Jung, bürgerlich, SVP-Wähler

Die Partei punktet bei den Jungwählern. Laut Politologen traf sie den Zeitgeist, der nicht nur national-konservativ, sondern auch durch die sozialen Medien geprägt ist

«Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch links ist, hat keinen Verstand.» Das berühmte Bonmot, das dem legendären englischen Premier Winston Churchill zugeschrieben wird, gilt in der Schweiz nicht mehr. Am letzten Sonntag war die SVP bei den Jungen deutliche Wahlsiegerin. Zum Beispiel im Kanton Schaffhausen. Dort hat sich jeder zweite Wähler für die Volkspartei entschieden.

Zum Beispiel etwa Manuel Stamm, 25-jährig, Bauingenieur. «Ich wähle SVP, weil sie im Gegensatz zu anderen Parteien Nägel mit Köpfen macht», sagt er in seinem Büro in Schaffhausen.

Stamm ist gelernter Maurer mit Berufsmatur. Anschliessend durchlief er ein Bauingenieurstudium. Seine anfängliche Nervosität ist schnell verschwunden. Die Stimme ist fest, die Sätze überlegt. «Die linke Politik mit dem unmöglichen Bestreben, es allen recht zu machen und jedem zu helfen, provoziert meiner Meinung nach genau das Gegenteil und führt letztendlich zu einer Eskalation, welche mit einem grossen Knall enden wird», sagt Stamm.

Er glaubt, dass bei der Migration in der Schweiz erst die Spitze des Eisbergs zu sehen sei. Deshalb brauche es für die Integration der Ausländer gute Konzepte, damit die Schweiz nicht unbedarft ins offene Messer laufe.

Er hat Bilder im Kopf von Flüchtlingsghettos wie in Italien und anderswo. 70 bis 80 Prozent seiner Kollegen hätten einen Migrationshintergrund. Auch sie seien für die SVP, sagt er. Der 25-Jährige sorgt sich vor allem um die nächste Generation. «Es ist wichtig, zu wissen, woher unser Wohlstand kommt, und wir sollten diesen auch für unsere Kinder bewahren.»

«In der Sekundarschule sagten noch viele ‹Blocher, der Rassist›. Die gleichen wählen heute SVP.»

Manuel Stamm, 25-Jährig, Bauingenieur

2011 haben schweizweit noch 23 Prozent der 18- bis 34-Jährigen SVP gewählt. Gemäss der Nachwahlbefragung der Forschungsstelle Sotomo hat die Partei ihre Stellung bei den Jungen in diesem Jahr aber deutlich ausgebaut.

In einer Umfrage unter 14 200 Personen auf den Websites von Tamedia, die auch die SonntagsZeitung herausgibt, sagten jetzt 27 Prozent der 18- bis 34-Jährigen, sie hätten SVP gewählt, das wären 4 Prozent mehr als 2011.

Zum Vergleich: Die nationalen Zahlen für alle Wähler zeigen einen SVP-Zuwachs von 2,8 Prozent. Bestätigt sich das Resultat der Tamedia-Umfrage, ist die SVP bei den Jungen also deutlich stärker gewachsen als bei den älteren und erzielte bei ihnen gar ein Rekordergebnis.

Auch bei den Wählern, die – egal, welches Alter – 2011 nicht an die Urne gingen, konnte die SVP punkten. Erste Nachwahlbefragungen des GFS-Forschungsinstituts in Bern deuten darauf hin, dass vier von zehn dieser Neuwähler SVP einlegten. Definitive Zahlen dazu, wie stark die SVP 2015 bei den Jungen tatsächlich abschnitt, wird es nach vertieften Nachwahlbefragungen geben.

Dass unter den Jungen ein Rechtsrutsch stattgefunden hat, ist für den Schaffhauser Bauingenieur Stamm jedoch bereits klar.

Karl Haltiner, ETH-Professor und Wissenschaftlicher Leiter der Eidgenössischen Jugendbefragungen ch-x, stellt bei Jugendlichen die Sorge um den sicheren Hafen Schweiz fest. «Man nimmt die Migrationsbewegungen im 21. Jahrhundert, sei es im Rahmen der Personenfreizügigkeit oder die Flüchtlingswellen, als latente Bedrohungen wahr».

Es gehe dem Land gut, ein Bonus, den man verteidigen und nicht in Frage stellen möchte. Lukas Golder, Politologe am GFS Bern fügt hinzu: Die wirtschaftliche Situation werde von den Jungen heute viel angenehmer wahrgenommen, als beispielsweise in den 90er Jahren, als es den ersten grossen Arbeitslosigkeitsschub gab. «Dieses Gefühl der Sicherheit hat die Bindung an das Land extrem gestärkt und den Swissness-Trend befeuert. Das hat zu einer bewahrenden Haltung geführt, zur Idee, dass die Schweiz als Insel das Erfolgsrezept ist. Deshalb der Wunsch: Wir müssen unsere Insel bewahren», sagt Golder.

4,5 Prozent mehr Stimmenanteil für die SVP im Kanton Freiburg

Karl Haltiner, ETH-Professor und wissenschaftlicher Leiter der eidgenössischen Jugendbefragungen ch-x, stellt bei Jugendlichen die Sorge um den sicheren Hafen Schweiz fest. «Man nimmt die Migrationsbewegungen im 21. Jahrhundert, sei es im Rahmen der Personenfreizügigkeit oder die Flüchtlingswellen, als latente Bedrohungen wahr.»

Es gehe dem Land gut, ein Bonus, den man verteidigen und nicht infrage stellen möchte. Lukas Golder, Politologe am GFS Bern, fügt hinzu: Die wirtschaftliche Situation werde von den Jungen heute viel angenehmer wahrgenommen als beispielsweise in den 90er-Jahren, als es den ersten grossen Arbeitslosigkeitsschub gab.

«Dieses Gefühl der Sicherheit hat die Bindung ans Land extrem gestärkt und den Swissness-Trend befeuert. Das hat zu einer bewahrenden Haltung geführt, zur Idee, dass die Schweiz als Insel das Erfolgsrezept sei. Deshalb der Wunsch: Wir müssen unsere Insel bewahren», sagt Golder.

Die 20-jährigen Freiburgerinnen Chloé und Camille bestätigen die Analyse des Wissenschaftlers: Die SVP sei ganz auf ihrer Linie, «denn wir müssen bewahren, was wir haben», sagt Chloé Sottas. Man müsse «die Schraube anziehen», sagt sie. Sie studiert im dritten Jahr Podologie. Ihre Freundin, die Physiotherapiestudentin Camille Weber, hat sich bei den Wahlen vergangene Woche enthalten. «Es ist schwierig, sich für einen Kandidaten zu entscheiden, den man nicht kennt», erklärt sie ihren Entscheid.

Bei der Masseneinwanderungsinitiative vom 9.  Februar musste sie aber nicht zweimal überlegen, und stimmte zu. «Ich habe an meine Zukunft gedacht. Ich sah mich als Mutter.»
Neben dem Kanton Schaffhausen errang die SVP im Kanton von Chloé und Camille ebenfalls Spitzenresultate. Mit 4,5 Prozent mehr Stimmenanteil im Vergleich zu 2011 konnte die Partei in Freiburg 25,9 Prozent aller Wähler für sich mobilisieren. Besonders stark ist die Partei in ländlichen Gebieten.

In der Gemeinde Vuadens, in der SP-Präsident Christian Levrat wohnt, warfen 26,2 Prozent die SVP-Liste ein.
Themen sind Europa, Migration und kriminelle Ausländer
GFS-Politologe Golder sagt dazu: «Auf dem Land und in der Agglomeration ist die SVP bei den Jüngeren heute eine Marke. Sie sind mit der Dominanz der Partei aufgewachsen. Wenn man bürgerlich ist und jung, ist die SVP heute ‹die› Partei», erklärt Golder.
CVP und FDP auf der anderen Seite hätten bei den eher bürgerlich eingestellten Jungen kaum eine Bedeutung.

Die SVP habe mit ihrem Youtube-Video «Welcome to SVP» über 800 000 Klicks geholt, sagt er. Solche Zahlen erreiche das klassische TV fast nur noch beim Lauberhornrennen. Mit der Social-Media-Kampagne erreiche die SVP die jungen Neuwähler.

Zum Beispiel den 21-jährigen Freiburger Arnaud Duplain. Er hat am letzten Sonntag das erste Mal gewählt und die SVP-Liste eingelegt – nur den Fünftplatzierten hat er gestrichen und dafür einen jungen SVP-Kandidaten eingesetzt.

Für den dunkelhaarigen Hünen waren die Themen Europa und Migration matchentscheidend bei seiner Wahl. «Ich habe viel Respekt für die ausländischen Arbeiter hier. Ich bin Maurer und bin mit ihnen ständig im Kontakt», sagt Duplain. Er sei aber vehement für die Ausschaffung von kriminellen Ausländern. Und dann sei da noch Brüssel. «Der Walliser Oskar Freysinger hat es im Sommer richtig formuliert: Wir wollen uns nicht von dort diktieren lassen, wie wir unsere Karotten anpflanzen», sagt der junge Freiburger.

Freysingers Pfeilspitze Richtung Brüssel zum Trotz: Im Gespräch mit den jungen SVP-Wählern äussern viele den Wunsch nach einem neuen Stil. Die giftigen Haudegen haben in ihren Augen eher ausgedient. So verlangt der Schaffhauser Michael Kahler moderatere Töne.

Der 21-Jährige gehört zur neuen Generation der jungen SVP-Politiker. Er sitzt in seinem Kanton im Jugendparlament. Er sagt: «Mir gefällt bei der SVP die Nähe zur Bevölkerung und der liberale Geist.» Es brauche aber einen Generationenwechsel. «Ich will lieber mit Fakten als mit Emotionen überzeugen.» Social Media seien für Junge zwar wichtig, auch mit den eingebauten Provokationen im SVP-Video sei er einverstanden. Doch das sollte nur dazu dienen, Aufmerksamkeit zu erwecken.

«Bei der jetzigen Wahlkampagne ist dabei die sachliche Diskussion vergessen gegangen. Das sollte sich mit einer neuen Generation von jungen SVP-Politikern ändern», sagt er.

Resultat pro Gemeinde

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Die SonntagsZeitung hat exklusiv die Wählerdaten aller Gemeinden im Internet aufbereitet. Die interaktive Karte zeigt die kommunalen Resultate von SP, SVP, FDP und CVP bei den Wahlen letzten Sonntag sowie die Gewinne dieser Parteien in den Ortschaften im Vergleich zu den Wahlen 2011.

So zeigt sich etwa, dass die SVP in einer ganzen Reihe von Schaffhauser Gemeinden eine Zweidrittelmehrheit erreicht hat. In Ramsen z. B. stieg ihr Wähleranteil von 55 auf 64 Prozent. Dafür nahm in der Stadt Zürich der Anteil um 0,8 Prozent ab. Auch in der Romandie verlor die SVP vielerorts. Mit Ausnahme des Kantons Freiburg, wo sie im Vergleich zu 2011 4,5 Prozent zulegte.

Die SP legte in Glarus Süd und Glarus Nord stark zu, um zwischen 16 bis 28 Prozent. Die FDP hat beispielsweise in Einsiedeln SZ um 8,7 Prozent zugelegt, in Vaz GR um 11 Prozent Wähler verloren. Die CVP machte in Schwarzenberg LU 9 Prozent mehr als 2011, in Romoos LU hingegen büsste sie 12 Prozent ein.

«Was bleibt, ist die Marke SVP»
Lukas Golder, Politologe

Die SVP hat in den Wahlen bei den Jungen stark gepunktet. Was war das Rezept?
Einerseits haben die aktuellen Ereignisse mit den Migrationsbewegungen Richtung Europa die Sorgen der Jugend befeuert. Andererseits hat die SVP mit der Social-Media-Kampagne, vor allem mit dem extrem aufwendig produzierten Youtube-Video «Welcome to SVP», die Jungen stark mobilisiert. Es ist wohl das Video, das in den letzten Jahren am meisten Reaktionen ausgelöst hat und selbst in den redaktionellen Medien gross aufgenommen wurde.

Das Migrationsthema zieht. Doch Umfragen zeigen, dass sich die Jugend kaum vor Arbeitslosigkeit fürchtet. Warum also die Angst?
Es gibt bei den Jungen eine Grundsorge, die damit zu tun hat, dass viele von ihnen sehr behütet aufgewachsen sind. Oft sind es Wunschkinder, die in Kleinfamilien aufgewachsen sind. Sie fühlen sich nicht nur als Kinder in der Familie willkommen, sondern auch in der Arbeitswelt. Die Türen stehen vielen von ihnen offen. Sie rebellieren nicht gegen ihre Eltern oder den Staat, wie dies frühere Generationen getan haben. Sie wollen das bewahren, was sie haben.

Haben deshalb die Begriffe «Heimat» und «Nation» eine so grosse Bedeutung?
Ja. Sie legen starken Wert auf die Schweizer Identität und das Kleinräumige, weil sie rundherum ständig Krisen wahrnehmen. Die Älteren unter ihnen wuchsen in der Finanzkrise Ende der Nullerjahre auf, in letzter Zeit haben sie die Krise in Griechenland, die Eurokrise, die Asylkrise in Deutschland mitbekommen. Diese Ereignisse wurden jeweils medial stark in Szene gesetzt. Jedes Mal heisst es: Jetzt geht auch die Schweiz den Bach runter.

Doch wir sind bisher verschont geblieben.
Richtig, nach ein oder zwei Jahren kommt jeweils die Entwarnung, und die Jugend stellt fest, dass wir hier in der Schweiz offenbar besser positioniert sind als die anderen. Sie haben erfahren, dass in der Schweiz sogar das Bankgeheimnis gekippt werden kann und es den Banken trotzdem gut geht.

Nicht ganz überraschend hat die SVP vor allem auf dem Land bei den Jungen Neuwähler gewonnen.
Die SVP ist auf dem Land eine Marke, die auch bei denjenigen Jungen zieht, die sich nicht sehr für Politik interessieren. Wenn es Abstimmungen gibt wie die Masseneinwanderungsinitiative, sind die Jugendlichen voll dabei. Sie spüren, dass ein Ruck durch das Land geht, dass etwas passiert. Doch sonst finden sie den Zugang zur Politik weniger. Was dann bleibt, ist diese Marke SVP. Das Schlüsselelement ihrer Kampagne in diesem letzten Wahlkampf war, dass sie diese Marke sozial-medial aufgefrischt haben.

Wie das?
Sie haben mehr Humor als früher ins Spiel gebracht. Früher hat man in der Öffentlichkeit die giftigen, angriffigen Hardliner wahrgenommen. Jetzt haben sie das aufgeweicht mit dem Humorelement, das auf Social Media besonders gut funktioniert.

Mit einem witzigen Video, in dem sich die SVP-Exponenten Blocher, Rickli oder auch Matter auf die Schippe nehmen.
Das war die Strategie, um die Jugend zu gewinnen, denn der Zeitgeist der Jungen ist nicht nur national-konservativ geprägt, sondern auch durch die sozialen Medien. Das ist ihre Welt. Diese Kombination ist der Schlüssel des Erfolgs der SVP.

Ein Teil der alten Garde ist jetzt abgewählt worden. Neue, jüngere SVP-Politiker und Politikerinnen treten in den Vordergrund. Hat sie das überrascht?
Ja, tatsächlich hat der Generationenwechsel auch innerhalb der Partei stattgefunden. Die Wähler haben knallhart Parteiexponenten oben auf der Wahlliste weggestrichen und junge Leute auf die ersten Plätze gesetzt. Sie haben damit eine eindrückliche Verjüngung geschafft. Bisher waren es die Linken, die Junge in die Politik brachten. Jetzt ist es die SVP, die das kann. Das ist in diesem Ausmass sehr überraschend.

Text
Catherine Boss
Linda von Burg
Oliver Zihlmann
recherchedesk@sonntagszeitung.ch

Fotos
Stefan Bohrer
Christian Nilson

Gestaltung
Linda von Burg
Alexandre Haederli