Die Kunst des Rücktritts

Alle Topmanager wünschen sich einen Abschied in Würde. Warum sie trotzdem immer wieder scheitern

Die Champions -
sie timen genau richtig und lassen sich feiern

Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz managte seinen Abgang perfekt
Foto: Daniel Kellenberger

Die Verzweifelten - sie ruinieren ihren Ruf,
weil sie gegen jede Vernunft im Amt bleiben

Fifa-Chef Sepp Blatter klammerte sich ans Präsidium - bis er suspendiert wurde
Foto: Steffen Schmidt/Keystone

Vielleicht hätte der frisch vom Amt suspendierte Fifa-Boss Sepp Blatter bei Pierin Vincenz ins Coaching gehen sollen. Der ehemalige Raiffeisen-Chef hat etwas fertiggebracht, was Blatter nicht gelungen ist: den perfekten Abgang zu inszenieren.

Ende September hat Vincenz den Stab bei der Bankengruppe an seinen Nachfolger übergeben. In den Wochen zuvor war das markante Gesicht des Bündners auf allen Kanälen zu sehen.Vincenz ganz entspannt am Baden in Morcote, Vincenz inmitten von Zügelkisten in seinem Büro, Vincenz an seinem letzten Arbeitstag.

Die Schlagzeilen kamen so daher, wie es Wirtschaftsfiguren seines Kalibers gerne haben: «Der Kapitän geht von Bord», «Vincenz verlässt die Bank mit Rekordergebnissen». Der Ex-Raiffeisen-Chef wurde wie ein Popstar gefeiert, während der 79-jährige Sepp Blatter seine Karriere mit einer kompletten Bruchlandung beendet.

«CEO haben unglaublich viel investiert, um dahin zu kommen, wo sie sind. Um so schlimmer ist es, wenn der Abgang misslingt.»

PR-Experte Roman Geiser

Der glanzvolle Abschied als Krönung jahrzehntelangen Engagements – für die meisten Topmanager ist er Ziel des ganz persönlichen Karriereplans.

Anerkennung muss her, wenn die Bühne der Wirtschaft verlassen werden soll. Als ein wirklich «Grosser» will man Kollegen und Öffentlichkeit in Erinnerung bleiben.

PR-Profi Roman Geiser weiss, warum. «CEO haben unglaublich viel investiert, um dahin zu kommen, wo sie sind. Um so schlimmer ist es, wenn der Abgang misslingt», sagt der Managing Partner und CEO von Farner PR.

Sepp Blatter ist der jüngste und vielleicht krasseste Fall. Aber der Walliser ist mit seinem miserablen Finish in guter Gesellschaft.

Fifa-Chef Sepp Blatter glaubte, es brauche ihn noch, um die Reformen umzusetzenFoto: Ennio Leanza/Keystone

Fifa-Chef Sepp Blatter glaubte, es brauche ihn noch, um die Reformen umzusetzen
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Die Sesselkleber - sie bleiben zu lange.
So lange bis alle froh sind, wenn sie gehen

Auf den Abgang des Ex-CS-Chefs Brady Dougan warteten alle lange vergeblich
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Beispiel Brady Dougan. Monatelang wurde über den Abgang des angeschlagenen Ex-Credit-Suisse-Chefs spekuliert. Dougan erhielt das Etikett «Lame Duck». Doch der Amerikaner blieb stoisch auf seinem Sessel. Bis ihm schliesslich im März dieses Jahres das Heft aus der Hand genommen wurde und der Verwaltungsrat Tidjane Thiam auf den Chefsessel hievte.

Dougan blieb der grosse Applaus verwehrt, und der Finanzmarkt quittierte seinen Abgang mit einem Kursanstieg – eine Schmach für den Amerikaner, der sich stets am Aktienkurs gemessen hatte.

«Wie jemand sich in der letzten Zeit an der Macht verhält, hat grossen Einfluss darauf, wie man sich an ihn erinnert.»

Robert Sutton, Management-Professor in Harvard

Bitter auch das Ende des ehemaligen Arbonia-Forster-Chefs und Hauptaktionärs Edgar Oehler. Er wurde sukzessive entmachtet – Ende letzten Jahres verkaufte er seine Aktien und hinterliess eine schwer angeschlagene Firma. Nach dem Aus gab er sich alles andere als demütig. Er habe nur «kleine» Fehler gemacht, sagte er. Der Patriarch hat sich damit einen Bärendienst erwiesen.

«Wie jemand sich in der letzten Zeit an der Macht verhält, hat grossen Einfluss darauf, wie man sich an ihn erinnert», schreibt Management-Professor Robert Sutton von der Stanford University in der «Harvard Business Review».

Die Möchtegern-Perfekten -
sie erhalten nicht die Anerkennung, die sie sich erhoffen

Der Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann trat 2012 zurück. Der grosse Applaus blieb ihm verwehrt
Foto: Steffen Schmidt/Keystone

Einen angeschlagenen Ruf hat auch Josef Ackermann, seit er bei der Deutschen Bank 2012 seinen Rücktritt gegeben hat. Die Erbschaft, die der stets auf Applaus bedachte Banker hinterliess, entpuppt sich heute als problematisch. Sein Image als arroganter Wirtschaftsführer wird er nicht mehr los.

Mangelnde Bodenhaftung und ein eigentlicher Tunnelblick sind Hauptgründe dafür, warum Unternehmensleiter den Absprung vermasseln. «Viele verlieren in ihrer Posi­tion das Gespür dafür, was ihre Stakeholders und die Familie über sie denken», weiss Bernhard Bauhofer. Seine Firma Sparring Partners berät Firmen und Manager im Reputation Management.

Brady Dougan etwa fühlte sich durch den Support seiner wichtigsten Aktionäre im Nahen Osten getragen. Trotzdem konnte er sich nicht halten. Fehlt die Tuchfühlung mit der Umgebung und mangelt es an objektiven Beratern, kommt es zu Fehleinschätzungen der eigenen Position.

«Gerade bei Managern, die schon lange im Amt sind, kommt das Gefühl einer gewissen Unfehlbarkeit auf», so Bauhofer. Martin Winterkorn gehört für ihn in diese Liga. Der zurückgetretene VW-Chef sah sich noch im Frühjahr gestärkt durch den gewonnenen Machtkampf mit dem Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch, der ihn weghaben wollte.

Die Machtlosen - ihnen wird das Heft zum Rücktritt
abrupt aus der Hand genommen

Die Rücktrittsagenda von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn wurde durch den Abgasskandal fremdbestimmt
Foto: AP/Keystone

Fünf Monate später ist Winterkorn als VW-Chef Geschichte. Der Skandal um Abgasmanipulationen in den USA hat dem selbstbewussten Manager das Genick gebrochen. Unter der von ihm geförderten Hofstaat-Firmenkultur war die Fehlleistung erst möglich geworden.

Das perfekte Drehbuch für den Abgang wird zur Makulatur, sobald eine Krise da ist. Die Agenda gerät durcheinander, und andere bestimmen plötzlich über das eigene Schicksal. Im Falle VW war es der Aufsichtsrat, der Winterkorn noch kurz stützte. Dann sah sich der VW-Boss zur Aufgabe gezwungen.

«Als erfolgreichster VW-Chef aller Zeiten wäre Winterkorn in die VW-Annalen eingegangen», schrieb die «Welt». «In einer akuten Krise steigt die Nervosität markant. Da geht es in einem Verwaltungsrat dann auch darum, sich selbst zu schützen und sich mit raschen Entscheiden dem Druck diverser Anspruchsgruppen zu beugen», sagt Roman Geiser.

In so einem Fall rächt es sich auch,wenn das strategische Führungsgremium keine vernünftige Nachfolgeplanung aufgegleist hat, was eigentlich eine Grundaufgabe wäre.

Steht kein Neuer bereit, ist der VR noch stärker unter Druck. Geiser rät gefährdeten CEO in solchen Fällen, das Heft besser früher in die Hand zu nehmen und zurückzutreten, bevor das Fallbeil ausgelöst wird.

Die Offensiven -
sie schaffen es, auch im Skandal anständig zu bleiben

Ex-UBS-Chef Oswald Grübel war souverän und übernahm 2011 die Verantwortung für den Adoboli-Skandal
Foto: Dominique Meienberg

Genau das hat der ehemalige Konzernchef der UBS, Oswald Grübel, beherzigt. Nachdem der frühere UBS-Händler Kweku Adoboli 2011 in London 2,3 Milliarden Dollar verspekuliert hatte,übernahm Grübel Verantwortung und trat zurück. Das rettete letztlich die Reputation des hemdsärmligen Topmanagers. Allerdings hatte auch Grübel in einer ersten, spontanen Reaktion noch nicht an einen Rücktritt gedacht.

Aufgeben, die Segel streichen, kapitulieren: Das fällt den meisten Managern schwer. Die Eigenschaften, die sie stark gemacht haben, werden plötzlich zur Schwäche. Die Widerstandsfähigkeit,die sie sich im Berufsleben über Jahre aufgebaut haben, zwingt sie vermeintlich zum Weitermachen, selbst wenn der Druck gross ist.

«Sie sind es sich gewohnt, nicht vor Problemen davonzulaufen, und glauben darum, dass es Sinn macht, zu bleiben.»

PR-Experte Roman Geiser

«Sie sind es sich gewohnt, nicht vor Problemen davonzulaufen, und glauben darum, dass es Sinn macht, zu bleiben», erklärt PR-Profi Geiser das verzweifelte Festhalten am Job. Ganz nachdem Motto: «Ich bin nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.»

Tatsächlich hat auch Fifa-Chef Sepp Blatter immer wieder argumentiert, dass es ihn noch brauche, um die Reformen innerhalb der Fifa umzusetzen. Hinzu kommt, dass die Topshots aufgrund ihrer dichten Agenda häufig das Privatleben sträflich vernachlässigen. Ein abrupter oder erzwungener Rücktritt macht ihnen dann Angst.

Profis raten deshalb, den eigenen Exit bewusst zu planen und ihn nicht dem Zufall zu überlassen. So wie etwa Franz Humer. Der frühere Roche-Konzernchef und Verwaltungsratspräsident kündigte seinen Rücktritt ein Jahr im voraus an und liess sich in der Zeit würdigen. Zum Abschluss kullerten an der Generalversammlung 2014 die Tränen, und es gab Standing Ovations.

Ex-Roche-Konzernchef Franz Humer (rechts) kündigte seinen Rücktritt ein Jahr im voraus an.Foto: Claude Giger

Ex-Roche-Konzernchef Franz Humer (rechts) kündigte seinen Rücktritt ein Jahr im voraus an.
Foto: Claude Giger

Daniel Vasella musste sich vor den Aktionären entschuldigen.Foto: Doris Fanconi

Daniel Vasella musste sich vor den Aktionären entschuldigen.
Foto: Doris Fanconi

Wie muss das seinen Gegenspieler Daniel Vasella geärgert haben. Der war ein Jahr zuvor abgetreten – und musste sich vor den versammelten Aktionären für die Zahlung von 72 Millionen Franken entschuldigen, die er für ein Konkurrenzverbot erhalten hatte.

Text
Karin Kofler

Fotos
Daniel Kellenberger, Steffen Schmidt/Keystone, Ennio Leanza/Keystone, AP/Keystone, LAIF, Dominique Meienberg, Claude Giger, Doris Fanconi, Getty