Krieg in Paris

Wie aus einem Albtraum erwachte Frankreich am Tag nach der blutigsten Nacht
seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

«Ich sagte mir immer wieder: Das ist nicht wahr! Das kann nicht sein! Das ist ein Albtraum!» Mit ungläubigem Entsetzen redet Sophie, 22, die nach drei Stunden Todesangst völlig verstört aus dem Pariser Konzertlokal Bataclan torkelt – und fasst so die Fassungslosigkeit der ganzen Nation in Worte. Wie in Trance erwachte Frankreich gestern nach der blutigsten Nacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zählte erschüttert die Opfer der Terrorattacken, die das Zentrum der Hauptstadt und das Fussballstadion im Vorort Saint Denis heimgesucht haben.

«Das ist eine Kriegshandlung, verübt von einer Armee von Terroristen», konstatierte sichtlich mitgenommen Staatschef François Hollande und rief noch am Freitagabend den Ausnahmezustand aus. Gestern dann bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat zur «gut vorbereiteten Aktion».

Mindestens 129 Menschen, vor allem Junge zwischen 16 und 30 Jahren, fallen den Kugeln und den Bomben von sieben Terroristen zum Opfer. Mehrere der 99 Schwerverletzten schweben noch in Lebensgefahr. 253 Verwundete sind in Pflege.

Die klare Botschaft: «Nirgends seid ihr vor uns sicher»

«Bewusst haben die Terroristen vielbesuchte Orte des Vergnügens, der Freizeit und der Geselligkeit angegriffen, mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten», sagt Polizeipräfekt Michel Cadot. Angegriffen wurden: eine Bar, eine Brasserie, ein Quartierrestaurant, eine Pizzeria, eine belebte Strasse, ein Fussballspiel, ein Rockkonzert. Ziele, die laut dem später veröffentlichten zynischen Bekennerschreiben des IS «sorgfältig ausgesucht» wurden.

Die Botschaft der Terroristen ist unmissverständlich: «Nirgends seid ihr vor uns sicher.» Und sie sind bereit zu allem: Sechs der sieben Attentäter töten sich selbst mit Sprengsätzen, die sie auf sich tragen. Sie wollen noch in der letzten Sekunde ihres Lebens andere Menschen in den Tod reissen.

Paris bietet an diesem Freitag, dem13. November, ideale Voraussetzungen für die vom IS geplanten Massaker. Die Temperaturen sind auch abends noch aussergewöhnlich mild, das freie Wochenende steht an. Im Stade de France sind 80 000 Zuschauer zusammengeströmt, um ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland zu sehen – was nach dem Spiel Stimmung und Gäste in der Innenstadt erwarten lässt.

«Tout Paris» ist auf den Beinen, um einen letzten Abend vor dem Winter draussen, in Gesellschaft, zu verbringen. Die Strassen sind voller Menschen, die Terrassen bis zum letzten Platz ­besetzt– wie jene des Petit Cambodge, einem bei jungen Leuten sehr populären Quartierrestaurant in der Nähe der Place de la République.

«Ein Tisch neben uns erwischte eine Salve. Ich glaube, alle wurden getötet»

Um 21.25 Uhr hält ein schwarzes Auto an der Kreuzung. Ohne Vorwarnung eröffnen die Insassen mit Kalachnikows das Feuer auf die Menschen an den Tischen der gegenüberliegenden Bar, dann auf die dinierenden Gäste des Quartierrestaurants.

«Ein Tisch neben uns erwischte eine Salve. Ich glaube, alle wurden getötet», sagt ein geschockter Überlebender. Zwölf Gäste sterben auf der Stelle, mehrere werden lebensgefährlich verletzt. «Überall lagen Leichen, Verwundete die schrien, zerbrochene Teller, umgekippte Stühle, überall war Blut. Ich sah einen Mann, der eine junge Frau in den Armen hielt,­ offenbar seine Freundin. Sie war tot. Alles war völlig irreal. Wie eine Fiktion», berichtet ein Augenzeuge, der in einem benachbarten Restaurant gegessen hatte.

Dasselbe Horrorszenario wiederholt sich Minuten später auf der Terrasse einer Pizzeria: fünf Tote. Danach trifft es Passanten und Gäste von mehreren Restaurants und Bars an der Rue de Garonne, einer belebten und beliebten Vergnügungsstrasse: 19 Tote.

Das Zeugen-Video.

Um 21.45 Uhr schliesslich dringen drei Terroristen ins berühmte Konzertlokal Bataclan ein, das 1500 Zuschauer fasst. Am Freitagabend ist es ausverkauft: Die US-Rockgruppe Eagles of Death Metal spielt vor einem jungen, begeisterten Publikum. Dieses merkt zuerst nicht, dass drei Männer im Saal gezielt auf die Gäste schiessen. «Ich hörte das Knallen, aber ich glaubte, dass es Teil des Spektakels sei», berichtet Augenzeugin Hermine.

Die Terroristen erschossen alle, die nicht rechtzeitig entkommen konnten

«Sie schrien ‹Allahu Akbar› und eröffneten das Feuer aus ihren automatischen Gewehren, schossen in die Rücken der Konzertbesucher», berichtet Radiomoderator Pierre Janasza, 35, der sich im Saal befand. «Als neben mir ein Mann umfiel und ich die riesige Blutlache um seinen Körper sah, begriff ich», sagt Konzertbesucher Jérôme, er kam mit einer Schusswunde am Arm davon. «Wir warfen uns alle zu Boden und versuchten, zur Bühne oder zu den Ausgängen zu robben. Die Terroristen schritten vorwärts, traten auf Leichen und Verletzte, erschossen alle, die nicht rechtzeitig entkommen konnten und am Boden lagen.»

Im Konzertsaal herrscht blinde Panik.Einigen gelingt die Flucht über die Bühne, anderen über die Notausgänge, viele verstecken sich in den Logen und Toiletten. Gemeinsam gelingt es einigen, eine doppelte Decke aufzubrechen und sich im Hohlraum zu verstecken. «Ich schlotterte drei Stunden lang in einer Loge aus Angst um mein Leben. Als man die Türe öffnete, erwartete ich den Todesschuss. Es war die Spezialeinheit der französischen Polizei», sagt Sophie.

Die Fernsehsender berichteten zunächst in ihren Sondersendungen von einer Geiselnahme. Der eilig einberufene Krisenstab um Staatschef Hollande erkennt schnell, dass die noch im Gebäude befindlichen Menschen den Terroristen nicht als Geiseln dienen. «Die Angreifer töteten weiter jeden, den sie vor ihre Gewehre bekamen», sagt Pierre Janaszak.

Anderthalb Stunden nach dem Beginn des Massakers stürmen Spezialtruppen das Konzertlokal. Zwei Terroristen sind schon tot: Sie haben rechtzeitig die Sprengsätze gezündet, die sie auf sich trugen. Nur einer der Täter stirbt durch die Kugeln der Polizei.

«Der Fehler liegt bei Hollande. Euer Präsident ist schuld. Er hätte nicht in Syrien intervenieren sollen», schrie zu Beginn des Massakers laut Pierre Janaszak einer der Terroristen in einwandfreiem Französisch.

Angst und Ungewissheit: Zuschauer sammeln sich auf dem Rasen des Stade de France.

Hollande erlebte den Beginn der Terrorwelle selbst. Er verfolgte das Fussball-Freundschaftsspiel Frankreich-Deutschland auf der Tribüne des Stade de France, als eine heftige Detonation zu hören war, gefolgt von einer zweiten, dann einer dritten.

Drei Selbstmordattentäter, denen es nicht gelungen war, bis ins gut gesicherte Stadion vorzudringen, hatten sich in die Luft gesprengt. Einen Unschuldigen rissen sie mit in den Tod. Wäre ihr Vorhaben geglückt, oder hätten sie die Menschentrauben abgewartet, die sich nach dem Spiel bei den Ausgängen bilden, läge die Opferbilanz heute wohl noch um mehrere Dutzend höher.

Alle betroffenen Quartiere werden sofort hermetisch abgeriegelt. 3000 Mann Ordnungskräfte kontrollieren die Menschen, die dem Chaos entfliehen wollen. Sie sollen verhindern, dass ein Terrorist mit der verschreckten Menge durch die Maschen schlüpft. Mit dröhnenden Sirenen fahren Krankenwagen und Ambulanzen in einer apokalyptischen Ambiance die Schwerverletzten in die Spitäler.

Um 4 Uhr morgens herrscht plötzlich eine unheimliche Stille

Leichtverletzte erhalten vor Ort erste Hilfe – oft von Anwohnern. Viele öffnen spontan ihre Wohnungen für die verstörten Menschen, verteilen Kaffee, Kleider, Verbandszeug, Pflaster, bieten ­denen, die nicht aus dem abgeriegelten Quartier hinaus können, ein Nachtlager an. Ein Amateurvideo zeigt Einwohner, die mit ­ihren eigenen Leintüchern Tote zudecken.

Um Mitternacht herrscht noch immer Angst und Panik vor weiteren Attacken. Ungewissheit, ob und wo weitere Anschläge drohen, herrscht selbst bei Polizei und Armee. Gerüchte zirkulieren, dass mehrere Terrorgruppen unterwegs seien und vom Chaos profitieren wollten, um weitere Menschen zu erschiessen. In den Halles werde erneut getötet, heisst es plötzlich.

«Wir fordern alle Einwohner auf, zu Hause zu bleiben. Es herrscht Ausnahmezustand», melden die Behörden über alle zur Verfügung stehenden Kanäle, zur ­Sicherheit der Menschen und um das Chaos in den Griff zu kriegen.

Erst um 4 Uhr morgens kehrt plötzlich Ruhe ein, eine unheimliche und beängstigende Stille. Die Lichterstadt an der Seine hat sich verbarrikadiert. Pariserinnen und Pariser betrachten mit ungläubigem Entsetzen die fürchterlichen Bilder, die sie über Fernsehen und Videobotschaften erreichen, hören die erschütternden Augenzeugenberichte der Entkommenen.

«So sah es vorgestern in Beirut aus», meint ein Fernsehkommentator fassungslos. «Jetzt ist Krieg», fasst die Zeitung «Le Parisien» den landesweiten Schock in einem Satz zusammen.

Impressum

Text
René Brunner

Fotos
Keystone
Getty Images
Dukas
Reuters

Video
«Le Monde»

Design
Oliver Zihlmann