Ein Mann,
eine Mission

Biel will sich neu erfinden. Stadtpräsident Erich Fehr möchte nicht
nur für die hohe Sozialhilfe-Quote bekannt sein.
Aber was hat er in petto?

Das Kongresshaus ist 50 Jahre alt. Rundherum entsteht die ­Esplanade, ein neues städtebauliches Zentrum: «Ein Wurf», so Stadtpräsident Fehr.

Stadtpräsident Fehr will gute Steuerzahler statt Sozialhilfebezüger anlocken. Im Gebiet Gurzelen-Schüssinsel entstehen 14 Häuser für «Selbstzahler». Im Vordergrund die Baustelle des neuen Swatch-Hauptsitzes.

Rolex ist der grösste Arbeitergeber der Uhrenstadt Biel.

Die Tissot-Arena, 2015 eingeweiht: «Unser neues architektonisches Wahrzeichen», schwärmt Stadtpräsident Fehr, «es steht für Präzision und Mut.»

Erich Fehr, Stadtpräsident von Biel, kämpft für einen besseren Ruf seiner Stadt. Biel soll nicht wegen der vielen Sozialhilfebezüger für Schlagzeilen sorgen, sondern als innovative Stadt, die gerade eine stürmische Entwicklung erlebe und sich an allen Ecken und Enden verändere. Um uns die «aktuellen Hotspots» zu zeigen, hat der 48-jährige Sozialdemokrat an diesem warmen Sommertag zum Lokaltermin in seine Heimatstadt geladen.

Er legt sogleich los: «Man muss den Mut haben, in die Zukunft zu investieren.» Seine Stadt befinde sich in einer Metamorphose, ein Bauprojekt reihe sich ans nächste, etwa der Campus der Berner Fachhochschule oder der Swiss Inno­vation Park, der bis zu 10 000 Arbeitsplätze in der Region schaffen soll.

Bezeichnet sich als «Chefverkäufer der Stadt»: Stadtpräsident Erich Fehr, 48. Der König von Biel will er nicht sein - trotz der Rolex-Krone.

Bezeichnet sich als «Chefverkäufer der Stadt»: Stadtpräsident Erich Fehr, 48. Der König von Biel will er nicht sein - trotz der Rolex-Krone.

2019 wird das «Silicon Valley» der Schweiz fertig sein, 90 Prozent des ­Aktienkapitals seien in der Hand der Privatwirtschaft. «Unser Plus sind die Landreserven direkt beim Bahnhof, die Nähe zum See und die Anbindung an die A 5 – das macht uns zum Magneten für Talente.»

Der Berner hat ein enormes Tempo drauf. «Ich bin Bieler mit Ostschweizer Vorfahren, deshalb», stellt er zackig klar. «Wir Bieler sind anders als die Berner, offener, innovativer, rebellischer.» Bern habe eine grosse Vergangenheit, Biel verkörpere die Gegenwart, «wenn nicht die Zukunft».

«Offener, innovativer, rebellischer» als die Berner seien die Bieler, so Stadtpräsident Fehr.

«Offener, innovativer, rebellischer» als die Berner seien die Bieler, so Stadtpräsident Fehr.

Wir befinden uns im Pilotprojekt des Innovationsparks: «Fachwissen ist der einzige Rohstoff der Schweiz», so Fehr, der müsse genutzt werden. Der Politiker trägt ein rosa Hemd, in gewagter Kombination mit gestreifter Krawatte in Rottönen – und trotz der Wärme einen dunklen Anzug. Er nimmt eine Karte zur Hand, grosse Flächen darauf sind schraffiert: «Hier wird gebaut, hier entsteht die Zukunft der Stadt.»

Aber zuerst etwas Historie: Bis 1850 sei Biel keine richtige Stadt gewesen. Unbedeutend, bis die Uhrmacherei Einzug gehalten habe. Die besten Fachleute habe man aus dem Jura nach Biel gelockt, die Uhrmacher seien damals übrigens steuerbefreit gewesen.

Erst ab dann sei die Uhrenmetro­pole zweisprachig geworden, erst dann sei «Welsch» geredet worden. Wichtig, es waren «Welsche, keine Franzosen».

Den Esprit, die Weltoffenheit habe man nicht zuletzt der Zweisprachigkeit zu verdanken. Biel/Bienne, die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz, sei total durchmischt, weder Quartiere noch Vereine seien nach Sprachen getrennt. Die Einzigen, die sich abgesondert hätten, seien die türkischen, italienischen und kosovarischen Fussballclubs. 60 Prozent Deutsch, 40 Prozent Französisch, wobei der französische Anteil leicht zunehme.

«Bielerinnen und Bieler leben dort, wo andere Ferien machen», so Stadtpräsident Erich Fehr.

«Bielerinnen und Bieler leben dort, wo andere Ferien machen», so Stadtpräsident Erich Fehr.

Erich Fehr tönt wie ein Vertreter, tatsächlich bezeichnet er sich selber als «Chefverkäufer der Stadt Biel». Biel offeriere hochattraktive Wohnungen zu Preisen, die sich der Mittelstand leisten könne, eine 4-Zimmer-Wohnung koste unter 2000 Franken. Biel biete eine hohe Lebensqualität, mitten im 3-Seen-Land, innert Kürze sei man in der Natur: «Bielerinnen und Bieler leben dort, wo andere Ferien machen», so der Chefverkäufer.

Seit 2013 zählt Biel 600 Schulkinder mehr. «Ein gutes Signal», die Familien kehrten in die Stadt zurück, die zweisprachigen Schulen würden locken, und wo sonst lerne das Kind bereits im Sandkasten Französisch? «Industrie zieht Junge an», ist Fehrs Erklärung für den relativ tiefen Altersdurchschnitt der Stadt. Ein Viertel der Schweizer Uhrenindustrie-Arbeitsplätze sind im Grossraum Biel angesiedelt.

Rolex, die prestigeträchtigste Uhrenmarke, ist der grösste Arbeitgeber, die Swatch Group, der grösste Uhrenkonzern weltweit, hat seinen Hauptsitz in der Stadt. Fehr hält sein Handgelenk hoch, «Qualitätsuhren wie diese hier» würden in Biel produziert.

Er trägt eine Rolex, eine Oyster Perpetual, er trage nur Uhren von Bieler Firmen. Rolex und Rado für «gepflegte Momente», Tissot und Swatch für «sportliche Momente». Gesponserte Uhren? «Wo denken Sie hin! Die kaufe ich mir selber, das ist Ehrensache.» Der Uhrenmarkt ist ein fragiler Markt. Eine Uhr leiste man sich in guten Zeiten, ist ihm bewusst. Im Juli meldete die Swatch Group einen Umsatzrückgang von 11 Prozent im ersten Halbjahr 2016. Aber bisher gab es keine Entlassungen in der Bieler Uhrenindustrie.

Rede er mit internationalen Wirtschaftsleuten, sähen diese die  «Investitionen, die Anzahl Kräne», sagt Stadtpräsident Fehr. Wie am neuen Swatch-Hauptsitz in Biel.

Rede er mit internationalen Wirtschaftsleuten, sähen diese die «Investitionen, die Anzahl Kräne», sagt Stadtpräsident Fehr. Wie am neuen Swatch-Hauptsitz in Biel.

Eine halbe Stunde schon hat die Werbung des Stadtpräsidenten für sein Biel/Bienne gedauert – eine Nach­frage sei erlaubt. Herr Fehr, Ihre Stadt ist nicht zuletzt wegen der rekordhohen Sozialhilfequote bekannt . . . «Stimmt nicht, Biel hat nicht am meisten Sozialhilfeempfänger», wehrt er sich. La Chaux-de-Fonds zum Beispiel habe mehr. Aber La Chaux-de-Fonds habe sich nicht am freiwilligen nationalen Vergleich beteiligt.

Trotzdem, Herr Fehr, fast jeder achte Einwohner von Biel lebt von der Fürsorge. Natürlich sei die Quote «inakzeptabel hoch», räumt er ein. Und um das zu ändern, brauche es eben Projekte, die Arbeitsplätze schaffen. «Arbeit ist die einzige Lösung, um Leute von der Sozialhilfe wegzubringen.»

2014 musste die Stadt die öffentlichen Toiletten aus finanziellen Gründen schliessen . . . «Wir haben einen neuen Weg gewählt», kontert Fehr. Die Stadt zahle gewissen Restaurants einen Jahresbetrag, dafür können ihre Toiletten ohne Konsumationszwang benutzt werden.

Er scheint nicht gern auf das Negativimage der Stadt angesprochen zu werden. «Ja, es stört mich», bestätigt er, «weil es ungerecht ist.» Die Finanzen in Biel seien nicht dramatischer als anderswo, «alle Gemeindewesen kämpfen mit Engpässen».

Und: Rede er mit international tätigen Wirtschafts­leuten, bekomme er ein ganz anderes Feedback: «Die sehen die Investitionen, die Anzahl Kräne.» Und diese will er uns nun endlich zeigen.

Das autonome Jugendzentrum in Biel: Seit 40 Jahren keine Probleme, «nicht wie in der Reitschule in Bern», so Stadtpräsident Fehr.

Beat (links) und sein Kollege Herbi finden: «Man versteht hier niemanden mehr, die reden alle kein Berndeutsch.»

Die pittoreske Bieler Altstadt soll belebt werden. Am «first friday» bleiben die Boutiquen bis 21 Uhr offen.

Auf zur Führung durch die «unvollendete Stadt», wie er sie nennt. So dynamisch wie die Stadtentwicklung gibt sich auch der oberste Bieler: Er schreitet über den riesigen Parkplatz, hier werde 2021 der Campus Biel/Bienne eröffnet, er zeigt auf die alten Wohnblöcke rundherum: «Alles kommt weg!» Ein «super Gefühl» sei das, über diese leere Fläche zu gehen, im Wissen, «hier entsteht die Zukunft».

«Alles kommt weg!» Hier wird 2021 der Campus Biel/Bienne eröffnet, die alten Wohnblöcke abgerissen.

«Alles kommt weg!» Hier wird 2021 der Campus Biel/Bienne eröffnet, die alten Wohnblöcke abgerissen.

Mitarbeiter Thomas Gfeller, Delegierter für Wirtschaft der Stadt Biel, sitzt am Steuer des dunklen Landrover mit violettem Duftbäumchen und Kindersicherung. Erich Fehr besitzt kein Auto, er fährt Velo, «ideal in der flachen Stadt», und Bus.

Er ist Fan des öffentlichen Verkehrs, er ist stolz auf die neue Fahrzeugflotte, die total 22 Autobusse kosten rund zehn Millionen Franken. «Wunderschön und klimatisiert», schwärmt Fehr und zeigt auf einen vorbeifahrenden Bus. In Biel könne man gut ohne Auto leben, und mit Blick auf Mitarbeiter Gfeller, «in Biel kann jeder nach seiner Façon glücklich werden».

Erich Fehr besitzt kein Auto, er fährt Velo. Und Bus.

Erich Fehr besitzt kein Auto, er fährt Velo. Und Bus.

2011 wurde Fehr zum Stadtpräsidenten gewählt, für den nächsten Urnengang vom 25. September ist kein ernst zu nehmender Konkurrent in Sicht. Sein Vorgänger Hans Stöckli, ebenfalls Sozialdemokrat, stand dem Amt 20 Jahre lang vor. «Mister Expo.02» hatte viele Projekte angeschoben.

Wir halten vor dem Kongresshaus, 50 Jahre alt, architektonisches Wahrzeichen der Stadt. Rundherum entsteht die ­Esplanade, ein neues städtebauliches Zentrum, das unterirdische Parking ist erstellt, die Begegnungszone – ein weiter Platz mit vier künstlichen Pfützen, die bei Bedarf trockengelegt werden – wurde im Juni eingeweiht. «Ein Wurf», schwärmt Fehr.

Ein kleines Mädchen hüpft durchs Wasser, ein Bub fräst mit dem Trotti durch die überdimensio­nale Lache. Nebenan steht das autonome Jugendzentrum, seit 40 Jahren keine Probleme, meldet Fehr, «nicht wie in der Reitschule in Bern».

In der Esplanade Ost sollen 2018 rund 160 moderne Wohnungen, «High-End-Wohnungen», wie Fehr sagt, bezugsbereit sein. Auch im Gebiet Gurzelen-Schüssinsel entsteht neuer Wohnraum, 14 Häuser mit 280 Wohnungen – werden in diesen «Jardin du Paradis» auch Sozialhilfebezüger einziehen? «Billigen Wohnraum haben wir mehr als genug», wimmelt Fehr ab, «hier ziehen Selbstzahler ein.»

Gegner werfen dem Stadtpräsidenten vor, die Stadt investiere nur in Neubauprojekte, die alten Wohnungen würden verlottern. «Das Gegenteil ist wahr», wehrt sich Fehr. Habe er doch den Prix Engagement ins Leben gerufen, der Hausbesitzer motivieren soll, ihre Liegenschaften aufzuwerten.

Biel ist die zehntgrösste Stadt der Schweiz.

Biel ist die zehntgrösste Stadt der Schweiz.

Natürlich, der verfügbare Wohnraum entscheide quasi darüber, wer nach Biel zieht, räumt er ein. Wenn es sich um billigen Wohnraum mit einfachstem Standard handle, kämen halt nicht die Wohl­habenden und Bestausgebildeten. Fehr will gute Steuerzahler statt Sozialhilfebezüger anlocken. Daraus macht er keinen Hehl.

Apropos: Ab diesem Jahr zahlen die Bieler mehr Steuern, zwei Drittel der Stimmbevölkerung sagten Ja zur Erhöhung um ein Zehntel. Steuererhöhung ja, aber dann müsse auch der Lohn des Stadtpräsidenten angepasst werden, forderten die Bürger.

Fehrs Einkommen, 260 000 Franken im Jahr, war manchen ein Dorn im Auge. Darauf angesprochen, sagt der ehemalige leitende Angestellte der bernischen Steuerverwaltung: Ab 2017 verdiene er 220 000 Franken, «16 Prozent weniger, das ist happig», er habe sich jedoch absolut nicht dagegen gewehrt: «Ich wollte auch substanziell zur finanziellen Gesundung beitragen.»

Wir stehen vor dem Rohbau des neuen Swatch-Hauptsitzes, Fehr zeigt in die Ferne, bis nächsten Sommer soll hier die Schüssinsel gestaltet werden, eine grüne Oase für die Bevölkerung. «Wir geben den Raum. Was der Bürger damit macht, ist ihm überlassen», sagt er, ganz der Sozi.

Hoppla, ein Bub fährt Fehr mit dem Velo von hinten an. «He, das ist das Trottoir, runter, da!», ruft er dem Kind hinterher und reibt sich das Bein.

Mit 55 000 Einwohnern belegt Biel Rang 10 auf der Liste der grössten Schweizer Städte, hinter Lugano, vor Thun, Köniz und La Chaux-de-Fonds. Wir fahren vorbei an der «Kinderbaustelle», wo die Kleinen mit Baggern und allerlei Gerät nachspielen, was die Grossen überall in der Stadt tun. Vorbei am alten Fussballstadion. Herr Fehr, der FC Biel ist doch in Konkurs gegangen . . . «Das ist eine andere Geschichte», klemmt er ab.

Biel, so macht es den Anschein, ist eine einzige Bauzone. 25 Prozent vom Boden gehört der Stadt, man gehe sparsam um mit den Landreserven, betont Fehr, zwinge die Firmen, dicht zu bauen.

Fehr zeigt auf ein Stücklein Wiese, «hier hätte es auch noch eine Parzelle». Weiter gehts ins Rolexland, das goldene Krönchen auf dem schwarzen, ­edlen Gebäude – es wurde 2012 von Bundesrat Schneider-Ammann persönlich eingeweiht – sieht man weitherum.

Ein Foto von ihm mit Krönchen im Hintergrund findet Fehr eine «super Idee», aber nein, als «König von Biel» will er sich nicht betiteln lassen, «ich bin ein überzeugter Demokrat – und erster Diener der Stadt».

Ernst Fehr vor der Tissot-Arena. «Es hätte übrigens noch freie Flächen.»

Ernst Fehr vor der Tissot-Arena. «Es hätte übrigens noch freie Flächen.»

Nun aber zum Leuchtturm der Stadt Biel: zur Tissot-Arena. Ein multifunktionales Stadion, 2015 eingeweiht, die bisher grösste Investition, «unser neues architektonisches Wahrzeichen», schwärmt Fehr, «es steht für Präzision und Mut».

Unten Parkhaus, dann Geschäfte – «es hätte übrigens noch freie Flächen» –, darüber die Stadien für Fussball, Eishockey und Curling. Ein Topstadion für den bankrotten FC Biel, der diese Saison in der 2. Liga antreten muss. «Das tut mir persönlich weh», sagt Fehr. Unverantwortlich, wie VR-Präsident Carlo Häfeli, «übrigens ein Zürcher Anwalt», den Verein an die Wand gefahren habe.

Wirtschaftlich gesehen sei der EHC Biel – der Eishockeyclub spielt in der höchsten Liga – selbstverständlich relevanter. Eis­hockey, das ist auch Fehrs Sport, heute spiele er zwar nicht mehr so schnell, dafür mit guter Übersicht.

Die Roger-Federer-Allee. Das Schild steht, die Bäume müssen noch wachsen.

Die Roger-Federer-Allee. Das Schild steht, die Bäume müssen noch wachsen.

«Jetzt links», sagt Fehr, und Mitarbeiter Gfeller biegt ein in die Roger-Federer-Allee, das Schild steht, die Bäume müssen noch wachsen. Am 21. April wurde das Strässchen, das das Gebäude des Verbandes Swiss Tennis und die neue Tissot-Arena verbindet, eingeweiht. Der Champion höchstpersönlich kam vorbei – einer der grössten Momente im Leben des Stadtpräsidenten und Federer-Fans. Eine neue Tennishalle, wo künftig WTA-Turniere der Frauen ausgetragen werden, soll hier gebaut werden. Man wolle das Profil von Biel als Sportstadt weiter schärfen.

Für den See bleibt keine Zeit. Erich Fehr muss auf den Zug nach Saint-Imier, wo er an der Diplomfeier der Pflegefachschule eine Rede halten wird. Solche Auftritte seien wichtig für die Beziehungspflege zwischen Biel und dem Berner Jura.

«Beachflair», famoser Ausblick auf den Bielersee.

«Beachflair», famoser Ausblick auf den Bielersee.

Dabei hätte der Stadtpräsident mit einem Abstecher an die «Schiffländte» durchaus punkten können. Der Ausblick ist famos: grüne, fast unverbaute Ufer, ein Lido mit Sandstrand und alten Bäumen.

Die Ausflügler zieht es aufs Wasser, die Stadt Biel, Ville de Bienne, ein Schiff im Kuhfell-Look, ist bereit zur zweieinhalbstün­digen Rundfahrt. Nick Studer kontrolliert die Billette, sagt, auf dem Bielersee herrsche keine Zweiklassengesellschaft wie auf andern Seen, «wir haben nur eine Klasse, das schätzen die Leute sehr». Er sei ein Zugezogener – und wolle in Biel bleiben. Wegen des Sees, er spricht von «Beachflair», und weil die Stadt so «multikulti» sei.

Beat und Herbi spielen Schach an der Bushaltestelle. «Ich bin ja kein Rassist, aber...»

Beat und Herbi spielen Schach an der Bushaltestelle. «Ich bin ja kein Rassist, aber...»

Tatsächlich begegnen uns auf dem Spaziergang durch den langgezogenen Ort sehr viele ausländische Gesichter, auffallend viele Schwarzafrikaner scheinen hier zu leben.

Dieses Multikulti gefällt nicht jedem: «Es hat hier ganz klar zu viele Ausländer», findet Beat, der mit seinem Kollegen Herbi an einer Busstation eine Runde Schach spielt – und sich dazu ein, zwei Mittagsbiere gönnt. «Ich bin ja kein Rassist . . .», beginnt Herbi, «aber . . .» Beat muss ihm recht geben, «man versteht hier niemanden mehr, die reden alle kein Berndeutsch». Was sie beide denn arbeiteten? «Temporär», so Herbi, «im Wald», so Beat.

«Grüessech» hat jemand an die Säule der Haltestelle gesprayt. Manch ein Gebäude hätte eine Auffrischung nötig, viele sind mit Graffiti und Tags verschmiert.

Die historischen Gassen der pittoresken Altstadt sind über Mittag wie ausgestorben, die kleinen Boutiquen geschlossen. Entspannt und ruhig ist es hier – zu ruhig, findet Fehr. Die Aktion «first friday» – am ersten Freitag im Monat finden Konzerte, Apéros oder Ausstellungen statt, und die Läden bleiben bis 21 Uhr offen – soll die Altstadt beleben.

Die historischen Gassen der pittoresken Altstadt sind über Mittag wie ausgestorben.  «Zu ruhig» sei es,  findet Stadtpräsident Fehr.

Die historischen Gassen der pittoresken Altstadt sind über Mittag wie ausgestorben. «Zu ruhig» sei es, findet Stadtpräsident Fehr.

«Wie wäre es, wenn jede Bielerin und jeder Bieler beim nächsten Mal nicht im Internet bestellt, sondern in einem Bieler Geschäft einkaufen würde?», hatte der Stadtpräsident auf seiner Website angeregt, wo er jede Woche eine «neue Idee für die Stadt» aufschalten will.

Also, Herr Fehr, wann haben Sie denn zuletzt einen Tschopen oder ein Hemd in einem Bieler Geschäft gekauft? «Da müssten Sie meine Frau fragen», entgegnet er. Aber zum Optiker müsse er persönlich gehen, «meine Brille stammt aus der ­Nidaugasse».

Die Ideen für seine Stadt werden ihm so rasch nicht ausgehen, versichert er, in den Badeferien in Südfrankreich habe er bereits Anregungen auf Vorrat verfasst.

Impressum

Text: Chris Winteler

Fotos: Esther Michel

Gestaltung: Andrea Bleicher