Gute Frau, das funktioniert so!

Dass Männer Frauen die Welt erklären, ist für letztere nichts Neues. Jetzt gibt es einen Begriff dafür: Mansplaining

to mansplain. Verb. Silbentrennung: man·splain
Aussprache:/manˈspleɪn/
aus dem Englischen für: man (Mann) und to explain (erklären)
Nomen: mansplaining

Weil die Welt männlich ist – weil sie nun mal ist, wie sie ist –, gibt es Dinge, die nur Frauen kennen. Damit ist nichts Gynäkologisches gemeint. Sondern einfach die Tatsache, dass es sich als die andere Hälfte halt anders lebt in einer Umgebung, die maskulin geprägt ist,und zwar in jeder Hinsicht.

Man kennt es nicht anders als Frau, so ist das halt, und wem das jetzt zu feministisch ist, und wer darum mit den Augen rollt, der überlege es sich so: Schwarze erleben die Welt auch anders als Weisse, weil die Welt nun mal weiss ist.

Und deshalb gibt es Dinge, die nur Frauen kennen und Männer kaum je erleben, wofür sie indes nichts können, es handelt sich hier um eine knochentrockene Feststellung.

Frauen reden auch kaum je darüber; man zuckt die Schultern, und meist beschäftigt man sich nicht ausgiebig damit, sonst käme man ja auch nirgends hin.

Aber wenn dann eine etwas anspricht, etwas schildert und benennt, das alle Frauen kennen, dann fühlt sich das gut an. Richtig gut.

Und so war das Echo enorm, als Rebecca Solnit, amerikanische Historikerin, Kunstkritikerin, Schriftstellerin, vor fünf Jahren für einen Blog einen Essay schrieb, der da hiess: «Wenn Männer mir die Welt erklären».

Frauen mussten nur die Überschrift lesen, und sie wussten, worum es ging.

Sie kennen es, das Phänomen. Es ist so weit verbreitet, dass im Nachgang von Solnits Text eigens ein Wort dafür erfunden wurde: «Mansplaining», ein Zusammenzug aus den Wörtern «man» und «explain».

Auf Deutsch übersetzt klingt es weniger knackig, man muss sich mit dem gespreizteren «Herrklärer» behelfen.

Erklären oder Schweigen? Ein Selbsttest.

Erklären oder Schweigen? Ein Selbsttest.

«Mansplaining» wurde 2010 von der «New York Times» zu einem der Wörter des Jahres gekürt, die Australier wählten es 2014 gar zum Wort des Jahres. Es scheint also was dran zu sein an der weiblichen Wahrnehmung, dass Männer Frauen häufig und gerne belehren.

Den kurzen Text, der das alles ausgelöst hatte, schrieb Solnit an einem einzigen Morgen nieder, in einer Mischung aus Furor und Amüsement, denn ihr hatte am Abend zuvor einmal mehr ein Mann die Welt erklärt.

Die Welt bestand im Fotografen Eadweard Muybridge, über den Solnit ein Buch geschrieben hatte. Ihr Gegenüber dozierte über dessen Werk und zitierte dabei auch aus ihrem Buch, völlig verkennend, dass er der Autorin gegenüber sass. Die versuchte ihn ein paar Mal zu unterbrechen und ihm zu versichern, dass sie bei diesem Sujet zufälligerweise ein klein wenig Bescheid wisse, es war aussichtslos.

Als er doch einmal Luft holte und sie endlich zu Wort kam und ihn aufklären konnte, stutzte er kurz – um ungerührt fortzufahren mit seinem Monolog.

Männer erklären Frauen, wie man richtig stillt, wie Frauen sich beim Sex fühlen und das prämenstruelle Syndrom

Rebecca Solnit und ihre Freundin lachten ob der Episode Tränen auf dem Nachhauseweg, und doch mischte sich da eine gewisse Portion Wut mit hinein, weil sie fand: Das habe ich schon so oft erlebt, es reicht. Sie hackte ihren Essay am nächsten Morgen in einem Schnurz runter.

Die Frauen liebten sie dafür. Der Text wurde zehntausendfach verschickt und kommentiert, die «Los Angeles Times» druckte ihn nach.

Vor einem Jahr veröffentlichte Solnit ein Buch mit demselben Titel und sechs weiteren Essays zum Thema, jetzt erschien es auch auf Deutsch.

Solnit rannte bei ihren Geschlechtsgenossinnen nicht offene Türen ein, sondern nachgerade Scheunentore.

Es entstanden Blogs, in denen Frauen Mansplaining-Erfahrungen austauschten; auf einem beschrieben etwa Akademikerinnen, welch oberlehrerhafte Behandlung sie sich von männlichen Kollegen – zum Teil weniger erfahrenen oder schlicht weniger kompetenten – mit schöner Regelmässigkeit gefallen lassen müssten.

Sie sind nicht die Einzigen. Es gibt Männer, die einer Önologin die Sache mit dem Wein erklären und einer Anwältin das Arbeitsrecht, sie erklären einer Chirurgin die Herzmassage oder einer Frau, die regelmässig für eine fünfköpfige Familie kocht, die richtige Zubereitung von Pasta.

Es gibt solche, die jungen Müttern erklären, wie sie stillen sollten, und solche, die einem das PMS erklären oder wie Frauen sich beim Sex fühlen. Und es gibt die, die einem nach Artikeln wie diesem E-Mails schreiben und seitenlang darlegen, weshalb man völlig falsch liege.

Manchmal kommt es jovial daher. Manchmal paternalistisch. Manchmal einfach nur überheblich.

Manchmal ist es als gut meinend getarnt, wie wenn das weibliche Gegenüber Hilfe benötigen würde, auch wenn es gar nicht um diese gebeten hat; das ist dann in Tat und Wahrheit gönnerhaft.

Manchmal ist es demütigend, weil dem Sermon noch ein «Gute Frau» angehängt wird oder gern auch ein «Meitli», selbst dann, wenn das Meitli die 30 längst überschritten hat und eigentlich ziemlich gut ist, in dem, was sie tut.

Kaum ein Mann würde heute noch sagen, Frauen seien irgendwie inferior, so dumm ist ja keiner

Manchmal ist es lustig, wenn sich da wieder einer aufplustert vor einem. Dann lässt man den Monolog über sich ergehen, nickt in regelmässigen Abständen und sagt hin und wieder «Ah ja?» und «Wirklich?» und denkt dabei an etwas Schönes. Frauen beherrschen das im Schlaf.

Und manchmal regt es einen furchtbar auf. Weil es ja nicht von ungefähr kommt, dass Männer meinen, Frauen bräuchten Nachhilfeunterricht in allerhand Belangen. Rebecca Solnit führt das in ihrem Buch anhand von sechs weiteren Essays aus, und sie spannt den Bogen weit, bis zu Dominique Strauss-Kahn und dessen Umgang mit einem Zimmermädchen.

Das ist dann ziemlich harte Kost, vor allem, weil Solnit recht damit hat, wenn sie schreibt, dass die Geringschätzung durch Mansplaining nur der Anfang sei, sich dahinter schlicht und einfach fehlender Respekt verberge. Der dazu führt, dass Männer Frauen automatisch für weniger klug und wert halten und deshalb meinen, nicht nur verbal über sie verfügen zu können, sondern auch körperlich.

Kaum ein Mann würde heute noch sagen, Frauen seien irgendwie inferior, so dumm ist ja keiner.

Aber tief drinnen ist sie offenbar immer noch da, diese Überzeugung, und sie manifestiert sich in der Selbstverständlichkeit, sich Frauen gegenüber gewisse Dinge herausnehmen zu können.
Man ahnt plötzlich, weshalb es sich mitunter so beschissen anfühlt, wenn einem wieder einmal ungefragt die Welt erklärt wird.

Der Mansplainer wird spätestens an dieser Stelle Luft holen, um zu einer Brandrede anzusetzen, weshalb Solnit keine Ahnung von gar nichts habe; er weiss es, aber klar doch, besser.

«Eines der Probleme von Herrklärern besteht darin, dass sie sich immer so verdammt sicher sind in ihren Urteilen und so verdammt unexperimentell beim Denken.»

Peter Praschl, «Welt am Sonntag»

Auf Wikimannia, einer Seite, die sich selbst das Gütesiegel «Unsere Garantie: feminismusfreie Informationen!» verliehen hat, steht denn auch: «Mansplaining ist ein feministischer Begriff, mit dem der männliche Standpunkt in einer Debatte negativ konnotiert werden soll. Die männliche Sicht auf ein Thema soll also bewusst mit dem Hinweis entwertet werden, dass sie männlich ist.»

Das ist natürlich etwas gar humorfrei und doch recht mansplainig, obschon die Adressaten vermutlich Männer sind.

Und wer immer das geschrieben hat, hat Solnits Text nicht gelesen. Denn sie hält explizit fest, dass nicht alle Männer Mansplainer sind und dass es auch Frauen gibt, die zum Dozieren neigen. Aber es geht beim Herrklären ja eben um mehr als bloss darum, dass sich einer gern reden hört.

Und deshalb wollen wir einem Mann das Schlusswort geben, einem, der just das verstanden hat, nämlich dem Journalisten der «Welt am Sonntag», der unlängst schrieb: «Könnte es nicht sein, dass Solnit einen Punkt damit hat? Was würde einen daran hindern, ihn zu konzedieren – selbst wenn man ein Mann ist? Eines der Probleme von Herrklärern besteht darin, dass sie sich immer so verdammt sicher sind in ihren Urteilen und so verdammt unexperimentell beim Denken.»

So erklärt die US-Website «Upworthy» wie Männer «mansplainen».