IS-Öl an Schweizer Tankstellen

Experten glauben, dass Händler das Risiko eingehen, Öl der Terrororganisation zu kaufen

Hunderte Millionen Dollar verdient der Islamische Staat (IS) ­gemäss Experten mit dem Verkauf von Rohöl. Er finanziert damit nicht nur seine Kriege, in denen Tausende massakriert und versklavt werden, sondern auch die Ausbildung von Terroristen – zum Beispiel jenen, die in Paris vor vier Wochen 130 meist junge Party­gänger mit Maschinengewehren und Bomben ermordeten.

Is Kämpfer in XXX

Is Kämpfer in XXX

Das Massaker war der Start für eine beispiellose globale Fahndung nach den direkten und indirekten Geldgebern des IS. Jetzt wird es konkret: Am Dienstag beschlossen die EU-Finanzminister ein rigoroses Vorgehen gegen die Terrorfinanzierung. Heute Sonntag tagt in Paris die Financial Action Task Force (FATF), das wichtigste internationale Gremium der Ermittler gegen die Terrorfinanzierung, um Sofortmassnahmen zu ­diskutieren. Und am kommenden Donnerstag treffen sich die 15 Finanzminister des UNO-Sicherheitsrates, um «zusätzliche not­wendige Schritte» zu beschliessen.

Mit der weltweiten Jagd nach den Käufern des IS-Öls geraten unweigerlich auch die Ölhändler ins Visier – und damit die Schweiz, denn ein Drittel des globalen Ölhandels wird über die Alpenrepublik abgewickelt. Auf Anfrage weisen sämtliche Händler den Verdacht weit von sich, mit IS-Öl zu handeln. Alle Massnahmen zur Kontrolle würden ergriffen, man führe kein IS-Öl im Portefeuille, heisst es. Experten sind jedoch ander Meinung.

«Das Risiko ist gross, dass IS-Öl bei Schweizer Händlern landet», sagt zum Beispiel Jean-Charles Brisard, Autor zahlreicher Expertisen über Terrorismus-Finanzierung und früherer ­Berater für den US-Senat. «Öl ist eine ­austauschbare Ware, die sich nicht zurückverfolgen lässt.» Anders als zum Beispiel Kunstschätze könne man illegales Öl mit legalem ­beliebig mischen und verkaufen.

Auch Daniel Thelesklaf, seit Freitag neuer Präsident der Europarat-Expertengruppe zur Umsetzung von Massnahmen gegen Terro­­r­­is- musfinanzierung, sieht ein Risiko, dass Schweizer Händler ­betroffen sind. «Man kann zwar die Herkunft von Öl chemisch ziemlich genau bestimmen, doch es werden auch Raffinerie-Methoden angewendet, die dies unmöglich machen. Sobald dann verschiedene Öllieferungen vermischt ­werden, lässt sich nicht mehr feststellen, ob es aus Syrien kommt.»

Hinter vorgehaltener Hand sagen das die Schweizer Ölhändler sogar selber. «Es ist unmöglich, sicher zu sein, dass bei kurdischem ­Rohöl aus der Türkei nicht auch Öl aus IS-Quellen beigemischt ist», sagt ein Händler aus Genf. Wie das IS-Öl ins Portefeuille eines Schweizer Händlers gelangen könnte, zeigt eine Rekonstruktion der Lieferwege anhand von Recherchen und den Aussagen von Experten.

Der Weg des IS-Öls: Von den türkischen Häfen nach Europa

Zu den Käufern von IS-Öl in ­Syrien gehören zahlreiche Schmuggler, die bar bezahlen und das Öl dann unter grösster Geheimhaltung in Trucks oder gar mit Eseln in ­Fässern weiterverfrachten. Zahlreiche Studien und Berichte zeigen, dass ein Teil davon bei kurdischen Gruppen im Nordirak landet. «Das IS-Öl wird von Händlern verkauft, die in den irakischen Kurdengebieten stationiert sind», sagt ein Genfer Händler, der ­spezialisiert ist auf Öl aus dieser Region und sich auch dort aufhielt.

Für die IS sind die Kurden ­ideale Abnehmer. Weil die irakische Zentralregierung ihnen verbietet, Öl zu verkaufen, tun sie es unter dem Radar. Die kurdischen Händler exportieren das Öl sehr diskret über ein effizientes Parallelnetz, und genau dies machen sich Schmuggler zunutze, um ihr IS-Öl auf den Markt zu bringen. ­Ihnen kommt entgegen, dass das kurdische Öl die gleichen Merkmale aufweist wie das des IS: Es ist schwer und hat einen hohen Schwefelgehalt.

Die IS-Schmuggler sollen das Öl auch direkt in die Türkei verfrachten. Letzte Woche erklärte der stellvertretende russische Verteidigungsminister Anatoli Antonow anhand von Satellitenbildern, dass «mindestens 8500 Tanklastwagen» in illegale Geschäfte mit Ölprodukten verwickelt seien. Auch die Türkei selber sagt, dass sie das Ziel ist von geschmuggeltem Öl des IS.

Die Finanzermittler der Financial Action Task Force (FATF) ­veröffentlichten im Februar eine detaillierte Analyse zur Finanzie­rung des IS. Darin erklärt die Türkei, dass die Zahl der Schmuggelvorfälle mit Öl an der Grenze zu Syrien drastisch ge­stiegen sei, von 4000 Vorfällen im Jahr 2012 auf 10 000 im letzten Jahr. Dass es sich dabei vor allem um IS-Öl handelt, zeigt der Verlauf der Daten. «Nach der Eroberung der syrischen Erdölfelder durch den IS im Sommer 2014 stieg die Zahl der Beschlagnahmungen von geschmuggeltem Öl massiv», heisst es im FATF-Bericht.

Türkische Lastwagen bringen kurdisches Rohöl aus dem Irak in die Türkei: In diese Bestände soll auch geschmuggeltes Öl des IS gemischt sein.

Egal ob via Kurdengebiete oder über Schmuggelpfade – ist das Öl erst einmal in der Türkei, hat es den Weltmarkt praktisch erreicht. Die Türkei pumpt riesige Ölmengen aus den Grenzgebieten zu Syrien und Irak an ihre Mittelmeerhäfen zum Beispiel nach Ceyhan. Dass Öl des IS dorthin angelangt, zeigen wiederum statistische Analysen.

Der britische Sicherheitsexperte George Kiourktsoglou hat festgestellt, dass die Auslastung in Ceyhan 2014 entgegen den Markttendenzen stieg. «Und sie stimmt genau mit den Zeiten überein, in denen der IS die Kontrolle über die Ölfelder in Syrien und im Irak über­nommen hat», sagt Kiourktsoglou.

Vom Hafen Ceyhan werden jährlich 50 Millionen Tonnen Rohöl exportiert, und spätestens hier mischen nun auch Schweizer Händler mit. Welche Schiffe den Hafen Ceyhan mit Öl an Bord verlassen haben und wer die Transaktion finanzierte, zeigen Tabellen der Firma Clarkson Research Services, ein führender Anbieter von Schifffahrtsdaten.

Dieser Datenbank zufolge haben mehrere in der Schweiz ansässige Unternehmen in diesem Jahr Öl über den Hafen Ceyhan gekauft. Am 28. März zum Beispiel charterte die Firma Litasco den Tanker Neverland Angel des Unternehmens Finaval, um 80 000 Tonnen Erdöl aus dem Hafen von Ceyhan abzutransportieren. Litasco verfügt über eine Niederlassung in Genf. Für das Jahr 2015 finden sich sechs weitere Öl-Transporte von Litasco aus Ceyhan. Auch die Firma ST Shipping, die zu Glencore gehört, taucht in den Daten auf.

Die genannten Firmen versichern, es sei trotzdem unmöglich, dass sich IS-Öl in ihren Beständen befinde. Litasco will keine Geschäftsangelegenheiten kommentieren, die Firma versichert aber, dass sie alle Gesetze sowie die eigenen ethischen Standards strikte einhielten. Glencore erklärt, alles Mögliche unternommen zu haben, um das Risiko auszuschliessen, dass Öl vom IS in ihren Beständen landet. «Wir kennen unsere Geschäftspartner und unsere Zulieferer und wir haben keinerlei Kontakt mit Parteien, die illegale Geschäfte betreiben», sagt Glencore. Auch die Schweizer Markt­führer Vitol und Trafigura sagen, sie verfügten über ein absolut zuverlässiges System zur Gewährleistung der Rückverfolgbarkeit, ohne weitere Details zu nennen.

Am 29. Oktober letzten Jahres lud das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zwei Schweizer Ölhandelsfirmen nach Bern ein. Mit am Tisch sassen auch Vertreter der US-Regierung, die gegen die Finanzierung des IS mit Öl vorgehen. «Die beiden Handelsfirmen mit Domizil in der Schweiz waren eingeladen, ihre Einschätzungen abzugeben über das Volumen und den Ablauf des Ölhandels der Schweiz», bestätigt das Seco.

«Seitens der Ölhandelsfirmen wird es als unwahrscheinlich erachtet, dass der IS Erdöl in grösseren Mengen auf den internationalen Markt bringen kann», versichert das Seco. Diese Stellungnahme des Seco bedeute im Umkehrschluss: Es ist anzunehmen, dass kleinere Mengen von IS-Öl frei gehandelt werden.

Mit anderen Worten: Die Schweizer Behörde und die betroffenen Rohstofffirmen können nicht garantieren, dass auch die Schweiz frei ist von IS-Öl. Finanz­ermittler Thelesklaf sagt: «Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein kleiner Teil des Benzins, das wir an der Tankstelle beziehen, aus IS-Quellen kommt.»

Mitarbeit: Oliver Zihlmann

Die Küste in der Nähe der türkischen Hafenstadt Ceyhan: Hier landet das Rohöl aus den Kurdengebieten.

Tanker im Hafen von Ceyhan an der türkischen Mittelmeerküste.

«Wir brauchen schnellen Datenzugriff»

Mit den Ereignissen in Genf ist jetzt auch die Schweiz vom IS-Terror bedroht. Die europäischen Finanzminister wollen rigoros gegen die ­Finanzquellen des IS vorgehen. Kann man damit Anschläge verhindern?

Davon bin ich überzeugt. Das Geld ist die Achillesferse der Terrororganisationen. Es gibt Einzeltäter, die für einen Anschlag wenig Geld brauchen. Das finanzieren sie über einen Kleinkredit oder etwa über ein verkauftes Occasionsauto. Da können wir nicht sehr viel ausrichten. Doch viele Täter kommen aus Zellen und die brauchen schon sehr viel mehr Geld. Finanzflüsse hinterlassen Spuren. Da können wir ansetzen.

Sie sind neu Chef einer speziellen Experten­gruppe des Europarates zur Bekämpfung der ­Terrorismusfinanzierung. Was plant Ihre Gruppe?

Wir müssen zuerst besser verstehen, wie die Zellen der Terroristen in Europa funktionieren und wie sie sich finanzieren. Daran arbeiten wir intensiv. Dann brauchen wir schnellen Zugriff auf Daten und keine Hindernisse, diese international auszutauschen.

Funktioniert das heute nicht?

Wir haben in letzter Zeit Fortschritte gemacht, aber es ist noch viel mehr nötig. Nach einem Anschlag wie in Paris muss man innert 24 Stunden Daten zum Teil aus vielen Ländern abgleichen können – über Per­sonen, gemietete Autos, gekaufte Waffen. Dabei ­spielen Finanzdaten eine wichtige Rolle.

Wie soll die internationale Zusammenarbeit künftig aussehen?

Wir brauchen ganz klar eine bessere multinationale Kommunikation unter allen beteiligten Ermittlern und in jedem Land rund um die Uhr Finanzanalysten, die die Daten der Terroristen auswerten.

Gehört ein verstärkter Austausch mit den Nachrichtendiensten dazu?

Das wird in vielen Ländern nötig sein, auch wenn es Neuland ist. Die spezialisierten Finanzermittler arbeiten schon länger eng mit Polizeikräften zusammen –, aber bisher kaum mit Nachrichtendiensten. Das muss sich ändern.

Ungehinderten Zugriff auf Daten im Kampf gegen Terrorismus – das birgt Missbrauchspotenzial.

Ich gebe zu, es ist sehr heikel. Aber bei aller Liebe zum Rechtsstaat: Wir können einem Terroristen nicht unendliche Einsprachemöglichkeiten geben. Wenn wir gegen Terroristen eine Chance haben wollen, müssen wir schnell sein.

Wird die Bevölkerung das mittragen?

Wenn es hilft, Anschläge zu verhindern, ja. Zudem können wir die Massnahmen zeitlich begrenzen.

Eine Art Ausnahmerecht?

Nennen wir es Massnahmen in einer besonderen Bedrohungslage, die wir regelmässig darauf überprüfen müssten, ob sie noch nötig sind.

Sie verfolgen Spuren des Geldes. Doch Bargeld hinterlässt keine Spuren.

Richtig. Darüber wird auf europäischer Ebene intensiv diskutiert. Frankreich führt am 1. Januar 2016 die Obergrenze von 1000 Franken ein, Italien hat das schon. Und skandinavische Länder erwägen, Bargeld ganz abzuschaffen. Beschränkungen werden sich auch andere Länder überlegen müssen.

Auch die Schweiz?

Wie man jetzt in Genf mitverfolgen kann, betrifft es uns alle.

Interview: Catherine Boss

Ein weiterer Hafen, in dem Öl des IS gehandelt werden soll: Yumurtalik, Türkei.

Zoll untersucht Kunstimport aus Syrien

Eine wichtige Einnahmequelle für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ist laut Experten auch der Verkauf von Kulturgütern. Der UN-Sicherheitsrat erklärte, man sei besorgt, dass der IS «durch das Plündern, Schmuggeln und den Verkauf» von Kunst, «die Rekrutierung» und die «Organisation und Ausführung von Terrorattacken» mitfinanziere.

Seit Ende letzten Jahres ist der Import von antiker Kunst aus Syrien in die Schweiz strikt verboten. Umso überraschender ist, dass in der offiziellen Schweizer Aussenhandelsstatistik immer wieder Einträge von Kunstimporten aus Syrien auftauchen. Die grösste ­Lieferung der letzten Monate stammt vom März 2015 dieses Jahres: in der Kategorie «Sammelstücke und Sammlungen» ist ein Kunstimport von über 75 000 Franken zu finden.

Die Eidgenössische Zollverwaltung bestätigt die ­Lieferung. Zu den Handelspartnern will er sich aus ­Datenschutzgründen nicht äussern. Nur so viel: «Die Waren sind voraussichtlich historisch ­gesehen ­syrischen Ursprungs. Sie wurden jedoch nicht von ­Syrien aus in die Schweiz eingeführt.»

Gemäss einer gut unterrichteten Quelle, die den Fall kennt, pocht der ­Importeur darauf, dass die Ware vor dem 15. März 2011 aus Syrien exportiert worden und dann vier Jahre lang im Zollfreilager in Genf verstaut gewesen sei. Damit wären die Sammlerstücke vom Embargo ­gegen Syrien nicht betroffen.

Der Zoll hat das Bundesamt für Kultur über den Fall ­informiert. Das soll die Herkunft der Ware klären. Was der Fachbericht ergeben hat, wollte das Bundesamt für Kultur nicht kommentieren. Auch der Zoll wollte aus ­«ermittlungstaktischen Gründen» keine Stellung ­nehmen.

Barnaby Skinner und Catherine Boss

Impressum

Texte: Marie Maurisse, Oliver Zihlmann und Catherine Boss

Grafik: Marie Maurisse und Titus Plattner

Fotos: Andalou Agency, AFP, Keystone, Getty Image, Reuters, Gallo Images (PTY) LTD,

Gestaltung: Oliver Zihlmann und Titus Plattner