Apps und
abgeschnittene Hosen

14 Länder in 31 Tagen. Eine Fast-Weltreise mit digitaler Beratung

Wir sind reisefertig, der Fotograf braucht nur noch ein Paar Thrombosestrümpfe; in der Vielfliegerlounge lässt er seinen Charme spielen: «Wir machen 14 Länder in 31  Tagen», erzählt er der jungen Frau am Empfang, «einmal um die Welt, und das in der Holzklasse. Wo finde ich Stützstrümpfe?» – «14 Länder in 31 Tagen?» Die Frau macht grosse Augen: «Ich schaue, was sich machen lässt.»

Kurze Zeit später sitzen wir mit ­einem Upgrade in die Premium-Economy-Klasse der Lufthansa im Flugzeug nach São Paulo, zwar ohne die Strümpfe, dafür können wir die Beine strecken, und es gibt einen Orange-Minze-Saft.

Ich hole das Tablet aus dem ­Gepäckfach und lese in Nicolas Bouviers «Erfahrung der Welt»; im Klassiker der Reiseliteratur heisst es: «Eine Reise braucht keine ­Beweggründe. Sie beweist sehr rasch, dass sie sich selbst genug ist. Man glaubt, dass man eine Reise machen wird, doch bald stellt sich heraus, dass die Reise einen macht – oder kaputtmacht.»

Sala São Paulo: Das Ochester spielt Brahms, der Jetlag schlägt zu.

Sala São Paulo: Das Ochester spielt Brahms, der Jetlag schlägt zu.

Kaum gelandet, rennen wir an ein Konzert: Die Sala São Paulo ist die Nummer eins von 522 Aktivitäten in der Stadt, sagt die Bewertungsplattform Trip Advisor.

Vor dem Eingang stehen schwer bewaffnete Sondereinheiten, welche die Klassikliebhaber vor den Drogensüchtigen schützen, die vor dem Haus herumlungern. Das Sinfonieorchester spielt Brahms, an der Abendkasse sind noch Karten ­erhältlich.

Das Orchester hat sich jedoch kaum eingespielt, als der Jetlag zuschlägt; es ist hoffnungslos, ich schlafe ein.

São Paulo: Wo die Kids am coolsten sind und das Reisegeld schon halb aufgebraucht ist.

São Paulo: Wo die Kids am coolsten sind und das Reisegeld schon halb aufgebraucht ist.

Am nächsten Tag nimmt uns ein Facebook-Freund aus der Schweiz, der in São Paulo sehr erfolgreich ein Online-Mode-Versandhaus aufgebaut hat, auf eine Party mit: gewaltiges Anwesen, man steht auf einem zur Tanz­fläche umfunktionierten Tennisplatz, trinkt Gin Tonic und bestaunt Brasiliens Jeunesse dorée.

Dann weiter ins Kinoshita, laut Trip Advisor das beste Restaurant der Stadt, wo wir angerauscht ­solche Mengen an atemberaubendem Sashimi und karamelli­siertem Shiitake bestellen, dass schon nach zwei Tagen in São Paulo das halbe Reisegeld aufgebraucht ist.

Argentinien: Das Land empfängt uns mit einer Mondfinsternis und einem in Roger Federer verliebten Taxifahrer.

Buenos Aires ist ein hartes Pflaster für den Social-Media-Reisenden, denn jeder ­Facebook-Freund, so macht es den Anschein, war schon mal da und weiss, wo es das noch bessere Fleisch gibt.

Wir landen im La ­Cabrera Norte, wo das Steak bei zwei Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent zwölf Tage lang mariniert wird. Vor allem aber fällt der hohe Prozentsatz an ­Touristen auf.

Buenos Aires: Ein hartes Pflaster für den Social-Media-Reisenden.

Buenos Aires: Ein hartes Pflaster für den Social-Media-Reisenden.

Verdaut wird auf der bestbewerteten Walking Tour von Vayable.com. Unser Guide, eine ehemalige Krankenkassen­angestellte aus Italien, führt für 30 Franken pro Person durch die «hidden ­treasures of Buenos Aires».

Am Abend erneut ein Konzert: Das Teatro Colón, ein Prachtsbau, ­Kolonial-Chic, ist die Nummer-1-Aktivität der Stadt. Los geht es mit Mozart, gefolgt von Schumann.
Bei Arvo Pärt nicke ich ein, diesmal ist allerdings nicht nur der Jetlag schuld.

Reisen als Stresstest. In Lima gelandet, checken wir sofort für den Weiterflug ein; die App Seat Guru findet für uns die besten ­Sitze im Flugzeug. Wir essen ein schlechtes Sandwich, dessen Top-Rating auf Foursquare, die Trip-Advisor-Konkurrenz, man sich nur mit den Ansprüchen von Treckingtouristen erklären kann, die ausgehungert vom peruanischen Hochland kamen.

19 Stunden später, auf dem Weg nach Panama-Stadt, lese ich, wie Nicolas Bouvier «gegen die Leitfäden zum Nutzen der Touristen» loszieht – «nichts als schwindelerregende Anachronismen, ­läppische Dialoge, Phantasien ­eines Verfassers, der vom rauschenden Hotelleben träumt, aber nie aus seiner Küche herausgekommen ist» –, dann schlafe ich ein.

Auf der Besucherterrasse des Panamakanals wache ich auf. Man versucht sich zu erholen, doch Bouvier hat recht: «Es gibt keine Tätigkeit, die einen mehr in Anspruch nimmt als das Nichtstun in einer neuen, unbekannten Welt.»

Fotografieren ist im Frida-Kahlo-Museum in Mexiko-Stadt nur gegen Gebühr erlaubt, die jungen Leute stehen sich trotzdem auf den Füssen rum, um ihre Foto­galerien auf Instagram zu füllen.

Auf der Dachterrasse des Hotel ­Condesa DF. im gleichnamigen Trendquartier, wohin alle App-Wege führen, holt einen die ­Clubmusik Nicolas Jaars runter; wir trinken japanisches Bier, in der Sitzecke gegenüber versucht eine junge Französin ein Selfie mit ­Sonnenuntergang und kippt sich ihr Getränk über den Schoss.

San Francisco: Golden-Gate-Brücke, Blumenkinder, Uber.

Das Zollformular fragt nach der Anzahl Länder, die man vor der Ankunft in den USA bereist hat. Fünf Länder in acht Tagen, nur mit Handgepäck; in San Francisco ­fahren wir vom Flughafen direkt in die auf Yelp bestbewertete ­Wäscherei.

Und von da ins ­Airbnb. Gastgeber Patrick, er hat 228 perfekte Bewertungen, ist ein Innenarchitekt und Fotograf, Ende ­dreissig, der mit seinem Schosshündchen unweit Haight-Ashbury lebt, einst Zuhause der Beatniks und Blumenkinder. Auf Patricks Kühlschrank kleben Harvey-Milk-Magnete.

San Francisco: Im Park verkauft der Hippie vegane, glutenfreie Pommes Chips.

San Francisco: Im Park verkauft der Hippie vegane, glutenfreie Pommes Chips.

San Francisco: Hier nimmt kein Mensch mehr ein Taxi.

San Francisco: Hier nimmt kein Mensch mehr ein Taxi.

San Francisco, physisches Head­quarter der digitalen Welt: Wir ­sitzen mit einem Freund, ­Designer bei Apple, im Dolores Park und ignorieren den Hippie, der ­vegane, glutenfreie Pommes Chips verkauft, als der Freund plötzlich ­aufspringt: Seine allwissende ­Apple Watch meldet, dass wir beim momentanen Verkehrsaufkommen sofort aufbrechen müssen, um unsere Reservation im Restaurant rechtzeitig zu schaffen.

Wir nehmen natürlich kein Taxi, das macht hier kein Mensch mehr, ­sondern rufen den Fahrdienst Uber, genauer, bestellen einen Uber Pool. Das ist das Neuste: Man gabelt weiter Passagiere auf, die in die gleiche Richtung müssen. Eine junge Frau steigt zu, «where you guys from?», es werden Länder­klischees verhandelt, und wir ­versuchen, den Amerikanern ihre Verehrung für Wagner auszureden.

Sydney: Die Oper findet man auch ohne Hilfe von Social Media.

Sydney: Die Oper findet man auch ohne Hilfe von Social Media.

Beim Abendessen loggen wir uns auf der Last-Minute-App ­Hotel Tonight ein und ergattern ein Zimmer in einem der Top-10-Hotels von Sydney.

Schlafwandelnd durch den ­Sicherheitscheck. Passkontrolle: irgendwie die Augen offen halten. Für seelenlose Transitzonen wie Flughäfen hat der Anthropologe Marc Augé den Begriff der Nicht-Orte geprägt.

Sidney: #hi from Bondi Beach.

Sidney: #hi from Bondi Beach.

16 Stunden später haben wir die Market Street San Franciscos gegen die Market Street Sydneys getauscht. Das Daten­paket fürs Handy verabschiedet sich am anderen Ende der Welt. Der Social-Media-Reisende ist ­offline. Aber die Oper finden wir auch so, ebenso den Bus zur ­Bondi Beach.

Shanghai, China: Selfies, Dumplings und Haare in der Dusche

Vom Digital Detox am Strand zur Street-Food-Tour in Seoul: schwindelerregende Übergänge; ist das gemeint mit der Krümmung von Raum und Zeit? Relativitäts­theorie im Praxistest.

Seoul: Das koreanische Nationalmuseum.

Seoul: Das koreanische Nationalmuseum.

Die angehende ­Ernährungswissenschaftlerin Soy scheucht ein halbes Dutzend ­Touristen durch Hütten, in denen statt Servietten Toilettenpapier auf dem Tisch liegt; das Kronfleisch beim koreanische Barbecue spülen wir mit einem Sweet-after-Bitter herunter, ein Cocktail aus Cola, Bier und dem koreanischen Branntwein Soju. Zu den Mungbohne-Pan­cakes werden Trinkspiele mit Zwetschgenschnaps zelebriert.

Seoul: Relativitätstheorie im Praxistest.

Seoul: Relativitätstheorie im Praxistest.

Wir stossen mit einem ehemaligen Snowboarder aus den USA an, der am Folgetag ebenfalls nach Shanghai reist, und keine 24 Stunden später verabreden wir uns im Din Tai Fung, eine Empfehlung der «New York Times», wo die Dumplings mit Bedienungsanleitung serviert werden. Der Amerikaner verbrennt sich trotzdem die Zunge.

Shanghai: Velos und Gastgeberinnen, die über Whatsapp Sprachnachrichten verschicken.

Shanghai: Velos und Gastgeberinnen, die über Whatsapp Sprachnachrichten verschicken.

Die Airbnb-Erfahrung in China: Die Gastgeberin ist zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, verschickt Sprachnachrichten über Whatsapp, das Büschel Haare in der Dusche drückt allerdings das Rating auf 4 Punkte.

Das Airbnb in Tokio tags darauf sieht dafür aus wie aus dem Muji-Katalog, und Host Jun heisst einen mit Matcha-Schokolade willkommen. Bestnote für ihn.

Tokio: Kein Kaffee kann mehr getrunken werden ohne Rating-Check.

Tokio: Kein Kaffee kann mehr getrunken werden ohne Rating-Check.

Man ist im Ratingwahn. Kein Kaffee kann mehr getrunken werden ohne Rating-Check. Es ist ein Reisen im Dezimalbereich: Die Nudelsuppe in Tokio mit der Foursquare-Note 8,6 schenkt man sich, für diejenige mit einer 9,1 stehen wir zwei Stunden Schlange.

Im Tempura-Restaurant präsentiert der Koch den sich windenden Aal, ehe er ihn in die Fritteuse wirft: authentisch oder blosses Schauspiel für den Reisenden, der den gewissen K(l)ick sucht?

Hanoi, Vietnam: Selbstgemachte Shorts, 37 Grad Celsius und falsche Tripadvisor-Kleber.

Hanoi: 37 Grad Celsius, die Ultraviolet-App berechnet den Sonnenschutzfaktor, der Fotograf schneidet seine Chinohose zu Shorts. Zwei junge Backpackerinnen erklären uns, dass sich die Restaurants in Vietnam mit falschen Trip-Advisor-Klebern schmücken, um die Touristen zu ködern.

Wir folgen der App Triposo auf einen Sightseeing-Spaziergang, ein selbstmörderischer 16-Kilometer-Marsch durch die Scooter-Hauptstadt der Welt, und es fällt auch uns auf: überall diese hässlichen grünen Sticker.

Hanoi: Die Scooter-Hauptstadt der Welt.

Hanoi: Die Scooter-Hauptstadt der Welt.

«Ich habe den Kleber weggeschmissen», sagt der Österreicher Florian, der in Bangkok das Nang Gin Kui betreibt, das auf Trip Advisor schon mehrfach zum besten Restaurant der Stadt gekürt wurde – und dabei ist es nicht einmal ein Restaurant: «Wir nennen es ­private dining», erklärt Florian, Anfang vierzig, gelernter Architekt, in dessen Wohnung hoch über Chinatown man sich von Florians thailändischer Partnerin fürstlich bekochen lassen kann.

Auf dem Fussboden sitzend, Blick über den Chao Phraya, den Fluss der Könige, geniesst der Gast einen über­irdischen 15-Gänger. Haute Cuisine im Schneidersitz.

Bangkok: Rotlicht und Haute Cuisine im Schneidersitz.

Bangkok: Rotlicht und Haute Cuisine im Schneidersitz.

Am nächsten Tag legen wir uns noch rasch zum Reclining ­Buddha in dessen Tempel, bevor wir uns in der Business-Class lang machen; die Star Alliance, mit deren Round-the-World-Ticket wir über 80 Stunden in der Luft verbracht ­haben, schenkt uns ein weiteres Upgrade – und der Fotograf flirtete nicht mal.

Dubai: Der ultimative Nicht-Ort in den Top-25-Destinations-of-the World von Tripadvisor

Dubai: Der ultimative Nicht-Ort in den Top-25-Destinations-of-the World von Tripadvisor

Dann Dubai. Ja, ­Dubai: Was hat dieser ­ultimative Nicht-Ort in den Top-25-Desti­nations-in-the-World von Trip Advisor verloren?

In Istanbul, beim Best-rated Döner am Bosporus, der Blick zurück auf 38 500 Meilen: Man ist ein bisschen überrascht, wie reibungslos alles ging, vom weltumspannenden Flugticket bis zu den Last-Minute-Hotelbuchungen übers Smartphone.

Vom Sonnenschutzfaktor bis zum angemessenen Trinkgeld: Für alles gibt es eine App, und Google Maps macht es selbst in Tokio oder in Shanghai zum Kinderspiel, sich zurechtzufinden; nur etwas vom schönsten am Reisen, sich verlieren nämlich, das fällt schwer.

Nützliche Apps und Reiseinfos

Tripadvisor ist natürlich der Klassiker unter den Bewertungsplattformen, und man fährt dank der vielen Beurteilungen nicht schlecht mit den Tipps für Restaurants, Hotels, Sehenswürdigkeiten etc.

Aber es empfiehlt sich, die Resultate mit der hipperen Konkurrenz von Foursquare gegenzu­checken. Yelp ist eine weitere Alternative, und mit Fieldtrip, eine App, die sich durch Trend-Newsletter speist, geht man auf weniger abgelatschten Pfaden.

Als unsere Lieblingsapp entpuppte sich allerdings Triposo: Diese All-in-one-Lösung bietet neben allerhand Tipps auch Stadtkarten, die offline funktionieren, einen Währungsrechner sowie eine tolle Spaziergang-Kalkulations-Funktion.

Praktisch sind schliesslich Seatguru, um die besten Sitze im Flugzeug zu finden, und Global Tip, damit man überall weiss, wie viel Trinkgeld angebracht ist. Google Maps und Google-Übersetzer sind sowieso Pflicht.

Round-the-World-Tickets gibt es bei allen grossen Airline-Verbindungen, also Star Alliance, Oneworld und Skyteam. Bei Star Alliance ist der günstigste Tarif, Economy Special, für 3130 Franken erhältlich, allerdings ist dieser Tarif auf 26 000 Meilen und maximal fünf Stopps beschränkt. Ansonsten sehen die Preise* wie folgt aus:
– Economy von 3489 bis 5305 Franken
– Premium Economy von 5566 bis 6951 Franken
– Business von 8426 bis 13 020 Franken
– First von 17 741 bis 22 527 Franken

*  Nicht enthalten sind Steuern, Gebühren und Zuschläge

Autor Andreas Scheiner am Bondi Beach, Sydney.

Autor Andreas Scheiner am Bondi Beach, Sydney.

Preisgekrönte Idee

Andreas Scheiners Weltreise mit rein digitaler Beratung entspringt einer preisgekrönten Idee. Der 32-jährige freischaffende Journalist mit Schwerpunktthema Kultur/Film gewann den dritten Imholz-Förderpreis, den ­Reisepionier Hans Imholz und der Swiss Travelwriters Club (STC) aus­geschrieben hatten. Dank der Preissumme von 7500 Franken konnte Andreas Scheiner eine für Reisereportagen ungewöhnlich lange Recherchezeit von einem Monat nutzen. Um den Preis, der auch 2016 wieder ­ausgeschrieben wird, hatten sich 30 Journalistinnen und Journalisten ­beworben.

Impressum

Text
Andreas Scheiner

Fotos
Roger Eberhard

Gestaltung
Andrea Bleicher