Im Paradies gibts keine Krise

Auch wenn viele Griechen die Zukunft düster sehen – auf Mykonos geht die Sonne immer wieder auf

«Was ich von Tsipras halte?», ruft der grauhaarige Apotheker und wischt sich mit einem Frotteetuch den Schweiss aus dem Gesicht. «Tsipras ist der Zerstörer Griechenlands! Er sieht sich als Che Guevara, dabei ist er einfach nur ein Stalinist.» Der Apotheker – seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen – sieht schwarz für die Zukunft seines Landes. «Wir haben alles verloren. Jetzt bleibt uns nur noch die Hoffnung.»

Das sieht Dimitris ganz anders: «Ich glaube nicht, dass wir in die Hölle fahren, sonst wären wir längst dort.» Der Hotelangestellte – 33 Jahre, Polo-Shirt, verspiegelte Ray-Ban-Brille – steht vor der Alpha Bank. Sie ist geschlossen wie alle Banken des Landes. Nur der Geldautomat funktioniert. «Big problem», sagt Dimitris. Er habe keine EC-Karte, nur ein Bank­kärtchen aus Papier, mit dem er ­jeweils am Schalter Geld abhebe – wie Millionen anderer Griechen. «Was mache ich jetzt?»

Wir sind auf Mykonos, einer der ersten griechischen Inseln, die in den 60ern den Tourismus als Einnahmequelle entdeckten. Im Winter leben auf dem kargen, windigen Eiland – es ist etwa so gross wie die Stadt Zürich – rund 5000 Leute. Im Sommer dagegen überfluten es die Kreuzfahrttouristen, die Gay-Community und die Stars. Katy Perry war eben dort, Naomi Campbell kommt regelmässig. 2014 verzeichnete die Insel – wie der Rest Griechenlands – einen Besucherrekord. Auch für dieses Jahr zeigen die Zahlen nach oben.

Ferien in Zeiten der Krise – wie fühlt sich das an? Gleich vorweg: Als Tourist bekommt man nichts mit. Die Einheimischen sind fröhlich und gastfreundlich, man zahlt mit Kreditkarte, bezieht Geld am Bancomaten, die Restaurants offerieren das Dessert, und die Hoteliers versichern, sie hätten Lebensmittel bis Ende Saison gebunkert. Kurz: business as usual.

Auch die Schlange vor der Taxihaltestelle am Flughafen ist lang wie eh und je. Nicht mal 40 Taxis gibt es auf der Insel. Fährt eines vor, wird jeder Platz belegt. Die beiden jungen Amerikanerinnen in unserem Taxi schwärmen, wie «atemberaubend» Mykonos doch sei. Jannis, der Fahrer, zuckt nur mit den Schultern. Wohin geht Griechenland? Jannis brummt: «Das weiss keiner – am wenigsten die Regierung. Nur eines wissen wir mit Sicherheit: Es geht bergab.»

Backpacker neben Luxusshops und Champagnertrinkern

An der Uferpromenade von Mykonos-Stadt tanzen farbige Fischerboote im Wasser, weiter vorn im Hafen ankern imposante Jachten. Die weissen Häuser mit den blauen Fensterläden schmiegen sich an die trockenen Hügel, suchen Schatten unter den Feigenbäumen. Händler verkaufen Melonen aus Plastikkisten, eine alte Frau kühlt ihre Beine im Meer.

Typisch griechisch? Nicht nur: Mykonos ist schicker geworden in den letzten Jahren. Der Glamour der 60er, als Jackie Onassis die Insel berühmt machte, ist zurück. Noch bietet das Eiland aber einen guten Mix: Modische Bistrots stehen neben rustikalen Tavernen, Louis Vuitton neben Souvenirshops, junge Backpacker aus It­a­lien essen einen 5-Euro-Kebab neben dem Innendesigner aus New York, der Champagner schlürft. In der Boutique Delou verkauft Angeliki hübsche Sandalen. Das Problem Griechenlands, sagt sie, seien die hohen Steuern. «Ich arbeite rund um die Uhr und verdiene doch fast nichts. Und da wirft uns Europa vor, wir wären faul!»

«Es fehlt die Luft zum Atmen, wir sind gefangen im eigenen Land»

Im Viertel Little Venice verkaufen zwei Pakistaner Selfie-Sticks, Chinesen knipsen die alten Windmühlen. Der Sonnenuntergang ist ­kitschig, wie er sein muss – nur ­leider steht genau ein Kreuzfahrtschiff davor. Die Erdbeer-Margarita schmeckt trotzdem. Alex, der 25-jährige Kellner, sagt: «Griechenland befindet sich mitten in einem Krieg: einem Wirtschaftskrieg.» Er könne die Nachrichten nicht mehr lesen, da ziehe sich sein Herz zusammen. «Wir sind erschöpft. Hätten wir nicht den Tourismus, wären wir am Ende.»

Um 23 Uhr sind wir zurück in unserem Bed & Breakfast. Der alte Hotelbesitzer sitzt im Innenhof. «You go sleep? Now?», fragt er ungläubig. Ob uns Mykonos etwa nicht gefalle, fragt er. Wie sieht er die Situation Griechenlands? Er sagt: «Uns fehlt die Luft zum Atmen. Wir sind Gefangene im eigenen Land.» Immerhin, Tsipras sei der beste Mann in der Regierung seit 40 Jahren. «Er ist der Erste, der es gewagt hat, den Mächtigen in der EU die Stirn zu bieten.»

Tags darauf, 10 Uhr. Das zarte Miau einer herumstreunenden Katze weckt uns. Auf dem Trottoir vor dem Hotel schläft eine Alk-Leiche. Erbrochenes klebt an seinem Shirt. «Der liegt schon seit fünf Stunden hier», sagt der alte Hotelbesitzer und fügt stolz hinzu: «Only in Mykonos!» Die engen, verwinkelten Gassen, in denen man sich dauernd verirrt, sind jetzt fast leer. Aus den Bäckereien riecht es nach frischen Croissants, man grüsst uns mit «Good morning, ladys!» Jeder Einheimische hält drei Dinge in der Hand: Handy, Autoschlüssel und einen Freddo Cappuccino im Plastikbecher.

Trinken, fummeln, aber ein Promi lässt lange auf sich warten

Radfahren? Das finden die Griechen keine gute Idee. Die Insel sei viel zu hügelig, sagen sie, obwohl der höchste «Berg» gerade mal 373 Meter hoch ist. Wir nehmen also den Bus zum Super Paradise Beach. Der Fahrer heisst Christopher. Glaubt er an Tsipras? «Ich glaube an gar nichts», sagt der 25-Jährige, der nur in der Sommersaison auf Mykonos arbeitet. «Die EU tut uns nicht gut. So kann es mit Griechenland nicht weitergehen.»

Der Super Paradise Beach ist gegen Mittag noch herrlich entspannt. Die erste Liegestuhlreihe ist leer bis auf ein Schweizer Paar, das den «Blick» liest. 30 Euro kostet ein Schirm mit zwei Betten, in der zweiten Reihe sind es noch 25 Euro – Mykonos ist nicht günstig. Die junge Kellnerin sagt, man spüre die Krise auch auf der Insel. «Die Einheimischen machen sich grosse Sorgen.» Die Bancomat-Limite von 50 Euro findet sie reine Augen­wischerei. «All meine Freunde in Athen verdienen nicht mehr als 500 Euro im Monat – da kann man genau zehn Tage lang 50 Euro abheben, danach ist das Konto leer.»

Um 15 Uhr kommt Leben in den Strand. Man bestellt die ersten Mojitos, eine Asiatin läuft zwischen den Liegestühlen hindurch und bietet Massagen an, im Shop gehen bereits die Flaschenöffner aus geschnitzten Holzpenissen über den Ladentisch. Man sieht: verbrannte Rücken, Muskelpakete in Strings, ein paar FKK-Freunde und viele aufgeklebte Gold-Tattoos. Aber immer noch keine Stars! Dafür ist das Wasser glasklar und erfrischend, kleine Fische schwimmen vor unseren Füssen davon.

Gegen Abend wechseln wir zum nahen Paradise Beach in den Tropicana Club. Wer hat gesagt, die Jugendlichen würden keinen Al­kohol mehr trinken? Von diesem Trend ist hier definitiv nichts zu spüren. Alle tanzen auf den Tischen, man kippt Shots mit Namen «Wet pussy» oder «Quick fuck», da wird gefummelt und geknutscht. Die Sicherheitsleute sind damit beschäftigt, die betrunkenen Teen­ager in die Seitenlage zu bringen.

Zurück in Mykonos-Stadt. Um Mitternacht gibts in den Gassen kein Durchkommen mehr. Immer noch haben wir keinen Promi gesichtet! Im Restaurant Nautilus lernen wir Christos kennen. Er vermietet 400 Quads und Scooters. Die Berichte über Buchungseinbrüche kann er nicht bestätigen, im Gegenteil: «Ich bin 20 Prozent über dem Niveau von 2014.» Vor einigen Jahren sei Russell Crowe bei ihm gewesen und habe einen Quad gemietet, erzählt er weiter. Christos ist seit 23 Jahren im Sommer auf der Insel. Was mag er hier? «Mykonos hält dich jung», sagt er. Die Insel sei zwar klein und überschaubar, aber man langweile sich nie. Die EU? «Wir gehören dazu, da bleiben wir.» Wohin geht Griechenland? Christos kippt sein Gläschen Mastika, ein süsser Likör, und sagt: «Wir Griechen sind notorische Optimisten. Am Ende wird alles gut.»

Übrigens, einen Promi haben wir doch noch gesehen! Er sass auf dem Rückflug ein paar Reihen vor uns: Sven Epiney.

Die Reise wurde unterstützt von TUI Suisse

Tipps und Infos: Wenn die Sonne untergeht und die Dragqueens erwachen

Anreise
Edelweiss Air fliegt montags, mittwochs und sonntags direkt von Zürich nach Mykonos. Ab ca. 300 Fr., www.flyedelweiss.com
Arrangement/Unterkunft
TUI ist Marktführer in Griechenland, rund jede dritte Pauschalbuchung kommt über TUI. Für Mykonos gibt es folgende Arrangements: 1 Woche im Island Bungalow Deluxe Sea View im 5-Stern-Hotel Grecotel Mykonos Blu kostet ab 1291 Fr./Person inkl. Frühstück und Flug mit Edelweiss ab Zürich. Das Hotel liegt am Psarou-Strand und verfügt über eine tolle Küche. Im 3,5-Stern-Haus Myconian Kohili Korali Thalasso Spa dagegen schläft man mit tollem Blick auf Mykonos-Stadt. Ab 876 Fr./Person im DZ inkl. Frühstück und Flug ab Zürich. Buchen: Tel 0848 848 444
www.tui.ch
Gut zu wissen
Auch nach der Einigung am Eurokrisengipfel empfiehlt es sich, etwas mehr Bargeld als üblich mitzunehmen. Weitere Infos: www.eda.admin.ch/reisehinweise

Essen/Trinken
– Buddha Bar Beach: Mykonos wird gern mit Ibiza verglichen – von dort wurde auch die Buddha Bar importiert. Erst im Mai eröffnet, im frisch renovierten Santa Marina Resort beim Ornos Strand. Toller Fisch, gute Sushi, Aussicht auf die Jachten. Real Madrids Stargoalie Iker Casillas war bereits da. www.santa-marina.gr
www.buddhabarbeachmykonos.gr

– Kiki’s: das Gegenteil der Buddha Bar; einfache Taverne beim Strand Agios Sostis. Meerblick, fröhliche Gastgeber, Fisch vom Grill. Reservation nicht möglich – man wartet schnell mal eine Stunde.

– Nautilus: hübsches Lokal in Mykonos-Stadt, ­Tische in der Gasse, man isst Mastello, gegrillter Käse, oder Linguine mit Hummer. Faire Preise, netter Gastgeber. Zum Verdauen gibts Mastika, süssen Likör. www.nautilus-mykonos.gr

Ausgehen
– Semeli: tolle Bar in Little Venice, leckere Cocktails, Sonnenuntergang
www.semelithebar.gr
– Elysium: Ein «straight friendly hotel», anders gesagt: Man darf auch als Nicht-Schwuler rein, ist aber in der Minderheit. Hier findet jeden Abend eine witzige Dragqueen-Show statt. Der Blick geht über die Stadt, man schlürft einen «Elysium Pornstar Martini» (im Abgang wie Kaugummi). www.elysiumhotel.com

– Jackie O’: bekannte Schwulenbar in der Stadt mit Ableger am Super Paradise Beach. Dragqueen-Show um 2 Uhr nachts. www.jackieo­mykonos.com
www.jackieobeach.com
– Open-Air-Kino: für alle, die es ruhiger mögen. www.cinemanto.gr

Strände
– Super Paradise Beach & Paradise Beach: Party, Party, Party. www.superparadise.com.gr
www.tropicanamykonos.com

– Psarou: familiär, windgeschützt. Am Ende des Strandes liegt Nammos, eines der teuersten Beach-Restaurants der Insel. www.nammos.gr

– Agios Sostis: keine Musik, keine Sonnen­schirme, keine Liegestühle. Der Strand liegt im Norden der Insel, wo es oft stark windet. Dafür ist das Kiki’s dort.

Herumkommen
Das Bussystem funktioniert gut und ist günstig. Die meisten Busse fahren im Halbstundentakt von Mykonos-Stadt zu den Stränden. Wer lieber individuell unterwegs ist, mietet einen Scooter oder einen Quad, zum Beispiel bei Rizoswww.rizosbikes.gr

Allgemeine Infos
www.visitgreece.gr

Text
Stefanie Rigutto

Fotos
Elisabeth Real

Gestaltung
Natalie Hauswirth