Unsere Besten

Sie haben die Highlights des Jahres 2015 aus Film, Pop, Klassik, Literatur, Kunst verpasst? Kein Problem - hier sind sie. In praktischen Listen

Die besten Filme

1. «Birdman»
von Alejandro González Iñárritu
Flieg, Michael Keaton, flieg!
Er tut es als abgehalfterter Superheld – und landet den besten Film des Jahres.

Michael Keaton als Titelheld in «Birdman»: «Ich bin nicht das Werk deines Unterbewusstseins. Ich bin du, Arschloch.»

2. «Carol»
von Todd Haynes
So schön kann Liebe sein.

Cate Blanchett im Interview mit der SonntagsZeitung über «Carol»: «Welche lesbische Szene? Es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, es sind alles lesbische Szenen.»  

3. «Taxi Teheran»
von Jafar Panahi
Als Taxifahrer umfährt der unter Hausarrest stehende iranische Regisseur die Zensur und präsentiert einen vertrackt-witzigen Film.

«Bist wohl neu in dem Job. Ganz unten angekommen, was?» Regisseur Jafar Panahi drehte  «Taxi Teheran» trotz des Verbots durch das iranische Mullah-Regime.

4. «Mad Max: Fury Road»
von George Miller
Männer, Motoren, leicht bekleidete Frauen – und eine apokalyptische Vision, die mit allen Klischees spielt.

«Meine Welt ist Feuer und Blut.» Tom Hardy als Max Rockatansky. 

5. «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence»
von Roy Andersson
Ein Film aus lauter Tableaus – so wunderbar verschroben wie sein Titel.

«Wir wollen den Leuten bloss dabei helfen, Spass zu haben.» Holger Andersson spielt Jonathan, einen Vertreter für Vampir-Zähne und Lachsäcke.

6. «Star Wars: The Force Awakens»
von J. J. Abrams
Die Macht ist zurück.

«Sie ist eine Superheldin ohne Superkräfte.» Regisseur Thomas Cailley über seine Hauptdarstellerin Adèle Haenel.

7. «Les combattants»
von Thomas Cailley
Krieg gegen die ganze Welt: Der beste französische Film vereint Armeedrill, erste Liebe und tiefgefrorene Küken.

«Es gibt nichts Hässlicheres als eine neidische Mutter.» Die Mutter der geistig behinderten Dora (Victoria Schulz) versucht vergeblich schwanger zu werden.

8. «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern»
von Stina Werenfels
Ein Theaterstück, ganz filmisch. Der provozierendste Schweizer Film.

9. «45 Years»
von Andrew Haigh
Szene einer Ehe, grossartig gespielt von Charlotte Rampling und Tom Courtenay.

10. «Cinderella»
von Kenneth Branagh
Böse Stiefmutter, verlorener Schuh: ein altes Märchen, wunderbar neu erzählt.

«Hab Mut und sei gütig.» Cinderella (Lily James) versucht den Rat ihrer Mutter zu befolgen.

Die besten Bücher

1. Clemens J. Setz
«Die Stunde zwischen Frau und Gitarre»
Das Buchmonster des Jahres, was Umfang und Durchgedrehtheit seiner Figuren angeht.

2. Richard Flanagan
«Der schmale Pfad durchs Hinterland»
Der Dschungel und die Sätze flirren um die Wette im meisterhaften Roman des Booker-Preisträgers.

3. Tilmann Lahme
«Die Manns»
Trocken-ironische Chronik einer an Büchern und Neurosen überaus produktiven Familie.

4. Julian Barnes
«Lebensstufen»
Was tun, wenn einem der Tod das Liebste genommen hat? Barnes findet einen (Um-)Weg.

5. Anthony Doerr
«Alles Licht, das wir nicht sehen»
Krieg und Liebe, hier zwischen einer Blinden und einem Soldaten. Larger than life.

6. Rolf Lappert
«Durch den Winter»
Trotz frostiger Temperaturen ein wärmendes Buch.

7. Monique Schwitter
«Eins im Andern»
Auf der Suche nach den Verflossenen – zu Recht mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneter Roman.

8. Albrecht Schöne
«Der Briefschreiber Goethe»
Damit kann man sich dicke Goethe-Biografien sparen.

9. Jonathan Franzen
«Unschuld»
Unvermeidlich I: Der Schmöker des Jahres über Kontrolle und Überwachung.

10. Michel Houellebecq
«Unterwerfung»
Unvermeidlich II: eine politische Parabel. Oder eine politische Prophetie?

Die besten Alben

1. Kendrick Lamar
«To Pimp a Butterfly»
Komplex, lyrisch, politisch: Der Rapper schafft das unmögliche Meisterwerk.

«King Kunta» vom Album «To Pimp a Butterfly» des US-Rappers Kendrick Lamar.

2. Courtney Barnett
«Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit»
Eine neue Stimme aus Australien: rau, rösch, rockig.

«Nobody  Really Cares If You Don't Go To The Party» - ein gutes Motto für die Silvesternacht? Ab «Sometimes I Sit and Think» der Australierin Courtney Barnett.

3. Benjamin Clementine
«At Least for Now»
Die Londoner Stimme aus der Pariser Metro hat das Format für die ganz grossen Gefühle.

Nach einem Streit mit seiner Freundin verliess Clementine London und zog nach Paris. Wohl schlecht für die Freundin - aber gut für die Musik-Karriere.  

4. Sufjan Stevens
«Carrie & Lowell»
Der Singer-Songwriter aus New York porträtiert in einem bewegenden Liederzyklus seine Eltern.

Carrie, die Mutter von Sufjan Stevens, litt unter Depressionen und trank. Ihr - und seinem Stiefvater Lowell Brams - widmet der Sänger den Titel seines Albums.

5. Deichkind
«Niveau Weshalb Warum»
Die deutsche Spasstruppe attackiert mit geilem Sound unseren «Gefällt mir»-Wahn.

Ihr uns auch, Deichkind! 

6. Natalie Prass
«Natalie Prass»
Herzschmerz zum Verlieben: das zeitlos schöne Debüt einer vielversprechenden US-Sängerin.

Hören Sie gut hin: Natalie Prass, wohnt in Nashville. Wo sonst?

7. Alabama Shakes
«Sound & Color»
Direkt aus der Seele: eine starke Bluesband mit überwältigender Sängerin.

«Ist das Leben nicht erschreckend seltsam?» fragen Alabama Shakes in «Sound & Color».

8. Father John Misty
«I Love You, Honeybear»
Der ehemalige Schlagzeuger zeichnet in ausladenden Hymnen ein elendes Bild des weissen Mannes in den USA.

Im wahren Leben heisst Father John Misty ganz schlicht Joshua Tillman. Er wuchs in einer evangelikalen Familie auf, die ihm verbot, Rockmusik zu hören.

9. Bubi Eifach
«#2»
Die Berner Band rettet ein schwaches Schweizer Popjahr.

«Sie würde aui gärn, mir maches.» Bubi Eifach machen es vor: So gehen gute Mundart-Songs.  

10. Tame Impala
«Currents»
Die neue Psychedelia kommt in der Gestalt eines halluzinierenden Hipsters an einer Gitarre, die wie ein Synthesizer klingt.

«I said better late than never. Just don't make me wait forever.» Unerwiderte Liebe à la Tame Impala.

Klassik: Die Besten

1. Mozarts «Entführung aus dem Serail» mit René Jacobs
Ein Singspiel? Ein Hörspiel! So frech und frisch, wie es nur dieser Dirigent schafft.

2. Horowitz: «The Unreleased Live Recordings»
Gibt es tatsächlich noch Unbekanntes von dieser Klavierlegende? Oh ja: ganze 50 CDs.

3. Patricia Kopatchinskaja: «Take Two»
Die kommunikativste aller Geigerinnen hat Duette gesammelt – nicht nur für ihre Tochter.

Zu zweit: Kopatchinskaja im Duett mit Anthony Romaniuk.

4. Igor Levit spielt Bach, Beethoven, Rzewski
Drei Variationszyklen hat sich der derzeit meistgehypte Pianist vorgenommen. Ein Kraftakt. Und eine Sensation.

5. Erkki-Sven Tüür, Brett Dean: «Gesualdo»
Intensive zeitgenössische Auseinandersetzungen mit dem frühbarocken Avantgardisten.

6. Julie Fuchs: «Yes!»
Der Titel dieser CD mit französischen Chansons und Ähnlichem sagt schon alles.

Die französische Sopranistin Julie Fuchs entlockt uns ein lautes: «Yes!»

7. Alexander Melnikov: Schumann
Das Klaviertrio und das Klavierkonzert auf historischen Flügeln – und mit hochkarätigen Verbündeten.

8. Julia Lezhneva: Händel
Wie schafft sie nur all diese verrückten Koloraturen? Egal, sie schafft sie. Locker.

Die Eltern der russischen Sopranistin Julia Leschnewa sind Geophysiker und wollten, dass die Tochter Mathematikerin wird.

9. «Les menus plaisirs de Louis XIV»
Eine Archivarbeit der spannenden Art: Auf 10 CDs wird die Musikbibliothek des Sonnenkönigs präsentiert.

10. Gli Incogniti: Vivaldi, Teatro alla moda
Nein, Vivaldi-Konzert klingen nicht immer gleich.

Kunst: Die Besten

1. «Our Product» von Pamela Rosenkranz in Venedig
Sie hat den Schweizer Pavillon so gekonnt überschwemmt, dass Venedigs Aqua alta in den Hintergrund trat.

2. Marlene Dumas (Riehen)
Rosmarie Trockel (Bregenz)
Miriam Cahn (Aarau)
Drei starke Ausstellungen von drei tollen Frauen in einem Jahr – so soll es sein

Das Bild «Schneewittchen und der gebrochene Arm» in der Ausstellung «The Image As Burden» von Marlene Dumas in Riehen BS.

Das Bild «Schneewittchen und der gebrochene Arm» in der Ausstellung «The Image As Burden» von Marlene Dumas in Riehen BS.

3. Auf der Suche nach 0.10
in der Fondation Beyeler
Stunde null der Konzeptkunst (und des totalitären Denkens),100 Jahre später hochaktuell.

Der Raum von Malewitsch mit dem «Schwarzen Quadrat»  in der Ausstellung von 1915\/1916 in St. Petersburg.

Der Raum von Malewitsch mit dem «Schwarzen Quadrat»  in der Ausstellung von 1915/1916 in St. Petersburg.

4. «Future Present»
im Schaulager Basel
Wegweisende Kunst, von Privaten für die Öffentlichkeit gesammelt – das Wunder der Emanuel-Hoffmann-Stiftung.

5. «Paul Gauguin»
in der Fondation Beyeler
Ein Blockbuster echter Güte: glühende Leinwände, 370 000 Besucher, auch Keanu Reeves.

6. «Richard Deacon»,
«Vaclav Pozarek»«Phyllida Barlow»
in Winterthur, Solothurn und St. Gallen
Endlich grosse Schauen der klugen Bildhauer – es ist Zeit, 3-D ernst zu nehmen.

7. «Christian Marclay»
im Aarauer Kunsthaus
Der Sound wird Bild - Peng!

8. Haerizadehs & Rahmanian
in der Kunsthalle Zürich
Der neue Leiter Daniel Baumann eröffnet mit einem Ausstellungsfeuerwerk.

9. Xanti Schawinsky
Migrosmuseum Zürich
Die gut gelaunte Entdeckung des Jahres: der Schweizer Bauhaus-Tausendsassa.

10. «Sinnliche Ungewissheit»
und «John Waters»
im Kunsthaus Zürich
Zwei Privatsammlungen bringen die Lust am Spiel ins Haus am Heimplatz.

Überschätzt

1. «Jurassic World»
von Colin Trevorrow
Die Killer-Dinos erschütterten das Box-Office, aber die Story ist arg geklont.

«Jurassic World»: Dinosaurs Revisited.

2. Bond-Song von Sam Smith«Writing’s on the Wall»
Der 007-Song würde besser zu «Meerjungfrauen küssen besser 2» passen.

Oh Sam! Bond-Song mit angezogener Handbremse. 

3. Javier Marías
«So fängt das Schlimme an»
Gewiss, Marías ist ein grosser Autor. Aber sein neues Buch ist schrecklich verplaudert.

4. «Meisterwerke der Sammlung Blocher»
im Museum Oskar Reinhart
Hodler ja, Giacometti ja, Anker und Dietrich sind aber Lokalhelden, nicht Weltklasse.

5. «The Lion King»
Das Musical lief in Basel sieben Monate lang. Doch seine zwanzig Jahre alte Ästhetik ist überholt.

6. Jenny Erpenbeck«Gehen, ging, gegangen»
Jenny Erpenbeck hat tolle Romane geschrieben. Diesen hat sie aber in den Sand des Gutmenschentums gesetzt.

7. «Inspiration Japan»
im Kunsthaus Zürich
Gut besucht, doch gar beliebig in der Auswahl vom Kimono bis zur erotischen Zeichnung.

8. «1001 Nacht»
von Miguel Gomes
Insgesamt 381 Minuten Film – hochgelobt, weil jeder stolz ist, der das durchsteht.

«1001 Nacht»: Was zu viel ist, ist zu viel.

9. «Tristan und Isolde»
in Bayreuth
Festspielchefin Katharina Wagner wäre von den Genen her prädestiniert gewesen für die Inszenierung. Von den Regiefähigkeiten her nicht.

10. Das neue «Literarische Quartett» (ZDF)
Literaturkritik ist das nicht. Unterhaltung auch nicht. Was dann? Gehetztes Durcheinandergequatsche.