Drum quäle sich, wer fit sein will für den Job

Triathlon, Extrem-Radrennen, Fitness um 5 Uhr früh: Strapaziöser Ausdauersport ist das neue Hobby der Manager

Stefan Pfister, 47, Chef von KPMG Schweiz: Familientermine vom Wochenende werden in das Trainingsprogramm eingebaut.

Das Intervalltraining frühmorgens hasst er. Zweimal die Woche schwingt sich Amag-Chef Morten Hannesbo zu Hause auf sein Wattbike – ein ultramodernes Indoor-Bike, das Trettechnik und Leistung bei jeder Pedalumdrehung misst. Das, was ein ehemaliger deutscher Radprofi einst «Kotzprogramm» nannte, tut sich Hannesbo um halb sechs Uhr morgens an: 50 Minuten lang jeweils für kurze Zeit auf Höchstleistung fahren, gefolgt von kurzen Erholungseinheiten.

Am Wochenende widmet sich der 53-jährige Manager dann dem Ausdauertraining. Samstags sind drei Stunden auf dem Rennrad oder Crossbike angesagt, der Sonntag ist für einen rund zweistündigen Trip auf dem Mountainbike reserviert. Dort sind meist seine Sportfreunde dabei. 7000 Radkilometer wollte Hannesbo dieses Jahr abgespult haben. «Ich bin jetzt bei 7050 Kilometern», sagt der Amag-Chef stolz.

Auch Stefan Pfister nützt die frühen Morgenstunden, um seine zehn wöchentlichen Trainingsstunden auf dem Bike zu erreichen. Der CEO von KPMG Schweiz quält sich jeweils um 5 Uhr morgens mit dem Bike ins Zürcher Dolder rauf und wieder runter in die Stadt – das Ganze zehnmal hintereinander. Rauf und runter, rauf und runter. «Ich muss meine Trainingsstunden akribisch planen», sagt Pfister. Das geht so weit, dass er schon mal Termine, die die Familie am Wochenende hat, in den Trainingsplan einbaut. Dann fährt die Frau mit den Kindern im Auto zu Besuch bei der Verwandtschaft, während Pfister dieselbe Strecke auf dem Bike fährt. «Wenn meine Kinder im Auto sind, vermissen sie mich sowieso nicht», meint der Manager augenzwinkernd. Er ist überzeugt: «Der Sport macht mich leistungsfähiger im Job.»

Morten Hannesbo, 53, Amag-Chef: Im Jahr 2015 über 7000 km auf dem Velo gefahren.

Morten Hannesbo sieht es gleich. «Wenn ich nicht so fit wäre, hätte ich die letzten zwei Monate nicht durchgestanden», sagt der oberste Verantwortliche des VW-Generalimporteurs Amag, der in den Strudel des Abgasskandals gerissen wurde. Von einem Tag auf den andern ist die E-Mail-Flut Hannesbos um 100 Prozent angestiegen, eine Krisensitzung jagte die nächste. «Im Sport lernt man, seine Ressourcen einzuteilen.»

Raiffeisen-Chef Gisel hat sich dem Triathlon verschrieben
Biken, rennen, schwimmen – und das nicht bloss zum Vergnügen, sondern exzessiv: Viele Konzernchefs gehen nicht mehr nur am Schreibtisch aufs Ganze, sondern auch in ihrer Freizeit.

Der «Economist» schreibt von einem «Kult der extremen physischen Ausdauer unter Führungskräften».

Beispiel Patrik Gisel: Der neue Raiffeisen-Chef betreibt eine der anstrengendsten Sportdisziplinen überhaupt: den Triathlon. Seine Assistentin verfügt über eine Liste mit sämtlichen Hallenbädern und Fitnessclubs der Schweiz, wie in einem «Bilanz»-Porträt zu lesen war. Ist Gisel unterwegs, recherchiert seine Assistentin schon im Voraus, wo ihr Chef zwischen zwei Meetings noch rasch trainieren kann. Apple-Chef Tim Cook wiederum ist jeweils schon um 5 Uhr beim Work-out. Der CEO der Airline Virgin America schwingt sich kurz nach 4.15 Uhr aufs Bike.

Die Manager leiden am «Himalaja-Phänomen»

Auch die Organisatoren der Tortour beobachten, dass der Körperkult der Manager Blüten treibt. Das Schweizer Nonstop-Velorennen, bei dem es eine Strecke von 1000 Kilometern zu absolvieren gilt, wurde vor sieben Jahren ins Leben gerufen. Heute zählt die Tortour bereits 600 Teilnehmer und gilt als Prestige-Event unter ambitionierten Managern. Mit von der Lustpartie sind auch Corporate Teams, etwa von Ringier oder Tamedia. KPMG-Boss Pfister möchte nächstes Jahr mit einem Team aus der Firma partizipieren.

Wer sich der Tortour unterzieht, muss nicht nur gut in die Pedale treten können, sondern auch mit Schlafentzug umgehen können. «An der Tortour ist man 34 Stunden am Stück wach, das ist eine Herausforderung, die echt Spass macht», schwärmt Amag-Chef Morten Hannesbo.

IWC-Chef Georges Kern, selbst ein passionierter Tortour-Absolvent und Sponsor des Rennens, bekräftigt: «Immer mehr Manager fahren Rad, und die Zahl der Rennen, an denen sie teilnehmen können, steigt. Das ist wichtig, weil sich Manager immer Ziele setzen.»

«Himalaja-Phänomen» nennt der deutsche Psychiater Hamid Peseschkian dieses Phänomen. «Man will immer höher hinaus und ist doch nie am Ziel», sagt Peseschkian. Für den Fachmann ist es auch bezeichnend, dass sich Wirtschaftsführer meist für Einzel- und nicht für Teamsport entscheiden. Da haben sie die volle Kontrolle über ihr Tun.

Marc-André Giger, 54, Strategieberater: Er trainiert für die Teilnahme am Norseman-Triathlon in Norwegen.

So wie Marc-André Giger, 54. Der frühere CEO des Dachverbandes Swiss Olympic ist heute Strategieberater für den Gesundheits- und öffentlichen Sektor bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Mit über 50 Jahren absolvierte er seinen ersten Triathlon.

Seither hat es ihn gepackt. Giger trainiert 5 bis 15 Stunden pro Woche. Vor zwei Jahr hat er erstmals am Ironman Frankreich in Nizza teilgenommen: 4 Kilometer schwimmen im offenen Meer, 180 Kilometer Rad fahren und noch 42 Kilometer rennen. «Ein grandioses Erlebnis in sensationeller Kulisse», schwärmt Giger. 14 Stunden sei er unterwegs gewesen. Ohne akribische Vorbereitung ist so ein Rennen unmöglich durchzustehen. Steht ein Ironman an, findet sich Giger regelmässig um 5.30 Uhr im Hallenbad ein – oft begleitet von seinem Sohn. Als er anfing mit Triathlon, nahm er sogar Schwimmunterricht, um an der Technik zu feilen.
Nun träumt Giger vom Norseman-Triathlon in Norwegen, den der britische «Telegraph» als «the world’s toughest triathlon» beschreibt, weil er auch Schwimmen im eiskalten Fjordwasser beinhaltet.

Marc-André Giger bezeichnet sich selber als Halbjahresathlet. Auf die Sommersaison hin trainiert er intensiv, in den Wintermonaten nimmt er es ruhiger, sündigt auch mal beim Essen. «Ich bin auch Genussmensch.» Wenn man ihn fragt, was ihm die körperliche Herausforderung im Business bringt, kommt die Antwort rasch: «Sportler sehen auch bei Rückschlägen das Positive. Sie müssen lernen, sich in kleinen Schritten zu motivieren. Das hilft.»

Wird das Ziel erreicht, bekommt der Fitnesstrainer einen Bonus

In der heutigen Businesswelt, die durch Beschleunigung und Leistungsdruck gezeichnet ist, wird die Askese zelebriert. Sport ist die Aufputschdroge, mit der Chefs dem Tsunami von Sitzungen, Projekten und Terminen beizukommen versuchen. Der «Economist» beschreibt den soziologischen Wandel so: «Zurzeit des Altherren-Kapitalismus strahlte die Elite eine unangestrengte Überlegenheit aus. Heute sind die Erfolgreichen erfolgreich, weil sie aufs Laufband gehen und schwitzen.»

Auch bei Georg Matuszek haben körperlich Aktive einen Bonus. Er organisiert mit seiner Firma in München prüft Firmen in Assessments auf Nachhaltigkeit. Dazu zählt auch der Faktor Corporate Fitness Management. «Sport und Leistung im Job korrelieren ganz klar», so Matuszek.
Wie hartnäckig Wirtschaftsführer auch an ihren sportlichen Zielen arbeiten, erlebt Clive Holenstein jeden Tag. Er arbeitet als Personal Trainer im Pitsch Fitnessclub, Adliswil, und weiss: «Manager gehen extrem an ihre Limiten. Viele von ihnen kommen schon um 6  Uhr.» Dann wird das Studio extra eine halbe Stunde früher geöffnet. Zu manchen von ihnen geht Holenstein auch privat.

Dann peitscht und treibt er sie an – und erntet missbilligende Blicke, wenn er sie mal zum lockeren Regenerationstraining verdonnert. «Das ist denen schlicht zu langweilig», lacht Holenstein. Steht ein Wettkampf an, wird ein genauer Ernährungsplan aufgestellt. Geht das Kalkül auf und das avisierte Resultat wird erreicht, fällt für Holenstein meist ein Bonus ab von der gut situierten Kundschaft.

Auch Morten Hannesbo mag auf seinen Fitnesscoach nicht mehr verzichten. Dieser schickt ihm wöchentlich E-Mails mit Instruktionen. 10 Kilo hat der Amag-Chef in eineinhalb Jahren abgenommen. Er misst sogar seine Schlaffrequenz. Ab 16 Uhr gibt es in der Regel keinen Espresso mehr. Alkohol nur in Massen, vor dem Wettkampf gar nicht. Trainingpeaks, Myfitnesspal, Sufferfest: Hannesbo nützt die Flut der Apps, um seine Leistungen zu verewigen und noch besser zu werden. An seinem Arm trägt er ein Jawbone-Fitnessband, das er auch nachts trägt. 191-mal war er dieses Jahr schon auf dem Bike. Und wann war er das letzte Mal im Kino? «Dafür fehlt mir wirklich die Zeit.»

«Ich bezweifle, ob Sport auf diesem Niveau noch leistungsfördernd wirkt»

Herr Peseschkian, wie erklärt sich ein Psychiater die Sportbesessenheit von Managern?

Sie sind in ihrem Denken auf das Himalaja-Phänomen konditioniert: Immer höher hinaus und doch nie am Ziel. Anerkennung ist bei diesen Menschen stark an Leistung gekoppelt. Viele lernen das schon als Kind: Lob gibts nur für gute Noten und artiges Benehmen.

Dass Sport Wohlbefinden und Belastbarkeit stärkt, ist bewiesen. Heisst das: Je mehr Training, desto besser?

Ich bezweifle, ob Sport auf diesem Niveau noch leistungsfördernd wirkt.

Ist das keine Frühprävention gegen Burn-out?

Nein, denn die vielen Leistungsziele erzeugen in sich wieder Druck. Man ist getrieben von seinem Vorhaben. Und wenn man am Wettkampf nicht brilliert, kommt das Versagergefühl.
Also lieber faulenzen?

Zwischendurch ist das gut, ja. Aber untätig zu sein, passt nicht ins Weltbild vieler Führungskräfte. Wichtig ist, dass der mentale Ausgleich auf verschiedenen Ebenen passiert.

Was meinen Sie damit?

Sport funktioniert, genau wie die Arbeit im Büro, ergebnisorientiert. Man sieht, was man erreicht, und hat die Kontrolle. Wichtig sind aber auch prozessorientierte Erlebnisse. Wer sich in der Familie engagiert, sich mit den Kindern auseinandersetzt, stärkt die Beziehungen. Das ist manchmal anstrengend, weil das Resultat der Bemühungen nicht immer sichtbar wird. Darum flüchten sich Manager auch gerne in den Sport.

Text
Karin Kofler
Fotos
Sebastian Magnani
Gestaltung
Natalie Hauswirth