ­Kinoschauspieler. Ich war ja einmal nahe dran, beim «Untergang». Aber das war die falsche Rolle: Als Hitler kannst du keinen Oscar gewinnen.

Bruno Ganz (Alpöhi) und Hannelore Hoger (Grossmutter)

Bruno Ganz (Alpöhi) und Hannelore Hoger (Grossmutter)