Bachauf

Nasse Füsse, Sternegucken,
Fondue am Feuer:
Abenteuerferien im Vorarlberg
sind nichts für Angsthasen

Bachwandern morgens, Gipfelerklimmen nachmittags: Nahe an der Natur im Ebniter Tal.

Biwak-Nacht mit jungen Heidelbeersträuchern als weicher Liegegrund für geplagte Rücken.

Hunger! Fondue-Znacht unter freiem Himmel.

Im Prinzip ist die Schaufelschlucht harmlos. Der Gebirgsbach, die ­Ebniter Ache, gleitet ruhig und gemächlich dahin. Kleine Becken füllen sich mit Wasser und ­avancieren im Sommer zu erfrischenden Swim­mingpools. Ausgerechnet heute, da wir zum Bachwandern antreten, ist jedoch alles ein bisschen anders.

Wir wissen es noch nicht, aber unser Guide Armin ahnt Turbulenzen, sagt jedoch lieber nichts. Der 50-Jährige nimmt uns mit auf eine Tour unter freiem Himmel: Bachwandern morgens, Gipfelerklimmen nachmittags, Sternegucken am Abend – inklusive Biwak-Nacht mit Lagerfeuer auf dem Berg. Näher kommt man der Natur kaum.

Guide Armin (50), ist Steigbügelhalter, lebende Leiter, Anschieber und Lastenträger.

Guide Armin (50), ist Steigbügelhalter, lebende Leiter, Anschieber und Lastenträger.

Bachwandern in der Ebniter Ache braucht Köpfchen und Geschick.

Bachwandern in der Ebniter Ache braucht Köpfchen und Geschick.

Das spüren wir schon auf den ersten Metern. Nach wenigen Sekunden sind die Füsse klatschnass. Bei der zweiten Querung kämpfen wir uns durch knietiefes Wasser. Die Hände klammern sich an Felsbrocken, damit wir von der Ache nicht weggerissen werden. Armin hat klare Ansagen gemacht: Man soll ihm folgen und nicht irgendwo rumturnen. Doch im Wasser ist das manchmal unmöglich. Die Strömung kann einen schnell aus dem Gleichgewicht bringen.

Die hohe Kunst des Bachwanderns besteht darin, sich tänzelnd und spielerisch über Stein und Fels fortzubewegen. Man darf aber auch ans Ufer ausweichen und sich auf festem Boden durchs Dickicht kämpfen. Es geht nicht darum, den einfachsten und schnellsten Weg durchs Bachbett, sondern eine persönliche Linie zu finden. Das Vorurteil, unsere Tour sei die Canyoning-Variante für Schwächlinge und Angsthasen, ist schnell widerlegt.

Klare Ansage: Nicht rumturnen und Armin folgen.

Klare Ansage: Nicht rumturnen und Armin folgen.

Im Bach sind ziemlich viel Köpfchen und Geschick gefragt. Erstens geht es bergauf, was auf Dauer deutlich mehr Energie kostet, als flussabwärts unterwegs zu sein. Dann die Qual der Wahl: Während es beim Canyoning, um vorwärtszukommen, oft nur eine Variante gibt, haben wir meist die Wahl aus unterschiedlichsten Möglichkeiten.

Das Vorurteil, die Tour sei die Canyoning-Variante für Schwächlinge und Angsthasen, ist schnell widerlegt.

Das Vorurteil, die Tour sei die Canyoning-Variante für Schwächlinge und Angsthasen, ist schnell widerlegt.

Wir trauen uns immer mehr zu, auf schmalen Felsbändern balancieren, im Entengang über rutschige Steilpassagen waten oder uns an Überhängen abseilen. Es ist die ideale Spielwiese, um Grenzen auszutesten, was bergsteigerische Fähigkeiten und Klettertechnik betrifft. Armin hat ein gutes Auge und Gespür dafür, wie viel er ­seinen Schützlingen zumuten darf.

Ausserdem ist er in der Lage, seine Gäste aus dem Schlamassel zu ziehen. Nach einem Misstritt sehen wir uns schon Kopf voraus im eiskalten Bach liegen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht eine Hand auf und packt uns am Rucksack, Sekunden bevor es zum unfreiwilligen Bad gekommen wäre.
Armin ist Steigbügelhalter, Prellbock, lebende Leiter, Brückenbauer, Anschieber, ­Lastenträger.

Als er sich ins tiefe Wasser stellt, um uns bei einer Querung zu helfen, und wir abrutschen, kommt es sogar zu Umarmungen. Weil es beim nächsten glitschigen Felsen keinen guten Tritt gibt, formt Armin mit den Händen eine Stufe und schiebt unser Hinterteil mit der Hand nach oben.

«Eigentlich ist das eine Familientour», sagt Guide Armin. Die Bachwanderer sind überrascht.

Rund ums Ebniter Tal dominieren die Berge.

«Eigentlich ist das eine Familientour», sagt der Österreicher bei einer Rast. Wir schauen überrascht. «Aber heute führt die Ache viel Wasser. Das habe ich hier noch nie erlebt.»

Gegen Ende der Tour sind einige knifflige Stellen zu meistern. Armin sichert mit dem Seil, und dann ist das Abenteuer vorbei. «Das Risiko hier im Bach ist gering. Man kommt schnell raus.»

Nachdem wir die Schuhe getrocknet haben, schultern wir voluminöses Gepäck. Teil zwei der Abenteuertour führt zum Biwak auf den Wenk.

Rund um das Ebniter Tal, das man nur von Dornbirn aus auf einer Sackgasse ansteuern kann, dominieren Berge, die meisten knapp 1500 Meter über Meer hoch. Grasteppiche ziehen sich bis zum Gipfel. Die Wege sind steil. Am späten Nachmittag ist der höchste Punkt erreicht.

Teil zwei der Abenteuertour führt auf den Wenk.

Teil zwei der Abenteuertour führt auf den Wenk.

Noch hat niemand Lust, einen Schlafplatz zu bauen oder Brennholz herbeizuschleppen, denn der Wenk bietet eine unvergleichliche Aussicht: Wir können bis zu den westlichen Zipfeln des Bodensees gucken, attraktiver Blickfang sind die Schneespitzen und Gletscher der Silvretta. Über dem Alpstein thront der Säntis.

Die Aussicht: die westlichen Zipfel des Bodensees.

Die Aussicht: die westlichen Zipfel des Bodensees.

Suche nach dem Schlafplatz: «An flachen Stellen setzen die Kühe ihre Fladen», klagt Guide Armin.

Suche nach dem Schlafplatz: «An flachen Stellen setzen die Kühe ihre Fladen», klagt Guide Armin.

Die Sonne steht schon tief im Westen, als wir mit der entscheidenden Suche beginnen. Die wenigen geeigneten Liegeplätze rund um den steilen Gipfel sind unappetitlich belegt. «An flachen Stellen setzen die Kühe ihre Fladen», klagt Armin.

Ein Späher rückt aus zum verwilderten Nebengipfel und findet dort ein baumloses Plateau mit jungen Heidelbeersträuchern. Sie erweisen sich später als weicher Liegegrund für geplagte Rücken. Schnell ist eine Feuerstelle gebastelt. Armin packt das Fondue aus, und bald schon tunken wir Brot ein.

Armin packt das Fondue aus.  Schnell ist eine Feuerstelle gebaut.

Armin packt das Fondue aus. Schnell ist eine Feuerstelle gebaut.

Alle sind müde, kleine Missgeschicke häufen sich. Armin verbrennt sich den Finger am Kocher, ein Funke frisst ein Loch in eine Luftmatratze.

Alle sind müde, kleine Missgeschicke häufen sich. Armin verbrennt sich den Finger am Kocher, ein Funke frisst ein Loch in eine Luftmatratze.

Alle merken, wie kraftraubend der Tag war. Kleine Missgeschicke häufen sich. Armin verbrennt sich den Daumen am Kocher und muss mit mühsam raufgeschlepptem Wasser kühlen. Als wir uns ans Feuer legen, tanzt ein Funke über die Luftmatratze und frisst ein Loch in den Gummi.

Glücklicherweise gibt es noch eine Ersatz-Isomatte, ausserdem lenkt das Lichtermeer am Bodensee ab. Als ein heftiger Föhnsturm aufkommt, löschen wir das Feuer.

Mit Stirnlampen bewaffnet, bugsieren wir die Schlafsäcke in den orangen Biwak-Überzug, formen aus der Daunenjacke ein Kopfkissen und legen uns hin. Trotz Müdigkeit fasziniert das Schauspiel der Sterne. Der Grosse Wagen ist deutlich zu sehen. Je länger die Nacht dauert, desto unruhiger wird der Schlaf. Die Gedanken kreisen: Welche Tiere könnten sich hier noch herumtreiben?

Morgens wecken uns leider nicht die Sonnenstrahlen, sondern Armin, der kühles Wasser für ­seinen Daumen sucht. Die Morgensonne taucht erst das Nebelhorn im Allgäu in sanftes Licht, dann wandern die Strahlen zum Gipfelkreuz und erfassen unsere freudigen Gesichter. Der Plan für den Morgen ist klar: Packen, Abstieg und Schaufelschlucht. Aber diesmal für ein erfrischendes Bad.

Die Reise wurde unterstützt von Bodensee-Vorarlberg Tourismus GmbH

Impressum

Text
Christian Schreiber

Fotos
Martin Mischkulnig

Gestaltung
Andrea Bleicher