Geldwäscherei-Skandal: Mit UBS-Gold die Spuren verwischt

Bundesanwaltschaft lässt bei neun Banken in der Schweiz 14 Konten sperren

Neue Informationen aus den Geldwäscherei-Ermittlungen der Bundesanwaltschaft (BA) gegen den deutschen Financier Florian Homm zeigen skandalöse Praktiken selbst namhafter Schweizer Banken auf. Die Affäre reiht sich in die Kriminalfälle Werner K. Rey, Bernhard Madoff oder Dieter Behring ein. Sie prellten Investoren um gigantische Beträge, und am Schluss war das Geld der Anleger weg. Im neuen Fall haben Finanzinstitute willfährig, zum Teil wohl auch rechtswidrig mitgeholfen, Spuren des Millionenvermögens von Homm zu verwischen. Es geht um dubiose Goldtransporte, Bargeldbezüge in Millionenhöhe und Bankangestellte, die Ermittlungsgeheimnisse an Verdächtige weiterleiteten. Mindestens drei Banken führten Konten für ein Phantom – sie merkten nicht, dass Homm eine Tarnidentität benutzte, mit gefälschtem Pass.

Netz aus 120 Bankkonten und 91 Firmen auf 4 Kontinenten

Homm wird beschuldigt, Anleger um 200 Millionen Dollar betrogen und seit 2006 rund 116 Millionen in der Schweiz versteckt zu haben. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen ihn laufen unter dem Codenamen Homard, zu Deutsch Hummer. Graziella De Falco, zuständige Staatsanwältin des Bundes, und ihre Finanzanalystin D. H.* sind dabei, die harte Schale des Krustentiers aufzubrechen. Stück für Stück legen die Ermittlerinnen offen, wie das Homm-Vermögen mit einem riesigen Netz aus über 120 Bankkonten, 91 Firmen auf 4 Kontinenten und Strohmännern in aller Welt verstecken werden sollte.

De Falco hat in den letzten Jahren bei 9 Schweizer Banken 14  Konten sperren lassen, bisher 13 Länder um Rechtshilfe ersucht, 8 Hausdurchsuchungen angeordnet und 30 Personen einvernommen. Hilfe erhält sie von der New Yorker Staatsanwältin Eileen M. Decker. Auch sie führt ein Verfahren gegen Homm wegen Geldwäscherei und Betrugs. Soeben hat ein Gericht in den USA weitere Ermittlungen zugelassen.

Es gehört zum Repertoire der Geldwäscher, Finanzflüsse immer mal wieder zu unterbrechen. Gerät eine Firma ins Visier der Ermittler, kommt dadurch nicht gleich das ganze Firmen- und Kontennetz ans Licht. Die Ermittler sind überzeugt, dass Homm und sein Zürcher Treuhänder M.* besonders raffiniert vorgegangen sind. Und sie glauben, dass zum Beispiel eine Goldtransaktion bei der UBS beim Verwischen von Spuren eine Rolle spielte.

Das Fahrzeug des Transportunternehmens C.* fuhr am 30. Januar 2008 bei der UBS-Filiale in Zürich-Altstetten vor, um 125 Kilo Goldbarren aufzuladen. Die UBS übergab ihm eine Liste mit den Nummern der Barren. Wohin die Ware gebracht wurde, ist nicht restlos geklärt. Vermutlich in ein Freilager. Bereits vier Monate zuvor hatte Homms Treuhänder M. eine Ladung von 118 Kilogramm Goldbarren von der UBS gekauft und an denselben Ort liefern lassen. Insgesamt hatte er somit von der UBS 243 Kilo Gold, präzis 7822,307 Unzen Feingewicht, im Wert von sechs Millionen Dollar bezogen. M. bezahlte die beiden Lieferungen mit Homm-Geldern von einem Konto in Australien.

Kaum hatte der Transporteur das UBS-Gold abgeladen, erhielt er am Tag danach die Order per E-Mail, das Gold wieder zur UBS zurückzubringen. Wörtlich schrieb M.: «. . . diesen Posten (. . .) wieder unter einem anderen Kunden einliefern lassen – wie immer.»

1,8 Millionen Dollar auf das Konto von Homms Tarnidentität

Es hätte für die Bank dank den Barren-Nummern auf einen Blick ersichtlich sein müssen, dass es sich um dieselbe Goldlieferung handelte. Die Compliance-Abteilung verlangte zwar vom zuständigen UBS-Banker, den Golddeal zu erklären, doch eine interne Notiz der Bank zeigt, dass dieser dafür offenbar unwahre Angaben machte. In der Notiz steht, drei Klienten mit Konten bei der UBS hätten vor etwa zwei Jahren gemeinsam in einem «Pool» Goldbarren gekauft und sie nun wieder veräussert. Hätten die UBS-Kontrolleure nachgeforscht, wäre schnell klar geworden, dass die Goldbarren im eigenen Haus innert Tagen hin und her verschoben wurden.

Der Erlös aus dem Goldverkauf ging auf ein UBS-Konto, über das M. verfügte. Von dort aus überwies er noch am selben Tag 1,8 Millionen Dollar auf ein UBS-Konto einer Gesellschaft eines Colin Trainor, der Tarnidentität von Homm. Eine weitere Million transferierte er auf ein drittes UBS-Konto, ein beträchtlicher Teil wurde später bar abgehoben, und der Rest landete auf einem Konto bei der Bank Pictet, wo es die BA im Mai 2011 einfrieren liess.

Die Bemerkung des Treuhänders in der E-Mail an den Transporteur, er solle die Barren wieder zurückliefern auf ein Konto eines anderen Kunden – «wie immer» –, lässt vermuten, dass solche Goldtransaktionen zum üblichen Geschäft gehörten. Die Bundesanwaltschaft schreibt in ihrem Ermittlungsbericht, solche «Transaktionen sind hinderlich, um die Herkunft und den Weg der Vermögenswerte zu identifizieren». Die UBS sagt auf Anfrage, sie sei nicht Teil von Verfahren in diesem Zusammenhang. Zudem würde sie die Sorgfaltspflicht im Kampf gegen die Geldwäscherei ernst nehmen und folge strengen Know-Your-Customer-Richtlinien. Die BA untersucht eine weitere Goldtransaktion bei der CS.

Ein leichtes Spiel hatte Homms Treuhänder auch bei der Bank Reichmuth & Co. Dort konnte er problemlos über 10 Millionen in bar verschieben. Eigentlich hätten in der Bank die Warnlampen aufleuchten sollen, doch keiner hat interveniert. Am 31. August 2007 eröffnete der Treuhänder bei Reichmuth & Co. zwei Konten, eines auf seine eigene Firma, das andere auf eine Gesellschaft von Colin Trainor alias Florian Homm.

Nur eine Woche später liess er 12,9 Millionen Dollar aus Homms Vermögen von einer norwegischen Bank auf das erste Konto bei Reichmuth überweisen. Kaum war das Geld dort verbucht, hob er pro forma am selben Tag den vollen Betrag bar ab und zahlte die gleiche Summe auf das Konto von Colin Trainors Gesellschaft wieder ein. Und dies ohne präzise Herkunftsangabe. Die Baraus- und -einzahlung war mutmasslich nur vorgetäuscht, denn die Bank verfügt im Alltagsgeschäft gar nicht über so viel Bargeld. Mit der Transaktion war der sogenannte Paper Trail, die nachvollziehbare Spur des Geldes, für Aussenstehende verwischt.

Abstruse Geschichte über Kontoauflösung bei der CS

In den Bankunterlagen von Reichmuth finden sich dazu abstruse Angaben des Treuhänders. Er gab an, der Kunde wolle «aus persönlichen Gründen seine Bank» wechseln. Deshalb sollen «diskret» circa 12 Millionen Dollar von der Credit Suisse zur Reichmuth übertragen werden, ohne dass die CS «Kenntnis erhält, dass die Gelder nun bei Reichmuth liegen», wie der Treuhänder schrieb.

Nur: Das Geld kam gar nie von der CS, sondern von der norwegischen Bank direkt zu Reichmuth. Wie ist es möglich, dass der Bankmitarbeiter keine Ahnung hatte, woher das Geld kam? Und warum ist dem Kader der Bank nicht aufgefallen, dass in ihrem Haus am selben Tag 12,9 Millionen angeblich in bar abgehoben und gleich wieder auf ein anderes Konto einbezahlt wurden?

Seit dem Geldwäscherei-Gesetz von 1997 sind die Banken aufgefordert, bei unüblichen Transaktionen besonders wachsam zu sein. Der Fall Homm zeigt, dass die Abwehr äusserst lückenhaft ist.

Die Kopie des gefälschten Passes im Namen von Colin Trainor mit Homms Foto fanden die Ermittler in den Bankunterlagen. Die Bank hatte die Pflicht zur Identifizierung des Eigentümers dem Treuhänder überlassen. Das ist eine der Lücken in der Geldwäscherei-Abwehr der Schweiz.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Homms Treuhänder M. sehr wohl wusste, dass sein Auftraggeber eine Tarnidentität benutzte. So besass auch er eine Kopie des gefälschten Passes. Zudem fanden die Ermittler bei einer Hausdurchsuchung in seinem Büro eine Mappe, die er mit «Homm/Trainor» beschriftet hatte. In der Einvernahme bestritt M. etwas gewusst zu haben.

Bankchef Christof Reichmuth will nichts zum konkreten Fall sagen, merkt jedoch an, dass es in seiner Bank erst mit dem heutigen IT-System möglich sei, die Absenderbank von Geldtransaktionen zu erkennen. Zudem weist er darauf hin, dass Reichmuth die Überprüfung von wirtschaftlich Berechtigten heute in jedem Fall selbst mache.

Besonders unverfroren haben mutmasslich Mitarbeiter der Zürcher Filiale der Bank Crédit Agricole gehandelt. Rund sechs Millionen Dollar aus Homms Vermögen schleuste der Treuhänder über dieses Finanzinstitut.

Eine Auskunftsperson erzählte den Ermittlern des Bundes, der Treuhänder hätte sich jeweils an zwei Mitarbeiter der Bank gewendet, wenn es um Transaktionen ging, die andere «nicht ausführen wollten oder durften». Am 22. Juni 2009 verlangte die Bundesanwaltschaft bei der Crédit Agricole schriftlich Auskunft über Bankverbindungen. Im Schreiben wird der Bank ausdrücklich untersagt, Dritte über die Untersuchung zu informieren. Trotzdem landete das Schreiben bei Treuhänder M. Am 22. Juli 2009 durchsuchten die Strafverfolger seine Büroräumlichkeiten und fanden den Brief auf seinem Pult. Kurz zuvor hatte M. Homm-Gelder von dieser Bank abgezogen.

Kommission für beteiligte Banker der Crédit Agricole

Zudem steht ein gravierender Verdacht im Raum: Die Auskunftsperson erzählte der BA auch, die Banker bei der Crédit Agricole seien für ihre Dienste an Kommissionen des Treuhänders beteiligt worden. Für diese Praxis sprechen handschriftliche Notizen des Treuhänders aus dem Jahr 2005. Dort vermerkte er jeweils neben dem Betrag einer Transaktion den Anteil, den der Banker für sich persönlich erhalten sollte. Auch dies verstiesse gegen das Gesetz. Die Crédit Agricole will sich nicht zum Fall äussern.

Auch Treuhänder M. nimmt keine Stellung. Es gilt für alle Verdächtigten die Unschuldsvermutung.

Eine Viertelmillion Euro für einen Pass

Im Bankengeschäft lautet eine der wichtigsten Regeln «Know your customer», kenne deinen Kunden. Doch der Fall Homm zeigt, wie einfach es für den schillernden Financier war, unter dem Pseudonym Colin Trainor mit gefälschtem Pass Konten für seine Firmen zu führen. Es war kein Einzelfall: Im Verhör bei der Bundeskriminalpolizei gab ein Homm-Vertrauter Auskunft über zwei russische Klienten, die für je 250 000 Euro einen gefälschten Pass kauften.

Dubiose Goldtransporte: Der deutsche Financier Florian Homm.

Codename Hummer

Florian Homm, 59, hat von 2002 bis 2007 mit Aktienkurs-Manipulationen ein Vermögen angehäuft. In den besten Zeiten verwaltete sein Hedgefonds drei Milliarden Dollar. 2007 fiel die Geldmaschine in sich zusammen, Investoren verloren gegen 200 Millionen Dollar. Der Deutsche tauchte ab und soll über 100 Millionen in der Schweiz versteckt haben. Nach seiner Verhaftung 2013 kam er nach 14 Monaten frei und setzte sich nach Deutschland ab, wo er, trotz Haftbefehl des FBI und der Schweiz, nicht ausgeliefert wird. Unter dem Codenamen Homard, deutsch Hummer, laufen hier Geldwäschereiermittlungen.

Text
Catherine Boss, Christian Brönnimann
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