Mehr als bloss Grippe

Suizidgefährdete Mutter, ein falscher Laborbericht und Teenie-Fragen zur Verhütung : Eine Hausärztin plaudert aus der Praxis

Rund 6000 Hausärztinnen und Hausärzte gibt es in der Schweiz – ich bin eine davon. Aber wir werden immer weniger, seit langem wird von einem drohenden Hausärztemangel gewarnt. Dabei ist das Schöne an diesem Beruf, dass es im Sprechzimmer nicht nur um körperliche Beschwerden geht – man erhält vielmehr einen Einblick in das Leben der Menschen, man hört von ihren Sorgen und Nöten. In der Hausarztpraxis widerspiegelt sich das Leben.

Montag

Die Woche beginnt mit einer 35-jährigen alleinerziehenden Mutter, die sich das Leben nehmen will. Wir reden über ihre Sorgen, finanzielle Not, Perspektiven, Auswege. Die Psychiater reihum sind auf Wochen ausgebucht, ausserdem gehe sie nicht zum Psychiater, denn «das bringt sowieso nichts», weil sie ja im Prinzip wisse, was das Problem sei – nur helfen kann sie sich nicht.

Auch das psychiatrische Kriseninterventionszentrum ist überlastet: Man platze aus allen Nähten, heisst es dort, als ich anrufe, und wäre froh, wenn ich die Patientin nicht vorbeischicken würde. Die Patientin weint, scheint mir aber nicht unmittelbar suizidgefährdet.

Wir reden, ich versuche sie von ihrer Idee abzubringen, argumentiere, appelliere, versorge sie mit einem Medikament – das sie nach einer Dosis absetzen wird –, lasse mir in die Hand versprechen, dass sie morgen wieder kommt, und verabschiede sie. Aus der für 15 Minuten angesetzten Konsultation sind 40 geworden. Die Patienten im Wartezimmer sind zum Glück geduldig. Ich hoffe, dass ich die Situation richtig einschätze. Nachts dann werde ich von einen Albtraum hochschrecken: Ich träume von einem guten Freund, der sich vor Jahren das Leben nahm und zwei kleine Kinder zurückliess.

Dienstag

Eigentlich kommt die Zwölfjährige wegen einer Erkältung. Ganz nebenbei erzählt sie von ihrem fünfzehnjährigen Freund, seit mehreren Monaten schlafen sie miteinander. Und natürlich wissen die Eltern von nichts. Mich interessiert das: Ist dem Mädchen bewusst, was eine Schwangerschaft bedeuten würde? Wie sie verhüten, frage ich. «Mit Kondom.» Ob schon mal eins gerissen sei? «Ja, schon ein paar Male.» Ob sie wisse, wie viele Frauen pro Jahr trotz Kondom schwanger würden? Ich zeige ihr die Zahlen – das Mädchen erbleicht.

Die Erkältung tritt nun völlig in den Hintergrund. Mit grossen Augen hört sie zu, lässt sich erklären, welche Verhütungsmethoden wie sicher sind. Bei einer Frauenärztin war sie noch nicht, «das wäre megapeinlich». Ich dränge, sie möge eine Gynäkologin konsultieren, es sei nicht peinlich, sondern gehöre dazu. Sie will keinesfalls, dass ihre Eltern etwas erfahren. Ich halte das Mädchen für reif genug, um die möglichen Folgen abschätzen zu können.

Danach suchen Patienten mit grippalen Infekten, Rücken-, Knie- und Schulterschmerzen Hilfe, jeder ist anders, manche sind speziell. So wie der ehemalige Handwerker, der Kurzgeschichten schreibt und mir sein neuestes Werk mitbringt.

Es folgt ein Patient, der wegen eines jahrzehntelangen Leidens an den Nasennebenhöhlen kommt und von mir Heilung in zehn Minuten erwartet. Mehr Zeit hat er nicht, denn er bekleidet einen verantwortungsvollen Posten. Wie nicht anders zu erwarten, enttäusche ich ihn – es gelingt mir nicht, das Problem zu beheben. Die von mir vorgeschlagene Behandlung erweist sich als wirkungslos. Frust auf beiden Seiten.

Mittwoch

Die Konstellation ist typisch: Er hat Familie, zwei kleine Kinder, Druck am Arbeitsplatz, wo Stellen abgebaut werden, macht eine Weiterbildung, weil das heute ein Muss ist. Er soll als Vater präsent sein, als Partner unterstützen, als Angestellter Überstunden leisten. Jetzt kann er nicht mehr, schläft schlecht, ist reizbar, trinkt mehr, als ihm gut tut. Das
wiederum führt zu Konflikten mit der Ehefrau. Ihn krank zu
schreiben, hilft zwar kurzfristig, behebt das Problem aber nicht. Ich höre oft davon, es zieht sich quer durch alle Sparten und Firmen.

Zwischen zwei Patienten studiere ich neue Laborbefunde: Erhöhte Cholesterinwerte beim einen, zu tiefe Eisenwerte bei der anderen. Mittendrin etwas, das heraussticht: Chlamydien bei einem jungen Mann. Er lebt in einer stabilen Beziehung.
Dieser Befund wird Fragen aufwerfen. Woher hat er die Erreger, die beim Sex übertragen werden? Welcher der Partner ist fremd gegangen?

Gerade als ich ihn anrufen will, um ihm mitzuteilen, dass er und seine Partnerin sich antibiotisch behandeln lassen müssen und ich die Erkrankung ans Bundesamt für Gesundheit melden muss, ruft eine Labormitarbeiterin an: Sie bitte um Entschuldigung, das Ergebnis sei falsch, der Patient habe keine Chlamydien. Uff.

Donnerstag

Der Patient des Tages: Ein 55-jähriger Mann, der berichtet, er könne seit seiner Kindheit nicht schlafen. Dank eines Zeitungsartikels habe er nun die Wurzel des Übels gefunden: fehlende Geschlechtshormone.

Dass das kaum die Erklärung für jahrzehntelange Schlafstörungen sein kann, lässt er nicht gelten. Ein Test, den er auf eigene Kosten machen liess, hat ihm die Diagnose bestätigt. Wie verlässlich dieser Test ist, weiss er nicht. Alle Vorschläge meinerseits – gründliche Anamnese und Untersuchung, medizinische Abklärung – blockt er ab. Ein Schlaftagebuch zu führen, ist ihm ebenfalls zu viel Aufwand, denn er ist erschöpft. Er will sofort ein Rezept für die vermeintlich fehlenden Hormone. Ich weigere mich, ohne vorherige gründliche Abklärung solche stark wirkenden Medikamente zu verordnen, auf meine Warnung, dass Geschlechtshormone krebsfördernd sein können, reagiert er verstimmt. Bestimmt wird er die Hormone irgendwie bekommen, wenn er nur will.

Die letzte Patientin ist völlig aufgelöst. Sie hat einen Tumor an ihrer Schläfe entdeckt. «Krebs» ist ihre Verdacht und beim Gedanken daran muss sie weinen. Der «Tumor» entpuppt sich als harmloser, sehr dicker Mitesser. Der Patientin fällt ein Stein vom Herzen – für dieses Mal. Ich kenne sie bereits, sie wird wieder kommen, und wieder wird sie wegen etwas anderem von Angst geschüttelt sein. Viele Leiden haben auch eine psychische Ursache. Manche zum Beispiel leben wie in einem Gefängnis aus Kummer, andere haben Schmerzen, weil sie etwas bedrückt.

Freitag

Der Tag fängt mit einer Untersuchung im After an und wird mit einer Patientin enden, die riecht, als habe sie wochenlang nicht mehr geduscht. Da muss ich durch. Dazwischen: Trommelfelle inspizieren, Lungen abhören, Bäuche abtasten, eine Wunde versorgen.

Diese Routine wird durchbrochen von einem Notfall: Seit dem Vortag habe er Blutdruckwerte von 200 gemessen, berichtet der Patient. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Gerät misst korrekt, die Blutdruckwerte in der Praxis sind ähnlich hoch. Ich höre sein Herz ab, prüfe, ob sein Hirn und die Nerven gut funktionieren, mache ein EKG. Das zeigt: alles normal. Es reicht vorerst, ihm ein blutdrucksenkendes Medikament zu verschreiben.

Der nächste Patient ist ein Asylsuchender aus Afrika, einer von vielen. Oft bringen sie Infektionen wie Krätze, Tuberkulose, Syphilis oder HIV mit, manchmal auch Erreger, die bei uns kaum ein Arzt gesehen hat, ich auch nicht. Dieser Patient behält die Mütze auf, als er das Sprechzimmer betritt, einen Moment lang denke ich «wie unhöflich». Dann merke ich, dass er sich zutiefst schämt – auf seiner Kopfhaut schwimmt der Eiter. Sehen kann man das nur, wenn man die adrett wirkenden, gekrausten Haare zur Seite biegt. Es stinkt grausam. Ich mache einen bakteriologischen Abstrich und rate, die Kopfhaut täglich mit einer desinfizierenden Seife zu waschen. Als er nach einer Woche wieder kommt, nimmt er die Mütze schon im Wartezimmer ab, sichtlich erleichtert. Ich bin es ebenfalls. Seine Kopfhaut sieht fast gesund aus.

Ebenfalls erleichtert bin ich, dass die Patientin, die sich suizidieren wollte, vor dem Wochenende noch einmal vorbeikommt. Sie sieht wieder einen Silberstreifen am Horizont und ist bereit, sich psychiatrisch behandeln zu lassen. In zwei Wochen hat sie einen Termin. Ich entlasse sie nur mit dem Versprechen ins Wochenende, sofort Hilfe zu holen, falls es ihr wieder schlechter gehen sollte. Und hoffe, sie hält es.

Am Nachmittag erledige ich Papierarbeit: Versicherungsanfragen, IV-Anmeldungen, Überweisungsschreiben an Fachärzte.

Samstag

Die 70-Jährige kommt wegen Schmerzen in der linken Nierengegend. Die Niere ist aber nicht das Problem, es ist die linke Lunge. Sie tönt gar nicht gut, als ich sie mit dem Stethoskop abhöre. Ein rasch gemachter Labortest lässt nicht Gutes erahnen: Vermutlich hatte die Seniorin eine Lungenembolie.

Ich überweise sie ins Spital, wo sich der Verdacht bestätigt. Sie bedankt sich später mit einer liebevoll gemalten Karte. Am Samstag erscheinen häufig Patienten, die seit Tagen krank sind und nun, vor dem Wochenende, Panik haben. Manche warten mit ihrem Anruf bis 30 Minuten vor Praxisschluss.

Zuletzt kommt noch die alte Frau Schmid *. Ihr Mann ist psychisch krank, sie braucht jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten kann. Ich höre zu. Wir wissen beide, dass es an ihrer Situation nichts ändern wird. Aber es macht das Ganze erträglicher. Danach geht sie wieder nach Hause, für mich beginnt das Wochenende.**

In ruhigen Momenten werden mir Frau Schmid und die anderen Patienten wieder in den Sinn kommen.

* Namen und Details geändert

Impressum

Illustrationen
Birgit Lang

Gestaltung
Natalie Hauswirth