Albaner?
Schweizer?
Egal?

Ein Spiel wie kein anderes. Albanien gegen die Schweiz, Vorrunde Gruppe A, Fussball-Europameisterschaft 2016, 11. Juni, 15 Uhr. Ein Spiel, über das schon vor der Gruppenauslosung im Dezember 2015 fantasiert wurde. Ein Spiel, bei dem nun die Emotionen hochgehen,
bevor überhaupt angepfiffen.

Der Witz dazu, der eigentlich gar keiner ist, geht so: Albanien 1 trifft auf Albanien 2. Sechs albanischstämmige Schweizer standen während der Qualifikation der Schweizer Nati auf dem Platz, bis zu elf Spieler mit Schweizer Bezug oder Pass waren es im Aufgebot der Albaner.

Es wird ein Bruderduell. Die Gebrüder Xhaka, Kosovo-Albaner aus Basel, müssen gegeneinander spielen. Taulant, der ältere, für Albanien, Granit für die Schweiz.
Es wird ein Aufeinandertreffen, das viele Albaner in der Schweiz um keinen Preis wollten, jetzt jedoch kaum erwarten können.

Laut dem «Rat der Albaner in der Schweiz» wohnen gegen 300 000 Albanerinnen und Albaner im Land – Eingebürgerte inklusive. Der Rat ist seit seiner Gründung vor fünf Jahren Lobbyorganisation und Dachverband der albanischen Gemeinschaft, hält Kontakt zu Behörden in der Schweiz und auf dem Balkan. Defensivere Schätzungen über die albanische Diaspora gehen von maximal 250 000 Personen aus.

Der Witz, der eigentlich gar keiner ist, geht so: Albanien 1 trifft auf Albanien 2. Die Schweizer Nationalmannschaft beim Training. Vierter von rechts: Granit Xhaka.

Das Spiel gegen die Schweiz wird zum Bruderduell: Die albanische Nationalmannschaft. Vierter von links: Taulant Xhaka.

Der Rat rechnet vor, dass gegen 200 000 Albaner aus dem Kosovo stammen müssen, 60 000 aus Mazedonien, 40 000 aus Südserbien oder Montenegro, nur gerade 2000 aus Albanien selber. Der Bund kann zur albanischstämmigen Bevölkerung keine Zahlen präsentieren. Das Problem: Das Siedlungsgebiet der Albaner auf dem Balkan verteilt sich auf verschiedene Länder, die Statistik in der Schweiz aber erfasst nur die Staatszugehörigkeit.

Der Rat der Albaner schätzt, dass bereits rund 60 000 Albaner das Schweizer Bürgerrecht besitzen. «Seit acht bis zehn Jahren gibt es die starke Tendenz, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu beantragen. Vor allem bei der zweiten Generation der Albaner, die hier geboren und aufgewachsen ist», sagt der promovierte Politologe Bashkim Iseni, Direktor der populären Internetplattform Albinfo.ch. Iseni kam mit 18 Jahren in die Schweiz, er wurde in Mazedonien geboren, seine Eltern stammen aus dem Kosovo.

Das Portal, privat und nicht gewinnorientiert, dient vielen Albanern in der Schweiz und im Balkan als Informationsquelle. Für Nachrichten, aber auch für Migrations- und Integrationsthemen – in Albanisch, Deutsch, Französisch. Seit der Aufbauphase im Jahr 2009 wird das Portal vom Bund finanziell unterstützt, teilweise mit über 300 000 Franken jährlich, ab 2017 soll es selbsttragend sein.

Ziel: Die Integration in der Schweiz erleichtern, in den Herkunftsländern zu Chancen oder Nicht-Chancen auf einen Aufenthalt in der Schweiz informieren, die Kommunikation zwischen den Albanern in der Schweiz und in der Heimat fördern. «So können auch Tabuthemen wie die Zwangsheirat oder die Stellung der Frau diskutiert werden», sagt Léa Wertheimer, Sprecherin im Staatssekretariat für Migration.

Albaner? Schweizer? Egal? Albanische Fans vor der Swissporarena in Luzern.

Den Grundstein für die albanische Diaspora legten die Gastarbeiter in den 1970er-Jahren, viele aus dem Kosovo und Mazedonien. Die pure Armut trieb sie in die Schweiz zum Arbeiten. «Die meisten Albaner arbeiteten auf dem Bau, sie mussten schuften, um Geld für ihre Familien in der Heimat zu verdienen oder für die Rückkehr», sagt der Zürcher Jurist Orhan Spahiu, Vorstandsmitglied im Rat der Albaner. Seine Mutter brachte ihn, gerade zwei Wochen alt, Anfang der 1980er-Jahre aus dem Kosovo zum Vater in die Schweiz. Als sich die Lage in den 1990er-Jahren im Kosovo zuspitzte, holten viele Saisonniers ihre Familien in die Schweiz nach. Während des Kosovo-Krieges nahm die Schweiz zudem Tausende Flüchtlinge auf. «Viele von ihnen gingen nach dem Krieg zurück», sagt Spahiu.

Der Ruf, insbesondere der Kosovo-Albaner, gilt als ramponiert, nach wie vor – Raser, Schläger, Messerstecher. «Die allermeisten sind sehr gut integriert, leisten ihren Beitrag genau wie andere. Kriminalität ist kulturunabhängig», widerspricht Jurist Spahiu. Die Albaner hätten wegen Einzelfällen einen schlechten Ruf.

Politologe Bashkim Iseni sagt aber, das Image und die Wahrnehmung der Albaner änderten sich zum Guten. «Wobei man zugeben muss: Es gibt noch Herausforderungen auf dem Weg der Integration, vor allem bei der Ausbildung der Jungen.»

Die zweite und die dritte Generation der Albaner in der Schweiz sind auf einem guten Weg, ist sich Orhan Spahiu sicher: Sie wollen Karriere machen, sie werden wahrgenommen. Als Beispiel nennt er den 13-köpfigen Vorstand im Albaner-Rat: Juristen, Mediziner, Manager aus der ganzen Schweiz. «Einige Albaner der ersten Generation waren auf die Hilfe der Schweiz angewiesen, um sich stabilisieren zu können», sagt Politologe Iseni. «Jetzt zahlen ihre Kinder die Investition zurück, indem sie zum Wohlstand der Schweiz beitragen.»

«Meine Emotionen für die
Schweiz sind stark»

Linda Pirja, 41, Kosmetikstudio-Inhaberin.

«Im Kopf bin ich Schweizerin, ich habe als Schweizerin leben und lieben gelernt. Meine Emotionen für die Schweiz sind stark, ich bin hier tief verwurzelt. Ich war 15 Jahre alt, als ich mit meiner Mutter und meinem Bruder von Albanien ins Berner Oberland nach Interlaken kam. Nach zwei Monaten wollte ich die Koffer packen und zurück, das Heimweh war riesig. Doch dann durfte ich die Ausbildung zur Kosmetikerin beginnen und fühlte mich wohler.

Meine erste Stelle war in Bern. Ich konnte kaum Deutsch, dafür Englisch, Französisch und Italienisch. Später zog ich nach Zürich, wo ich bis heute lebe und 2003 eingebürgert wurde. Ich machte mich selbstständig, eröffnete meinen Kosmetiksalon, mit meinem Team war ich viele Jahre in der ganzen Schweiz unterwegs. Ich fühlte mich selten benachteiligt. Meine Gabe, auf Menschen zugehen zu können, hat dabei sicher geholfen. Trotzdem war harte Arbeit nötig, um das zu erreichen, was ich heute bin. Mir wurde wenig geschenkt, die Sympathien und meine treue Kundschaft habe ich mir erarbeitet.

Es ist toll, können die Albaner in der Schweizer-Nati etwas für die Schweiz tun

Linda Pirja

Eine Rückkehr nach Albanien kommt für mich nicht infrage. Gehe ich in der Heimat in die Ferien, fühle ich mich sehr wohl, obwohl ich dort als Ausländerin wahrgenommen werde. Den Match der Schweizer gegen Albanien werde ich in Tirana schauen. Es ist toll, können die Albaner in der Schweizer-Nati etwas für die Schweiz tun. Mein Favorit? Bin ich unter Schweizern, wohl Albanien – und umgekehrt.»

«Im Gymnasium war ich
der einzige Albaner»

Jetmir Behluli, 22, Wirtschaftsstudent.

«Mein Vater kam in den 1980er-Jahren aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Kosovo in die Schweiz. Meine älteste Schwester wurde noch dort geboren, ich bereits in der Schweiz. Wir sind fünf Geschwister. Im Gymnasium war ich der einzige Albaner, meine Kollegen waren alles Schweizer. Ich habe mich trotzdem nie ausgeschlossen oder unfair behandelt gefühlt. Probleme gab es nie.

Dass ich jetzt auch Schweizer Bürger bin, verändert meinen Charakter ja nicht.

Jetmir Behluli

Ich bin Doppelbürger. Mein Vater meinte zwar vor einiger Zeit, entweder die ganze Familie lässt sich einbürgern oder aber keiner. Da meine Mutter aber nicht so gut Deutsch konnte, liessen wir es lange bleiben. Ich hatte schon lange vor, mich einzubürgern, zögerte jedoch bis vor kurzem, da ich noch nicht ins Militär wollte. Dass ich jetzt auch Schweizer Bürger bin, verändert meinen Charakter ja nicht. Früher dachte ich: Abstimmen, das ist unwichtig, aber dann durfte ich selber. Beim ersten Mal war das ein sehr gutes Gefühl und es macht mir Freude, mich mit den verschiedenen Themen zu beschäftigen.

Als ich hörte, die Albaner müssen gegen die Schweizer spielen, dachte ich: Das wird ein heisses Spiel. Das Spiel ist wichtig: für die albanische Nationalmannschaft, in der viele Albaner aus der Schweiz spielen, aber auch für die Albaner in der Schweizer Nati. Ihre Eltern kamen hierher, machten teilweise viel durch. Ihre Kinder wussten: Das ist eine Chance, sich zu beweisen. Heute machen das viele junge Albaner, nicht nur im Fussball – das macht mich stolz. Wem ich die Daumen drücke? Klar unterstütze ich auch die Schweiz, da ich mich mit den Jungs im Team auch identifizieren kann. Jedoch gönne ich es dem Underdog Albanien ein bisschen mehr.»

«Ich bin nicht gegen die Schweiz.
Aber für Albanien»

Sokol Dauti, 35, Bodenleger und Präsident des FC Albania Zürich 1986.

«Meine Eltern kamen vor 35 Jahren zum Arbeiten in die Schweiz. Ich selber bin in meiner Heimat, in Mazedonien aufgewachsen, erst mit 18 Jahren zog ich zu meinen Eltern. Ich habe begonnen zu arbeiten, bin immer noch bei der gleichen Firma angestellt, arbeite mit Schweizern und Ausländern. Am Anfang war das Leben hier schwierig für mich. Heute ist die Schweiz der perfekte Ort für mich. Ich bin verheiratet, meine Frau stammt auch aus Albanien. Wir haben zwei Söhne.

In der Schweiz muss man keine Angst haben, arm zu werden, aber man wird auch nicht richtig reich. Kurz gesagt: Es gibt einen sicheren Lebensstandard.

Wenn ich sagen würde, ich fühle mich als Schweizer, müsste ich lügen.

Sokol Dauti

Ich bin Präsident des FC Albania Zürich 1986 – im Verein spielen nur Albaner. Den Schweizer Pass habe ich zwar, aber ich fühle mich als Albaner. Wenn ich sagen würde, ich fühle mich als Schweizer, müsste ich lügen. Meine besten Freunde leben in meiner Heimat. Zurück will ich aber nicht, wegen der wirtschaftlichen Lage dort.

Das Spiel der Albaner gegen die Schweiz ist für uns alle speziell – das wird unglaublich spannend, ausgerechnet das erste Gruppenspiel noch dazu. Ich bin nicht gegen die Schweiz, aber für Albanien. Es ist der Wahnsinn, zwei albanische Brüder spielen gegeneinander. Für die Albaner ist das schon mit Emotionen verbunden, wie muss das für die Familie der beiden sein? Es gibt Albaner, die nun für die Schweiz sind, aber das sind wenige. Die Mehrheit ist für ihre Heimat, da bin ich ganz sicher.»

«Ich wusste schon als Kind: Ich
gehöre auch woanders hin»

Arbnora Aliu, 25, Studentin der Erziehungswissenschaften.

«Denke ich wie eine Schweizerin oder wie eine Albanerin? Das kann ich nicht sagen. Ich bin beides, Albanerin und Schweizerin. Wir Albanerinnen und Albaner in der Schweiz werden immer wieder vor die Wahl gestellt – Schweiz oder Albanien? Ich bin in der Schweiz geboren, habe immer in der Stadt Zürich gelebt. Mit vierzehn Jahren wurde ich eingebürgert.

Ich führe zwei Leben, habe einen Freundeskreis hier und einen in Mazedonien.

Arbnora Aliu

Meine Eltern waren aus Mazedonien in die Schweiz gezogen, um hier in der Pflege zu arbeiten. Sie hatten bereits eine Arbeitsstelle und bekamen eine Aufenthaltsbewilligung. Ich wusste schon als Kind: Ich gehöre auch woanders hin. Ich führe zwei Leben, habe einen Freundeskreis hier und einen in Mazedonien. Auch mein eigenes Zimmer habe ich doppelt, und es ist sogar in beiden Ländern ähnlich eingerichtet. Es war und ist schön, noch einen «anderen Ort» zu haben. Gleichzeitig ist es immer sehr schwer, von Familie und Freunden loszulassen und das Doppel­leben auszuhalten.

Aus diesem Grund bin ich beispielsweise bei «Studenti», dem Albanischen Studentenverein in Zürich. Ich versuche, in der Schweiz das Albanische in mir nicht zu verlieren, und wenn ich in Mazedonien bin, nehme ich die Schweizerin in mir mit.

Auch jetzt an der Uni sind einige erstaunt darüber, dass ich Albanerin bin.

Arbnora Aliu

Das Aufwachsen als Ausländerin in der Schweiz ging gut. Aber oft musste ich mir ungläubige Sprüche anhören, auch jetzt an der Uni sind einige erstaunt darüber, dass ich Albanerin bin. Als wäre es eine Überraschung, dass so etwas möglich ist. Leute leiten aus Einzelfällen den Charakter von ganzen Gruppen ab. Die Schweiz spielt gegen Albanien – mein erster Gedanke nach der Auslosung war: Oh nein. Muss das sein? Ich kann, oder besser, ich muss keine Position einnehmen. Ich habe einen Vorteil, denn jetzt freue ich mich halt für beide. Das Gute ist: Die Spiele der albanischen Nationalmannschaft vereinen alle Albaner. Egal, wo sie wohnen.»

Impressum

Text
Michael Spillmann

Fotos
Michele Limina, Keystone (2), Getty

Gestaltung
Andrea Bleicher