So fühlt sich Freiheit an

Die MS Westerdam bringt Passagiere zu rauer, wundersamer Natur in Alaska

MS Westerdam: Vorhang auf für eine grossartige Kulisse.

Man könnte etwas zynisch anmerken: Die MS Westerdam besitzt die Masse eines Gefängnisses. Das 285 Meter lange und 32 Meter breite Kreuzfahrtschiff der Reederei
Holland America Line beherbergt maximal 1848 Passagiere und 800 Besatzungsmitglieder. Sieben Tage lang.

Mit absoluter Freiheit hat das auf den ersten Blick wenig gemein. Obwohl es sich um ein Schiff mit elf Decks handelt.

Die Freiheit. Seit Jahrhunderten tun sich Philosophen und Denker schwer, diesen Begriff in Worte zu fassen. Vor 150 Jahren konstatierte Amerikas 16. Präsident Abraham Lincoln: «Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden.» Mag sein.

Zeitungsjunge in Alaskas Hauptstadt Juneau

Um zu erfahren, wie sie sich anfühlt, braucht es aber weder Jahrhunderte noch weltkluge Definitionen. Dazu sind genau sieben Tage nötig. Wohl jeder, der an Bord der MS Westerdam nach einer Woche Alaska-Kreuzfahrt in den Hafen von Seattle zurückkehrt, hat die Freiheit erlebt.

Schliesslich sind der 49. Bundesstaat Amerikas und seine Szenerie auf dem Seeweg am einfachsten zu entdecken. Alaskas Hauptstadt Juneau etwa kann nur per Flugzeug oder Schiff erreicht werden. Die Strassen enden teilweise abrupt am Eis oder am Wasser. Macht dies aus den Einwohnern Gefangene?

Die Reiseführerin und Biologin Theresa, die am Hafen von Juneau eine Gruppe von Passagieren in Empfang genommen hat, ist ob dieser Hypothese entsetzt. Sie hatte den Süden Amerikas für Alaska verlassen – um der Natur und der Freiheit willen. Die junge Frau überrascht mit dieser Liebeserklärung ihre Schützlinge, die nach einem Seetag erstmals wieder Festland unter den Füssen haben.

Am Hafen von Ketchikan werden die Passagiere von einem Monument, das die einstigen Siedler zeigt, begrüsst.

Auf den ersten Blick ist Juneau eine Touristenfalle. Genauer hinsehen lohnt sich aber, denn schon ein aufmerksamer Blick auf die Auslage der Souvenirshops verrät etwas über die Geschichte Alaskas.

Der nördlichste Bundesstaat Amerikas unterstand bis 1867 dem russischen Zarenreich und ging für 4,74 Dollar pro Quadratkilometer (total 7,2 Millionen Dollar) in den Besitz der Vereinigten Staaten über. Wohl deshalb finden sich in den Touristenläden ineinander geschachtelte Matroschka-Puppen. Neben den traditionellen Exemplaren mit freundlichem Antlitz rotwangiger Matronen tragen einige Figuren die Gesichtszüge von Wladimir Putin, der einen hölzernen Jelzin in sich versteckt, in dessen Innerem wiederum Gorbatschow Platz findet.

Nur wenige Fahrminuten von den kitschigen Souvenirläden entfernt beginnt jene Kulisse, die Theresa in Alaska hält. Die raue, schöne Natur, die Europäer oft nur aus Abenteuerfilmen kennen.

Der Mendenhall Glacier in der Nähe von Juneau.

Inmitten moosbewachsener Bäume schlängelt sich der Spazierweg zum Mendenhall-Gletscher. Das blassblaue Eis des Ausläufers des grossen Juneau Icefield ist bis zu 150 Jahre alt und fällt in Brocken ins Wasser des gleichnamigen Sees.

Hier ringt Reiseleiterin Theresa genauso nach Worten wie der als «Barde des Yukon» bekannte britisch-kanadische Autor Robert Service. Um die Freiheit zu beschreiben, bediente er sich in einem seiner Werke der Emotionen, die diese Szenerien hervorrufen: «Es ist die Schönheit, die mich in Erstaunen versetzt und erregt. Es ist die Ruhe, die mich mit Frieden erfüllt.»

Staunen, für etliche Erwachsene ein Gefühl, das sie seit der Kindheit kaum mehr kennen. Das ändert sich in den Gewässern vor Juneaus Küste schlagartig, als sich ein ausgewachsener Buckelwal überraschend vor dem Ausflugsboot aus den Wellen wuchtet. Der Koloss dreht sich um die eigene Achse und fällt wieder rücklings ins Wasser.

Fliegender Buckelwal

Wein und Käse, während der Gletscher kalbt

An Bord findet der Reisende später Ruhe. Er wird zum Wiederkäuer, denn die Eindrücke der Ausflüge wollen verarbeitet werden – die Nase im Wind, die Füsse im Pool, ein Glas in der Hand. Oder aber im Gespräch beim Abendessen in einem der Bordrestaurants.

Frei nach Abraham Lincoln gilt auch für den Kreuzfahrer: «Das Beste an der Zukunft ist, dass sie uns immer einen Tag nach dem anderen serviert wird.»

An Bord heisst es jeden Morgen: Vorhang auf für eine neue Kulisse. Alaska hält wundersame Erlebnisse bereit – auch wenn die Passagiere nicht an Land gehen dürfen, wie in der Glacier Bay. Dort stiehlt die Natur dem Schiff die Show. Das Wildnisgebiet gehört zum gleichnamigen 3300 Quadratkilometer grossen Nationalpark.

Die Crew der Westerdam weiss um das Schauspiel, das sich in der Bucht vor den Gletschern bietet, und hat auf dem Aussendeck Wein und Käse aufgetischt. Die Natur serviert dazu den Margerie-Gletscher, der just in diesem Augenblick mit ohrenbetäubendem Getöse kalbt.

Cruisen mit Aussicht: Die Lounge auf der MS Westerdam.

Und in der Stadt Sitka versetzt eine Bärenmutter mit ihren zwei Jungen die Reisenden zum zweiten Mal innert weniger Tage in kindliches Erstaunen. Kurz zuvor war ein Weisskopfseeadler über das kleine Boot gesegelt, und ein Seeotter hatte auf dem Rücken liegend die Schaulustigen zwar argwöhnisch, aber gelassen betrachtet.

Die Freiheit wird in Ketchikan an Bord eines Wasserflugzeugs über den Misty-Fjords nahezu greifbar – Wildnis, soweit das Auge reicht. Meeresarme, die ins Landesinnere mäandern. Nebelschleier, die träge über die Baumkronen streichen. Die Spuren des Menschen, die sich auf seltene Lodges beschränken. In Victoria krönen schliesslich Orcas im Sonnenuntergang die Reise in die Freiheit an Bord eines Schiffes mit den Massen eines Gefängnisses.

Die Reise wurde unterstützt von Holland America Line.

Misty Fjord.

Walbeobachtung, Exkursionen und Heliskiing

Seattle Ausgangs- und Zielhafen der Alaska-Kreuzfahrt. Die grösste Stadt im Nordwesten der USA ist von Zürich aus nur mit Umsteigen erreichbar. Retourflug ab 1100 Franken.

MS Westerdam Das Schiff der Reederei Holland America Line fasst 1848 Passagiere und beschäftigt eine Besatzung von 800 Personen. Das mittelgrosse Kreuzfahrtschiff mit elf Passagierdecks beherbergt unter anderem verschiedene Restaurants, eine Bibliothek sowie ein Fitnesszentrum. Aus 85 Prozent der Kabinen geniessen die Passagiere Meersicht, 16 Prozent der Unterkünfte verfügen über einen Balkon.
www.hollandamerica.com

Preise Eine siebentägige Alaska-Kreuzfahrt ab Seattle an Bord der Westerdam kostet im Mai je nach Kabinentyp zwischen 930 und 2298 Franken pro Person in der Doppelkabine.

Buchen u. a. bei Kuoni, Hotelplan, Tui Suisse und Cruise Center.

Route Die MS Westerdam fährt von Seattle nach Juneau, Sitka, Ketchikan und Victoria (Kanada). Im Programm ein Tag im Glacier-Bay-Nationalpark sowie ein Seetag.

Landausflüge Können an Bord oder vor Ort gebucht werden. Sie reichen von Exkursionen zu Fuss über das Beobachten von Walen an Bord eines Touristenbootes bis zu Heliski-Abenteuern. Kosten je nach Programm zwischen 50 und mehreren Hundert Dollar.

Beste Reisezeit Anfang Mai bis Ende September.

Allg. Infos www.travelalaska.com

Impressum

Text
Pia Wertheimer

Fotos/Video
Pia Wertheimer (6), Getty (2), Lea Blum

Gestaltung
Natalie Hauswirth