Der Schatz der Heuschrecke

Die Schweizer Bundesanwaltschaft sucht nach den Millionen des
Ex-Hedgefonds-Managers Florian Homm

Lausanne 685 Euro IV-Rente, das sei alles, wovon er heute lebe, erzählt Florian Homm in der Talk­show «Maischberger» im Ersten Deutschen Fernsehen. Als der ehemalige Hedgefonds-Manager im letzten September über sein Leben und die Bekehrung zum Glauben berichtet, wird die Stimme brüchig.

Homm, auch die Heuschrecke genannt, hatte von 2002–2007 mit zweifelhaften Aktienkurs-Manipu­lationen ein Millionenvermögen angehäuft. In den besten Zeiten verwaltete sein Hedgefonds drei Milliarden Dollar Kundengelder. 2007 fiel die Geldmaschine in sich zusammen, Investoren verloren gegen 200 Millionen Dollar. Homm tauchte ab.

Angeblich mittellos erschien er 2013 wieder auf der Bildfläche. Die italienische Polizei verhaftete ihn aufgrund eines US-Haftbefehls in den Uffizien, Florenz. Er entzog sich der Auslieferung an die USA und setzte sich nach Deutschland ab.

Seither wird spekuliert: Ist der Deutsche so mittellos, wie er tut? Oder hat er sein Millionenvermögen auf die Seite geschafft bevor er 2007 plötzlich untertauchte?

Schweizer Ermittler bringen nun neues Licht in diese Affäre. Die Zweigstelle Lausanne der Bundesanwaltschaft (BA) ermittelt seit Jahren gegen Homm und drei Schweizer Finanzspezialisten wegen Geldwäscherei in grossem Stil. Die Staatsanwältin Graziella De Falco hat gegen den Financier, der einst den deutschen Fussballclub Borussia Dortmund rettete, im Herbst 2014 Haftbefehl erlassen. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Homm und seine Ex-Frau Susan D. über 65 Millionen Dollar zum Zweck der Geldwäscherei verschoben haben. Allein auf Konten, auf die Susan D. Zugriff hat, sind in der Schweiz 15 Millionen Euro gesperrt. Erst letzte ­Woche liess die BA weitere Konten von Beschuldigten blockieren.

Die Ermittlungen gegen Homm, Susan D. und ihre Komplizen laufen international. Auch in den USA sind Anwälte der Geschädigten und Staatsanwälte hinter ihnen her. Und sie sind gut dokumentiert, dank einem 219-seitigen Ermittlungs­bericht von Dezember 2014 der Bundesanwaltschaft. Darin zeigen die Fahn­der auf, wie trickreich Homm aus Sicht der Ermittler vorgegangen ist.

Im Mai 2006 schwärzte ihn ein Whistleblower in den USA an, ­illegale Geschäfte zu tätigen. Der Deutsche wusste von diesem Moment an, dass er ins Visier der Justiz geraten könnte. Und tat danach alles, um sein Vermögen vor dem Zugriff der Justiz und geschädigter Anleger zu schützen.

So liess er über den Treuhänder M.* in Zürich zwischen Mai 2006 und Oktober 2007 Dutzende Millionen zu Firmen unter M.s Kontrolle transferieren. Dann übertrug er vor seinem Abtauchen einen guten Teil seines Vermögens an seine Frau und seine zwei Kinder. Und schliesslich reichte das Ehepaar Homm am 7. August 2006 die Scheidung ein – ein rein strategischer Schritt, wie die Strafverfolger glauben. Als gemeinsames Vermögen gaben sie 1,6 Millionen Dollar an. Kaum waren die Scheidungspapiere an diesem Tag deponiert, begann der Zürcher Treuhänder die Spur des Millionenvermögens zu verwischen. Er informierte das Ehepaar, es seien 16 Millionen Euro und zwei Millionen Dollar auf die Konten der Firma New York Art Trading, die er kontrollierte, transferiert worden. Er fügte noch hinzu: «Wir verwalten und bewahren dies für Euch.»

Eine Scheidung allein zum Schein – darauf deuten auch E-Mails hin, die das Paar vor und nach der angeblichen Trennung ausgetauscht hat. So schloss Susan D. eine Woche vor der Scheidung eine Mail mit: «Grosse, grosse Umarmung. Ich liebe Dich». Drei Wochen später schrieb sie, sie müsste zwar reserviert klingen, ob sie nicht doch ein wenig rührselig sein dürfe? «Nein», wies sie sich selbst zurecht, «ich muss widerstehen».

Im Februar 2007 dann weilten die beiden auf Shopping-Tour für ein Haus in Marbella, Spanien. Am 24. des Monats beantwortete Homm eine E-Mail eines Grundstückmaklers über ein Kaufobjekt. Er schrieb: «Das rote Haus, zu dunkel für Susan, off the list, gestrichen.» Und am 28. August 2007, drei Monate nachdem die Scheidung auch formell vollzogen worden war, schrieb er ihr: «Wenn ich Erfolg habe, werden die Kinder und Du auf einem Mehrgenerationen-Vermögen sitzen.» Auch als ihn sechs Jahre später die italienischen Carabinieri in Florenz verhafteten, flanierte er mit Susan und dem gemeinsamen Sohn durch die Hallen des Museums für antike Kunst, die Uffizien.

Am 8. März 2013 verhafteten italienische Carabinieri Florian Homm in den Uffizien in Florenz als er mit seiner Ex-Frau und dem gemeinsamen Sohn das Museum für antike Kunst besuchte

Am 8. März 2013 verhafteten italienische Carabinieri Florian Homm in den Uffizien in Florenz als er mit seiner Ex-Frau und dem gemeinsamen Sohn das Museum für antike Kunst besuchte

Dies alles spricht für die Ermittler dafür, dass die Scheidung ein abgekartetes Spiel und Teil eines komplexen Geldwäscherei-Schemas war. Die Schweizer Ermittler verfügen über Bankdokumente und E-Mails, die zeigen, wie Gehilfen in Zürich Millionenbeträge durch Firmen, Stiftungen und Bankkonten etwa bei der CS und der UBS hin- und herschoben. Zentrale Schaltstellen waren ein Konto bei der Investec Bank in Australien sowie mehrere Stiftungen in Liechtenstein wie die Brek- oder die Loyr-Stiftung mit Konten in der Schweiz. Als die Bundesanwaltschaft zu ermitteln begann, zog Susan D. umgehend etliche Millionen aus der Schweiz ab. Für die Anweisungen dazu benutzte sie den Decknamen Julia Brown.

Mit einem Kniff half Treuhänder M. auch, die Besitzverhältnisse von Kunstwerken und kostbaren Möbeln zu verschleiern. Susan D. erstellte ein Inventar ihrer wertvollen Gegenstände aus einer Villa auf Mallorca. Gestützt darauf fertigte M. im Namen der Firma New York Art Trading eine Leihvereinbarung aus. Diese bescheinigte vermeintlich, dass die Firma die Ware im Wert von zwei Millionen Euro an Homms Ex-Frau ausgeliehen habe – der Vertrag wurde rückdatiert, auf das Jahr 2004.

Homms Wandel
vom skrupellosen Financier...

...zum geläuterten
Maria-Verehrer.

Unterstützung hatte Susan D. auch von Zürcher Anwälten. So transferierte sie beispielsweise zwischen Oktober 2007 und Mai 2008 1,4 Millionen Franken auf ein Konto bei der UBS im Namen des Zürcher Advokaten K. Der kaufte damit mit Bargeld Goldstücke im Wert von 1,38 Millionen Franken. In der Einvernahme bei der Bundesanwaltschaft im Mai 2012 gab Susan D. offenbar zu, das Gold sei in einem Bankschliessfach ausserhalb der Schweiz deponiert ­worden. Wo, wissen die Ermittler nicht. Gegen Susan D. ist in den USA am 1. Juni 2015 Strafanzeige wegen Verdacht auf Geldwäscherei eingereicht worden.

Die Bundesanwaltschaft hätte Homms Zürcher Treuhänder M. bereits diesen Sommer den Prozess am Bundesstrafgericht in Bellinzona machen wollen. Doch die Richter wiesen die Anklage zurück. Sie könnten nicht über M. alleine urteilen, eine Abtrennung vom Verfahren gegen Homm sei nicht zulässig. Nun muss die Bundesanwaltschaft eine gemeinsame Anklageschrift verfassen. Es gilt für alle Beschuldigten und Verdächtigten die Unschuldsvermutung.

Susan D. war für die SonntagsZeitung nicht erreichbar. Florian Homm sagt, er blicke gelassen auf das Verfahren in der Schweiz. Solange er von keinem Gericht wegen illegaler Geschäftspraktiken verurteilt werde – «etwas, das nie geschehen wird» –, fehle die Vortat für Geldwäscherei. Die Theorie der Schein-Scheidung sei «absolut lächerlich», eine «Fata Morgana der Anklage». Es gebe viele Zeugen, die die schwierige Trennung und seine Eskapaden mit anderen Frauen mitbekommen hätten. Dass er und Susan D. auch nach der Scheidung per E-Mail Gefühle ausgetauscht hätten, sei nach 18 Ehejahren völlig normal.

Auch Homms Treuhänder M. in Zürich wehrt sich gegen die Vorwürfe. Er sieht das Strafverfahren als Vendetta der Bundesanwaltschaft gegen ihn. «Eigentlich ist Homm das Ziel, doch sie reagieren sich an mir ab.» Er habe von Homm im Jahr 2006 ein Mandat erhalten. «Der Auftrag war plausibel, und es lagen Empfehlungsschreiben von Schweizer Banken für Herrn Homm vor. Als mir 2008 bei der Sache unwohl wurde, habe ich das Mandat niedergelegt.» M. hat gegen die Bundesanwaltschaft fünf Verfahren wegen Amtsmissbrauch angestrengt. Ein ausserordentlicher Staatsanwalt des Bundes untersucht die Vorwürfe.

Homm hat letzte Woche sein zweites Buch veröffentlicht. Titel: «225 Jahre Knast: Die Bekehrung eines berüchtigten Finanziers.» Es sei der Muttergottes gewidmet, steht im Vorwort. Sie habe ihm «dieses kleine Büchlein mit ermutigenden und erleuchtenden Botschaften na­hegebracht».

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Catherine Boss
Christian Brönnimann

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