Die Zeit im Sucher

Vier mal in 32 Jahren hat Barbara Davatz die gleichen Paare fotografiert, die neuen Partner kamen dazu. Die vollständige Serie gibt es nun als Buch – und bald auch als Ausstellung

Sechs, neun, dann siebzehn Jahre: So viel Zeit liess Barbara Davatz zwischen den Runden verstreichen. Die ersten Porträts entstanden 1982. Die letzten 2014.

Aus zwölf Doppelporträts wurden 89 Bilder, denn beim zweiten Mal hatten viele der Protagonisten andere Partner. Beim dritten Mal hatten die neuen Partner oft ihrerseits andere, Kinder kamen hinzu. Beim vierten Mal hatten Kinder (die keine mehr waren) Partner. Das Projekt wurde zu einer Zeitkapsel. Zu einem fotografischen Mantra des Lebens. Werden und Vergehen – in der Schweiz, in Zürich.

Inzwischen ging die Welt ihren Gang, der Eiserne Vorhang fiel, die Grenzen wurden abgeschafft und dann wieder eingerichtet, internationale Konzerne wuchsen oder gingen ein, Regierungen wurden ge- und abgewählt. Aus Paaren wurden Stämme.

1982
Franz&Matthias

1988
Franz&Rafael (links) Sonnhild&Matthias (rechts)

1997
Sonnhild&Matthias

2014
Sonnhild&Matthias

Beim ersten Mal waren sie jung. Sehr jung. «Die meisten zehn bis zwanzig Jahre jünger als ich», sagt die Fotografin und schaut die erste Serie auf eine Weise an, als würde sie einer alten Liebe nachsinnen. Sie war damals 38 Jahre alt, die «Jungen Paare», wie die Arbeit hiess, zwischen 18 und 28. Mit ihrem kecken Charme, einer neuen, aufmüpfigen Art, die eigene Person zur Schau zu stellen, haben sie die Fotografin verführt. Sie waren ja keine Punks, und doch hatten sie im Auftritt eine neue Schärfe, einen Nachklang der Jugendunruhen von 1980/81.

«Die 80er waren die Zeit des Individualismus», sagt Davatz, «im Gegensatz zu den 70ern, da flatterten Haare und Röcke bei allen gleich.»

Ihre eigenen weissen Locken hüpfen gerade im Takt der holprigen Strasse, die uns vom Bahnhof Steg im Zürcher Oberland aufs Oberfuchsloch führt. Seit 1987 wohnt und arbeitet die in Amerika aufgewachsene Schweizerin in der ländlichen Abgeschiedenheit des Tösstals, in einem selbst geschindelten Haus, das sie mit ihrem Mann teilt. Die schmale Strasse windet sich hinauf, verlangt von der Autofahrerin Konzentration.

Der Anstoss dazu, zeitversetzte fotografische Wiederholungstäterin zu werden, kam 1988 von dem inzwischen verstorbenen Zürcher Verleger und Kurator Walter Keller. Nach einem Blick auf die «Jungen Paare» sagte er der damals noch im Zürcher Seefeld arbeitenden Fotografin: «Wenn du das nach einer gewissen Zeit wiederholst, drucken wir es im ‹Alltag›» – der Zeitschrift, die er gemeinsam mit Nikolaus Wyss herausgab. Sie liess es sich nicht zweimal sagen. Schon am nächsten Tag begann sie, die Gruppe wieder zusammenzutrommeln.

Wer sind diese Menschen? «Markante Persönlichkeiten mit interessantem und ungewöhnlichem Aussehen.» Es ging ihr bei der ersten Auswahl um das gewisse Etwas in der Kleidung, im Gesichtsausdruck. Modepüppchen sollten sie aber nicht sein. «Neue Boheme» nannte diese Jugend später in einer Titelgeschichte «Der Spiegel». Dass das deutsche Magazin die gleiche Beobachtung wie sie machte, gefiel ihr.

«Die 80er waren die Zeit des Individualismus, im Gegensatz zu den 70ern, da flatterten Haare und Röcke bei allen gleich.»

Barbara Davatz

Nicola und Kurt waren die ersten, die ihr auffielen. «Zwei Blondies, schwarz angezogen.» Verdoppelt, stellte sie damals fest, kam der Selbstausdruck noch stärker rüber. Die meisten ihrer Protagonisten waren romantische Paare, doch es gab auch Geschwister oder einfach nur Freunde. Ein nahestehender Mensch sollte mit aufs Bild, der einem wichtig war. Mehr Vorschriften wollte sie nicht machen.

1982
Rico&Tiziana

1988
Tiziana&Rico

1997
Tiziana

2014
Tiziana

«Dass beim zweiten Mal die neuen Partner mit aufs Bild kamen, schien logisch.» Bei so jungen Menschen sind in den ersten sechs Jahren natürlich einige Beziehungen in die Brüche gegangen, neue sind geknüpft worden. Dennoch haben sich alle 24 Porträtierten ohne Schwierigkeiten bereit erklärt, wieder hinzuhalten. Die Fotografin ahnte schon, dass es nicht die letzte Runde war, und legte – erst jetzt – die Regeln fest: Einmal dabei, immer dabei. «Was nicht gänzlich fair war», sagt sie heute, «denn beim ersten Mal wusste niemand, dass er sich für über dreissig Jahre verpflichtete.»

Nun war es klar: Es würde ein Langzeitprojekt werden. «Gestalterische Gleichschaltung», beschloss sie, «das wird die Veränderungen deutlicher hervorbringen». Alle vier Runden sind in der gleichen, äusserst aufwendigen analogen Grossbildtechnik aufgenommen worden, bei der die Fotografin unter einem dunklen Tuch steckt und nur zwei Bilder pro Kassette aufnimmt. Jedes Foto macht sie vierzehnmal und wählt aufgrund der Blattkopien die endgültige Version aus. Bei der grossen Runde von 2014 bedeutete das: über 500 Negative.

Die Schwierigkeiten begannen mit der dritten Runde. Es waren schon 15 Jahre seit der ersten Serie vergangen, und «einige Herzen sind unterdessen gebrochen worden». Durch die Entscheidung, neue Partner mit aufs Bild zu nehmen, und auch wegen der Spuren der Zeit, die unübersehbar wurden, drang die Chronistin jetzt noch tiefer ins Privatleben der Porträtierten hinein. Das passte nicht allen.

«Ich musste es mir verdienen», sagt die Fotografin. Die Überzeugungsarbeit fand am Telefon statt. In ihrer Not griff sie zur argumentativen Keule: Die Arbeit sei ein Zeitdokument und «werde uns alle überleben». Oder sie lockte mit dem Argument, dass «in dem Foto die Zeit stehen bleibt». Es sei übrigens wirklich so, verrät sie beim Kaffee in ihrem Atelier in der ehemaligen Scheune ein Fotografengeheimnis: Erfahrungsgemäss sei jeder nach fünf Jahren mit seinem Abbild wieder zufrieden. Wahrscheinlich weil man inzwischen noch älter geworden ist.

Aus den «interessanten Menschen» von damals sind inzwischen Berufsleute vieler kreativer Richtungen geworden. Galeristen sind darunter, Künstler, Musiker oder Architekten. Es gibt Schauspielerinnen, Boutiquebesitzerinnen, Literaturvermittler. Und da Nicola, das weibliche «Blondie» von 1982, in der dritten Runde mit der Fotografin aufs Bild wollte, musste Barbara wohl oder übel auch selbst herhalten. 1997 erscheint die hochgewachsene Kittelträgerin als Begleiterin von Nicola, 2014 holt sie ihren Mann Pius dazu. «Wer A sagt, muss auch B sagen», kommentiert sie knapp ihren hitchcockschen Kurzauftritt im eigenen Werk.

1982
Carole&Serge

1988
Carole&Serge

1997
Serge&Carole

2014
Serge&Carole

Doch über die Identität dieser Menschen und die Natur ihrer Beziehungen sollte, nach dem Wunsch der Fotografin, wenig verraten werden. «Es ist wohl offensichtlich, dass die Arbeit auch voyeuristische Aspekte hat», sagt sie. Doch gerade das Rätseln über die abgebildeten Paare, über den Charakter oder auch den Zustand ihrer Verbindung, über das, was in den Jahren zwischen den Fotos passiert sei, gehöre zu diesen Bildern dazu. «Darum kann man immer und immer wieder hinschauen.»

Dass man das kann, liegt ganz klar auch an der Meisterschaft der Fotografin. Es gibt keine zweite, die den Menschen mit so viel Freundlichkeit und doch auch so viel Eindringlichkeit ins Gesicht schaut. Den Körperausdruck einzufangen, niemals gestelzt und doch immer sprechend, gehört zu den verblüffendsten Fähigkeiten der 71-jährigen Davatz, die vierzig Jahre lang als Berufsfotografin gearbeitet hat und ihre eigenen Projekte oft nur am Rande verfolgte.

Man kann sich tatsächlich kaum sattsehen an diesen Bildern, die so wenig über ihre Protagonisten und so viel über uns selbst verraten: unsere Kleidermoden, unsere Trennungen, unser Älterwerden, das Wachsen der Familien oder das unverhoffte Alleinbleiben.

Am Schluss bleibt nur noch eine Frage zu klären. Wird sie es nochmals tun? Gibt es eine Runde mit den Urenkeln? Die Antwort kommt wie aus der Kanone geschossen: «Nein.» Jetzt sei Schluss. Sie werde zwar weiterarbeiten, aber an anderen Projekten. Aber ... Mal sehen. Auch Entscheidungen ändern sich manchmal – as time goes by.

1982
Lili&Franciska

1988
Lili&Franciska

1997
Franciska&Lili

Barbara Davatz:
«As Time Goes By», Edition Patrick Frey, 144 Seiten, 78 Fr.
www.editionpatrickfrey.com

Ausstellung:
Die Serie «As Time Goes By», wie auch weitere Portrait - Serien von Davatz sind zu sehen in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 27 .2.–16. 5.
www.fotostiftung.ch

Impressum

Text
Ewa Hess

Fotos
Barbara Davatz

Gestaltung
Natalie Hauswirth