Die neue
Alp-Wirtschaft

Halbpension, Freizeiterlebnisse, Essen. Wie Älpler neue Einnahmequellen für sich entdecken

Monika Herger bewirtet auf der Alp Grat in den Urner Alpen ihre Gäste. Eine Übernachtung mit Halbpension kostet 55 Franken. «Ein schöner Nebenverdienst», sagt Herger. «Das gibt uns ein Polster für den Winter.»

Die Alp Grat liegt auf 1809 Metern über Meer am Surenenpass-Wanderweg. Von Engelberg OW beträgt die Wanderzeit rund 6,5 Stunden, von Attinghausen UR etwa 3 Stunden.

Die Hergers bieten auch «Von der Kuh zum Käse» an. Sie gewähren Einblick in den Alltag auf der Alp und lassen die die Gäste beim Käsen helfen.

Am Nachmittag um vier geschieht Wunderliches am Wanderweg zur Alp Grat, hoch über dem Urner Reusstal. Während der normale Wanderer talwärts strebt, zieht eine Karawane von zwanzig gutgelaunten Menschen bergwärts, zur Alp auf 1809 Metern über Meer.

Diese ist zum Magneten für Übernachtungsgäste geworden, seit Monika und René Herger vor drei Jahren ihren Stall zur Herberge umgebaut haben. 24 Betten mit Duvet gibt es, verteilt auf drei Achterzimmer. Die Touristen können zuschauen beim Melken, Füttern, Käsen. Eine Übernachtung mit Halbpension kostet 55 Franken. An schönen Wochenenden sind die Zimmer oft ausgebucht.

Die Älplerfamilie Monika und René Herger mit Baby Maja, Tochter Sophia und Sohn Hannes. Vor drei Jahren haben sie ihren Stall zur Herberge umgebaut.

Die Älplerfamilie Monika und René Herger mit Baby Maja, Tochter Sophia und Sohn Hannes. Vor drei Jahren haben sie ihren Stall zur Herberge umgebaut.

Für die Älplerfamilie sind das willkommene Zusatzeinnahmen. «Ein schöner Nebenverdienst», sagt Monika Herger. «Das gibt uns ein Polster für den Winter.» Dann lebt die Familie unten im Tal und verkauft ihre Milch auf dem freien Markt. Damit ist sie dem Milchpreis ausgesetzt, der seit Jahren sinkt.

Was gibts auf der Alp zu essen? Klar: Älplermagronen.

Was gibts auf der Alp zu essen? Klar: Älplermagronen.

Auf der Alp hingegen wird die Milch zu Käse verarbeitet. Und zu einem grossen Teil von den Übernachtungsgästen verspiesen. Oder an vorbeiziehende Wanderer verkauft, die im gemütlichen Alpbeizli einen Zwischenhalt einlegen.

Dieses wird im Alpbeizlipass angepriesen, den Uri Tourismus letztes Jahr erstmals herausgegeben hat. 13 Urner Alpen sind darin aufgeführt. Gästen, die das Pauschalangebot «Von der Kuh zum Käse» gebucht haben, gewähren die Hergers auch Einblick in den Alltag auf einer Alp und nehmen sie mit auf eine einstündige Wanderung rund um den Betrieb. Zudem dürfen sie beim Käsen Hand anlegen und ihren eigenen Käse herstellen.

Aus der Not machen viele Älpler eine Tugend. Sie werden zu Hoteliers, Gastwirten, Fremdenführern.

Aus der Not machen viele Älpler eine Tugend. Sie werden zu Hoteliers, Gastwirten, Fremdenführern.

Mit solchen Innovationen ist die Familie Herger nicht allein. Aus der Not machen viele Älpler eine Tugend. Sie werden zu Gastwirten, Hoteliers, Fremdenführern, Sportmanagern. Und kompensieren damit die tiefen Milch- und Zuchtviehpreise.

Noch vor zwanzig Jahren war es auf mancher Alp unmöglich, ein Stück Käse oder ein Glas Milch zu erhalten. Heute bieten hunderte Betriebe Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten an. Und sie verkaufen ihre frischen Produkte direkt auf der Alp.

Vorderstockenalp im Berner Simmental. Die Sennen Andres (links) und Bendicht Tschabold (Mitte) mit einem Mitarbeiter und einem ihrer 80 Trottinettbikes.

«Mit der Liberalisierung in der Landwirtschaft hat auch der Unternehmergeist in der Landwirtschaft und damit auch in der Alpwirtschaft stark zugenommen», sagt Martin Amgarten, alpwirtschaftlicher Berater des Kantons Obwalden. Die Produktion und die Vermarktung der Alpprodukte seien professioneller geworden, die Angebote vielfältiger. «Man orientiert sich am Markt, an den Kunden.»

Bereits gibt es in der ganzen Schweiz in 200 bis 250 Alphütten Übernachtungsmöglichkeiten. Ab dem Sommer 2017 werden sie von Schweiz Tourismus auf einer zentralen Buchungsplattform präsentiert.

Gleichzeitig startet die Vermarktungsorganisation eine Werbekampagne mit dem Titel «Zurück zur Natur». Darin spielen Alpbetriebe eine zentrale Rolle. «Erlebnisse auf der Alp bergen grosses touristisches Potenzial», sagt Sprecher André Aschwanden. Sie seien nicht nur bei Schweizer Gästen begehrt, sondern auch bei Touristen aus Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden und den USA.

Mit dem Trottinett-Bike ins Tal. Start:  Vorderstockenalp. Ziel: Erlenbach. Strecke: 10 Kilometer. Höhendifferenz: 1010 Meter.

Mit dem Trottinett-Bike ins Tal. Start: Vorderstockenalp. Ziel: Erlenbach. Strecke: 10 Kilometer. Höhendifferenz: 1010 Meter.

Das Alpbeizli und die Übernachtungsgelegenheit gehören bei vielen Alpbetrieben schon fast zum guten Ton. Doch es finden sich auch originelle Angebote. Auf der Alp Flix oberhalb von Savognin GR können Gäste auf Pferden und Ponys ausreiten, in einer der fünf mongolischen Jurten übernachten und Glacé aus Schafsmilch verspeisen.

Auf der Alp Morgeten oberhalb von Oberwil BE im Simmental baden Touristen bei jedem Wetter in einem 3000-Liter-Käsekessel im Freien oder spielen auf dem abschüssigen Gelände eine Partie Alpin-Crossgolf.

Und wer schon immer von einer eigenen Kuh auf der Alp geträumt hat, für den geht der Traum an der Lenk BE in Erfüllung. Mit einem Besuch auf der Alp erhalten die Touristen ein Zertifikat mit Foto der gemieteten Kuh, einen Besuch der Kuh auf der Weide und fünf Kilo Alpkäse.

Die Vielfalt der Angebote wird von Jahr zu Jahr grösser. «In der Tat ist es so, dass mehr und mehr Älplerinnen und Älpler auf die Wünsche von Besuchern reagieren und diverse Möglichkeiten anbieten, am Älplerleben teilzuhaben oder Produkte direkt ab Betrieb zu verkaufen», sagt Jörg Beck, Geschäftsführer des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes. «Von einfachsten Übernachtungsmöglichkeiten bis zu veritablen Zimmern findet man inzwischen alles.»

Zu den Pionieren der Tourismusoffensive auf der Alp gehören die Brüder Bendicht und Andres Tschabold auf der Vorderstockenalp im Simmental. Seit zehn Jahren bieten sie Touristen an, mit einem der achtzig Trottinett-Bikes vor der Alphütte ins Tal zu sausen. Die Asphaltstrasse, die zur Alp führt, macht es möglich.

Bendicht Tschabold: «Wir mussten etwas machen. Mit dem Bauern ging es ständig nach unten.»

Bendicht Tschabold: «Wir mussten etwas machen. Mit dem Bauern ging es ständig nach unten.»

«Wir mussten etwas machen», begründet Bendicht Tschabold seine Initiative. «Mit dem Bauern ging es ständig nach unten, der Milchpreis sank, die Zuchtrinder gaben immer weniger Geld.»

Dass sich die Tschabolds jetzt als Sportmanager betätigen, hat sich gelohnt. An schönen Tagen haben sie alle Hände voll zu tun. Dann kommen vierzig, fünfzig oder noch mehr Leute auf ihre Alp. «Wir sind sehr zufrieden», sagt Bendicht Tschabold. «Das ist ein Nebenerwerb, der gut rentiert.»

Impressum

Text
Peter Burkhardt

Fotos
Daniel Ammann
Marco Zanoni

Gestaltung
Andrea Bleicher