Macht im Anzug

Kluge Politikerinnen und Politiker setzen Mode gezielt ein.
Attraktiven Menschen hört man nämlich lieber zu

Als Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am 28. Oktober ihren Rücktritt bekannt gab, konnte sie sich eine Bemerkung nicht verkneifen. Nämlich die, wonach ihre Frisur manchmal mehr zu reden gegeben habe als das, was sie eigentlich sagte.

Wobei das ja nicht nur ihr so geht. Hillary Clinton ist sich das gewohnt wie wohl neben Angela Merkel keine andere Politikerin der Welt. Was waren Clintons Anzüge, ihr Haar, ja, sogar ihr Haargummi (konkret: ein mit Perlen besticktes Modell) in all den Jahren ihrer Karriere stets ein Thema!

Sie reagiert mittlerweile mit Humor darauf: «Wenn ich eine Story nicht auf der Frontseite der Zeitungen haben will, ändere ich meine Frisur», sagte sie einst dazu.

Frauen mögen grundsätzlich öfter, schneller und härter beurteilt werden, erst recht in optischer Hinsicht, aber es trifft längst nicht mehr nur sie. Sondern auch Männer. Und sie werden sich daran gewöhnen müssen. Was sie tragen oder wie sie ihr Haar frisieren, wird in Zukunft noch wichtiger sein als bisher.

Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau gilt als «Posterboy» der Politik.

Wir leben im Zeitalter der Bilder, die Währung ist das Äussere: Dem frisch gewählten kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau flogen die Herzen nicht nur seiner Herkunft wegen derart zu, sondern auch, weil er wegen seines guten Aussehens und seines Charmes, gepaart mit einer unübersehbaren Stilsicherheit, an den jungen Kennedy erinnert. Er wurde in der angelsächsischen Presse schon als «Posterboy» der Politikbezeichnet, was durchaus bewundernd und als Kompliment gemeint war.

Obwohl Hillary Clintons Frisur zwar regelmässig eine ganze Nation bewegen konnte, hat sie es damit dennoch nie auf die Titelseite der «New York Times» geschafft. Mitt Romney schon. Und zwar im November 2011: Da beschäftigte sich der Seite-1-Artikel der renommiertesten Zeitung der Welt mit dem Haar des damaligen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Man hatte sogar seinen Coiffeur ausfindig gemacht, der erklärte, «The Mitt» sei ein in seinem Salon beliebter Schnitt, da er für «konservativ» und «verlässlich» stehe.

Barack Obama erging es nicht besser. Als er im August 2014 eine Pressekonferenz gab, in der es um die Ukraine ging, und dazu einen beigen Anzug trug, gingen die Wogen hoch. Die helle Farbe ver­ströme zu wenig Professionalität, sehe zu sehr nach Tenue légère aus, wurde moniert, und die Kommentarspalten in den Onlineforen waren voll. Der Präsident der Vereinigten Staaten in der Mitte eines kleineren Shitstorms – wegen der Farbe Beige.

Die Frisur des Republikaners Mitt Romney war Thema auf der Seite 1 der «New York Times».

Wer sich nun empört, da sei eine Banalisierung der Politik im Gange, die Verpackung zähle mittlerweile mehr als der Inhalt, verkennt, dass wir gar nicht anders können, als auf unser Gegenüber aufgrund von Äusserlichkeiten zu reagieren und eine Wertung vorzunehmen.

Haare, Kleidung, Brille, Schuhe, Schmuck, all das vermittelt eine nonverbale Botschaft, die zur Folge hat, dass wir sofort ein Urteil fällen.

Bevor wir hören, was jemand sagt, bevor wir uns also überhaupt eine Meinung dahingehend bilden können, ob die Person etwas Substanzielles von sich gibt oder nicht, bewerten wir sie in Sekundenbruchteilen aufgrund ihres Aussehens.

Und zwar selbst dann, wenn wir überzeugt sind, uns nicht von solchen Nebensächlichkeiten ablenken oder manipulieren zu lassen.

Kleider symbolisieren nicht nur Macht, sondern auch Herkunft und Status. Ihre Wahrnehmung ist kulturabhängig, dennoch gibt es gewisse Gesetzmässigkeiten: Menschen in förmlicher Kleidung werden als weniger zugänglich, dafür aber als kompetenter empfunden. Das gilt zum Beispiel für Lehrer. Und nur schon ein weisser Kittel hilft, dass Patienten ihre Ärztin für fachkundiger halten.

Die Macht von Mode geringzuschätzen, wäre demnach nicht nur ignorant, sondern auch ziemlich dumm. Vanessa Friedman, Mode-Chefin der «New York Times», formulierte es einst so: «Kleider mögen an der Oberfläche existieren. Aber das sollte nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt werden.»

Man könnte daher die ketzerische Frage aufwerfen, ob der Niedergang des Renommees des Lehrerberufs einherging mit einer immer schludrigeren Kluft: Gesundheitslatschen verströmen nun mal weder Autorität noch Respekt.

Die Sache mit der Mode hat aber auch Vorteile, die sich, wer klug ist, zunutze macht: Während Charisma kaum lernbar ist, kann man sich mit Haaren, Kleidern und, im Falle der Frauen mit Make-up, ein neues Image zulegen.

Nicht nur in den USA sind Stylisten längst Teil der Kampagne jedes Regionalpolitikers, da wird keine Krawattenfarbe dem Zufall überlassen, hinter allem steckt eine Überlegung, die Auftritte sind nachgerade textil orchestriert.

Ist ja nur logisch: In der Politik geht es ums Verkaufen, sie ist letztlich auch ein Showgeschäft. Niemand hat das so verstanden wie, klar, Donald Trump: Seine Matte dient ihm als unverkennbares Markenzeichen.

François Hollande bekam deshalb eine markantere Brille verpasst, weil ihn sein herkömmliches randloses Gestell noch farbloser wirken liess, als er ohnehin schon war.

Ihre Berater wollten Hillary Clinton weicher: Die Haare weniger betoniert und honigblond.

Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied sich für eine zeitlose «No bullshit»-Uniform aus schwarzer Hose und farbigem Blazer.

Hillary Clintons Berater hingegen kamen zum Schluss, dass die Präsidentschaftskandidatin ein sanfteres Image brauche. «Soften up» lautete das Motto, weshalb Mrs. Clinton ihr Haar jetzt in einem warmen Honigblond und nicht mehr so betoniert trägt und auch ihre Anzüge nicht mehr wie Rüstungen daherkommen, sondern weiblicher, wärmer, weicher. Kurz: Sie wirkt nun menschlicher, zugänglicher.

Dieses Wissen machte sich auch Winona Ryder zunutze, eine Schauspielerin muss man nicht lehren: Unvergessen, wie sie 2002, wegen Ladendiebstahls angeklagt, im braven Schulmädchen-Tenü vor Gericht erschien und mit jeder Faser ihrer Garderobe vermittelte: Euer Ehren, sehen Sie doch, ich kann eigentlich kein Wässerchen trüben.

Schauspielerin Winona Ryder bei ihrer Verurteilung wegen Ladendiebstahls.

Die Glaubwürdigkeit kann durch das Textile enorm unterstützt werden: Angela Merkel entschied sich für eine zeitlose «No bullshit»-Uniform aus schwarzer Hose und einer Reihe farbiger Blazer; das wurde oft kritisiert, passt aber perfekt zu ihrer Person.

Nicht nur wegen des Understatements, sondern auch, weil sie damit unmissverständlich klar macht: Es geht hier um die Sache. Mehr Authentizität geht nicht.

Was auch heisst: Verkleiden funktioniert nicht; der Schuss geht nach hinten los, weil es anbiedernd und bemüht wirkt; deshalb kommen gefärbte Haare oder überkämmte Glatzen bei Männern so schlecht an und wirken immer lächerlich.

In der Schweiz, wo man lieber so aussieht, als habe man sich keine Mühe gegeben, wie wenn einem das Gegenüber nicht mal einen Mindestaufwand wert sei, wird der Mode keine grosse Bedeutung beigemessen. Entsprechend bieder-unbeholfen sehen Politikerinnen und Politiker oft aus; man ist schon froh, wenn bei den Männern keine bleichen Waden zwischen Schuh und Hosensaum zu sehen sind und die Frauen keine lustigen Strähnen tragen.

Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala, die sich als elegante Erscheinung erfrischend von vielen Kolleginnen abhebt, bekommt deswegen viele posi­tive Rückmeldungen.

Die FDP-Nationalrätin Doris Fiala mag kräftige Farben.

Die FDP-Nationalrätin Doris Fiala mag kräftige Farben.

Fiala liebt kräf­tige Farben und mochte sich nie verstellen; dass viele junge Frauen in der Geschäftswelt oder in der Politik vor allem neutrale Anzüge in Grau, Schwarz und Blau bevorzugen, findet sie schade – sie hat aber durchaus Verständnis: «Sie wollen nicht zuerst als Frau gesehen, sondern durch ihre Kompetenz wahrgenommen werden. Rote Fingernägel und hohe Absätze können immer noch dazu führen, dass wir Frauen unterschätzt werden. Und wenn feminine Frauen in Führungs­positionen ihre Rolle unerschrocken wahrnehmen, nimmt man ihnen fast übel, dass ein so harmlos aussehendes Wesen so kompromisslos sein kann.»

Grundsätzlich hilft es trotzdem, auf sein Äusseres zu achten.
Die Forschung weiss längst: Attraktiven, sprich auch sorgfältig gekleideten Menschen hört man nicht nur lieber und aufmerksamer zu – man lässt sich auch eher von ihnen überzeugen.

Glaubwürdigkeit kann durch Kleider enorm unterstützt werden.

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Text
Bettina Weber

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