Die Eiskönigin

Erstmals ist das luxuriöse Kreuzfahrtschiff MS Europa  2 hoch in den Norden gefahren.
In Grönland stiess es auf Eis

Die MS Europa 2 steuert durch den Prins Christian Sund. Er gehört zu Grönland und trennt die Inselgruppe Kap Farvel vom Festland. Auf Grönländisch heisst der natürliche Kanal Ikerassuaq.

Ilulissat (grönländisch für «Eisberge») ist mit 4491 Einwohnern die drittgrösste Stadt Grönlands. Sie liegt am Ostufer der Disko-Bucht.

Am Hafen von Ilulissat: In den zwei Fischfabriken werden vor allem Heilbutt und Crevetten verarbeitet.

Die MS Europa 2 bewegt sich nicht einmal mehr im Schritttempo, als die ersten Eisbrocken auftauchen.

Der deutsche Kapitän Christian van Zwamen hatte die Geschwindigkeit bereits morgens um sieben etwas gedrosselt, als er das luxuriöseste Kreuzfahrtschiff der Welt in den Prins Christian Sund steuerte.

Die 100 Kilometer lange Passage Grönlands ist mit von Gletschern geschliffenen Gneisriesen und spitzen Berggipfeln landschaftlich eine Wucht. Dank dem natürlichen Kanal müssen die Schiffe nicht ums Kap Fravel fahren. Die südlichste Spitze der Insel ist bei Seefahrern seit je wegen Stürmen und Eisbergen gefürchtet.

Erste schwimmende Eisbrocken im Prins Christian Sund. Die Gletscherabbrüche sind klein, keiner grösser als ein Lieferwagen.

Erste schwimmende Eisbrocken im Prins Christian Sund. Die Gletscherabbrüche sind klein, keiner grösser als ein Lieferwagen.

Das Meer wirft kaum Wellen im Prins Christian Sund.

Das Meer wirft kaum Wellen im Prins Christian Sund.

Dick eingehüllt in Daunen­jacken und Mützen, schützen sich die Passagiere an Deck bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt vor dem eisigen Fahrtwind. Einige Berggipfel sind von Nebel umhüllt, ansonsten präsentieren sich Wasser und Himmel blau. Das Meer wirft kaum Wellen.

Die ­Passagiere entdecken die ersten schwimmenden Eisbrocken. Die Gletscherabbrüche sind klein, keiner grösser als ein Lieferwagen. Trotzdem geht der Kapitän kein Risiko ein beim ersten Zusammentreffen des Schiffs mit Eis. Er drosselt das Tempo seines 225 Meter langen und 26 Meter breiten Luxusliners fast bis zum Stillstand.

Gneisriesen und spitze Berggipfel: Die Passagiere der MS Europa 2 bewundern den Ausblick auf den Prins Christian Sund.

Gneisriesen und spitze Berggipfel: Die Passagiere der MS Europa 2 bewundern den Ausblick auf den Prins Christian Sund.

Von Zwamen, der bereits mit dem Expeditionsschiff Bremen in Grönland unterwegs war, hatte beim Besuch auf der Brücke am Tag davor gesagt: «Ist man mit der Bremen unterwegs und sieht Eis, freut man sich und fährt weiter darauf los. Ist man mit der Europa 2 unterwegs und sieht Eis, freut man sich – und hält Distanz.»

An Deck schützen Daunenjacken und Mützen die Passagiere vor dem eisigen Fahrtwind. Die Temperaturen sind knapp über dem Gefrierpunkt.

An Deck schützen Daunenjacken und Mützen die Passagiere vor dem eisigen Fahrtwind. Die Temperaturen sind knapp über dem Gefrierpunkt.

Im Prins Christian Sund ist jedoch weder Distanzhalten noch Ausweichen möglich, die Passage ist schlicht zu eng. Die 500 Gäste an Bord ­hören kaum ein Knirschen, als ihr schwimmendes Hotel das Eis wegschiebt.

Van Zwamen hat zwei grönländische Lotsen mit an Bord, die die Strecke gut kennen. Sie geben aber nur Tipps, die Verantwortung liegt ganz beim Kapitän.

Passagier Roland sagt, er geniesse das Reisen mit Leuten, die im Leben etwas erreicht hätten, an Bord der MS Europa 2 gebe es aber keinen Machtkampf.

Der Ausflug, auf den alle gewartet haben: Schwarze, wendige Schlauchboote bringen die Passagiere der MS Europa 2 in Gruppen zu den Eisbergen.

Die Passagiere an Bord des Luxusschiffs haben sich den Ausblick auf den Prins Christian Sund etwas kosten lassen: Die 21-tägige Reise von Hamburg über Grönland nach Montreal kostet in der billigsten Suite 26 000, in der teuersten 110 000 Franken für zwei Personen.

Während die Europa 2 weiter durch den Prins Christian Sund gleitet, ziehen sich die Passagiere zum Morgenessen zurück. Wer Glück hat, ergattert beim Yacht Club draussen auf Deck einen Tisch. Am Heck des Schiffs ist es windgeschützt, die aufgehende Sonne wärmt ein wenig.

Dass so viele Gäste an Bord aufeinandertreffen wie bei der Einfahrt zu dieser Passage, ist selten. Kein anderes Kreuzfahrtschiff weist pro Gast mehr Fläche auf. Die kleinste Kabine hat den Standard einer Suite und verfügt über 28 Quadrat­meter, inklusive Dusche und Badewanne und eigener Veranda. Die beiden grössten Suiten breiten sich auf 99 Quadratmetern aus und liegen neben der Brücke. Maximal 500 Gäste finden Platz an Bord.

Kulinarisch geniessen die Passagiere grosse Auswahl: sieben Restaurants – vom Yacht Club mit Buffet über die Sushi-Bar bis zum französischen Lokal Tarragon. Essen ist im Preis inklusive, einzig für die Getränke müssen die Gäste ihre Kabinennummer angeben.

Manchmal muss es Kaviar sein. Das Essen an Bord der MS Europa 2 ist im Preis der Kreuzfahrt eingeschlossen.

Manchmal muss es Kaviar sein. Das Essen an Bord der MS Europa 2 ist im Preis der Kreuzfahrt eingeschlossen.

Mehrmals im Jahr leistet sich das Thuner Ehepaar Josiane und Roland Soder den Luxus auf der Europa 2: Die Ferien, sechs bis acht Wochen im Jahr, verbringen sie seit der Jungfernfahrt 2013 auf dem neusten Schiff der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd. Ski­ferien gibts bei den beiden nicht mehr, das Golfen haben sie aufgegeben. «Die Erholung in der lockeren Ambiance der Europa 2 ist unvergleichlich, es warten keine Verpflichtungen», sagt die Kunst­malerin Josiane Soder.

Hier würden keine obligatorischen Anlässe wie das Kapitänsdinner angesetzt. Feste Sitzplätze in Restaurants seien unbekannt. Ihr Mann, ein Wirtschaftsprüfer, sitze immer wieder auf der Veranda und schaue für Stunden aufs Meer hinaus. Diese Ruhe habe sie bei ihm noch nie erlebt.

Roland sagt, er geniesse das Reisen mit Leuten, die im Leben etwas erreicht hätten, an Bord gebe es aber keinen Machtkampf. Die Kosten von 26 000 Franken für den 21-tägigen Trip von Hamburg über Island und Grönland nach Montreal finden die beiden nicht teuer. «Hier geben wir um die 1100 Franken pro Nacht inklusive Essen aus. Gehen wir in der Schweiz in ein Fünfsternhotel, kommt das teurer», sagt Roland Soder.

Die Diskobucht liegt in der Sonne. Sie ist das Reich der Eisberge.

Die Diskobucht liegt in der Sonne. Sie ist das Reich der Eisberge.

Über Nacht ist der Sturm aufgekommen, den der Kapitän tags zuvor angekündigt hatte. Der Morgen präsentiert sich grau. Der Wind peitscht in Stärke 9, die Wellen erreichen bis sechs Meter Höhe. Auf der Europa  2 ist davon kaum etwas zu spüren, das Schiff fährt mit den Wellen, surft fast auf ihnen.

Einzelne Gäste ziehen sturmfest eingekleidet Runden auf dem Deck. Sie treffen dabei auf drei philippinische Schiffsarbeiter, die den Holzboden fast ungestört mit Hochdruck reinigen. Der Ausflug nach Nuuk, der grössten Stadt Grönlands, ist abgesagt. Die Tenderboote, mit denen die Passagiere übergesetzt hätten, können zwar nicht sinken, die stürmische See wäre trotzdem zu gefährlich. Die Gäste verbringen den Tag in der Sauna, beim Fitness, bei einem Grönlandvortrag im Theater, beim Lesen in der Bibliothek oder einem Fechtkurs mit ehemaligen deutschen Cracks.

Die Eisberge in der Diskobucht stammen vom produktivsten Gletscher der Welt, er kalbt pro Jahr über 40 Kubikkilometer gefrorenes Wasser.

Die Eisberge in der Diskobucht stammen vom produktivsten Gletscher der Welt, er kalbt pro Jahr über 40 Kubikkilometer gefrorenes Wasser.

Landausflug in Ilulissat.  Die Passagiere der MS Europa 2 spazieren auf einen Hügel, um sich die Gletscherabbrüche anzusehen.

Landausflug in Ilulissat. Die Passagiere der MS Europa 2 spazieren auf einen Hügel, um sich die Gletscherabbrüche anzusehen.

Da die Europa  2 in Nuuk keinen Halt einlegt, erreichen die Passagiere den Höhepunkt der Reise bereits am nächsten Morgen. Die Diskobucht strahlt in der Sonne. Sie ist das Reich der Eisberge. Diese stammen vom produktivsten Gletscher der Welt. Der Jakobshavn Isbrae kalbt pro Jahr über 40 Kubikkilometer gefrorenes Wasser.

Die Europa  2 hält Abstand zu den kalten Riesen. Selbst die kleinen Tenderboote mit 150 Passagieren müssen sich den Weg durch die Gletscherabbrüche nach Ilulissat suchen. Den kurzen Landgang vertreiben sich die Touristen mit dem Besuch der Kirche, eines Touristenshops oder mit einer Wanderung hinauf auf einen Hügel, um die Gletscherabbrüche zu bestaunen.

Ruhig liegen die Eisberge im Wasser, die Gäste von der MS Europa 2 sind fasziniert vom hellblau leuchtenden Wasser.

Ruhig liegen die Eisberge im Wasser, die Gäste von der MS Europa 2 sind fasziniert vom hellblau leuchtenden Wasser.

Nachmittags kommt die Attraktion, auf die alle gewartet haben: Wendige Schlauchboote schippern die Gäste in Zwölfergruppen zu den Eisbergen. Ruhig liegen die Riesen im Wasser, Kristalle glitzern im Licht. Hellblau und strahlend kalt leuchtet das Wasser dort, wo sich Eis unter der Meeresoberfläche ausbreitet.

Eine Gruppe hat spezielles Glück: Kurz taucht ein Walfisch auf. Da auf diesem Schlauchboot die Profifotografen sitzen, können später auch alle anderen am Erlebnis teilhaben. Und neidisch sein.

Die Reise wurde unterstützt von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten

MS Europa 2 Luxusschiff mit 251 Suiten, darunter sieben Familiensuiten. Elf Decks, sieben Restaurants. Maximal 500 Passagiere, 380 Crewmitglieder.

Preise Ein Tag auf der Europa 2 kostet im Schnitt 600 Euro pro Person, inklusive Veranda-Suite, Verpflegung, Minibar und die meisten Aktivitäten. Die 21-tägige Reise von Hamburg über Grönland nach Montreal kostet in der billigsten Suite 26 000, in der teuersten 110 000 Franken für zwei Personen.

Reiseveranstalter Kreuzfahrten mit den vier Schiffen von Hapag-Lloyd, Europa, ­Europa  2, Hanseatic und Bremen, u. a. bei TUI Suisse, Kuoni, Hotelplan, MCCM Master Cruises oder Globoship.

Europa 2 und das Eis Das nächste Mal im Eis wird sich die Europa  2 im Sommer 2018 bei einer 19-tägigen Kreuzfahrt nach Island und Spitzbergen aufhalten.

Infos Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Tel +49 40 3070 3070, www.hl-cruises.de

IMPRESSUM

Text: Thomas Zemp

Fotos: Susanne Baade

Gestaltung: Andrea Bleicher