Der Schelm von Abidjan

Wer ist Tidjane Thiam? Er war Minister, Prinz,Ehrenlegionär, einer der Könige der Londoner City. Sein Bruder und seine Freunde erklären, was den Chef der Credit Suisse ausmacht.

Es ist Juli 1980, Maturabschlusstag am humanistischen Gymnasium in der ivorischen Hauptstadt Abidjan. Der junge Tidjane Thiam hat Tränen der Wut in den Augen. Seine Abschlussnote lautet «gut». Er wollte die Note «sehr gut».

«Eigentlich hatte er ja nur Sechsen», erzählt Daouda Thiam, der Bruder von Tidjane, bei einem Treffen mit der SonntagsZeitung in Abidjan. «Doch eine Drei im Fach Geschichte hat ihm den Durchschnitt verhagelt.» Der Bruder erinnert sich auch, warum: «Der Lehrer fand Tidjanes Geschichtsarbeit ‹zu perfekt›.» Der Vater, damals Minister, wollte nicht einschreiten, aus Angst, man würde ihm vorwerfen, er missbrauche sein Amt.

Noch Jahrzehnte später erzählte Tidjane Thiam von diesem Geschichtslehrer und den Themen, die man als junger Afrikaner lernen musste. Eines davon: «Un­sere Vorfahren: Die Gallier».

Der Makel im Zeugnis hielt den Maturanden nicht auf. Er wurde Eliteabsolvent in Paris, Minister, Partner beim Unternehmensberater McKinsey, Chef einer Weltfirma. Seit letztem Montag ist er designierter Konzernchef der Credit Suisse, der ehrwürdigen ehemaligen Kreditanstalt.

In den 60er-Jahren hätte sich wohl keiner der damaligen Schweizer Banker von der Kreditanstalt träumen lassen, dass irgendwo in Afrika gerade ein kleiner Bub auf den Strassen spielt, der künftig ihre Bank führen wird.

«Ti­djane war nicht nur schlau, er war auch ein Schelm, manchmal sogar eine echte Nervensäge»

Möglich wurde diese Karriere durch Ehrgeiz, eiserne Disziplin und das Talent, sich anzupassen, welches Tidjane, dem jüngsten von sieben Kindern, in die Wiege gelegt wurde. «Wenn man vier ältere Brüder und zwei grosse Schwestern hat, wird man dauernd ausgetrickst», sagt Bruder Daouda. «Da muss man schlau sein, um über die Runden zu kommen. Aber Ti­djane war eben nicht nur schlau», sagt der Bruder und lächelt, «er war auch ein Schelm, manchmal sogar eine echte Nervensäge.»

Dann erzählt er, wie der Chauffeur den kleinen Tidjane zuweilen kurz nach der Abfahrt zur Schule wieder nach Hause brachte, schlafend. Man musste ihn dann ins Haus tragen, durfte nur noch flüstern. «Bis einer von uns bemerkte, dass er nur so tat, als schlafe er», sagt der Bruder.

Vater Thiam fand schliesslich ein Mittel, das Nesthäkchen anzuspornen. Wenn Tidjane bei einem Test Klassenerster wurde, mussten ihn seine grossen Brüder an die Hand nehmen, mit ihm in die Stadt gehen und ein Vanille-Eis spendieren.

Bald schon war Tidjane dort Stammkunde. Es wurde sein grosses Ziel, die Geschwister zu überrunden. Sein Bruder Aziz schaffte es auf die Eliteschule Ecole Cent­rale in Paris. Mit zwölf stahl der kleine Tidjane dessen Noten und fertigte damit kleine Grafiken und Kurven an, um sie mit seinen eigenen Leistungen zu vergleichen. «Nur um sicherzugehen, dass er besser ist», so Daouda.

Mutter Mariétou war es, die den Ehrgeiz in die Familie brachte. Sie ist die Nichte des ivorischen Staatsgründers und langjährigen Präsidenten Félix Houphouët-Boigny. Obwohl aus mächtiger Familie, entschied ihr Vater, sie nicht in die «Schule der Weissen» zu schicken. Ihre Söhne brachten ihr später das Lesen bei. Vater Thiam legte hingegen eine steile Karriere hin. Geboren in Senegal, ausgebildet in Strassburg, war er mit 40 bereits Informationsminister der Elfenbeinküste. 1966 wurde er Botschafter in Marokko, Tidjane war vier.

So verbrachte der jüngste Sohn den grössten Teil seiner Kindheit in Marokkos Hauptstadt Rabat und lernte früh, sich als Schwarzer zu behaupten. «Wir waren eine der ersten schwarzen Familien in Rabat», sagte Thiam später in einem Interview. Seit dieser Zeit liegen ihm Minderheiten am Herzen.

Die Eliteschule der Grande République

Nach der Matur schickten die Eltern Tidjane nach Frankreich, zur Vorbereitung auf die Uni. Der muslimische Teenager musste sich fortan bei den Christen behaupten, am Gymnasium Sainte-Gene­viève im Pariser Nobelvorort Versailles, das seit Jahrhunderten vom Jesuitenorden geführt wird.

Seine hochgelobte Arbeit nützt ihm in Frankreich nichts
1982 ging Tidjanes Traum in Erfüllung. Er schaffte es als erster Ivorer an die Polytechnique, die Spitzenschule unter allen Elite­universitäten Frankreichs. Keinem seiner Geschwister gelang dieser Coup. Den Höhepunkt seiner Karriere in Frankreich markierte die traditionelle Militärparade am 14. Juli 1983. Um 10.38 Uhr marschierte Tidjane Thiam in der Uniform der Polytechnique an der Spitze des Zuges über die Champs-Elysées. Im Publikum die Mutter, stolz und gerührt über den Jüngsten.

In Frankreich begann eine Ära der Öffnung unter dem neuen Präsidenten Mitterrand. Gerade wurde der erste Schwarze in die ehrwürdige Académie française aufgenommen. In Paris schien ihm die Welt zu Füssen zu liegen – er sollte sich irren.

«Dabei war er intellektuell herausragend und dazu noch sehr umgänglich.»

Nach dem Polytechnique schloss er noch die École des Mines ab – als Bester seines Jahrgangs. Aber anders als seine Kameraden erhielt er kaum Einladungen für Vorstellungsgespräche. Sein ehemaliger Professor an der Ecole des Mines, Alain Ganand, erinnert sich heute noch an die Schwierigkeiten seines Schülers. «Dabei war er intellektuell herausragend und dazu noch sehr umgänglich.» Thiam machte einen Stage beim Gaskonzern Air Liquide, schrieb dort eine hochgelobte Arbeit über Wärmetauscher – es half nichts.

Seine Professoren empfahlen ihm schliesslich, im angelsächsischen Raum eine Stelle zu suchen. 1989 ging er zur Weltbank in New York. Dort lernte er seine spätere Frau Annette kennen. Er ist Muslim, sie geht weiter in die methodistische Kirche.

Es folgten einige Berufsjahre bei der Unternehmensberatung McKinsey; auch dort hinterliess er einen bleibenden Eindruck. «Er war absolut brillant», erzählt Eric Bernheim, ein ehemaliger Kollege, der heute in Genf lebt.

An einem Samstagabend im Jahr 1994 fand Thiam eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter. Der neue Präsident der Elfenbeinküste, Henri Konan Bédié, wolle mit ihm essen. Monate später war Thiam, damals 31, Direktor des Entwicklungsbüros in der neuen Regierung Bédiés.

Minister
der Elfenbeinküste

Die Rückkehr nach Afrika war ein Schock. Gerade wurde die Landeswährung um 50 Prozent abgewertet. Thiam musste alle Löhne und die Tarife für Strom, Gas und Wasser neu aushandeln. «Addierte man alle Anfragen für Finan­zierung an mein Büro, erhielt man eine Summe, die etwa 50- bis 100- mal höher war als unser Budget – und praktisch alle Anfragen waren legitim», erzählte er später.

«Rechnete man alle Finan­zierungs-Anfragen an mein Büro zusammen, erhielt man eine Summe, die etwa 50- bis 100- mal höher war als unser Budget. Dabei waren fast alle Anfragen gerechtfertigt.»

Doch auch hier reihte er Erfolg an Erfolg. 1998 wurde er Minister. Der Stamm der Baoulé ernannte ihn zum «Prinzen». Westliche Medien handelten ihn als künf­tigen Regierungschef.

Tidjane entwarf nun Szenarien für die Zukunft seines Landes bis 2025. Das Negativszenario hiess: «Der Suizid des Skorpions». Es sagte einen Staatsstreich voraus, wenn der Präsident seine Politik nicht verbessere. Genauso sollte es kommen.

«Es gibt immer einen, der eine noch grössere Kanone hat»
Im Dezember 1999 wurde Thiam aufgenommen ins «Dream Cabinet» der 100 Global Leaders unter der Schirmherrschaft des World Economic Forum. Am 24. Dezember 1999 putschte das Militär in Abidjan. Thiam befand sich bei der Familie seiner Frau in den USA, mit seinen vier und sechs Jahre alten Söhnen.

Er hätte mit seinem französischen Pass in den USA oder Europa leben können, doch er kehrte zurück. Die Generäle setzten ihn erst unter Hausarrest, eine Woche später boten sie ihm an, Stabschef des neuen Präsidenten zu werden. Thiam lehnte ab.

Es war eine Frage des Prinzips, wie er später in einem emotionalen Interview bei CNN sagte. Gewalt dürfe kein Mittel sein, um an die Macht zu gelangen. «Wenn sie in einem Land mit schwachen Institutionen einen Minister mit vorgehaltener AK-47 vor sich kriechen lassen, dann ist alles aus», sagte Thiam. «Die Gewalt wird sich dann immer und immer wiederholen, denn es wird immer einen geben, der eine noch grössere Kanone hat.» Auch hier sollte er recht behalten. Seit dem Coup hat die Gewalt in der Elfenbeinküste nicht mehr aufgehört.

Tidjane Thiam über seine Ministerzeit bei CNN.

In der City

Thiam kehrte der Politik den Rücken und ging zurück nach Frankreich. Doch auch beim zweiten Mal gelang ihm dort kein Karrieredurchbruch. Als er es in Grossbritannien versuchte, geschah Wunderliches: «Kaum war ich in London, erhielt ich einen Anruf von 10 Downing Street, obwohl ich dort niemanden kannte», erzählte Thiam später. Premierminister Tony Blair wollte ihn für eine Kommission über Afrika.

«In London müssen schwarze Top-Akademiker eben nicht Parkplatzwächter werden.»

«In London», sagte er in einem Interview, «müssen schwarze Top-Akademiker eben nicht Parkplatzwächter werden.» So arbeitete Thiam bald mit dem künftigen Premier Gordon Brown zusammen. Die Briten schickten ihn als ihren Vertreter zum US-Senat. Dort lernte er Barack Obama als Senator kennen, der ihn später als Präsident nach Camp David einlud, um vor den Staatschefs der G-8 einen Vortrag zu halten.

Thiam erlebte einen kometenhaften Aufstieg bis zum Konzernchef des Versicherungskonzerns Prudential. Erst dort, an der Spitze, erlebte er eine erste Niederlage, als ihm ein Übernahmegeschäft misslang und die Behörden ihn rüffelten.

Aufgehalten hat es ihn nicht. Mittlerweile ist er ein Teil der globalen Elite. Er ist befreundet mit David Cameron und George Osborne, er verkehrt mit den meisten Staatschefs Asiens, so auch mit dem Premier Chinas. Von den 54 afrikanischen Staatschefs ist er mit 40 bekannt. Zum Schluss hatte ihn sogar der französische Präsident François Hollande noch hofiert.

Und jetzt kommt dieser Thiam in die Schweiz. Was will er hier?

Der Investmentbanker Lionel Zinsou ist seit 30 Jahren mit ihm befreundet. Er sagt, der Ivorer hätte sich bequem auf seinen Erfolgen bei Prudential ausruhen können. «Aber Tidjane braucht Veränderung und Herausforderungen», sagt Zinsou. «Ein globales Unternehmen wie die CS liegt genau auf seiner Linie.»

Was Thiam als CEO vorhat, weiss auch Zinsou nicht, aber er hat eine Vermutung: «In dieser Zeit, in der man diese Bank neu denken muss, wird Tidjane an der Wurzel beginnen: Er wird versuchen, die Ethik neu ins Zentrum zu stellen.»ŸŸ

Chronologie

Texte
Titus Plattner,
Maureen Grisot
und Oliver Zihlmann

Fotos
Keystone, Getty,
Reuters, privates Archiv

Design
Titus Plattner

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