Vögeles ziehts
nach Vietnam

Die 12-tägige Tour von Hanoi bis Saigon ist die beliebteste
Vögele-Gruppenreise – was will der Schweizer da?

Die Vögeles sind auf der ganzen Welt unterwegs, man begegnet ihnen im Dschungel des Amazonas, in der Wüste Namibias, in den Glühwürmchen-Grotten Neuseelands oder am Kap Hoorn, am «Ende der Welt». Man erkennt sie am Rucksack, am vernünftigen Schuhwerk und dem Getreideriegel, den der Schweizer auf Reisen zur Sicherheit immer dabei hat.

Vor allem zieht es die Vögeles nach Vietnam. Die zwölftägige Vietnam-Rundreise ist seit Jahren der Renner im Angebot des bekanntesten Schweizer Anbieters von Gruppenreisen. Seit über zehn Jahren führt Vögele Reisen Vietnam im Angebot, 2014 wurden 15 Gruppen mit mehr als 300 Schweizern durch das Land gelotst.

Warum will der Schweizer nach Vietnam? Weshalb reist er in der Gruppe? Und: Wie benimmt sich der Schweizer in der Ferne?

Schweizer nehmen es genau: Montserrat Rico Skorjanec, 54, und Tochter Neva, 23, aus Glarus in einer Werkstatt für Opfer des Vietnamkrieges.

Schweizer nehmen es genau: Montserrat Rico Skorjanec, 54, und Tochter Neva, 23, aus Glarus in einer Werkstatt für Opfer des Vietnamkrieges.

Antworten erhalten wir von der Vögele-Gruppe, die im Juli durch Vietnam reiste: 17 Schweizerinnen und Schweizer, die Älteste ist 84, der Jüngste 15. Ein Paar, zwei Familien, fünf Frauen, Mutter und Tochter. Plus der Reiseleiter – Urs Oesch, 49, aus Muri bei Bern, wobei er kaum je im Bernbiet anzutreffen ist. Seit 25 Jahren führt er Schweizer durch die Kontinente, in Asien fühlt er sich besonders daheim, in Vietnam war er schon x-mal.

Drei Primarlehrerinnen, ein Sekundarlehrer, eine Heilpädagogin und eine Kindergärtnerin zählt unsere Gruppe. «Typisch», sagt Oesch, auffallend viele Leute, die im Alltag Verantwortung tragen, schliessen sich den organisierten Reisen an. Und geniessen es, diese Verantwortung für einmal abzugeben und Informationen konsumieren zu dürfen.

Die beschwerliche, insgesamt 19-stündige Anreise vergisst man am besten sofort. Ausschlafen gibts nicht. Morgens um acht sitzen wir im Bus. Keiner hat das Frühstück verpasst: Ob Nudelsuppe oder Brot mit Konfitüre, der Zmorgen legt den Boden, er ist dem Schweizer Pflicht. Und jeder packt noch eine Banane ein, man weiss ja nie, wann es wieder etwas zu essen gibt.

Besuch in einer Perlenmanufaktur: Familie Schmidiger-Huelin aus Baar zieht wie alle Vögele-Reisenden Fixpreise vor.

Besuch in einer Perlenmanufaktur: Familie Schmidiger-Huelin aus Baar zieht wie alle Vögele-Reisenden Fixpreise vor.

Reiseleiter Oesch ergreift das Mikrofon, sagt, er duze alle, auch jene, die ihn siezten, also, «ich heisse Urs». Ab sofort sind alle per Du. Das Wichtigste zuerst: Vergleich der Uhren. «Es ist jetzt 8 Uhr 16, nein 8 Uhr 17», sagt Urs. Auf die Minute kommt es an, Pünktlichkeit ist das allerwichtigste auf einer Gruppenreise, man will auf niemanden warten müssen, da versteht der Schweizer keinen Spass. Schweizer sind pünktlich, bestätigt Urs, das heisst, sie sind mindestens fünf Minuten vor der verabredeten Zeit parat. Immer. Jeder hat einen Fensterplatz im Car, den er, auch das eine Schweizer Eigenschaft, während der ganzen Tour behalten wird.

Unsere Reise führt vom Norden nach Süden, von Hanoi, wo Revolutionsführer Ho Chi Minh und die «Hammer und Sichel»-Fahne allgegenwärtig sind, nach Ho Chi Minh City, der boomenden Wirtschaftsmetropole. Durch das langgezogene Land, das der Vietnamese als «Bambusstamm mit Reiskörben links und rechts» beschreibt.

Zweimal werden wir fliegen, landen in verschiedenen Klimazonen. Wobei: Sehr heiss und sehr feucht wird es immer sein. Sommer ist Regenzeit, verregnet aber werden wir nie. Nass schon, der Schweiss fliesst permanent.

In Vietnam eine Delikatesse: Der Schweinskopf.

In Vietnam eine Delikatesse: Der Schweinskopf.

Noch ein ganz wichtiger Hinweis, sagt Urs: «Trinkt viel!» Er weiss, wovon er spricht, erlebe immer wieder, dass Frauen extra wenig trinken, weil sie so selten wie möglich ein WC aufsuchen wollen. Was man durchaus nachvollziehen kann, wenn man je eine Toilette abseits des Touristenstroms betreten musste. Aber, so Urs, lieber Augen zu und durch als ohnmächtig auf dem Boden knallen und dabei Zähne verlieren. Alles schon gehabt.

In Nord-, Zentral- und Südvietnam, überall werden wir von einem lokalen Reiseführer erwartet, der stolz das Vögele-Fähnchen schwingt. Jeder spricht gutes Deutsch, gelernt in der ehemaligen DDR. Für Tam, 60, immer noch das beste Land der Welt, er hat dort nach Ende des Vietnamkriegs Maschinenbau studiert. Er trägt eine Swatch am Handgelenk, mit allen Schweizer Kantonswappen, das Geschenk eines Gastes. Er ist noch pingeliger als wir Schweizer, was Pünktlichkeit angeht.

Tatsächlich gelten die Vietnamesen als pünktlich, fleissig, zuverlässig. Unser Programm ist dicht und durchgetaktet, in kurzer Zeit sehen und erfahren wir das Maximum. «Perfekte Organisation», lobt Fulvio Chinotti, 59, aus Osogna TI, als Leiter des Armee-Logistik-Centers kann er das beurteilen. 2014 waren er und Ehefrau Rita mit «Vögeli» in Indonesien, «superschön» wars. Sie reisen gern in Gesellschaft, auch, weil sie kaum Englisch sprechen. Vor allem aber schätze er es, als Schweizer in einer Schweizer Gruppe unterwegs zu sein. In den Ferien rücke man zusammen, ein «heimeliges Gefühl» sei das.

«Wir haben die Amerikaner rausgeschmissen», sagt Reiseführer Tam (3. v. l.): Ho-Chi-Minh-Denkmal in Hanoi.

«Wir haben die Amerikaner rausgeschmissen», sagt Reiseführer Tam (3. v. l.): Ho-Chi-Minh-Denkmal in Hanoi.

Wir fahren vorbei an einem Kriegsdenkmal, hier sei der Helikopter mit John McCain, heute US-Senator, abgeschossen worden, jahrelang habe er in Hanoi im Gefängnis geschmort, sagt Tam. Triumph schwingt mit, «wir haben die Chinesen, die Japaner, die Franzosen und die Amerikaner rausgeschmissen». Die Leidensgeschichte des Landes, besonders der Vietnamkrieg (1955 bis 1975), wird uns auf Schritt und Tritt begleiten.

Jeder über 50 hat ein Kriegserlebnis, das einen erschaudern lässt. Die Vögeles hängen Tam an den Lippen, wenn er aus der Kindheit erzählt, wie sich die Menschen vor den Bomben in Erdlöchern versteckten, an Schlangenbissen und verdrecktem Wasser starben. «Aber wir haben gekämpft! Uns kriegt ihr nicht!» - Tams stets lächelndes Gesicht verzieht sich zur Fratze.

<span style="color: rgb(255, 255, 255); font-size: medium; line-height: normal; text-align: left; background-color: rgba(0, 0, 0, 0.6);">Der Vietcong hat sich vor den US-Bomben in unterirdischen Tunneln versteckt.</span>

Der Vietcong hat sich vor den US-Bomben in unterirdischen Tunneln versteckt.

<span style="color: rgb(255, 255, 255); font-size: medium; line-height: normal; text-align: left; background-color: rgba(0, 0, 0, 0.6);">Ein Mann zeigt, wie man in den Tunnel steigt.</span>

Ein Mann zeigt, wie man in den Tunnel steigt.

<span style="color: rgb(255, 255, 255); font-size: medium; line-height: normal; text-align: left; background-color: rgba(0, 0, 0, 0.6);">Denis, ein Mitglied der Schweizer Reisegruppe, kann <br>sich durch die Öffnung zwängen.</span>

Denis, ein Mitglied der Schweizer Reisegruppe, kann
sich durch die Öffnung zwängen.

Aber, betont er, die Vietnamesen hätten nichts gegen die Amerikaner: «Vorher Feinde, heute Freunde. - Wir sind tolerant, wir wollen vergessen.» Das hört man immer wieder. Lisbeth Thali, 62, Heilpädagogin aus Oberarth SZ, staunt, wie wenig Hass spürbar sei, «kaum zu glauben, nach all den Gräueltaten». Der Krieg sei in ihrer Jugend sehr präsent gewesen, jetzt will sie mehr erfahren.

Sie hat Bücher vietnamesischer Autoren im Gepäck, die sie später in den Badeferien lesen will. Wie die meisten hat auch sie eine Woche Verlängerung gebucht. Denn, Erholung sei diese Reise nicht, sind sich alle einig - Horizonterweiterung treffe es besser.

Fotostopp für den Wasserbüffel: Elisabeth Schaad, 58, aus Trueb BE und Pascal Bächler, 59, aus Düdingen FR sind fasziniert von der harten Arbeit auf dem Reisfeld.

Fotostopp für den Wasserbüffel: Elisabeth Schaad, 58,  aus Trueb BE und Pascal Bächler, 59,  aus Düdingen FR sind fasziniert von der harten Arbeit auf dem Reisfeld.

Reisfelder ziehen vorbei. Familie Schmidiger-Huelin aus Baar ZG, Mutter Karin, ihre drei Kinder im Alter von 16 bis 20 Jahren und Neffe Denis, 15, jassen in der hintersten Reihe. Denis‘ Mutter stammt aus Vietnam, Karin findet es wichtig, dass ihre Kinder einen Bezug zu diesem Land haben.

Fotostopp, jeder will ein Bild vom Wasserbüffel. Tam bringt den Spruch vom BMW, den er noch zigmal bringen wird: «80 Prozent der Vietnamesen haben einen BMW. - Sind Bauer mit Wasserbüffel.»

Urs übernimmt das Mikrofon – News aus der Heimat. Gerne hätte er gesagt, daheim regne es nonstop. Damit könne man dem Schweizer in der Ferne die grösste Freude machen. Aber daheim herrscht Hitzesommer. Er erzählt die Geschichte Vietnams, erklärt die Zusammenhänge gut verständlich. Montserrat Rico Skorjanec, 54, Kantonsrichterin in Glarus, und Tochter Neva, 23, angehende Kindergärtnerin, hören konzentriert zu, viel spannender als ein Reisebuch zu lesen, finden sie. Neva würde auch mit Kollegen auf eine Gruppenreise, man erfahre so viel mehr. Sie sind erstaunt, wie schlecht die Vietnamesen Englisch verstehen, «wir verlangten die Bill, es kam ein Bier - und wie die schmatzen!»

Der Bus hält vor einer Handwerksfabrik, Opfer von Agent Orange, dem hochgiftigen Entlaubungsmittel, sollen hier arbeiten. Man ertappt sich dabei, nach Behinderungen, verkrüppelten Händen oder Füssen zu suchen. Junge, ernste Frauen sticken filigrane Bilder. Der Tigerkopf würde den Tessinern gefallen. Sie träumen seit Jahren von einem «echten Knie», einem Bild von Rolf Knie. Doch die Zeit für langwierige Preisverhandlungen fehlt. Später, beim Besuch der Perlenmanufaktur, sind die Vögeles weniger zurückhaltend. Die Preise sind fix, das mögen die Schweizer. Selbst er, der erfahrene Asienreisende, verspüre eine gewisse Unsicherheit beim Handeln, sagt Urs. Sein Tipp: «Bezahlt so viel, wie es euch Wert ist.»

Selfie mit Halong Bay: Wegen der vielen Touristenboote wird die Bucht zur Kloake.

Selfie mit Halong Bay: Wegen der vielen Touristenboote wird die Bucht zur Kloake.

Muschelverkauf: Boote entsorgen in der Nähe ihren Abfall.

Muschelverkauf: Boote entsorgen in der Nähe ihren Abfall.

Badestrand in der Halong Bay. Ganz Asien drängt ins seichte Wasser.

Badestrand in der Halong Bay. Ganz Asien drängt ins seichte Wasser.

Die Halong Bay, die Bucht des herabgestiegenen Drachens, präsentiert sich mystisch, gespenstisch fast, umgeben von Nebelschwaden ragen bizarre Kalksteinfelsen aus dem Wasser. Die Nacht werden wir auf einer Dschunke verbringen, ein Schiff fast nur für die Vögeles. Auf den Ausflug zu den Tropfsteinhöhlen wird Klara Werder aus Rotenburg LU verzichten. Mit 84 Jahren müsse man nicht mehr alles mitmachen. Nicht, dass sie das körperlich nicht schaffen würde, «oh nein», Klara bezeichnet sich zwar gerne als «alte Schachtel», ist aber fit wie eine Junge. Die Hitze mache ihr nichts aus, sie liebe die Märkte, den Rummel, aber kaufen werde sie nichts, «in meinem Alter räumt man auf». Klara ist alleine auf Reisen, kein Problem, sie finde immer Anschluss.

Gemeinsam mit Hunderten Asiaten schlurfen die Vögeles durch die Höhlen. Die Europäer reisen vor allem im Winter nach Vietnam, die Asiaten im Sommer. Am «romantischen Strand», so wurde er angekündigt, erreicht der Dichtestress den Höhepunkt. Der aufgeschüttete Strand ist bumsvoll. Ganz Asien hockt im seichten Wasser. Elisabeth Schaad, 58, Primarlehrerin aus Trueb BE, hat sich auf die Abkühlung gefreut. Geblieben sind schwarze Streifen auf dem Rücken, die nur mit Benzin abgerubbelt werden können.

«Diese Umweltverschmutzung, furchtbar!», empört sie sich, «und das nennt sich Weltnaturerbe.» Hunderte Touristenboote ankern hier, sie alle entsorgen den Abfall im Wasser. Die Halong Bay wird zur Kloake. Elisabeth hätte gerne auf die Übernachtung auf der Dschunke verzichtet, «ich will das nicht unterstützen». Sie werde Vögele darüber informieren. Elisabeth ist mit zwei Kolleginnen unterwegs, der Partner blieb daheim. Für sie ist die Gruppenreise Mittel zum Zweck, denn alleine würden sie sich nicht nach Vietnam trauen.

Das vietnamesische Essen gilt als die Haute Cuisine Asiens: Strassenküche.

Das vietnamesische Essen gilt als die Haute Cuisine Asiens: Strassenküche.

Fleischstand auf einem Markt in Hanoi: Vietnamesen essen alles, was sich bewegt.

Fleischstand auf einem Markt in Hanoi: Vietnamesen essen alles, was sich bewegt.

Elisabeth schwärmt von der vietnamesischen Küche, es sei ihr «gäng wohl» im Bauch. Auf der Dschunke werden wir durchgefüttert, ein Gang nach dem andern, Fisch, Fleisch, Tofu, viel Gemüse, wir entdecken den Wasserspinat «Morning Glory». Die vietnamesische Küche gelte als «haute cuisine» Asiens, sagt Urs, eine milde Küche, oder anders gesagt: «Vietnam ist kein klassisches Durchfall-Land.» Die meisten Schweizer essen mit Stäbchen, für alle andern liegt immer eine Gabel bereit. Rita Chinotti sagt, sie koche regelmässig Chinesisch. «Fondue Chinoise», witzelt ihr Mann, der sich als Stimmungskanone der Gruppe entpuppt.

Enge Gassen:&nbsp;Für den Töff hats noch Platz.

Enge Gassen: Für den Töff hats noch Platz.

In Hoi An, das bunte Städtchen ist bekannt für Lampions aus Seidenstoff, haben die Vögeles einen Tag Zeit, um zu shoppen. Pascal Bächler, 59, Sekundarlehrer aus Düdingen FR, hat sich einiges vorgenommen: Eine neue Garderobe muss her. Er lässt sich einen Anzug schneidern, den ersten seit der Hochzeit. Selbst Lederschuhe werden nach Mass gefertigt – Pascal trägt Grösse 45, die kleinen Vietnamesen staunen. Die Vögeles sind im Kaufrausch. Um 14 Uhr war Anprobe, abends um 20 Uhr ist alles parat – und sitzt.

Kunsthandwerk: Lampionverkauf im Städtchen Hoi An.

Kunsthandwerk: Lampionverkauf im Städtchen Hoi An.

Mit Reiseleiter Tuan, «nennt mich Tony», fahren wir über den Wolkenpass nach Hue, schleichen durch die «Verbotene Stadt». Es ist so drückend heiss, die Vögeles sind erschöpft. Alle steigen gerne in die Fahrrad-Rikschas, selbst Tanja Schmidiger, 18, obwohl sie es nicht mag, dass sich jemand für sie abmühen muss. Die Kantischülerin ist ein kritischer Mensch. Sie hätte so viele Fragen an die Einheimischen, leider fehle die Zeit. Ihre Art zu reisen sei das nicht. Zu oberflächlich, zu wenig Freiheiten, findet sie.

4,5 Millionen Mopeds verstopfen die Strassen von Ho Chi Minh City, von Saigon, wie jeder Vietnamese sagt. Die Mopeds fahren links, rechts, in der Mitte. Man bremst nicht, man hupt. Die Fussgänger haben keine Rechte. Ampeln, Streifen, sie sind kein Schutz. Rund 30 000 Vietnamesen sterben jedes Jahr im Verkehr. Der Tipp von Urs funktioniert: «Nie rennen, sondern ganz gemütlich die Strasse überqueren», hatte er gewarnt.

Inzwischen schlurfen die Vögeles mehr oder weniger gelassen durch das Verkehrschaos. Überhaupt: Anfangs schien alles wie ein riesiger Ameisenhaufen. Jetzt, nach zehn Tagen, sagt Pascal: «Die Ameisen bewegen sich in Bahnen, alles hat seine Ordnung.»

Huy, unser letzter Reiseführer, erzählt vom Leben in Saigon. Viele Leute seien «arm wie Kirchenmaus», damit sie «nicht vom Fleisch fallen» kaufen sie «Gammelfleisch» direkt an der Strasse. Huy ist Experte für deutsche Redewendungen, jeden Abend übe er mit einem Duden. Er unterhält die Vögeles bestens, es wird viel gelacht im Car. Sodass Huy, übermütig geworden, kalauert: «Jedes Land andere Sitten, jede Frau andere Titten.» Man verzeiht es ihm. Huy mag die Schweizer Touristen, sie seien pflegeleicht und grosszügig, während die Deutschen «pingelig» seien. Er schwärmt von der Schweizer Qualität - darauf könnten wir stolz sein.

Und worauf ist der Vietnamese stolz? «Wir haben den Amerikanern gezeigt, wo der Hammer hängt.»

Er führt uns zu den Cu-Chi-Tunneln, ein unterirdisches, kilometerlanges System, bis 12 Meter tief, wo sich die Vietcong vor den amerikanischen Bomben in Sicherheit gebracht und unter unvorstellbaren Bedingungen gelebt haben. «Ein Horror», sagt Fulvio, der Militärspezialist,unsere Soldaten seien schon am Anschlag, wenn sie im Bunker übernachten müssten.

Die Eingänge sind so schmal, dass sich nur Denis, der Halbvietnamese, durch das kleine Loch hinuntergleiten lässt. - Ein Schuss nach dem andern durchbricht die Stille im Wald! Eine Schiessanlage lädt zum Kriegsspiel ein. «Wer will schiessen?», fragt Urs pro forma, «wer schiesst, geht zu Fuss zum Hotel zurück.» Somit ist der Kriegsteil erledigt. Auf die Besichtigung des Kriegsmuseums wird bewusst verzichtet, man wolle keinen Dämpfer am Ende der Reise, sagt Urs.

Zweiräder bevorzugt: Alles bewegt sich in unsichtbaren geordneten Bahnen.

Zweiräder bevorzugt: Alles bewegt sich in unsichtbaren geordneten Bahnen.

Das Mekong-Delta, die südliche Reiskammer des Landes, wird mit dem Boot bereist. «Achtung, Rübe einziehen», warnt Huy. Wir tuckern auf eine Insel. Trinken Honig-Tee, essen exotische Früchte, tunken Ananas in Salz, das intensiviere den Geschmack und reguliere den Salzhaushalt. Wir werden in Kanus durch den Dschungel gepaddelt, tragen den kegelförmigen Reishut auf dem Kopf. Suchen nach Schlangen im Wasser. 300 Giftschlangen leben in Vietnam, um die Metropolen sind sie praktisch ausgerottet. Gefressen. Von Männern, die sehr viel Geld für das angeblich potenzsteigernde Schlangenfleisch zahlen.

Die Vietnamesen essen alles, was sich bewegt. «Hund» gilt besonders in Nordvietnam als Nationalgericht. Das Fleisch stammt aus Zuchten, aber auch der Wachhund landet nach getaner Arbeit in Kochtopf, sagt Huy. Die Hunde würden ertränkt, zu Tode geschlagen, «furchtbar». Montserrat glaubt, in Vietnam würde sie zur Vegetarierin. Wobei Monique Bächler, 58, zu bedenken gibt, dass ihr Nachbar, damals im Freiburgischen, auch Hunde ass - und die Männer dazu einlud.

Zum letzten Mal geht Urs mit dem Reisschnaps in der Fanta-Flasche durch den Bus. Zum letzten Mal Applaus für unseren Chauffeur und den Beifahrer, der uns beim Einsteigen immer mit einem Fläschchen Wasser versorgt hat – wir haben gesoffen wie die Kamele. Applaus für Huy! Die Reise endet mit einem Gruppenfoto, 20 Leute, im normalen Leben würden sie sich kaum begegnen, haben elf Tage zusammen verbracht. Und sich kennen und mögen gelernt. Urs lobt uns als «pflegeleichte Gruppe» – er hoffe, uns irgendwo auf dieser Welt wiederzusehen.

Infos & Tipps
Anreise Mit Singapore Airlines via Singapur nach Hanoi oder Ho Chi Minh City.
www.singaporeair.com
Arrangement Vietnam-Rundreise von Norden nach Süden, zwölf Tage, Übernachtungen in guten Mittelklassehotels, eine Übernachtung auf einer Dschunke, inkl. Flüge, Frühstück, zwei Mittagessen, sieben Abendessen. Pro Person im Doppelzimmer, ab 2595 Franken.
Badeferien-Verlängerung in Long Hai, 21/2 Stunden von Ho Chi Minh City, Hotel Alma Oasis, inkl. Halbpension, Transfers, pro Person im Doppelzimmer 745 Franken.
Vögele Reisen führt die Reise das ganze Jahr zweimal monatlich durch.
Vögele Reisen Tel 0800 835 800 oder
www.voegele-reisen.ch
Einreise Visum nötig, Tel 031 388 78 78/74,
www.botschaftvietnam.ch
Informationen www.vietnamtourism.com

TEXT
Chris Winteler

FOTOS
Moritz Hager

TEXTChris WintelerFOTOSMoritz Hager