Schweizer Söldner kämpfen in der Ukraine

Ein Zürcher und ein St. Galler sind in den Krieg gegen die prorussischen Separatisten gezogen. Ihre Motive: Liebeskummer und Rechtsextremismus

M. liegt auf dem kalten Betonboden, den Feind im Visier. Er schaut durch das Zielfernrohr seines Sniper-Gewehrs. Die benachbarten Häuser sind schnee­bedeckt. Verlassen, zerbombt.

Dann ein dumpfer Knall. Der Boden bebt. Staub. Rauch.

Ein feindlicher Panzer hat das Haus direkt neben dem Versteck von M. getroffen.

Er selbst ist unverletzt.

Es ist in diesen Minuten, im ostukrainischen Winter Ende 2014, als M. beschliesst, nach Hause zu gehen. Raus aus dem Krieg, zurück in die Schweiz. Heim, nach Dietikon ZH.

Freiwillige des Asow-Bataillons: Rechtsextreme Milizen machen für den ukrainischen Präsidenten Poroschenko die Drecksarbeit.

Von der Feuerwehr zu den Freiwilligen-Milizen

Noch heute erinnert er sich genau an den ­Moment, als wenige Meter über sein Leben entschieden.

Warum er im November zuvor losgezogen war, um sich den ukrainischen Freiwilligenmilizen anzuschliessen und in Donezk gegen die prorussischen Separatisten zu kämpfen, weiss er jedoch nicht mehr so recht.

«Irgendwie ging ­alles schief», sagt er, konfrontiert mit den Recherchen. «Meine langjährige Freundin hatte mich verlassen, ich schlitterte in die Arbeitslosigkeit, und die Schweiz wollte meine Aufenthaltsbewilligung nicht erneuern.»

Da tat M., was er am besten kann: Er zog in den bewaffneten Kampf. Am 23. November publiziert er ein Foto auf Facebook. Es zeigt ihn in Kiew, in einer improvisierten Kampfausrüstung mit ­kugelsicherer Weste. Dazu schreibt er: «Auf ins Feuer.»

Sein liebstes Hobby: M. beim Steinstossen.

Sein liebstes Hobby: M. beim Steinstossen.

Bis zu diesem Zeitpunkt ­führte der 48-Jährige ein ganz normales Leben in der Schweiz.

1999 zieht der Schotte von ­Glasgow nach Schlieren, später nach Die­tikon. Er arbeitet als ­Programmierer, baut sich eine eigene Infor­matikfirma auf.

In seiner Freizeit engagiert sich M. bei der freiwilligen Feuerwehr. Sein liebstes ­Hobby ist das Steinstossen. Die Schweizer Traditionssportart hält ihn fit. Noch im ­September 2013 nimmt er an der ­nationalen Meisterschaft in ­Walenstadt SG teil. 4,36 Meter wirft er den 12½-Kilo-Stein. Platz 77 – Zweitletzter.

Ein Jahr später zieht er in den Krieg.

M. als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr.

M. als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr.

Ausländer sind willkommenes Kanonenfutter: Zivilisten beim Training.

Terror im Namen der Maidan-Revolution

So wie M. kämpfen aufseiten der Ukraine mehrere Hundert westliche Söldner. Schweden, Spanier, Franzosen, Italiener und Schweizer.

Viele von ihnen schliessen sich dem Asow-Bataillon an, einer rechtsextremen Miliz, die für Präsident Petro Poroschenko die schmutzige Arbeit an der Front erledigt.

Ihr Anführer sagte in einem Interview mit der britischen Zeitung «Telegraph»: «Die historische Mission unserer Nation ist es, die weissen Rassen der Welt in einen finalen Kreuzzug für ihr Überleben zu führen.»

Menschenrechtler werfen den Kämpfern Kriegsverbrechen vor. Sie sollen Wohnungen plündern, Gefangene foltern und Medienschaffende verschleppen. Terror im Namen der Maidan-Revolution.

Männer wie den Dietiker M. nehmen die Kampfeinheiten noch so gerne auf. Im Gegensatz zu den kriegsmüden Ukrainern sind sie meist topmotiviert. Die militärisch Unerfahrenen durchlaufen ein Training von wenigen Wochen, dann werden sie an die Front geschickt. Kanonenfutter.

Nicht so M. Als junger Mann diente er in der britischen Armee, später als Scharfschütze bei der Fremdenlegion.
Krieg ist sein Handwerk.

Eid auf die Fahne: Aufseiten der Ukraine kämpfen mehrere Hundert westliche Söldner.

Ein schwedischer Neonazi rekrutiert Auslandkämpfer

Neben M. zog während der heissen Phase des Kriegs mindestens ein weiterer Schweizer ins Kampfgebiet: B., 38, kroatisch-schweizerischer Doppelbürger aus St. Gallen.

Ende 2014 trifft er in Kiew den Scharfschützen Mikael Skillt, einen schwedischen Neonazi, der Auslandkämpfer rekrutiert und junge Milizionäre ausbildet.

Ein Facebook-Foto zeigt die beiden vor dem Asow-Hauptquartier. «Bro­thers in arms», schreibt B.

Mit dem schwedischen Rechtsextremen und Milizen-Ausbilder Mikael Skillt: «Brothers in arms» schreibt B. auf Facebook.

Mit dem schwedischen Rechtsextremen und Milizen-Ausbilder Mikael Skillt: «Brothers in arms» schreibt B. auf Facebook.

Dann verliert sich die Spur des Schweizers für rund zwei Monate. Mitte Februar tauchen weitere Bilder auf.

Der St. Galler posiert mit Pistole und in der Söldneruniform des Donbass-Bataillons, eines extremistischen Kampfverbunds, bei dem ebenfalls Westler mitmischen. Auf eine erste Anfrage räumt B. ein, dass er in Luhansk und Slowjansk im Osten der Ukraine gekämpft habe. Weitere Quellen, darunter der Führer einer kroatischen Ukrainedivision, bestätigen das.

B. mit seiner ukrainischen Freundin vor dem Zürcher Grossmünster.

B. mit seiner ukrainischen Freundin vor dem Zürcher Grossmünster.

Dann taucht B. ab, löscht sein Facebook-Profil. Kurz zuvor lädt er ein letztes Mal Fotos ins Internet. Eines zeigt ihn im Zug von der umkämpften Stadt Kramatorsk ­zurück nach Kiew. Ein anderes ­zusammen mit neuer Freundin, ­einer jungen Brünetten aus der Ostukraine.

Mitglieder der Misanthropic Division Schweiz posieren für ein Facebook-Foto: Spendenaufruf, um den «Kampf für ein weisses Europa» zu unterstützen.

B. ist glühender Hitler-Fan, M. posiert mit dem Hitlergruss

Was treibt Männer aus der Schweiz in einen fremden Krieg? Abenteuer­lust? Politische Überzeugung? Klar ist: Wie die meisten freiwilligen Auslandkämpfer hängen M. und B. rechtsextremen Ideologien an.

B. ist glühender Hitler-Fan und leidenschaftlicher Sammler von Überbleibseln aus dem Deutschen Reich.

In einer Annonce auf der Internetplattform Gebrauchtwaffen.ch bietet der St. Galler einen angeblich originalen Ausweis der Gestapo an. Eine Rarität. 300 Franken will er dafür.

Zudem ist er Anhänger der Hajduk-Jugend, einer neonazistischen Hooligan-Gruppe aus Kroatien. In St. Gallen soll er junge Leute im Messerkampf schulen, gemäss Handelsregister betreibt er einen Versand für Sport­ernährung.

Freiwillige beim Training: Letzter Fitnesstest vor der Abreise an die Front in der Ostukraine.

Der Nachrichtendienst des Bundes beobachtet die Entwicklung mit Sorge

Auch M. aus Dietikon brüstet sich gern mit seiner rechtsextremen Gesinnung

Auf einem Foto in einer Bar streckt er die Hand zum Hitlergruss aus. Gegenüber der SonntagsZeitung bezeichnet er sich als «Nationalist», der Europa vor der «Invasion der Russen» schützen will. Mitleid mit den getöteten Separatisten habe er nicht. «Nur deren Familien tun mir leid.»

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beobachtet die Entwicklung mit Sorge. «Uns ist bekannt, dass gewalttätige Schweizer Rechtsextremisten Kontakt zu ukrainischen Neonazis haben», sagt Sprecherin Isabelle Graber. Es existiere hierzulande eine Sympathisantenszene, die allerdings nur dann ins Aufgabengebiet des NDB falle, wenn ein klarer Gewaltbezug vorliege.

Wie eng die Verbindungen von Schweizern an die ostukrainische Front sind, zeigten SonntagsZeitungs-Recherchen bereits im letzten Februar. Militante aus den Kantonen Genf, Waadt und Wallis gründeten 2014 die Misanthropic Division Schweiz, ein direkter Ableger der gleichnamigen Division in der Ukraine.

Sie gilt als die brutalste Freiwilligenmiliz im Kampf gegen die prorussischen Separatisten. Ihre Anhänger verehren Hitlers Waffen-SS,viele sind verurteilte Straftäter. Als die Revolution auf dem Maidan losbrach,waren sie die Ersten, die sich bewaffneten. Mit Maschinengewehren und Schrotflinten.

Die Schweizer Aktivisten aus dem Umfeld der Neonazi-Organisa­tion Hammerskins schickten Geld, ­Lebensmittel und Kleider an die Front. «Helfen wir den Soldaten in ihrem Kampf gegen die kommunistischen Imperialisten und für ein weisses Europa», schrieben sie in einem Spendenaufruf.

«Ich war müde und wurde über längere Zeit nicht bezahlt»

Söldner M. aus Dietikon ZH

Die beiden Schweizer Söldner beliessen es nicht bei der materiellen Unterstützung. Sie wollten selbst mitmischen, vor Ort, mitten im blutigen Konflikt.

Unterdessen sind beide zurück in ihrer Heimat. «Ich war müde und wurde über längere Zeit nicht bezahlt», sagt M. Eine neue Aufenthaltsbewilligung hat er noch nicht.

Der St. Galler B. überlegt sich offenbar, erneut in die Ostukraine zu reisen und dort angehende Kämpfer auszubilden. Militär­erfahrung aus der kroatischen Armee soll ihm dabei helfen.

Gut möglich ist allerdings auch, dass sein Kriegsabenteuer vom letzten Winter hinter Gitter endet. Die Militärjustiz bestraft fremde Kriegsdienste von Schweizer Bürgern mit Gefängnis von bis zu drei Jahren.

Text
Fabian Eberhard

Foto und Video
Reuters
AFP
Getty Images

Infografik
Jürg Candrian

Gestaltung
Natalie Hauswirth