Sattelfest

Roman Riklin schrieb für das Musical
«Mein Name ist Eugen» sowohl
das Buch als auch die Musik.
Nicht einmal Andrew Lloyd Webber könnte das

Für einmal in der Rolle des Lausbuben: Roman Riklin, 44.

Mit vollem Teller kommt Roman Riklin vom Salatbuffet. Im 7. Stock eines ehemaligen Industriegebäudes in Zürich-West wird sein Musical «Mein Name ist Eugen» geprobt. Gleich daneben, im Migros-Restaurant, hat der grau melierte Hüne Zeit für eine Mittagspause.

Er setzt sich an einen leeren Tisch und sagt: «‹Eugen› ist ein genialer Stoff. Zum ersten Mal solidarisiere ich mich nicht heimlich mit den Musicalhassern.»

Musicalhasser? Roman Riklin ist der erfolgreichste Musicalautor der Schweiz. Seine «Ewigi Liebi» haben über 650'000 Zuschauer gesehen, seine «Ost Side Story» war neunfach für den deutschen Musical-Preis nominiert. Doch der 44-jährige St. Galler hat nicht nur ein Händchen für massentaugliche Unterhaltung, sondern auch ein Flair für Ironie und alles Subversive.

«Ost Side Story» ist wie viele andere seiner Musicals eine Monty-Python-mässige Komödie. Mit seiner Band Heinz de Specht ist Riklin in der Schweizer Kabarettszene längst kein Geheimtipp mehr. Die hochmusikalische und saumässig bissige Truppe ist für den Schweizer Kleinkunstpreis nominiert, der am 14. April verliehen wird.

Am 5. März hat Riklins neues Musical «Mein Name ist Eugen» Premiere. Diesmal hat der umtriebige Musiker, Sänger, Autor und Komponist, der die wohlige Ruhe eines Teddybären ausstrahlt, nicht nur den Text, sondern auch die Songs geschrieben. Ein doppeltes Kunststück, das nicht einmal der Musical-Übervater Andrew Lloyd Webber schafft.

Riklin sagt: «Bis jetzt habe ich oft augenzwinkernd mit der Form des Musicals gespielt und eine ironische Distanz zum Genre eingenommen. Diesmal mache ich das nicht. Diese Geschichte macht einfach Spass.»

Sie wollen nur eines: Auf keinen Fall erwachsen werden

Es ist die bekannte Geschichte der vier Lausbuben aus der Berner Altstadt. Das Musical erzählt sie konsequent aus Kinderperspektive. Das ermöglicht nicht nur schnelle Schnitte, sondern auch einen Kniff mit künstlerischem Mehrwert. Die Erwachsenen werden als Puppen dargestellt, als monströse Projektionen 13-jähriger Lausbuben, die nur eines wollen: auf keinen Fall erwachsen werden.

Ein Jahr unbezahlte Arbeit hat er in das Stück gesteckt

Erwachsen zu werden war auch für Roman Riklin nicht leicht, wäre er doch beinahe zum Rockstar geworden. Mit seiner Band Mumpitz feierte er in den Neunzigerjahren grosse Erfolge. Tausende von Fans sangen an den Konzerten seine Songs mit. Doch Riklin merkte, wie unberechenbar das Popgeschäft ist. Er zog sich vorübergehend nach Berlin zurück und konzentrierte sich fortan aufs Musiktheater, seine zweite Leidenschaft.

Seit dem Erfolg von «Ewigi Liebi» kann er seine Rechnungen bezahlen. Doch auch das Showgeschäft birgt Risiken: Damit er an «Mein Name ist Eugen» etwas verdient, müssen mindestens 60'000 Zuschauer kommen. Ein Jahr unbezahlte Arbeit hat er in das Stück gesteckt.

Nach der Mittagspause gehen die Proben weiter. In Trainerhosen singen und tanzen die Darsteller die Schlussszene. «E Luusbueb chasch du bliibe, laa der d Flouse nid uustriibe», singen sie. Blutjung sehen alle aus, tatsächlich wie Lausbuben, doch Roman Riklin sagt, das täusche, sie seien zum Teil schon gegen die dreissig. Und fügt mit seiner trockenen Ironie an: «Ich hätte schon gern jüngere Darsteller gehabt, aber Kinderarbeit geht leider nicht.»

Der einzige Erwachsene, der im Musical keine fratzenhafte Maske ist, sondern real gespielt wird, ist Fritzli Bühler. Der König der Lausbuben wird als Rocker dargestellt. Der Buchautor Klaus Schädelin hat ihn keineswegs erfunden, wie Riklin erzählt.

Fritz Bühler war ein Schweizer Seefahrer, Skilehrer und Rallye-Pilot, der in Zürich lebte. Und der Beweis dafür, dass man ein wildes Leben führen und trotzdem erwachsen werden kann: Bühler wurde später als Präsident der Rega-Flugwacht ein geachteter Mann.

Im Musical «Mein Name ist Eugen» lernen die Buben schliesslich auch, erwachsen zu werden, ohne ihre lausbübischen Ideale zu verraten. Diese Entwicklung ist zwar im Kinderbuchklassiker nicht enthalten. Doch Roman Riklin hat sie erfunden, wie er auch die Dialoge völlig neu geschrieben hat. Es ist ihm dabei gelungen, einen Humor zu treffen, der sowohl kindisch ist als auch frech. Als einmal die Feuerwehr ausrücken muss, sagt einer der Buben: «Das hett mer au chönne lösche mit eimal drüber seiche.»

Ein alter Sack, wer hier nicht lachen muss.

Autor Klaus Schädelin

Trotz anfänglicher Empörung über diesen «Schund» und Verboten in gewissen Bibliotheken wurde «Mein Name ist Eugen» zum Schweizer Jugendbuchklassiker. Der Roman des Berner Pfarrers Klaus Schädelin aus dem Jahr 1955 hat seinen helvetischen Charme bis heute bewahrt.

2005 wurde die Lausbubengeschichte um Eugen, Wrigley, Eduard und Bäschteli von Michael Steiner («Grounding») als Familienkomödie verfilmt.

Das Musical

Für das Musical verfasste Roman Riklin sowohl den Text als auch die Songs (Regie: Dominik Flaschka).

Die Premiere findet am 5. März in der Maag Halle in Zürich statt.

www.eugen-musical.ch

Song "Es ganzes Läbe lang" aus dem Musical
(Komponist Roman Riklin).

Remo Traber, 19, als Bäschteli.

Remo Traber, 19, als Bäschteli.

Jan Simon Messerli, 24, als Eugen.

Jan Simon Messerli, 24, als Eugen.

Sebastian Muri, 24, als Eduard.

Sebastian Muri, 24, als Eduard.

Delio Malär, 23, als Wrigley.

Delio Malär, 23, als Wrigley.

Impressum

Text
Christian Hubschmid

Fotos
Basil Stücheli
Christian Knecht/vasistas.ch

Gestaltung
Natalie Hauswirth