Vollstrecker im Namen Allahs

Er wurde vom IS zum Morden erzogen, nun sitzt Mohammed W. im Gefängnis. Und erzählt, wie schon in den Trainingscamps
Hunderte von Menschen «zu Übungszwecken» mit Kopfschüssen getötet wurden

Der Soldat am Schlagbaum hebt mahnend den linken Zeigefinger, als der Wagen ganz leicht vorwärtsrollt. Dabei legt er die rechte Hand auf die Pistole, die im Gurt steckt. Neben ihm steht griffbereit eine Kalaschnikow. Der Wachmann spricht ins Funkgerät, nickt dann kurz und öffnet die Schranke, ohne eine Miene zu verziehen. Auf einem ungepflasterten Weg geht es durch ein Gewirr grauer Gebäude. Es ist das Gelände eines ehemaligen Krankenhauses, das zu einem militärischen Stützpunkt der kurdischen Peshmerga im Nordirak umfunktioniert wurde. Es liegt irgendwo am Rande der Stadt Kirkuk, die zum Autonomen Kurdengebiet im Irak (KRG) gehört.

Von militärischer Ordnung ist nichts zu sehen. Kabelbäume hängen aus den Wänden, Tische und Stühle liegen kreuz und quer im Freien, daneben schmutzige Plastikeimer und verrostete alte Kübel. Dieses Fehlen jeglicher militärischen Ordnung scheint Teil der Tarnung zu sein. Denn an diesem geheimen Ort werden Gefangene verhört, meist Araber, die für den gefürchteten Islamischen Staat (IS) bei der Eroberung weiter irakischer Gebiete im Einsatz waren und von den Kurden geschnappt wurden. Geführt werden die Verhöre von Fahndern der Asayish, wie die Geheimpolizei der Autonomen Kurdenregion genannt wird.

Mohammed W. wird mit verbundenen Augen hereingeführt, die Hände mit Handschellen gefesselt. Der 21-Jährige trägt ein blaues Hemd, eine traditionelle weite kurdische Hose, die nackten Füsse stecken in schwarzen Plastiksandalen. Die Augenbinde darf er erst abnehmen, nachdem der Chef des Ermittlerteams, Kaban Hawleri (Namen geändert), eine Motorradmütze übers Gesicht gezogen hat, zum Schutz vor möglichen späteren Racheakten.

Ohne Augenbinde scheint Mohammed ein normaler junger Mann zu sein, kein brutaler Killer, wie ihm vorgeworfen wird. Die Insignien eines Kämpfers der Terrormiliz IS, nämlich ein ausgefranster Zottelbart und eine schulterlange Haarmähne, wurden ihm längst abgeschnitten. Mohammed trägt nur einen Schnauz.

Er spricht, als habe er mit der Geschichte nichts zu tun

Das Gespräch mit dem gefangenen IS-Kämpfer findet in einem nur wenige Quadratmeter grossen Büro statt. Es ist so schäbig wie der Rest der ganzen Anlage. Plastiktapeten hängen in grossen Fetzen von den Wänden. Die Stühle sind wacklig, die Fenster notdürftig geflickt und undicht. Ein Bild von Jalal Talabani, dem ehemaligen Präsidenten der KRG, kann die trostlose Atmosphäre nicht aufhellen.

Mohammed wirkt sehr bleich, wippt unaufhörlich mit den Füssen. Mit dem Daumen kratzt er sich ständig an einer Hand und hält seine Augenbinde fest. Der IS-Verdächtige ging den Fahndern vor 15 Tagen in einem Dorf in der Nähe von Kirkuk ins Netz. «Er war mit Schmugglern unterwegs», erzählt der Geheimdienstler Hawleri. «Wir hatten von einem Informanten einen Tipp bekommen und konnten ihn schnappen.»
Der kurdische Chefermittler ist auf diesen Fang besonders stolz. «Das ist ein richtiger Killer», sagt er, «dieser Araber hat viele Menschen brutal ermordet.»

Von «vielen Morden» spricht Mohammed nicht. Der junge Iraker will «nur» sechs Menschen getötet haben, und zwar unter Zwang. Das betont er mehrmals, wenn auch seltsam distanziert. Während des ganzen Gesprächs spricht er so unbeteiligt, mit starrem Gesichtsausdruck, als habe er mit seiner eigenen Geschichte nichts zu tun.

Mohammed will dem IS im Juni 2014 beigetreten sein, als dieser im Nordirak immer weitere Gebiete eroberte und die kurdische und jesidische Bevölkerung hinmetzelte. Ein gewisser Tahar Aziz Mehdi habe ihn einer Gehirnwäsche unterzogen, behauptet Mohammed. Der Mann stamme, wie er selbst, aus Aldor, einem Ort in der Nähe von Tikrit, der Heimatstadt des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. In jener Gegend absolvierte Mohammed später ein Trainingslager – eines von über 50 Ausbildungscamps, die der Islamische Staat damals im Irak und in Syrien unterhielt.
Mohammed absolvierte einen dreimonatigen Trainingskurs. Dem Chefermittler der Asayish beweist das, dass Mohammed für eine Spezialeinheit ausgebildet wurde, ein Killerkommando. «Normale IS-Rekruten werden nur 45 Tage trainiert, bevor sie eingesetzt werden», erklärt Hawleri. «Wer drei Monate ausgebildet wird, ist kein einfacher Kämpfer.» Daran gebe es keinen Zweifel.

Mohammed lernte mit Waffen umgehen und Bomben bauen und erhielt ein Kampfsporttraining. Das mag beim IS nicht aussergewöhnlich sein. Aber im Exekutieren von Menschen geschult zu werden, ist ein anderes Niveau im Trainingskatalog des IS.

«Uns wurde beigebracht, Menschen mit der Pistole hinzurichten», erzählt Mohammed ohne sichtbare Regung. Der IS habe ständig gefangene irakische Soldaten herangeschafft, dazu Zivilisten, die als Verräter bezeichnet worden seien. «Die wurden dann im Training erschossen», meint Mohammed. «Ich musste sechsmal exekutieren», fügt der junge Mann an. «Nur sechs», wiederholt er.

Vor einem irakischen Gericht könnte die Todesstrafe drohen

Insgesamt müssen es Hunderte von Opfern gewesen sein, die in Mohammeds Lager «zu Übungszwecken» mit Kopfschüssen aus der Pistole aus nächster Nähe gnadenlos ermordet wurden. In IS-Trainingscamps nehmen pro Lehrgang etwa 100 Rekruten teil. Damals, im Juni vor einem Jahr, als der IS seine Invasion im Irak startete, gab es genügend Übungsopfer. Hunderte von irakischen Soldaten, Jesiden und anderen aus IS-Sicht «Ungläubigen» fielen der Terrorgruppe bis September in die Hände. Heute weiss man, dass die Extremisten des IS vor keiner noch so brutalen Tat zurückschrecken.

Nach dem Ende seiner Ausbildung will Mohammed nicht mehr getötet haben. «Ich wurde an Kontrollposten eingesetzt, um Autos zu kontrollieren.» Das nimmt ihm der kurdische Chefermittler Hawleri nicht ab. «Wer ein derartiges Training erhalten hat, steht nicht bloss am Checkpoint», sagt der maskierte Geheimpolizist. «Der hat weiter gemordet und gemordet, entweder bei den internen IS-Sicherheitsdiensten oder an der Front.»

Darüber schweigt sich Mohammed jedoch aus und bleibt bei seiner Version der Geschichte. Er hat sich mit seinem Geständnis über die Morde im Trainingslager bereits schwer genug belastet. «Wie lange er ins Gefängnis muss», sagt Hawleri, «wird das Gericht entscheiden.» Sollte er aber nicht vor ein kurdisches, sondern ein irakisches Gericht kommen, erklärt der Fahnder weiter, könnte Mohammed die Todesstrafe drohen. «In der KRG gibt es die nicht mehr, im Irak dagegen schon.» Zum Umgang mit gefangenen IS-Kriegsverbrechern gibt es noch keine generelle Regelung. Wahrscheinlich wird darüber erst entschieden, wenn der Krieg gegen den IS geschlagen ist – wann das sein wird, steht in den Sternen. Mohammed und allen anderen gefangenen IS-Kämpfern steht eine lange Wartezeit hinter Gittern bevor, bis sie wissen, wie ihr Schicksal ausgeht.

«Ich bitte Gott um Verzeihung für meine Taten», erklärt der ehemalige IS-Kämpfer. Aber man kann ihm seine Reue kaum abnehmen. Denn da ist wieder dieser reglose Gesichtsausdruck, die leeren Augen. «Ich bin vom IS desertiert», behauptet Mohammed.

Am 15. Juli 2015, ein Jahr nach seinem Eintritt, will er die Terrorgruppe verlassen haben. Der Grund: Er habe so viele «falsche Dinge» gesehen, wie er sagt. Frauen seien wegen ungenügender Verschleierung bestraft, Leute völlig grundlos verhaftet und ermordet worden. Deshalb sei er mit seiner Frau, Vater, Mutter und Schwester geflohen. Zuerst nach Syrien, dann in die Türkei und, als ihnen dort das Geld ausging, zurück in den Irak, wo man ihn später verhaftete.

Ist Mohammed vom IS missbraucht worden und hat das nur viel zu spät erkannt? Ist er einer der Tausenden von Fusssoldaten, die einfach Opfer einer perfiden Gehirnwäsche wurden?

Ermittler Hawleri sieht Mohammeds Geschichte ganz anders. «Die meisten Einwohner seines Heimatorts sind geflohen, als der IS kam, aber er und seine Familie sind geblieben.» Im Juli dieses Jahres, als Mohammed desertiert und mit seiner Familie vor der Terrorgruppe geflüchtet sein will, war die irakische Armee im Anmarsch, und «der IS musste den Rückzug antreten», wie Hawleri sagt. Mohammed sei also nicht vor der Terrormiliz geflohen. Bis heute kämpften zwei seiner Brüder beim IS. «Die ganze Familie hatte etwas mit der Terrorgruppe zu tun.» Und wo sei Gott gewesen, fügt Hawleri an, als Mohammed die sechs Menschen exekutierte? «An Gott denkt er heute, aber damals hielt ihn das nicht vom Töten ab.»

Tag für Tag kommen neue Häftlinge ins Verhörzentrum

Für den kurdischen Fahnder bergen die Geschichten von IS-Gefangenen schon lange keine Überraschungen mehr. Er hat Hunderte von Biografien gehört. Wie viele Gefangene er im letzten Jahre verhört hat, weiss er nicht mehr. Tag für Tag werden neue Häftlinge ins Verhörzentrum gebracht, je weiter die kurdischen Peshmerga-Truppen die Extremisten zurückdrängen. So konnte vor zwei Wochen die Jesiden-Stadt Sinjar zurückerobert werden.

Angesichts der kurdischen Übermacht musste sich der IS nahezu kampflos aus der Stadt zurückziehen. Als nächstes Ziel der Kurden gilt Rojava.

«Wir haben hier alle Typen von IS-Kämpfern», erzählt Hawleri. «Viele haben studiert, einige haben sogar Doktortitel. Der Grossteil aber ist ungebildet und kommt eher aus ärmlichen Verhältnissen.» Der Vernehmungsexperte glaubt, die Popularität des IS im Irak sei auf die untergeordnete Rolle der sunnitischen Araber zurückzuführen. «Sie fühlen sich als Opfer der Politik der schiitischen Regierung in Bagdad.» Der IS könne dieses Minderwertigkeitsgefühl ausnützen.
Mohammed sitzt mit gefesselten Händen, in denen er die Augenbinde hält, stumm da. Von den Ausführungen Hawleris kann er kaum etwas verstehen. Mohammed spricht nur Arabisch, der Geheimdienstler, der ihn verhört, spricht jetzt Kurdisch.

«Der IS war mein grösster Fehler, glauben Sie mir», sagt Mohammed zum Schluss. Dann setzt er seine graue Augenbinde auf und wird aus dem tristen Büro über den Hof in die Zelle abgeführt. Erst jetzt nimmt Hawleri seine Maske ab und kann sich endlich wieder eine Zigarette anzünden – eine dieser ultradünnen und kurzen Zigaretten, die im Irak immer noch schwer in Mode sind. Tief zieht er den Rauch ein.

Text
Alfred Hackensberger

Fotos
Alberto Prieto, AFP, Keystone, Reuters

Gestaltung
Andrea Bleicher