Senioren-Unfälle erreichen Rekordhoch

Trotz der steigenden Zahl von Ü-70-Unfällen streicht der Bundesrat die Verschärfungen der Fahrtüchtigkeitskontrollen

Bern Bei perfektem Motorradwetter fährt Heini Beretta letzten August mit seiner roten Ducati ST4 auf der Seestrasse Richtung Zürich. Ein Auto schwenkt auf seine Strassenseite. «Der Fahrer will bestimmt in die nächste Einfahrt einbiegen», denkt Beretta. Er täuscht sich.

Das Auto fährt geradeaus weiter. Der 42-Jährige Töfffahrer, eigentlich ein erfahrener Lenker, kann die Frontalkollision nicht mehr verhindern. Doch Beretta hat Glück. Bereits am Abend lässt ihn das Spital an Krücken wieder heim. Was er später erfährt: Der 75-jährige Autolenker war gerade beim Arzt, hatte Antibiotika bekommen und ist am Steuer eingenickt. Ob er nicht wütend sei auf den Unfallfahrer? «Ja klar, manchmal.» Aber meistens ist Beretta einfach froh, noch am Leben zu sein.

413 Schwerverletzte und 45 Tote

Nicht immer gehen die Crash-Fahrten der Ü-70-Generation so glimpflich aus. Im letzten Jahr verursachten betagte Autofahrer 4500 Unfälle. Sie führten zu 413 Schwerverletzten und 45 Toten. Das zeigt eine Auswertung von 210 000 Unfällen. Schuld tragen meist die Männer. Nur jeder vierte Unfall wird von einer Frau verursacht. ­Offenbar haben sie weniger Mühe einzusehen, wann sie den Schein abgeben sollten.

Das eigentliche Problem ist aber, dass die Zahl der Unfälle und Verkehrsopfer von über 70-Jährigen ständig steigt. Seit 2011 provozierten sie 13 Prozent mehr schwere Unfälle. Bereits 2010 hat der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) festgestellt, dass das Unfallrisiko bei Ü-80-Lenkern vierzehnmal höher lag als bei den 45- bis 65-Jährigen. Die neuen Zahlen deuten darauf hin, dass sich die Situation noch verschlimmert hat.

Die wachsenden Bevölkerungszahlen dienen dabei nur zum Teil als Erklärung. Die Altersgruppe der Ü-70-Jährigen wächst zwar schneller als diejenige der bis 25-Jäh­rigen. Doch aufgrund der Zuwanderung vergrösserte sich auch die Gruppe der Jungen. Trotzdem ist deren Unfallzahl um 16 Prozent gesunken. Besonders düster sieht die Statistik bei den Unfällen aus, in denen ältere Lenker selber unversehrt bleiben, dabei aber Fussgänger, ­Velofahrer oder andere Verkehrsteilnehmer schwer verletzen oder ­töten. Seit 2011 nahmen sie um 20 Prozent zu.

Ältere Unfall-Verursacher bleiben unversehrt

Zum Beispiel in Münchenstein BL, im Oktober 2014. Ein 91-jähriger Mann fährt im Kreisverkehr einen Velofahrer über den Haufen. Das Opfer stirbt auf der Stelle. Der Unfall ereignet sich um 13.30 Uhr ausserhalb der Stosszeiten; die Sichtverhältnisse sind an diesem klaren Herbsttag laut Polizeimeldung ausgezeichnet. Warum es dennoch zum tödlichen Unfall kommt, ist bis heute ungeklärt. Der Fall liegt noch immer bei der Basler Staatsanwaltschaft.

Liegen die Ergebnisse einer Unfalluntersuchung einmal vor, sind sie meist unbefriedigend. Wie etwa bei der 44-jährigen Frau, die im Dezember 2011 in Dietlikon ZH auf dem Zebrastreifen die Strasse überquert. Es ist ein dunkler, kalter Abend. Der Fussgängerstreifen aber ist hell ausgeleuchtet. Leider nicht hell genug für den 78-jährigen Mann, der mit übersetzter Geschwindigkeit in einem schnittigen, roten Mazda auf sie zufährt. Seine Vollbremsung kommt zu spät. Eine Ambulanz bringt die zweifache Mutter ins Spital, dort erliegt sie ihren schweren Verletzungen. Nach monatelangen Abklärungen wird folgender Unfallgrund aufgeführt: «Mangelhafte Bedienung des Fahrzeugs.»

Solche Unglücke sind keine Einzelfälle. Im Jahr 2014 haben ältere Crashfahrer bei schweren Unfällen 294 Personen verletzt oder getötet, während sie selber unversehrt geblieben sind.

Haben die Behörden das Problem erkannt? Das Bundesamt für Strassen (Astra) reagiert nur mit Kauderwelsch:

«Der erneute Anstieg des Unfallrisikos für ältere Fahrer wird als Gamma-Komponente bezeichnet und beschreibt den Effekt eines nichtkompensierten Altersabbaus in sensorischen, kognitiven und motorischen Verarbeitungsbereichen.»

Thomas Rohrbach, Mediensprecher Bundesamt für Strassen (ASTRA)

Im Klartext: Ältere Fahrer sind im Verkehrsalltag immer überforderter. Sie werden zum Sicherheitsrisiko.

Jahrelang haben sich Experten und Medien auf die Jugendlichen im Strassenverkehr konzentriert. Mit Repressionen und Kampagnen gegen Raser aus dem Balkan oder konsequenten Verboten von Fahren unter Alkoholeinfluss. Doch das Ziel der bundesrätlichen Handlungsprogramms Via sicura für mehr Sicherheit auf den Strassen lautet klar: «Anzahl der Toten und Schwerverletzten weiter senken.» Also auch bei den älteren Lenkern.

Nur, geschehen ist wenig. Bis heute sind Autofahrer erst ab dem 70. Geburtstag dazu verpflichtet, alle zwei Jahre ein ärztliches Attest einzuholen. Das ist besonders bei Demenzkranken problematisch. Sobald die Krankheit ausbricht, nehmen die kognitiven Fähigkeiten rasant ab. Das führt zu krassem Fehlverhalten im Kreisverkehr oder zum Überfahren von Rotlichtern.

Die Idee im ersten Massnahmenpaket 2010 war es, Fahrausweise nur bis zum 50. Lebensjahr auszustellen. Wer ihn verlängern wollte, hätte sich einem obligatorischen Sehtest unterziehen müssen. Gleichzeitig hätten Haus­ärzte gezielt darin geschult werden sollen, Fahrtüchtigkeitsatteste auszustellen. Denn die Gefahr besteht, dass Hausärzte wegen der oft langjährigen Beziehung zu ihren älteren Patienten befangen sind und zu oft ein Auge zudrücken.

Obligatorische Sehtests für ältere Autofahrer hat das Parlament 2012 abgeschmettert. In den kommenden Wochen will der Bundesrat über die verkehrstechnische Ausbildung der Hausärzte befinden. Das Astra gibt an, es gebe keinen Entscheid. Gemäss Recherchen ist er hinter den Kulissen aber bereits gefallen: Trotz der steigenden Opferzahlen bei Senioren-Unfällen soll auch bei den Weiterbildungen der Ärzte alles beim Alten bleiben. Hausärzte werden auch in Zukunft keine Speziallizenz brauchen, um Fahrtüchtigkeitsprüfungen vorzunehmen.

Einige Politiker wollen die ­bestehenden Regelungen sogar ­lockern. Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, 72, setzt sich zum Beispiel dafür ein, auch die obligatorischen Atteste ab 70 zu streichen, weil sie Schweizer gegenüber Ausländern benach­teiligten – obwohl nur 4,7 Prozent aller Unfälle in den letzten vier Jahren von Ausländern verursacht wurden.

Obligatorische Sehtests für ältere Autofahrer hat das Parlament 2012 abgeschmettert. In den kommenden Wochen will der Bundesrat über die verkehrstechnische Ausbildung der Hausärzte befinden. Das Astra gibt an, es gebe keinen Entscheid. Gemäss Recherchen ist er hinter den Kulissen aber bereits gefallen: Trotz der steigenden Opferzahlen bei Senioren-Unfällen soll auch bei den Weiterbildungen der Ärzte alles beim Alten bleiben. Hausärzte werden auch in Zukunft keine Speziallizenz brauchen, um Fahrtüchtigkeitsprüfungen vorzunehmen.

Einige Politiker wollen die ­bestehenden Regelungen sogar ­lockern. Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, 72, setzt sich zum Beispiel dafür ein, auch die obligatorischen Atteste ab 70 zu streichen, weil sie Schweizer gegenüber Ausländern benach­teiligten – obwohl nur 4,7 Prozent aller Unfälle in den letzten vier Jahren von Ausländern verursacht wurden.

Wird also nichts gegen den steigenden Unsicherheitsfaktor Senioren im Verkehr getan? Die SBB nutzen die Problematik inzwischen für eine Werbeaktion. Senioren aus Schaffhausen und Zürich, die freiwillig den Führerausweis abgeben, erhalten einen Gutschein für den Kauf eines GA oder Halbtaxabos.

Im Kanton Waadt ist auch die Polizei aktiv. Mit dem Slogan «Licht, Visibilität, Sicherheit» wurde ein Kurs durchgeführt, an dem Senioren gratis die Sicherheit ihres Fahrzeugs und die eigenen Reflexe testen konnten. Und in den Kantonen Basel-Landschaft und Neuenburg versuchen Polizisten, mit regelmässigen Vorträgen auf die Risiken des Autofahrens im Alter aufmerksam zu machen.

Die eigentlichen Bremser der schärferen Massnahmen sind aber die Ärzte. Christoph Bosshard, Datenexperte bei der FMH, der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, gibt zwar zu, dass Haus­ärzte oft befangen seien. Doch er sieht das nicht als Problem: «Die persönliche Beziehung zum Patienten kann auch eine Chance sein im Hinblick auf die Akzeptanz ­einer unliebsamen Empfehlung.» Angehende Hausärzte würden im Rahmen der bestehenden Weiterbildungsprogramme in dieser Thematik geschult.

Ärze appellieren an die Eigenverantwortung

Bosshard appelliert an die Eigenverantwortung: «Wer im Alter bemerkt, im hektisch werdenden Verkehr überfordert zu sein, sollte sich überlegen, ob er sich dieser Last nicht durch Umstellung seiner Lebensgewohnheiten entle­digen könnte.» Dabei sei nicht die Ärzteschaft, sondern die Gesellschaft als Ganzes gefordert.

Nationale Zahlen über Fahrausweisentzüge von Senioren gibt es nicht. Zumindest ein Teil von ihnen scheint einsichtig zu sein. Im Kanton Zürich gaben 2014 zum Beispiel 364 Senioren nach einem begleiteten Fahrtest den Schein freiwillig ab – doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.

Weniger beruhigend sind die Zahlen bei den ausgestellten Ausweisen. Allein im Kanton Zürich sind 80 000 solche auf Ü-70-Lenker und Lenkerinnen ausgestellt. Hochgerechnet macht das knapp eine halbe Million Senioren, die auf Schweizer Strassen am Steuer sitzen.

Gut möglich, dass bald auch der eingangs erwähnte 75-jährige Autofahrer, der den Töfffahrer Heini Beretta über den Haufen gefahren hat, wieder herumkurvt. Nach dem Unfall wurde dem Senior der Ausweis entzogen. Doch er könnte ihn bald wieder beantragen. Für Heini Beretta und alle anderen Verkehrsteilnehmer bleibt zu hoffen, dass er das nicht tut.

«Obligatorische Kontrollfahrt ab 80»

Verkehrsmediziner Rolf Seeger über alte Autofahrer und sinnvolle Prävention

Warum gibt es im Strassenverkehr
so viele Unfälle mit älteren Personen?
Es gibt zwei gefährliche Segmente: die kranken Senioren und Seniorinnen sowie die hochbetagten Gesunden. Das Problem bei der ersten Gruppe ist vor allem die Demenz. Pro Jahr erkranken rund 16 000 Personen mit Führerausweis an dieser Krankheit. Die eingeschränkte Hirnleistung kann zu krassem Fehlverhalten im Verkehr führen, beispielsweise zu verkehrtem Befahren von Kreiseln oder Überfahren von Rotlichtern. Neben Demenz gibt es aber auch andere Krankheiten wie beispielsweise die Einschränkung des Sehvermögens und Parkinson.
Und was ist das Problem mit den hochbetagten
Gesunden?
Dazu zähle ich gesunde Personen ab 80 Jahren. Der
Mensch wird im Alter langsamer. Zwar funktioniert
der Geist und Körper noch, jedoch viel langsamer. Die kognitiven Fähigkeiten nehmen ab – diese Senioren können zwar auf leeren Strassen perfekt Auto fahren,
jedoch sind sie in komplexen oder überraschenden Situationen schnell überfordert.
Ab wann sollten Rentner nicht mehr Auto fahren?
In der Regel kommen Menschen mit 80 bis 85 Jahren an die eigene Leistungsgrenze. Es gibt aber auch immer Ausnahmen, deshalb gibt es ja auch die Abklärung.
Wie erkennt man, ob ein Senior noch
Auto fahren kann?
Wer einen Führerausweis besitzt, muss ab 70 Jahren
alle zwei Jahre in eine medizinische Untersuchung.
Dabei soll der Hausarzt entscheiden, ob die Person
noch fahrgeeignet ist oder nicht. Zudem gibt es fakultative
Fahrkurse für ältere Verkehrsteilnehmer.
Reicht das aus?
Die Untersuchung ist nützlich und wichtig. Aber bei
den fakultativen Massnahmen bin ich skeptisch. Denn wer so Kurse besucht, gehört zu den Musterschülern. Gefährlicher sind die Personen, die keine Musterschüler sind oder solche Kurse nicht wollen. Deswegen glaube ich, dass Prävention nur was bringt, wenn sie obligatorisch ist.
Was braucht es für weitere Massnahmen?
Mein Vorschlag: Jede Person mit 80 oder 85 Jahren
sollte obligatorisch eine Kontrollfahrt mit einem
Experten absolvieren müssen. Das wäre eine Art Standortbestimmung. Solche Massnahmen politisch durchzubringen, ist aber nicht einfach. Politiker und Politikerinnen stimmen solchen Vorschlägen nur ungern zu, da die älteren Personen als Stimmenbringer äusserst wichtig sind. Und wer will schon die eigene Wählerschaft verärgern.
Muss man nicht auch bei den Ärzten ansetzen?
Eine flächendeckende Schulung für die Ärzte, wie bei
Via sicura, welche die periodischen medizinischen
Untersuchungen durchführen, würde zu einer Verbesserung und insbesondere auch zu einer Vereinheitlichung der Abklärungen führen. Eine weitere Massnahme wären ÖV-Gutscheine für diejenigen Senioren, die den Führerausweis freiwillig abgeben – sozusagen ein Probeabo für Senioren.

Die Unfallkarte der Schweiz 2011 bis 2014:

Hier klicken zum Besuch der Website.

«Ich lenke,
also bin ich»

Die Frage, aufhören oder ­weiterfahren, ist für viele eine ­existenzielle und kann zu Brüchen quer durch die Familie führen. Das zeigen Gespräche mit den Betroffenen.

Stolz posiert Kurt Lötscher vor seinem Citroën Picasso. Seit 51 Jahren schon fährt er Auto, sein erstes war ein blauer VW-Käfer mit Schiebedach. «Das erste Auto vergisst du nicht, so wie deine erste Frau», sagt der 79-Jährige aus ­Kriens LU.

Lötscher ist ein fröhlicher Mann, seine Gesichtszüge verraten es. Geht es aber ums Autofahren, wird er ernst. «Wenn meine Frau sagt, ich soll damit aufhören, dann hör ich sofort auf.»

Viele alte Menschen verpassen den richtigen Zeitpunkt, um den Führerausweis abzugeben – nicht selten mit gravierenden Folgen: Wie die SonntagsZeitung letzte Woche bekannt gemacht hat, verursachen über 70-jährige Autofahrer zunehmend schwere, zum Teil tödliche Unfälle. Im letzten Jahr waren es 4500, das sind 13 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Das Resultat dieser Unfälle waren 413 Schwerverletzte und 45 Tote.

Wie soll sie künftig den ­Einkauf tätigen?

Die Publikation der Zahlen hat bei den Lesern heftige Reaktionen ausgelöst. Auch Kurt Lötscher hat sich mit einem Leser­brief gemeldet:

«Fahre natürlich noch Auto und mache meinen Besuch beim Arzt jedes zweite Jahr», schrieb er. Falls er selber aber einmal unsicher werde, «dann nehme ich mir ein paar Fahrstunden, um die Sache wieder auf Vordermann zu bringen. Vielleicht noch einen Aufkleber aufs Auto, zum Beispiel ‹alt, aber oho›.»

So unkompliziert und selbstkritisch sehen es nicht alle. Das Thema ist emotionsgeladen – und es betrifft nicht nur die Senioren, sondern auch deren Angehörige.

Beispielsweise Rosmarie Huber. Sie musste die schlechte Nachricht überbringen: «Die Ärztin hat bei meiner Tante Demenz diagnostiziert. Da wusste ich, dass sie nicht mehr fahren sollte», sagt Huber. Ihre Tante war damals 86-jährig. Es folgten viele Gespräche.

Die Tante machte sich Sorgen, ob sie überhaupt das Billett für den Bus richtig lösen könnte oder wie sie künftig den Einkauf tätigen soll. Zudem chauffierte sie gern ihre Freundinnen herum. Am Ende wurden sie sich einig: Noch ein halbes Jahr mit dem Auto, dann wird auf den öffentlichen Verkehr umgestiegen. Rosmarie Huber war «erleichtert», als ihre Tante Einsicht zeigte.

Brüche in der Familie

Tatsächlich kann die heikle Frage, Auto ja oder nein, auch zu Brüchen in der Familie führen. Wenn die in die Jahre gekommenen Eltern nicht auf die Kinder hören wollen und die Gespräche ins Nichts führen. Davon erzählt Richard E., der versuchte, die 80-jährige Mutter und ihren Lebenspartner zu über­zeugen, dass sie nicht mehr fahren sollten. Seit seine Überredungsversuche gescheitert sind, lässt er seine eigenen Kinder nicht mehr mit der Grossmutter mitfahren.

Weil es vielen schwerfällt, ihre älteren Verwandten vom Auto­fahren abzubringen, gibt es seit einem Jahr schweizweit die Möglichkeit, anonym beim Strassenverkehrsamt darauf hinzuweisen. Bisher hatten lediglich Ärzte und die Polizei dieses Recht. Und obwohl dieses Gesetz noch wenig bekannt ist, wird davon Gebrauch gemacht. Zwar führen die Strassen­verkehrs­ämter darüber nicht Buch, jedoch liegen die Schätzungen je nach Kanton zwischen einer und drei solcher Meldungen pro Woche.

Hinweise von Angehörigen

In einem Punkt sind sich die Ämter einig: Die überwiegende Mehrheit der anonymen Hinweise kommen von nahen Angehörigen. «Oft können sie ihre Bedenken gegenüber dem betroffenen Senior nicht artikulieren, oder sie stossen mit ihren Mahnungen auf taube Ohren», sagt Carlo Gsell, Leiter Administrativmassnahmen beim Zürcher Strassenverkehrsamt. Im Kanton Waadt gab es gar einen Fall, wo die Frau ihren Ehemann anonym gemeldet hat.

Zurzeit müssen Personen ab 70 Jahren alle zwei Jahre in eine ärztliche Untersuchung, die darüber entscheidet, ob sie noch Auto fahren dürfen oder nicht. Die Senioren werden vom Strassenverkehrsamt gebeten, sich innert einer bestimmten Frist beim Hausarzt zu melden. Bernard Favrat, Verkehrsmediziner der Universität Lausanne, erklärt: «Einige Anforderungen sind sehr klar, wie zum Beispiel für die Sicht: 0,6 Sehschärfe und Gesichtsfeld bis 140 Grad.»

Unterschiedliche Untersuchungen

Die Untersuchung ist aber je nach Kanton und je nach Hausarzt unterschiedlich. Als gemeinsamer Nenner gilt: Der Hausarzt entscheidet, ob der Senior noch fahrgeeignet ist oder nicht.

Und genau da sieht Rentner Kurt Lötscher das Problem. «Meine letzte Untersuchung dauerte keine zwei Minuten. Und schon hatte ich die Unterschrift.» Der Test habe sich lediglich auf die Frage beschränkt, ob er den Arzt noch hören und ob er ihn sehen könne. Das hat den 79-Jährigen verun­sichert. «Bin ich wirklich fahr­tauglich?», fragte er sich.

Davor war Lötscher bei einem anderen Hausarzt, der die Untersuchung genauer durchführte: Er musste auf einem Plakat die Buchstaben erkennen und die Anzahl Finger nennen, die der Hausarzt anzeigte, während dieser sich immer mehr aus Lötschers Sichtfeld entfernte.

Zudem musste er auf einer ­geraden Linie gehen. Erst dann wurde ihm das Formular unterzeichnet. Er selber fühlt sich noch in der Lage, zu fahren. «Ich fahre Roller und Auto – einfach nicht mehr so schnell.» Lötscher glaubt aber, dass es eine intensivere ­Abklärung braucht. Und zwar bei jedem ­Senior.

Andere Meinung der Ärzte

Ganz anders sieht das Bruno Kissling vom Schweizerischen Hausärzteverband. «Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Fahr­eignungs­unter­suchung überhaupt einen Nutzen hat.» Für ihn bieten die Tests vor allem die Möglichkeit, das Thema mit dem Patienten anzusprechen und diesen zum Nachdenken darüber anzuregen, ob er noch fahrtauglich sei. «Ich selber schreibe diese Personen für eine halbe Stunde in die Agenda ein», sagt Hausarzt Kissling.

Auch wenn das Thema schwierig ist, führt eine ehrliche Selbstreflexion oft zur Einsicht. Die Zahl der älteren Menschen, die ihren Führerausweis freiwillig abgeben, wächst. Dazu gehört auch Germaine L. Die 91-Jährige hat kürzlich für sich entschieden, ohne Auto zu leben, obwohl ihre ärztlichen Untersuchungen einwandfrei waren. «Bevor ich jeweils ins Auto stieg, empfand ich eine unangenehme Unruhe», sagt L.

Den Entscheid fällte sie, als sie von einem schlimmen Unfall eines Seniors gelesen hatte. «Im hohen Alter einen Unfall zu verursachen und damit viele andere Senioren in Misskredit zu bringen, das wollte ich auf keinen Fall verantworten.»

«Forschung vor Vorschriften.

Bereits letzte Woche forderte der Verkehrsmediziner Rolf Seeger, dass es obligatorische Kontrollfahrten ab 80 oder 85 Jahren mit einem Experten geben soll, als eine Art Standortbestimmung. Hausarzt Bruno Kissling unterstützt diese Forderung nicht. «Mehr Vorschriften und strengere Gesetze in einem Bereich, von dem man nicht weiss, welche Vorschriften die Sicherheit auf den Strassen wie beeinflussen, weil es wissenschaftlich nicht genügend erforscht ist, sind zwecklos.»

Für ihn ist klar: «Forschung vor Vorschriften.» Deshalb haben die Schweizer Hausärzte und die Institute für Hausarztmedizin dem Bundesamt für Strassen (Astra) Hilfe angeboten, gemeinsame Forschung zu betreiben.

Kurt Lötscher findet die Kontrollfahren dennoch eine gute Idee. Für ihn wäre das eine Möglichkeit, «sich selber zu zeigen, dass man es noch kann». Eigentlich aber fände er es sinnvoller, wenn mit 80 Jahren generell Schluss ist mit Autofahren. «Da es ein Mindestalter von 18 Jahren gibt, braucht es auch ein Höchstalter.» Noch fünf Monate dauert es, dann wird er selber 80 Jahre alt.

Texte
Barnaby Skinner, Alexandre Haederli, Linda Von Burg

Fotos
Stefano Schroeter, Polizeibilder, Pressebilder Uni Zürich und FMH

Daten/Analyse
Bundesamt für Strassen (ASTRA)/SonntagsZeitung & Le Matin Dimanche

Interaktive Grafik
Sotomo und Smartive

TexteBarnaby Skinner, Alexandre Haederli, Linda Von BurgFotosStefano   Schroeter, Polizeibilder, Pressebilder Uni Zürich und FMHDaten/AnalyseBundesamt für Strassen (ASTRA)/SonntagsZeitung & Le Matin DimancheInteraktive GrafikSotomo und Smartive