Die Impfgegner
im Spital

Mindestens 300 Patienten pro Jahr sterben in Krankenhäusern an der Influenza. Angesteckt haben sie sich beim Pflegepersonal oder bei den Ärzten.

In der Schweiz sterben jedes Jahr 100 bis 300 Patienten, weil sie im Spital mit derGrippe infiziert werden – von Ärzten, Pflege­fachleuten oder Besuchern. Die Schätzung von Andreas Widmer, Medizinprofessor und Präsident der Spitalhygiene-Vereinigung Swissnoso, basiert auf Auswertungen des Unispitals Genf: Dort erfassen Infektiologen seit drei Jahren Grippefälle, die auf eine Ansteckung im Spital zurückgehen.

Hauptursache für die Todes­fälle sind die tiefen Impfquoten des Personals. Vor allem Pflegefachleute lassen sich kaum impfen. Am Luzerner Kantonsspital schützen sich gerade mal 6 Prozent dieser Berufsgruppe vorsorglich gegen die Grippe – Tendenz sinkend.

In Genf muss ungeimpftes Personal während der Grippesaison immerhin eine Maske tragen. Andere Spitäler verzichten auf diese Massnahme und weigern sich, die hauseigenen Grippefälle überhaupt zu untersuchen.

Wie schnell sich die Grippe im Spital verbreitet. Prof. Christian Lovis hat die Saison 2012/13 im Unispital im 3D Modell aufgezeichnet.

Wie schnell sich die Grippe im Spital verbreitet. Prof. Christian Lovis hat die Saison 2012/13 im Unispital im 3D Modell aufgezeichnet.

Prof. Christian Lovis und sein Team sind die Einzige in der Schweiz die die Spitalgrippe genau verfolgen.

Prof. Christian Lovis und sein Team sind die Einzige in der Schweiz die die Spitalgrippe genau verfolgen.

Besonders anfällig sind alte Menschen, aber auch schwache Patienten mit Krebs oder Dia­betes. Gefährlich kann das Virus aber auch für Neugeborene oder gesunde Erwachsene sein.

In Frankreich und den USA gehören Zahlen zur Personal-Impfquote und den internen Grippefällen längst zu den Qualitätskriterien, die öffentlich verfügbar sind. In der Schweiz sind die Spitäler nicht einmal verpflichtet, diese Daten dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) zu melden. Das BAG will nun prüfen, ob Quote und Fälle künftig erfasst werden können. Für die entsprechende Evaluation lässt sich die Behörde allerdings vier Jahre Zeit.

«Elisabeth kann plözlich nicht mehr athmen»

Nach einem Kreis­lauf­zu­sam­menbruch muss Elisabeth Steiner* ins Spital. «Orthostatische Hypotonie», notieren die Ärzte am Genfer Unispital (HUG) in der Krankenakte – ein plötzlicher Abfall des Blutdrucks. Zum Glück spricht die 89 Jahre alte Patientin, die noch zu Hause gewohnt hat, gut auf die Behandlung an. Bald kann sie wieder ohne Schwindel aufstehen. Und den Ärzten gelingt es auch, die Herzprobleme zu kurieren. Elisabeth Steiner genest rasch.

Doch plötzlich befällt die Pa­tientin Fieber. Eine banale Grippe löst gravierende Komplikationen aus. Lunge und Herz werden geschädigt. Die Ärzte müssen Elisabeth Steiner künstlich beatmen. Doch es ist zu spät, sie kann nicht mehr richtig atmen und stirbt an respiratorischer Insuffizienz.

Während der letzten Epidemie 2013/14 starben allein in Genf 25 Patienten an der Grippe – 18 hatten sich erst im Spital angesteckt.

Genau ein Jahr ist es her, seit Elisabeth Steiner ins Unispital Genf kam. Zwei Monate später ist sie an der Spitalgrippe gestorben. Das Erschreckende daran: Bei dieser sogenannten nosokomialen Infektion werden Patienten von den Ärzten, Pflegeleuten oder Besuchern angesteckt. Während der letzten Epidemie 2013/14 starben allein in Genf 25 Patienten an der Grippe – 18 hatten sich erst im Spital angesteckt.

Professor Andreas Widmer ist Präsident der Infektiologievereinigung Swissnoso. Er schätzt, dass es schweizweit pro Jahr 100 bis 300 nosokomiale Grippetote gibt. Die Zahl ist hoch: So viele Opfer fordert der Strassenverkehr jährlich. Betroffen sind in erster Linie ältere Menschen, Onkologiepatienten oder Diabetiker. Auch für Neugeborene kann eine Grippefatal sein.

Allerdings: Ausser Genf erfasst kein Spital systematisch nosokomiale Grippefälle. «Wir haben ein echtes Problem in der Schweiz», sagt Widmer (siehe Interview).

Die Genfer Ärzte fanden während der Epidemie 2013/14 in ihren Kliniken 300 Grippefälle. Davon war die Hälfte im Spital erworben. Um die Infektionen aufzuspüren, betreiben die Ärzte einen riesigen Aufwand. Sie führten 6000 Abstriche der Nasen- und Rachenschleimhaut durch. Damit lässt sich feststellen, ob Patienten vom Grippevirus befallen sind. «Ich war überrascht vom Ausmass des Problems», sagt die zuständige Ärztin Anne Iten. Man habe vermutet, dass es Fälle gebe, aber bislang hätten Schnelltests gefehlt, um die Viren zu finden.

An anderen Spitälern ist die Datenlage schlechter: Jonas Marschall, Leiter der Spitalhygiene am Inselspital Bern, räumt ein: «Daten zu Todesfällen haben wir bislang nicht erhoben.» Ähnlich sieht es am Unispital Zürich aus: Infektiologe Stefan Kuster registrierte in der letzten Grippesaison gerade mal zwei nosokomiale Fälle mit schweren Komplikationen. Allerdings führten die Zürcher nur rund ein Zehntel der Grippetests durch, die in Genf gemacht werden. Kuster geht von einer Dunkelziffer aus. Das sei vermutlich in allen anderen Spitälern auch so: «Wer intensiver sucht, der findet mehr Fälle.»

Besonders stossend: Viele Fälle liessen sich mit einer Impfung des Personals vermeiden. Eine neue Vergleichsstudie der Zeitschrift «Clinical Infectious Diseases» zeigt, dass sich bei einer guten Durchimpfung des Spitalpersonals die Grippe-Todesrate um 30 Prozent und die grippeähnlichen Fälle um 40 Prozent reduzieren.

Davon sind die Spitäler meilenweit entfernt. Genf kommt immerhin auf eine durchschnittliche Impfquote von 45 Prozent. Geimpfte tragen einen Ansteck-Button, der sie auszeichnet. Wer sich der Spritze verweigert, muss während der Epidemie eine Maske tragen. Fehlverhalten sanktioniert das Spital mit Verwarnungen. In der Deutschschweiz, bei ­laxeren Re­gimes, sind die Impfquoten tiefer (siehe Kapitel «Tiefe Impfrate»).

In der Schweiz ist das medizinische Personal nach wie vor sehr impffeindlich. Zwischen 2011 und 2013 sank die durchschnittliche Quote sogar von 22 auf 19 Prozent.

Dabei hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einst eine Impfquote beim medizinischen Personal von 70 Prozent angepeilt. Doch der Plan für die Jahre 2008 bis 2012 scheiterte kläglich. In der Schweiz ist das medizinische Personal nach wie vor sehr impffeindlich. Zwischen 2011 und 2013 sank die durchschnittliche Quote sogar von 22 auf 19 Prozent.

Die Experten vom BAG haben resigniert. In der neuen Strategie 2015 bis 2018, Ende Dezember verabschiedet, hütet sich die Behörde davor, Ziele vorzugeben. «Das bringt nichts, wenn wir schon zum Voraus wissen, dass wir die Quoten nicht erreichen», sagt Roger Staub, Co-Leiter der Sektion Prävention und Promotion. So will das BAG im neuen Programm für die nächsten vier Jahre erst einmal bessere Daten erheben.

In diesen vier Jahren wird sich wenig ändern. Der Schutz der Patienten in den meisten Spitälern wird ungenügend bleiben.

Das Luzerner Kantonsspital hat aktuell eine Impfquote beim Pflegepersonal von nur 6 Prozent und von 38 Prozent bei den Ärzten. Es gibt keine Pflicht für Ungeimpfte, während der Epidemie eine Maske zu tragen – auch nicht auf Risikoabteilungen. Eine solche Pflicht werde laut Spitalhygieniker Marco Rossi erst bei einer «heftigen Grippeepidemie» verlangt.

Rossi weist darauf hin, dass eine gute Handhygiene und das Isolieren von infizierten Patienten ebenfalls wichtig seien, um Ansteckungen zu vermeiden. Trotzdem wünscht er sich eine höhere ­Quote. Keine leichte Aufgabe: Die Zentralschweiz gilt als extrem impf­feindlich. Ob es sogar Tote gibt wegen nosokomialen Grippefällen in Luzern? Rossi weiss es nicht. Das werde bislang nicht erfasst, sagt er. «Wir überlegen uns aber, dies in Zukunft systematisch zu tun.»

Fürs Impfen gibts Geschenke oder sogar Bares
Wie in den meisten anderen Spitälern auch gilt in Luzern die einzige Regel: Wer Grippesymptome hat, wird gebeten, zu Hause zu bleiben. Das betrifft auch Besucher, die ebenfalls Viren einschleppen können. Allerdings genügt das kaum. Verschiedene Studien zeigen, dass das Virus bereits 48 bis 24 Stunden vor dem Auftreten erster Symptome präsent ist und wohl auch übertragen wird.

Fast jedes Spital animiert das Personal dazu, sich zu impfen. Die Angestellten können sich zum Teil beim Essen in der Kantine impfen lassen, sodass sie kaum Zeit verlieren. Zusätzlich erhalten sie Kaffee- oder Essensgutscheine und Geschenke wie Lotterielose und Regenschirme. Einige Kliniken im Unispital Bern locken gar mit Geld.

Alles vergebens. Studien und Umfragen zeigen, dass ausgerechnet Pflegefachleute den Nutzen der Impfung anzweifeln. Der Grund: Trotz der Spritze werden sie krank, sie meinen daher, die Impfung wirke nicht. Doch sie verwechseln bloss eine virale Erkältung mit derGrippe. «Mir scheint, dass gerade das Pflegepersonal solche Denkfehler begeht», sagt Thomas Münzer, Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie. Da nützen auch Expertenmeinungen nichts: Laut dem BAG senkt eine Impfung bei gesunden Erwachsenen unter 50 Jahren das Risiko, an Grippe zu erkranken, in der Regel um bis zu 90 Prozent.

Wie erbittert der Kampf gegen die Impfung geführt wird, zeigt sich beim Hebammenverband (SHV). Dieser gibt keine Empfehlung für die Impfung heraus – er versorgt bloss die Mitglieder mit Informationen des BAG. Doch ­allein damit provoziert der SHV laut Präsidentin Barbara Stocker bei den Mitgliedern «ablehnende Reaktionen». Von Buttons für das Personal, wie sie Genf oder Basel kennen, will die oberste Hebamme der Schweiz nichts wissen. Um ihr Missfallen auszudrücken, bemüht sie den Nationalsozialismus: Solche Buttons erinnerten «an vergangene, unschöne Zeiten». Ähnlich brachial lässt sich Barbara Gassmann, Vizepräsidentin des Pflegepersonalverbands SBK, zitieren: Sie spricht von «dunklen Zeiten des letzten Jahrhunderts».

Doch es sterben Menschen an der Grippe, mit der sie sich im Spital angesteckt haben. Und nicht immer sind alte Menschen wie ­Elisabeth Steiner betroffen. Vor ­einigen Jahren hatte eine nosokomiale Grippeepidemie auf einer Neonatologie im kanadischen Ontario tragische Folgen: 19 von 54 Neugeborenen infizierten sich. Ein Säugling starb. Nur jede zehnte Pflegefachfrau war geimpft. Und trotz Grippesymptomen arbeitete die Mehrheit des Personals weiter.

Solche Fälle kennt auch Ulrich Heininger, Professor und leitender Arzt der Infektiologie am Unikinderspital beider Basel. Wegen der tiefen Impfquote seines Personals ist er «konstant besorgt». Glücklicherweise hat er in den letzten sechs Jahren auf seiner Abteilung nur einen einzigen Grippe­todesfall eines Säuglings zu beklagen. Aber wenn die Impfquote so tief bleibt, dürfte es kaum der letzte sein.

Viel zu tiefe Impfrate



In den Schweizer Spitälern lassen sich im Schnitt 22 Prozent des Pflegepersonals und 51 Prozent der Ärzte impfen. Das zeigt eine Umfrage der SonntagsZeitung und von Le Matin Dimanche. Befragt wurden alle rund 300 Spitäler, die beim Spitalverband H+ Mitglied sind. Die hohe Rücklaufquote bietet valide Daten: So umfassen die Resultate der Umfrage gut zwei Drittel aller Schweizer Spitalangestellten – das sind fast 90'000 Personen.

Heute sammeln weder das Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch der Spitalverband H+ systematisch Daten zu den Impfquoten. In den USA oder in Frankreich gehören solche Zahlen längst zu den relevanten Qualitätsindikatoren der Spitäler, die auch für die Patienten greifbar sind. Mit der vorliegenden Karte macht die SonntagsZeitung nun erstmals die Quoten für die Schweiz zugänglich. Die Karte zeigt auch, welche Spitäler keine Zahlen erfassen oder sich nicht an der Umfrage beteiligt haben.

Ebenfalls erhoben wurde, ob die Spitäler für die ungeimpften Angestellten eine Pflicht kennen, während der Grippesaison eine Maske zu tragen. Markant dabei: Während mittlerweile drei Viertel aller Westschweizer Spitäler eine solche Pflicht kennen, gibt es in der Deutschschweiz kein einziges Spital mit einer generellen Maskentragpflicht auf allen Abteilungen. In der Deutschschweiz geben 8 von 72 Spitaldirektionen an, die Pflicht, während der Grippesaison eine Maske zu tragen, bestehe einzig für Risikoabteilungen wie die Neonatologie oder die Onkologie.

Während sich in den Deutschschweizer Kantonen nur gerade 16 Prozent aller Pflegefachfrauen und –männer impfen lässt, sind es in der Westschweiz 32 Prozent.

Frappant sind die Unterschiede auch bei den detaillierten Quoten: Während sich in den Deutschschweizer Kantonen nur gerade 16 Prozent aller Pflegefachfrauen und –männer impfen lässt, sind es in der Westschweiz 32 Prozent. Bei den Ärzten indessen sind die Quoten vergleichbar: 53 Prozent in der Westschweiz, 51 Prozent in der Deutschschweiz.

Spitzenwerte erreicht das Spital Lavaux in der Waadt. In dieser Saison haben sich 78 Prozent der Ärzte und 66 Prozent des Pflegepersonals impfen lassen. In der Deutschschweiz hat die Spital Thurgau AG die besten Zahlen: 64 Prozent der Ärzte und 40 Prozent des Pflegepersonals sind geimpft.

Die schlechtesten Quoten finden sich generell in der Zentral- und Ostschweiz. Hier betragen die Impfquoten teilweise weniger als 10 Prozent.

«Wir könnten Todesfälle vermeiden»

Virus mit dem Potenzial zum Töten: Darstellung eines Influenza-Virus

Virus mit dem Potenzial zum Töten: Darstellung eines Influenza-Virus
Andreas Widmer ist Präsident der Infektiologievereinigung Swissnoso.

Andreas Widmer ist Präsident der Infektiologievereinigung Swissnoso.

Herr Widmer, jedes Jahr sterben Patienten, weil sie sich in einem Schweizer Spital mit der Grippeinfizieren. Wie häufig kommen solche Ansteckungen vor?
Wir haben ein echtes Problem in der Schweiz. 100 bis 300 im Spital erworbene Grippetodesfälle im Jahr scheinen für mich eine realistische Schätzung zu sein. Aber das Unispital Genf ist die einzige Institution, die dazu systematisch Zahlen erfasst.

Könnten Todesfälle vermieden werden, wenn sich das Spitalpersonal vermehrt impfen liesse?
Zweifellos. Leider werden in der Diskussion simpel­ste wissenschaftliche Erkenntnisse missachtet. Wir haben es mit viel Fundamentalismus und Irrationalität zu tun. So zeigen Befragungen am Unispital Basel, dass heute immer noch ein Drittel des Spitalpersonals glaubt, im Impfstoff habe es Aluminium. Das war früher der Fall, ist es aber längst nicht mehr.

Die Unispitäler Genf und Lausanne zwingen ungeimpftes Personal, in der Grippesaison eine Maske zu tragen. Zudem tragen geimpfte Angestellte Buttons an den Kleidern, die sie auszeichnen. Was halten Sie davon?
Ein solches Modell schützt die Patienten, daher wäre es gut, wenn es schweizweit gälte. Dafür müsste der Bund eine entsprechende Weisung herausgeben. Besonders in der Deutschschweiz erreichen wir mit ­freiwilligen Massnahmen zu wenig – maximal sind Impfquoten von 35 Prozent möglich. Wir wissen aber, dass es für einen effektiven Schutz eine Impfquote von 50 Prozent bräuchte. Liegt die Quote tiefer, kann sich das Grippevirus immer noch in genügend grosser Zahl reproduzieren.

Vor allem beim Pflegepersonal und bei den Hebammen sind die Quoten sehr tief. Aber von einer generellen Maskenpflicht und Buttons wollen deren Verbände nichts wissen. Sie rücken das Modell in die Nähe des Nationalsozialismus.
Wenn Sie auf einer Baustelle arbeiten und keinen Helm tragen, werden Sie entlassen. Wenn Sie in der Computerindustrie ohne Schutzkleidung einen sterilen Raum für die Chip-Produktion betreten, werden Sie auch entlassen. Ich verstehe nicht, warum Schutzmassnahmen im Spital diskriminierend sein sollen – schliesslich geht es um Patienten, um Leben und Tod. In Neuseeland gibt es Spitäler, die beim Ausfall ihrer Angestellten in der Grippezeit einen Test machen: Zeigt sich, dass sie an der Grippe und nicht an einem anderen Virus erkrankt sind, zieht das Spital die Absenzen von den Ferien ab.

Wir sind bald in der Grippesaison. Trotzdem kann das Personal in gewissen Spitälern ungeimpft und ohne Maske in Kontakt mit den Patienten arbeiten. Sogar in der Neonatologie oder der Onkologie.
Für Hochrisikoabteilungen befürworte ich ein Impf­obligatorium. Wer besonders schwache Patienten betreut, muss sich impfen lassen. Wir haben heute in der Medizin die absurde Situation, dass wir ­einem 65-Jährigen zwar ein neues Hüft­gelenk einsetzen, er aber an derGrippe sterben kann, weil in seinem ­Alter dieses Risiko hoch ist.

Ärzte und Pflegefachkräfte
als Totengräber

Für das Luzerner Kantonsspital ist eine Grippewelle kein Grund zur Sorge. Ärzte und Pflegepersonal kümmern sich wie gewohnt um die Patienten: auf der Geriatrie, der Onkologie oder der Neonatologie. Die Angestellten tragen in der Regel keine Masken. Auch geimpft ist kaum jemand – in Luzern nur jede 17. Pflegefachfrau.

Das ist keine Ausnahme; in den meisten anderen Schweizer Spitälern läuft es ähnlich. Mit verheerenden Folgen: Die Ärzte und Pflegefachleute verbreiten Grippe­viren. Gerade für Patienten auf Risikoabteilungen wie der Onkologie oder der Neonatologie kann die vermeintlich banale Krankheit fatale Folgen haben.

Neue Zahlen zeigen, dass in der Schweiz jedes Jahr bis zu 300 Patienten an der Grippe sterben, mit der sie sich im Spital angesteckt haben. Dass Ärzte und Pflegefachleute Viren übertragen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Ausgerechnet die Menschen, die heilen und helfen wollen, tragen zum Tod ihrer Patienten bei.

Für die mustergültige Schweiz sind die Zahlen beschämend. Das Land investiert Milliarden in die Volksgesundheit, ist aber nicht in der Lage, simple Regeln für die ­Sicherheit der Spitalpatienten durchzusetzen. Wie man es besser machen könnte, zeigt das Unispital Genf: Wer sich dort nicht impft, muss in der Grippezeit eine Maske tragen. Bei Missachtung spricht die Direktion Verwarnungen aus.

«Von präventiven Massnahmen zum Schutz der Patienten fehlt momentan jede Spur»

Trotz dieser Regeln verzeichnete Genf in der letzten Epidemie 20 Spitalgrippe-Tote. Keine andere Klinik erfasst die Fälle so detailliert. Daher ist davon auszugehen, dass die Gesamtzahl schweizweit massiv höher ist.

Doch viele Spitäler ignorieren das Problem. Oder sie haben nicht den Mut, strengere Regeln durchzusetzen. Zum Teil schwingt die Angst mit, dass die Angestellten abwandern könnten. Der ausgetrocknete Arbeitsmarkt gerade in der Pflege verleiht dem Personal Macht. Das zeigt sich auch an den Nazivergleichen, mit denen Personalverbände operieren: Zu den Ansteck-Buttons, die das geimpfte Personal in Genf trägt, heisst es beim Pflegepersonalverband: «Das erinnert an dunkle Zeiten des letzten Jahrhunderts.» Das ist völlig deplatziert: Gerade im Gesundheitswesen müsste jede Initiative, die nur einen einzigen Tod vermeiden will, unterstützt werden.

Es wäre am Bundesamt für Gesundheit (BAG), das Genfer Modell für alle Spitäler durchzusetzen. Denn es hat den Vorteil, dass es weniger weit geht als ein Impf­obligatorium für medizinisches Personal, trotzdem aber einen Schutz bietet – und zwar auch gegen andere als nur Grippeviren. Natürlich wäre eine Impfrate von 100 Prozent beim Spitalpersonal wünschenswert: Doch solange in der Debatte Ignoranz und heuchlerische Naturverbundenheit vorherrschen, ist ein Obligatorium aussichtslos. Da nützt es auch nichts, zu betonen, hohe Impfquoten an Spitälern würden Kosten senken. Denn wer geimpft ist, fällt in der Grippezeit nicht aus.

Das BAG müsste nun argumentativ aufrüsten – wie es die Gesundheitsbehörden in den USA und in Frankreich machen, wo Grippetodesfälle und Impfquoten des Spitalpersonals erfasst und veröffentlicht werden. Doch das BAG wählt den behutsamen Weg: Man will nun erst mal prüfen, ob Zahlen wie in den USA und Frankreich überhaupt erfasst werden sollen. Dieser Prozess dauert vier Jahre.

Von präventiven Massnahmen zum Schutz der Patienten fehlt jede Spur. Das ist irritierend. Das BAG sollte sich den gefährdeten Patienten verpflichtet fühlen und nicht den Empfindlichkeiten des Spitalpersonals.

Maske oder Impfung?

Texte
Dominik Balmer,
Titus Plattner

Photos
Julien Gregorio, Fred Merz,
Keystone, RTS, DR

Illustrationen
Kornel Stadler

Design
Titus Plattner

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