Misano Sound Machine

Schweizer Töff-Tifosi fahren am MotoGP von San Marino voll auf den Motorenlärm ab

Lärm, Geschwindigkeit und der Geruch des Benzins: Ein MotoGP in Misano Adriatico ist ein Traum für Töfffans.

Es ist der Wunsch jedes Töff-Fans: einmal im Leben an einem Moto-GP dabei zu sein. Den Lärm, die Geschwindigkeit, den Geruch des Benzins live zu erleben. Für eine Carladung voller Töff-Fans ging der Wunsch am letzten Wochenende in Erfüllung. 45 Tifosi, mehr Männer als Frauen, die einen in Yamaha-Jacke, die andern mit Aegerter-Kappe auf dem Kopf, im Rucksack eine eingerollte Schweizer Fahne, reisten an den Motorrad-Grand-Prix San Marino in Misano bei Rimini. Die ersten wurden um Mitternacht in St. Gallen aufgeladen, die letzten stiegen um 3.45 Uhr in Bellinzona zu.

Die zwei Chauffeure, Ernst (Foto, l.)und Heinz (r.), sowie Hostess Magrit (M.) begrüssen uns an Bord des 5-Stern-Flaggschiffs «mit gewaltiger Beinfreiheit» von Domo Reisen. Doppeldecker, oben Ruheraum, unten Restaurant, Waschraum und Toilette – «Herren bitte hinsetzen, Unfallgefahr» – sowie Hostess-Rufknopf. Magrit ist zuständig fürs leibliche Wohl, hält Kartoffelsalat und heissen Beinschinken bereit. Und natürlich habe sie jede Menge Bier geladen. Irgendwann dösen alle, manche schnarchen wie daheim.

«Fahrt im komfortablen Reisebus, eine Übernachtung im 4-Stern-Hotel mit Frühstück, Wochenendticket für alle Rennklassen» – so die Ausschreibung von ITS Coop Travel. 329 Franken kostet der Spass. 2014 hatte der Veranstalter erstmals Reisen zu Formel-1-Rennen (Hockenheim und Monza) organisiert. Dieses Jahr kamen Motorradrennen (Mugello und San Marino) hinzu. Ein erfolgreiches Angebot, sagt Geschäftsführer Andi Restle. Auch weil diese Saison gleich fünf Schweizer an der Moto2-WM starten.

Sieben Stunden hin, sieben Stunden zurück für ein Töffrennen! Sara Egli, 18, war nicht begeistert von der Idee. Aber die Reise ist das Konfgeschenk für ihren Bruder Nick, 16. Und der ist Motorsportfan durch und durch. Also sitzt die ganze Familie Egli aus Münchenbuchsee BE im Car. Nick ist glücklich, er wird Vorbild Valentino Rossi in Aktion sehen. Selber fährt er den Mofa-Cup, letztes Wochenende sei er Dritter geworden, sagt stolz die Mutter.

Die ganze Familie musste mit: Die Reise ist das Konfgeschenk für Nick Egli.

Die ganze Familie musste mit: Die Reise ist das Konfgeschenk für Nick Egli.

Der Car steuert direkt zur Rennstrecke in Misano, durch schmale Strässchen, um enge Kreisel. Grande confusione! Kein Parkplatz für unseren Pullman, unseren Car. Kinder und alte Frauen halten «P»-Schildchen hoch, jeder vermietet seinen Vorgarten als Parkplatz. Keiner ist gross genug für unseren Doppelstöcker. Chaos herrscht. «Typisch Italien!», sagen die Schweizer.

Wir sind auf verschiedenen Tribünen verteilt. Fiona Welti, sie hat den Wochenend-Ausflug ihrem Freund Patrick Jahn zum 33. Geburtstag geschenkt, ist schwer enttäuscht. Obwohl sie den Zuschlag von 55 Franken für einen Sitzplatz bezahlt habe, wurden ihnen Stehplätze auf dem Grashügel zugewiesen. Sie fühlen sich im Stich gelassen, die Bus-Crew sagt, ITS Coop Travel sei für die Tickets zuständig.

Kimena und Karin Stauffer: Die Tochter in Rossi-Gelb, die Mutter in Marquez-Rot.

Kimena und Karin Stauffer: 
Die Tochter in Rossi-Gelb, die Mutter in Marquez-Rot.

Valentino Rossi verleiht Flügel.

Viele Angebote, aber keinen Parkplatz für den Reisebus: Zufahrt zur Rennstrecke Misano Adriatico.

Tifosi an der Rennstrecke: Alle decken sich mit Rossi-Devotionalien ein.

Start zum Moto3: Ein Italiener, Übername «La Bestia», gewinnt, die wunderbare italienische Hymne erschallt aus Tausenden Kehlen. Start zum Moto2, der Rennkategorie der Schweizer: Dominique Aegerter führt, das Schweizer Kreuz auf seinem Helm erscheint am Grossbildschirm. Doch es ist kein Schweizer Tag, Aegerter wird abgeschossen, Tom Lüthi wird als bester Schweizer Zehnter.

Start zum MotoGP – jetzt gehts los: «Vale, Vale, Vale! Dai, Dai, Dai!» Pfiffe für Marquez, frenetischer Jubel, als Lorenzo stürzt. Rossi übernimmt die Spitze, Edi springt auf, Edi filmt, Edi ballt die Faust. Die Gelben fallen sich in die Arme. Doch es wird auch kein Rossi-Tag, der Spanier Marc Marquez gewinnt, Rossi wird nur 5. Tausende Italiener – und es ist ganz still. Wo nur hat er die Plätze verloren, fragt sich Roberto. Die Infos über den Rennverlauf aus dem Lautsprecher gehen im Lärm der Motoren unter.

Edi Oberländer und Roberto Verona auf der Tribüne Brutapela:Rossi-Fans von Anfang an.


Edi Oberländer und Roberto Verona auf der Tribüne Brutapela:
Rossi-Fans von Anfang an.

Für fünf Meter brauchte der Car eine volle Stunde Karin und Kimena Stauffer aus Pieterlen BE, die Mutter trägt Marquez-Rot, die Tochter Rossi-Gelb, sind zufrieden mit dem Rennausgang. Rossi ist noch immer auf Kurs zum 10. WM-Titel, Marquez gehöre die Zukunft. Ein verrücktes Rennen, sind sich alle Schweizer einig. Was für ein Nervenkitzel! Und wir waren live dabei! Doch die wahre Belastungsprobe steht uns erst bevor: Sieben Stunden hätte die Heimfahrt dauern sollen, es wurden zwölf. Für die ersten fünf Meter brauchen wir eine volle Stunde. So etwas habe er noch nie erlebt, sagt Chauffeur Ernst, er fährt seit 47 Jahren, habe schon manchen Rimini-Transfer hinter sich. Es ist bereits hell an diesem Montagmorgen, als die Letzten aus dem Bus steigen.

Noch sei nicht fix, welche MotoGP 2016 angeboten werden, sagt Andi Restle von ITS Coop Travel. San Marino, Spielberg (A), Sachsenring (D) oder im tschechischen Brünn würden geprüft. Entscheidend sei, dass die Rennen mit dem Bus in zumutbarer Zeit erreichbar seien. Heikel ist er jedenfalls nicht, der echte MotoGP-Fan!

Alle lieben Vale: Lokalmatador Valentino Rossi wurde Fünfter.

Motorräder fliegen vorbei wie aggressive Hornissen
Am Samstag finden Trainings und Qualifyings statt, fünf Stunden lang fliegen die Motorräder wie aggressive Hornissen vorbei. Runde um Runde. Beim Laien stellt sich leichtes Kopfweh ein. Der Fan ist euphorisiert. In der Abendsonne fahren wir zum Hotel in Cattolica, ans Meer. Es wird gefachsimpelt: «Diese Schräglage, unglaublich», staunt Mario Santarsiero. Er trägt ein Ducati-Shirt, ist aber Rossi-Fan, genau wie seine fünf Freunde aus Schlieren ZH, gebürtige Italiener, die jedes Wochenende auf ihren Maschinen unterwegs sind. «Dieser Lärm!», schwärmt Bruno Meuwly aus Freiburg. Nie käme es ihm in den Sinn, einen Gehörschutz zu tragen.

Frühstück um 7, Abfahrt um 8 – alle wollen bereits für die Warm-ups auf der Strecke sein. Die Misano Adriatico bietet Platz für 60 000 Zuschauer, Hunderttausende werden erwartet. Kein Shuttle-Service, nichts ist organisiert, jeder reist mit dem Privatauto oder dem Motorrad an. Wir stecken im Stau. Aussteigen und zu Fuss gehen dürfen wir nicht – sonst würden wir den Car nie mehr finden. Die Chauffeure sind gereizt, «ist doch Scheisse hier», hört man Heinz fluchen, er wäre jetzt «lieber alleine unter dem Zwetschgenbaum». «Zum Glück haben wir TV im Car», witzelt einer. Eine Stunde vergeht, das erste Warm-up können wir vergessen, Nick, er trägt seinen neuen, gelben Rossi-Pulli mit der passenden Rossi-Mütze, wird nervös. «Noch zwei Stunden bis zum ersten Rennen», beruhigt der Vater.

Alle tragen Gelb! Knallgelb mit der Nummer 46, der Nummer von Valentino Rossi. Fanclubs aus ganz Europa sind seinetwegen angereist. Manch einer hat den Wuschelkopf auf den Unterschenkel tätowiert. Alle lieben Vale, den spitzbübischen 36-Jährigen, der nach dem Rennen liebevoll den Tank seiner Yamaha tätschelt. Hier hat er Heimspiel, Misano ist seine Pista da Casa.

Auf der Rossi-Tribüne geht die Welle bereits zwei Stunden vor dem MotoGP durchs gelbe Fahnenmeer. Nebenan auf der Tribüne Brutapela, der Platz kostet hier 117 Euro, sitzt man Schulter an Schulter. Edi Oberländer, Yamaha-Fahrer aus Hard bei Bregenz, filmt selbst das Warm-up. Er und sein Kollege Roberto Verona (Honda) sind Rossi-Fans seit bald 20 Jahren. Um seinen Hals baumelt ein goldener Töff. Er telefoniert mit der Frau, erkundigt sich, ob das Aufnahmegerät bereit sei. Am nächsten Tag werde das Rennen studiert und analysiert. Früher, so erzählt er, sei die Frau gerne hintendrauf gesessen, heute sei ihr das zu unbequem, zu ängstlich sei sie geworden. Diese Klage hört man von manch einem der Schweizer Männer.

Text
Chris Winteler

Fotos und Video
Moritz Hager

Gestaltung
Natalie Hauswirth