Im Tal
der Treue

«Bis der Tod euch scheidet» ist in Niederwald und Bister VS kein leeres Versprechen - in diesen beiden Gemeinden hat sich noch nie ein Ehepaar getrennt.

Das Schild über der Theke gibt den Tarif durch: «Wer mit der Wirtin zänkt, der wird gehängt.» Gemeint ist Karin Gehrig, Besitzerin des Restaurants Dreitannen in Niederwald VS. «Mein Mann ­David witzelt manchmal, er werde wohl als Erster dran glauben», sagt Gehrig. Aber auch sie scherzt nur. Tatsächlich leben die beiden in einer äusserst harmonischen Ehe.

Seit 10 Jahren führen die Gehrigs die Dorfbeiz Dreitannen in einem traditionellen Walserhaus aus dem 17. Jahrhundert. «Wir verbringen 24 Stunden zusammen», sagt die Wirtin, «wir stehen zusammen auf, essen zusammen, verbringen den ganzen Tag hier in der Beiz, in der Freizeit gehen wir Ski fahren oder wandern.»

Das sei schon speziell, sagt Gehrig. «Unsere Freunde fragen uns, wie wir das schaffen, so viel Zeit miteinander zu verbringen und so wenig zu streiten.» Umso mehr vermisse sie ihren Mann im Moment. Er befindet sich für einen längeren Spitalaufenthalt im Kantonsspital Basel.

Karin Gehrig,45, Wirtin des Restaurants Dreitannen in Niederwald VS: Alle Probleme möglichst schnell auf die Platte bringen

Das Eheglück der Gehrigs ist die Regel. Das Gommer Tal, wo die Rhone noch ein Wildbach ist, hat die niedrigste Scheidungsrate der Schweiz. Die Gemeinde Bitsch (der Name geht auf einen gleichnamigen Ort im mittelalterlichen Lothringen zurück und hat keine angelsächsische Herkunft) an einem Ende des Tals kommt in den letzten 50 Jahren auf eine Rate von 19 Scheidungen bei 100 Ehen; Obergoms, am anderen Talende, auf 11 Scheidungen bei 100 Ehen. Zur Einordnung: Seit 1969 haben sich in der Schweiz 1,86 Millionen Ehepaare das Jawort gegeben; 640 000 Paare liessen sich wieder scheiden. Mehr als jede dritte Ehe wurde also aufgelöst.

Aber es geht noch besser als in Bitsch und Obergoms. Im Gommer Tal der Treue liegen die beiden einzigen Gemeinden der Schweiz, in denen sich noch nie jemand hat scheiden lassen: Bister und Niederwald. Es sind kleine Dörfer. Niederwald hatte vor fünfzig Jahren über 150 Einwohner. Heute sind es nur noch 50.

Schon wegen der Bevölkerungsentwicklung werden in diesen Gemeinden also nur wenige Hochzeiten gefeiert. Angesichts der steigenden Scheidungsquoten ist es trotzdem erstaunlich, dass sich in den letzten 50 Jahren hier noch nie jemand hat scheiden lassen. Und wohl auch in der Zeit zuvor nicht. Von vor 1969 hat das Bundesamt für Statistik keine Zahlen.

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Ortseingang: Niederwald, das 50-Einwohner-Dorf

Was ist das Geheimnis der Niederwaldner und Bister? Warum hat sich hier noch kein Ehepaar getrennt?

Karin Gehrig sitzt in der Dreitannen am Stammtisch und faltet die Hände im Schoss. Aus dem Fenster blickt man auf den Eingang der katholischen Dorfkirche St. Theo­dul. Gehrig sagt: «Wir leben hier sehr eng aufeinander. Natürlich führt das zu Streit. Aber auch dazu, dass wir den Streit sehr schnell beilegen.» Sie habe mit ihrem Mann eine Abmachung: «Kein Tag endet ohne Gutenachtkuss.» Ob ­kleinere oder gröbere Probleme, alles ­müsse bis zum Abend auf die Platte. Gehrig wischt zweimal sanft mit der flachen Hand über die Tisch. «Sonst kann ich nicht ­ruhig schlafen.»

Natürlich spiele auch die Religion eine Rolle, sagt Gehrig. So sei es zum Beispiel schwierig, wenn jemand aus dem Dorf ein uneheliches Kind zur Welt bringe. Speziell für die Kinder selber. Es sei etwas, das man lieber unter den Teppich kehre und nicht in der ­Öffentlichkeit thematisiere.

Karin und ihr Mann David Gehrig kannten sich vor ihrer Heirat schon seit dem Kindergarten. Doch erst eines Abends im Ausgang in der Happy Bar in Fiesch seien sie sich nähergekommen. Ein Jahr später standen sie vor dem Altar. «Es war ein sonniger Maitag», sagt ­Gehrig, «so, wie es sein sollte.» ­Gestresst habe sie nur, dass sich die Fotografin verspätete; die Haare, das Make-up, das Kleid perfekt gerichtet, aber niemand, um die Hochzeitsbilder zu machen.

Caroline, 53, und Willi Diezig, 55: Sie wollen das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe für sich behalten

Caroline und Willi Diezig gaben sich vor 26 Jahren das Jawort. Sie heirateten in der St.-Theodul-Kirche in Niederwald. Danach tranken sie mit den rund 100 Gästen auf dem Dorfplatz bis spät in die Sommernacht Weisswein. Das Ehepaar wohnt heute wenige Schritte von der Kirche entfernt.

Aus ihrem Fenster blicken sie auf die Statue von César Ritz, die Weltberühmtheit des Ortes Niederwald. Ritz wanderte 1867 im Alter von 17 Jahren nach Paris aus, später nach London und eröffnete in der britischen Hauptstadt das berühmte 5-Stern-Hotel The Ritz am Piccadilly Circus. Noch heute wird sein Geburtshaus von Touristen und Hoteliers aus der ganzen Welt besucht. Der Mann prägte gar die englische Sprache. Das englische Adjektiv «ritzy» bedeutet luxuriös oder prunkvoll.

Caroline und Willi Diezig sind weniger herumgekommen. Was sie nicht weiter stört. «Für uns war immer klar, dass wir hier bleiben», sagen sie. «Wir geniessen Ruhe, Luft und die Nähe zur Familie.» Die 53-Jährige arbeitet als Pflegerin. Der 55 -Jährige ist Elektromonteur bei der Regionalbahn. Beim Besuch des Ehepaars liest Willi an seinem freien Nachmittag im Wohnzimmer die Zeitung. Caroline backt Weihnachtsguezli. Sie sei noch am Ausprobieren und müsse sich noch an den neuen Ofen gewöhnen. Sie bietet deshalb keine Guezli an.

«Was ist das Geheimnis der guten Ehen in Niederwald?» Willi Diezig wiederholt die Frage und sagt: «Vielleicht liegt es daran, dass es ein Geheimnis ist. Würden wir es lüften, wäre das vielleicht gar nicht so gut.» Das Ehepaar lacht.

Walserdorf: Die Bewohner leben alle eng aufeinander

Für die Wissenschaft ist die tiefere Scheidungsquote in ländlichen Gebieten kein Zufall. Und schon gar kein Geheimnis. Der renommierte Psychologe Guy Bodenmann von der Universität Zürich, Initiator des Projekts Paar­life zur Bewältigung von Beziehungsstress, sagt: «Die Hauptursachen für Scheidungen sind überall die gleichen, egal ob Stadt oder Land: schwierige Persönlichkeitsmerkmale oder die Unterschiedlichkeit der beiden Partner.»

Ob diese Faktoren scheidungsrelevant werden, hängt für Bodenmann vom Stress eines Paares ab; Ereignisse wie Umzüge, Arbeitslosigkeit eines Partners, Behinderung, Wiedereinstieg ins Berufsleben, Geldprobleme, Pensionierung oder das Kennenlernen eines neuen Partners.

Davon seien auch die Ehepaare von Bister und Niederwald nicht gefeit. Bodenmann erklärt die rekordtiefen Scheidungsquote im Walliser Tal deshalb mit scheidungserschwerenden Bedingungen - wie etwa der fehlenden Anonymität. «Auf dem Land herrscht eine höhere soziale Kontrolle, und dadurch eine stärkere emotionale und finanzielle Abhängigkeit der Partner. Diese werde noch durch den katholischen Glauben verstärkt.»

Hinzu komme in Bister und Niederwald die Tatsache, dass sich keine Paare in den letzten 50 Jahren haben scheiden lassen. So falle es jedem wohl noch schwerer, der Erste zu sein, diese Regel zu brechen. Bodenmann sagt: «Äussere Bedingungen sind oft ebenso stabilisierend wie innere Faktoren, beispielsweise die Liebe.»

Der frühere Gemeindepräsident Martin Mutter, 53: Hochzeitsjubiläum verschwitzt

Mittlerweile sitzt der frühere Gemeindepräsident von Niederwald, Martin Mutter, 53, am Stammtisch im Restaurant Dreitannen. Der gelernte Bodenleger und seine Frau feierten kürzlich den zwanzigsten Hochzeitstag. Der Handwerker gibt zu, das Jubiläum, die Porzellanhochzeit, vollkommen verschwitzt zu haben. Zu seiner Verteidigung sagt er: «Das ist für uns nicht so wichtig. Meine Frau hat ihn auch vergessen.»

Doch er lässt nicht stehen, dass Romantik in ihrer Beziehung keinen Platz mehr hätten. «Ich glaube, es ist wichtig, einander Raum zu lassen», sagt Mutter, «ich fahre zum Beispiel lieber Ski als meine Frau. Sie geht lieber nach Brig ins Kino.» Viel wichtiger seien die Sachen, die man zusammen tue. Die gelte es umso mehr zu geniessen.

Mutter richtet zwischen Daumen und Zeigefinger zwei Häufchen Schnupftabak, zieht eines durch das rechte, das andere durch das linke Nasenloch. Er sagt: «In den Bergen haben wir eine kleine Hütte, rund eine Stunde Marsch vom Dorf.» Dorthin würde sich das Ehepaar regelmässig für einige Tage zurückziehen – am liebsten im Sommer, ohne Handy, ohne Fernseher, nur sie beide.

Liegt es also einfach an der Berg­luft von Niederwald, dass sich keine Ehepaare trennen? Wie viele sich bis in den Tod treu geblieben sind, zeigt ein Spaziergang auf dem Dorffriedhof vor der St.-Theodul-Kirche. Beinahe alle Gräber sind mit Ehepaaren belegt. Auch der 1918 verstorbene Luxushotelier César Ritz ist dort zu finden. Nach langjährigen Aufenthalten in London und Paris liess er sich in seinem Heimatdorf begraben. Dass seine Frau Marie-Luise gleich daneben liegt, ist in Niederwald eine Selbstverständlichkeit.

Impressum

Text Barnaby Skinner

Fotos Michele Limina

Gemeindegrafik Marc Brupbacher

Gestaltung Barnaby Skinner