Melina fehlt, jeden Tag

Im Oktober 2010 starben zwei Jugendliche bei einem Autounfall in Kloten. Die ­Mutter und die Schwester eines der Opfer erzählen, wie sie versuchen, ­zurück ins ­Leben zu finden

Am vergangenen Mittwoch, dem 1. Juli, wäre Melina 21 Jahre alt geworden. Familie, Freundinnen und Freunde haben sich am Waldrand oberhalb des Friedhofs getroffen, sie halten Cervelats übers Feuer, reden, lachen, weinen, erinnern sich gemeinsam an das lebensfrohe Mädchen, das mit 16 Jahren sterben musste. Als sich schliesslich die Nacht über die Stadt ­Kloten senkt, lassen sie Laternen in den Himmel steigen, begleitet von innigen Gedanken an Melina.

«Diese Anteilnahme tut uns so gut», sagt Melinas Mutter, zu spüren, dass ihre Tochter auch fast fünf Jahre nach dem tragischen Verkehrsunfall unvergessen ist, sei ihr ein grosser Trost. Nicole Ferrero, 49, Flight-Attendant von Beruf, und ihre Tochter Lea, 19, Praktikantin in einer Werbeagentur, haben sich bereit erklärt, über jene verhängnisvolle Nacht im Oktober 2010 zu reden. Obwohl es für sie bedeutet, einmal mehr den ganzen Schmerz zu durchleiden.

«Melinas Tod darf nicht umsonst gewesen sein», sagt Lea, die zwei Jahre jüngere Schwester, «wir haben daraus gelernt, das wollen wir weitergeben.» Ihre Mutter ergänzt: «Nicht jeder hat das Glück, ein so wunderbares Umfeld wie wir zu haben.» Deshalb wollen sie helfen, das kostenlose Angebot der Strassenopferstiftung RoadCross Schweiz bekannt zu machen. Ab diesem Sommer bietet RoadCross Schweiz begleitete Gesprächsgruppen an, für alle, die einen nahestehenden Menschen durch einen Verkehrsunfall verloren haben. Denn, so Geschäftsführerin Valesca Zaugg: Von ähnlichen Schicksalen zu hören, zu erfahren, wie andere mit diesem plötzlichen Tod umgehen, helfe, die eigene Trauer zu bewältigen und wieder zurück ins Leben zu finden.

Mutter und Tochter sitzen nebeneinander am Esstisch, in ihrem Rücken hängt gross das Schwarzweissporträt eines hübschen, blonden Mädchens. Melina ist überall. «Manchmal», sagt Lea, «höre ich mich lachen, wie Melina gelacht hat.» Sie berührt das Perlenbändchen ums Handgelenk, es hat Melina gehört. «Wir standen uns so nah», sagt Lea, alles hätten sie geteilt, «selbst die Unterwäsche», bestätigt die Mutter und lächelt traurig.

«Lea war ­unglaublich stark»:
Mutter und Tochter sind sich seit dem ­Unfall noch näher gekommen
«Wir standen uns so nah»:
Lea führt heute die Fotowand ihrer Schwester weiter

«Melina, ich will das nicht. Ich ­kenne diesen Burschen nicht»
Hier im Wohnzimmer haben sie sich das letzte Mal kurz umarmt, sie habe Melina einen schönen Abend gewünscht, erinnert sich Nicole Ferrero. Die letzten Worte, die letzte Berührung sind der Mutter enorm wichtig: «Gäll», habe sie später ihre Freundin, die an jenem Abend zu Besuch war, gefragt, «gäll, ich han sie na umarmt? Gäll, ich han sie na küsst?» Sie sei wahnsinnig froh, seien sie nicht im Krach auseinandergegangen, habe Melina nicht die Tür hinter sich zugeschlagen, «auch das kam vor», sagt Nicole Ferrero, «sie war ein Teenager».
Freitagabend wars, Melina und Lea, 16 und 14 Jahre alt, gingen erstmals miteinander so richtig in den Ausgang. «Meli», wie sie alle nannten, hatte die kleine Schwester und deren Freundinnen in eine Shisha Bar in Zürich-Seebach eingeladen. Schliesslich verdiente sie jetzt Geld, vor drei Monaten hatte sie die Lehre zur Dekorationsgestalterin begonnen. «Am Schluss habe ich bezahlt», sagt Lea und lacht, «Meli hatte nur noch 50 Franken im Portemonnaie.» «Typisch Melina», sagt die Mutter.

Zwischen Mitternacht und 0.30 Uhr hätten die Mädchen zu Hause sein sollen. Doch sie verpassten den letzten Bus nach Kloten. Melina rief ihren Kollegen K. an, ob er sie fahren könne? K., damals 20, hatte kürzlich die Lehre zum Elektromonteur abgeschlossen, der Chef überliess ihm das Firmenauto. Mehrmals schon war Melina mit K. ausgefahren – was die Mutter damals zufällig mitbekam. Sie stellte die Tochter zur Rede: «Du, Melina, ich will das nicht. Ich kenne diesen Burschen nicht.» Melina wollte nicht hören.

Wären wir doch direkt nach Hause gefahren», sagt Lea. Und nicht noch auf den Gerlisberg oberhalb von Kloten. Aber: «Melina wollte die Sterne sehen.» Sie sassen auf dem Autodach, schauten in den Sternenhimmel. «Ich weiss noch, wie ich sagte: Wow, dieser Stern ist ganz neu, den hat heute jemand bekommen.» – Die braunen Augen der Mutter, die blauen Augen der Tochter füllen sich mit Tränen. Gegenseitig reichen sie sich Papiertaschentücher.

Sie habe gedrängt, heimzugehen, erzählt Lea, sie wusste, die Mutter wartet. Ausserdem hatten sie am nächsten Tag einen Fussball-Match, Lea und Melina spielten im selben Team in Kloten. Um 1 Uhr schrieb Lea der Mutter ein SMS: «Wir sind gleich daheim.» Zehn Minuten später ist es passiert.

Melina sass angegurtet auf dem Beifahrersitz neben K.; Duarte, Lea und ihre Freundin Janti nahmen hinten Platz. K. fuhr schnell, zu schnell. «Warum nur habe ich nichts gesagt!», noch heute macht sich Lea Vorwürfe. Aber: «Wir waren glücklich, unbeschwert – was soll auf den letzten 1000 Metern noch passieren?» Musik wummerte aus den Lautsprechern: «The Way We Are» von Remady – lange Zeit habe sie das Stück nicht mehr hören können. Das Auto raste durch die Nacht, ein Baum, hell beleuchtet vom Scheinwerfer …

243 Menschen sind 2014 auf ­Schweizer Strassen tödlich verunglückt, 4043 Menschen wurden schwer verletzt. 86 Menschen starben bei Unfällen wegen überhöhter Geschwindigkeit. Die meisten Unfallverursacher sind junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Raserei, Ablenkung durchs Handy, Alkohol, die fehlende Fahrpraxis, die Gründe seien vielfältig, sagt Valesca Zaugg von RoadCross Schweiz. Autofahren werde nach wie vor mit Freiheit, mit Abenteuer assoziiert. Oft spiele die Gruppendynamik mit, «man ist aufgekratzt, man hat Wochenende». Die meisten Unfälle passieren Freitag- und Samstagnacht, man spreche denn auch von «Discounfällen».

Nicole Ferrero hatte sich inzwischen ins Bett gelegt, das Handy auf dem Nachttisch, «ich schwankte zwischen wütend und besorgt». Plötzlich leuchtete eine ihr unbekannte Nummer auf, eine Frauenstimme meldete sich, fragte, ob sie die Mutter von Lea und Melina sei. Stimmen im Hintergrund, ein Kind weinte. Dann Lea: «Mami komm! Wir hatten einen Unfall. Melina gibt keine Antwort!» Blaulicht zuckte durch die Nacht, Sirenen heulten. Es war ihr Lebenspartner Tom, der ihr schliesslich die furchtbare Nachricht überbrachte. Ab dann streikt ihre Erinnerung: «Ich hatte das Gefühl, jemand reisse mir das Herz aus der Brust.»

Melina und Duarte starben sofort. Lea, Janti und K. wurden nur leicht verletzt. Ihre Tochter habe sie an der Unfallstelle nicht mehr sehen können, sagt Nicole Ferrero: «Ich hätte sie wahnsinnig gern nochmals bewusst in den Arm genommen, ihr gesagt, ich liebe dich, du bleibst bei mir – so warm wie sie war.» Sie schluchzt, «warum nur habe ich nicht verlangt, dass sie Punkt Mitternacht zu Hause sind? Warum habe ich sie überhaupt in den Ausgang gelassen!» – Hunderte Vorwürfe, Nicole Ferrero seufzt: «Man kann die Kinder nicht beschützen.»

Zu dritt blieb die Familie bis Sonntag im Kinderspital. Ohne Kontakt zur Aussenwelt, Tom nahm Lea das Handy weg, «das war gut so», sagt sie, erst Tage später hat sie die seitenlangen Facebook-Einträge gelesen. Als sie schliesslich zurück ins beschauliche Wohnquartier in Kloten kehrten, wurden sie von der Presse erwartet. «Geschmacklos und unsensibel», findet das Nicole Ferrero. Die Nachbarn hätten sie zum Glück vor den Fotografen und Journalisten beschützt. Empört hat sie auch die Berichterstattung: «Wo war ihr Schutzengel?», titelte der «SonntagsBlick». Dazu das Foto des demolierten Autos und das Foto eines süssen Mädchens in weissem Top und Shorts, Haare hochgesteckt, grosse Rehaugen: «So lebensfroh zeigte sich Melina auf Facebook.» «Das Foto war doch für ihre Freunde und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt», sagt die Mutter.

Wie geht man mit den Medien um? Wie mit Schuldgefühlen? Wie mit dem Unfallverursacher, soll man ihm vergeben oder kann man es nicht? In den Angehörigengruppen wird über diese Themen diskutiert. Mal sitzt ein Notfallseelsorger, mal ein Experte für Rechtsfragen oder ein Journalist mit in der Runde.

Zwei Tage nach dem Unfall stellten Freunde einen Rapsong «2 Engel» auf Youtube: «Verdammt, es sött eigentlich en schöne Abig werde. Niemert hetts dänkt, dass es endet mit Sterbe.»
Die Trauer und Anteilnahme der Bewohner der Flughafenstadt war riesig: Der FC Kloten sagte alle Spiele vom Sonntag ab. Melina war Stürmerin bei den B-Juniorinnen, «wer weiss», sagt die Mutter, «vielleicht wäre sie heute an der WM in Kanada». Eine Woche nach dem Unfall zogen fast 1000 Menschen mit Fackeln die Gerlisbergstrasse hoch, «ganz Kloten hielt zusammen», sagt Lea gerührt.

Kremieren oder Erdbestattung – der Gang auf die Gemeinde war schlimm
«Unsere Freunde, unglaublich», sagt Nicole Ferrero, «alle waren sie da, vom ersten Moment an.» Sie kauften ein, sie kochten, ihre Freundin Rahel habe die ganze Wohnung mit ihr gestrichen. Sie schluchzt. Sie weiss, jeder war überfordert mit der Situation. Aber: «Zieht euch bloss nicht zurück, tut etwas, egal was!», appelliert sie an alle. Das Einzige, was sie nicht ertragen konnte, waren die Worte einer Bekannten, die mit ihr beten wollte: «Ich war wütend auf den lieben Gott. Er hat mir mein Mädchen genommen.»
Es gab so viel zu erledigen, zu organisieren: die Todesanzeige aufsetzen – «und wir glaubten, wir hätten noch so viel Zeit». Der Gang auf die Gemeinde, «ganz schlimm», sagt Nicole Ferrero, was für ein Grab wollen Sie? Kremieren oder Erdbestattung? «Ich habe mich doch nie mit solchen Dingen befasst!» Hunderte junge Leute hatten sich beim Friedhof vor der Aufbahrungshalle versammelt, manche hätten gar dort übernachtet, sie wollten Abschied nehmen von Melina, sie nochmals sehen. Die Mutter hätte das eigentlich nicht gewollt, sie liess es geschehen, «alles ist einfach so passiert». Nein, es habe ihr nicht gutgetan, als sie dann ihre Melina im Sarg liegen sah, so kalt, so fremd der Gesichtsausdruck. Aber sie habe Melina nochmals halten, ihr «Ciao» sagen und einen riesigen Strauss Rosen mit auf den Weg geben dürfen.

Die Mutter kämpft mit den Tränen, «ich dachte, ich überlebe das nicht». Aber Lea habe sie getragen, «Mami, wir schaffen das!», habe sie immer wieder gesagt, «Lea war unglaublich stark.» Sie seien sich seither noch näher gekommen, sagt die Mutter. Lea schaut glücklich: «Wir spüren einander ganz fest.» Es sei ihr ganz wichtig, dass sie es schön hätten zusammen, «ich mag es nicht, wenn wir laut diskutieren».

«Die Anteilnahme tat uns so gut»

Nicole Ferrero

Bereits vier Tage nach dem Unfall ging Lea wieder zur Schule. So, wie es ihr die Psychologin geraten hatte. Es sei wichtig, dass sie die Anteilnahme spüre, dass die Schulkameraden die Gelegenheit haben, sie zu trösten. Der Gedenktisch war beladen mit Blumen, Kerzen und Fotos – «es hat mir gutgetan». Zwei Wochen später, nach den Herbstferien, stand nur noch ein Foto von Melina da, nur noch ein welkes Blümlein, «das tat weh». Immer seltener habe man sich nach ihrem Befinden erkundigt, immer seltener sei sie auf Melina angesprochen worden.

Verkehrsunfälle sind an der Tagesordnung. Fast jeder kennt jemanden, der Opfer des Verkehrs geworden ist. Aber man verdrängt, man nimmts in Kauf. Diese Normalität, nur eine Notiz in der Zeitung – darunter würden viele Angehörige leiden, weiss Valesca Zaugg.

Regelmässig spazieren Mutter und Tochter zur Unfallstelle, legen Blumen nieder. Die Bäume in der leichten Linkskurve sind inzwischen gefällt. Und das Tempo auf der schmalen, unübersichtlichen Strasse wurde auf 60 beschränkt. Hätte diese Tempo-60-Tafel Melinas Leben gerettet? «Kaum», sagt die Mutter, «wenn einer schnell fahren will, ist ihm die Tafel egal.» Von K., der in jener Nacht die Mutter am Unfallort auf Knien um Vergebung gebeten hatte, haben sie nie mehr etwas gehört. Er wurde zu 31/2 Monaten Gefängnis auf Bewährung und 300 Franken Busse verurteilt – «er ist gestraft fürs Leben», sagt die Mutter nur.

Vor ein paar Wochen, als Mutter und Tochter einmal mehr die Unfallstelle besuchten, waren alle Erinnerungen an Melina verschwunden. Das Foto, die Engel, die Blumen, alles weg. Das habe sie sehr beschäftigt. «Wer hat das bloss getan?» Gern würde Nicole Ferrero mit einem schönen Stein am Strassenrand an Melina und Duarte erinnern. «Das wollen wir jetzt in Angriff nehmen.» Vorwärtsschauen, das Leben muss weitergehen. Lea, zur Mutter gewandt, sagt: «Ich glaube, ich spreche auch in deinem Namen, wenn ich sage, dass wir inzwischen wieder geniessen können.» Die Mutter pflichtet ihr bei: «Melina hätte nicht gewollt, dass wir an ihrem Tod zerbrechen.» Aber die Trauer, die Lücke, die sie hinterlassen hat, die bleibt. Melina fehlt, jeden Tag.

Die Unfallstelle:
Die Bäume wurden gefällt, die Geschwindigkeit auf Tempo 60 reduziert

Die Stiftung Roadcross lanciert ein neues Angebot für Hinter­bliebene von Verkehrsopfern. «Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, hilft bei der Bewältigung der Trauer und entspricht einem grossen Bedürfnis», sagt ­Valesca Zaugg, Geschäftsführerin der Stiftung. Darum werden künftig Gesprächsgruppen für Angehörige offeriert. Die Treffen finden monatlich in den Städten Zürich, Bern, St. Gallen und Luzern statt und werden von einer Fachperson begleitet.

Der Tod von Melina darf nicht umsonst gewesen sein: Nicole Ferrero und Lea unterstützen das Angebot der Strassenopferstiftung RoadCross

Infos unter: www.bewaeltigung.ch oder Tel 044 310 13 12