In den Fängen der Frauenhändler

Die Journalistin Tobore Ovuorie gab sich als Prostituierte aus. Das Unternehmen geriet zum Fiasko. Sie wurde gefoltert, fast ermordet und entkam schwer traumatisiert. Heute berichtet sie als erste unabhängige Zeugin von einem unmenschlichen Geschäft, das auch in der Schweiz floriert.

«Wir schrien und versuchten, uns zu verstecken. Sie griffen sich Adesuwa und Omai – die beiden wurden vor unseren Augen mit Macheten enthauptet.»

Tobore Ovuorie, Journalistin

Ovuorie ist eine preisgekrönte Reporterin der nigerianischen Recherche-Website «Premium Times». Im Sommer 2013 schleuste sie sich, getarnt als Prostituierte, in einen Ring von internationalen Frauenhändlern ein. Keiner ahnte, dass diese Täter nicht nur im Geschäft mit erzwungener Prostitution waren. «Sie verkaufen alles an einem Menschen», sagt Ovuorie. «Wenn die Frau mit Sexarbeit zu wenig verdient, wird sie zum Diebstahl gezwungen oder zum Dealen. Bringt es Profit, wird sie sogar ermordet und ihre Körperteile werden an Organhändler verkauft oder an reiche Kunden, die Menschenteile für rituelle Zwecke wollen.»

Die nigerianische Journalistin Tobore Ovuorie liess sich nach dem Tod ihrer Freundin in den Frauenhändler-Ring einschleusen.

Die nigerianische Journalistin Tobore Ovuorie liess sich nach dem Tod ihrer Freundin in den Frauenhändler-Ring einschleusen.

Ovuorie entkam dank Glück und Zufall. Ihr Bericht erschien 2014 in Nigeria. Es ist die erste unabhängige Dokumentation aus dem Innern jener Verbrechersyndikate, hinter denen auch Schweizer Ermittler her sind – denn viele der gehandelten Nigerianerinnen landen auf den Strassen Europas, auch auf jenen der Schweiz.

Doch der Preis für ihren Bericht war zu hoch. Ovuorie erlitt einen Nervenzusammenbruch, verbrachte Monate in psychiatrischer Behandlung wegen einer schweren Belastungsstörung, sie entwickelte eine Essstörung und litt an Übergewicht.

Letzten Oktober trat sie erstmals öffentlich auf und sprach an einer Konferenz im norwegischen Lillehammer, wo die SonntagsZeitung sie traf. Die Reporterin machte einen fragilen Eindruck. Sie erzählte ihre Geschichte leise, schleppend, als müsste sie sich für jeden Satz überwinden.

«Es begann mit meiner Freundin Ifoke», sagt Ovuorie. Sie musste für die Syndikate in Europa anschaffen, geschützter Sex war ihr nicht erlaubt. «Als sie Aids bekam, schickte das Syndikat sie zurück. Sie erhielt keine medizinische Versorgung und starb.»

Ein UNO-Bericht geht davon aus, dass bis zur Hälfte der gehandelten Frauen aus Nigeria wegen Krankheiten von den Syndikaten zurückgeschafft werden. Ovuorie – 2013 bereits eine erfolgreiche Gesundheitsjournalistin – interviewte viele dieser Frauen.

«Sie hatten nicht nur Aids, sondern auch Analgonorrhö oder Durchbrüche im Darm», erzählt sie. Viele würden nach der Rückschaffung von den verschämten Familien verstossen. «Sie sterben allein und unter furchtbaren Bedingungen.»

Ifokes Schicksal führte zu Ovuories Entschluss, das Syndikat zu infiltrieren. Ein ganzer Stab aus ihrer Redaktion half ihr bei der Durchführung ihres Undercover-Einsatzes.

Zunächst spielte sie die Strassenprostituierte, um an das Syndikat heranzukommen. «Damit ich keine Kunden bedienen musste, verlangte ich viel zu hohe Preise», sagt Ovuorie.
Nach wochenlanger Vorarbeit kam sie in Kontakt mit einer «Mamma». «Ein Grossteil des Syndikats besteht aus Frauen, den sogenannten Mammas», erklärt Ovuorie. «Sie rekrutieren die Mädchen, schicken sie in den Einsatz.»

Ovuorie erklärte der Frau, sie wolle in Europa arbeiten. Das ist nicht ungewöhnlich, denn die meisten Frauen, die später zur Prostitution gezwungen werden, beginnen ihre Reise als freiwillige Sexarbeiterinnen.

«Man nannte uns nur ‹Produkte› und behandelte uns auch so»

Die extreme Armut in Nigeria komme den Händlern entgegen, sagt Claire Potaux-Vésy von der internationalen Organisation für Migration in Bern. «Die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch, und viele der Frauen haben kaum eine Schulbildung. Sie sehen nicht voraus, dass ihnen später das Geld abgenommen wird und sie Sexarbeit im Akkord leisten müssen, ohne sich schützen zu dürfen oder Freier ablehnen zu können.»

Nach dem freiwilligen Beginn rauben die Syndikate den Frauen schnell die Entscheidungsfreiheit und degradieren sie zu Objekten. «Man nannte uns nur ‹Produkte› und behandelte uns auch so», sagt Ovuorie.

Wie alle Europa-Kandidatinnen musste auch die Journalistin nackt vor einer Jury aus Männern und Frauen des Syndikats posieren. Ist ein Körper zu wenig attraktiv, wird die Frau in die «forza stradale» eingeteilt – den Strassenstrich. Ovuorie platzierten sie in die «forza speciale», diese «Spezialkräfte» dürfen auch reichere Kunden bedienen.

So gelangte die Journalistin am 6.  Oktober 2013 an eine Sexparty mit VIP-Kunden in einem palastähnlichen Haus in einem schicken Vorort von Nigerias Hauptstadt Abuja.

Ovuorie konnte dort mit ihrem Smartphone verschiedene Fotos machen. Der Abend entpuppte sich als wüste Orgie – mit prominenter Besetzung. «Ich habe dort Politiker gesehen, die sich öffentlich gegen Prostitution äusserten und Frauen verhaften liessen», sagt Ovuorie. «Unsere Mamma versicherte mir, sie arbeite eng mit dem Zoll, den Migrationsbehörden, der Polizei und der Armee zusammen.»

Sarah, 22: Jeden Tag muss sie 6 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz in einem Wald in Norditalien laufen.

Geschmiert werden die Behörden offenbar mit sehr viel Geld. Der Handel mit erzwungener Prostitution ist ein Multimilliarden- Dollar-Geschäft.

An der Ausbeutung von Tausenden junger Frauen verdient ein ganzes Netz von Mittätern bis hin zu Militär und Polizei. Ein grosser Teil der Einnahmen aus Europa und der Schweiz fliesst zurück nach Afrika.

«Unsere Spezialisten gehen davon aus, dass das Geld aus der Zwangsprostitution zu einem grossen Teil nach Nigeria zurückgeschickt wird», sagt Anne-Florence Débois, Sprecherin des Bundesamtes für Polizei (Fedpol). «Es ist wahrscheinlich, dass vieles in bar abgewickelt wird, was es sehr schwer macht, das Geld zu verfolgen.»

Ovuories Bericht bestätigt dies. «An jenem Abend nahm eine der Leiterinnen einen Sack voller Geld in Empfang», erzählt sie. «Allein unsere Mamma besitzt vier Luxusautos, zwei Häuser und stellte gerade ein drittes Haus fertig.»

Wenige Tage nach der Party wurde die Lage für Ovuorie ernst. Sie sollte mit einer Gruppe von vier Frauen zunächst ins Nachbarland Benin verfrachtet werden, der ersten Etappe auf dem Weg nach Europa. Ihre Redaktion hatte bereits einen Rettungsplan, um sie von dort zu befreien.

Doch es kam anders: «Unser Bus hielt unerwartet in einem Camp, mitten im Busch. Das Lager wurde von Soldaten mit schweren Waffen bewacht», erzählt Ovuorie. Die Reporterin strandete im Niemandsland, fernab der Möglichkeit, Hilfe anzufordern.

Im Camp führte man Ovuorie einen Medizinmann vor. «Er nahm Blut, Fingernägel, Kopf- und Schamhaare von mir und verstaute alles in einem kleinen Säckchen auf einem Altar.» Sie musste schwören, dass sie sich nicht vom Syndikat abwenden und das Geld für ihre Reise abarbeiten würde.

Solche Rituale wirken auf die Afrikanerinnen sehr stark. Marie von Arx-Vernon, Leiterin eines Frauenhauses in Genf, beherbergte Dutzende Afrikanerinnen, die von solchen Ritualen schwer beeinflusst waren. «Es ist wie bei Sekten, oft brauchen die Frauen ein Jahr, bis die Angst weg ist.»

Für Ovuorie stellte der Medizinmann eine ganz andere Gefahr dar: «Der Priester hatte auch die Aufgabe, nach Spionen zu suchen, und mich hat er sofort aussortiert und gesagt, ich würde viel Ärger bereiten», erzählt sie. In welche Gefahr sie dadurch geriet, wurde ihr erst bewusst, als die Lagerchefin – in Begleitung von fünf gut gekleideten Besuchern – den Raum betrat.

Sie besprachen ein «Paket» das noch nicht geliefert worden sei. «Eine der Besucherinnen deutete auf mich», erzählt Ovuorie leise. «Ich wurde zwar vom Medizinmann aussortiert, aber aus unerfindlichen Gründen schüttelte die Lagerchefin den Kopf. Sie deutete stattdessen auf Adesuwa und Omai. Wir schrien und versuchten, uns zu verstecken. Doch sie ergriffen die beiden Frauen – sie wurden vor unseren Augen mit Macheten enthauptet.»

Warum die Besucher Körperteile wollten, ist unklar. Bereits 2004 machte jedoch ein UNO-Bericht darauf aufmerksam, dass in Nigeria Körperteile für rituelle Zwecke verwendet würden. Doch erst der Bericht von Ovuorie enthüllte, dass dafür Opfer aus dem Frauenhandel getötet werden.

Die Reporterin wurde nach dem Mord in einen Raum gesperrt. Die Lagerleiterin verhörte sie über Stunden. «Wer beschützt dich? Woher kommst du?» Ovuorie wurde die ganze Nacht geschlagen und ausgepeitscht.

«An der Grenze erkundigten sie sich sogar nach den Umsätzen und ihrem Anteil.»

Von einer freiwilligen Reise nach Europa war bei den Frauen im Camp längst keine Rede mehr. In der folgenden Nacht hörte sie erneut Schreie; Ovuorie glaubt, dass weitere Morde geschahen.

Am Tag darauf brach die Gruppe, schwer bewacht, Richtung Benin auf, doch die Hoffnung der Reporterin, fliehen zu können, schwand. Ein Wachmann entdeckte ihr Telefon. Sie hatte keine Möglichkeit mehr, das Team in Benin anzurufen.

Auf der Reise erlebte die Journalistin, wie das Syndikat perfekt mit den Behörden harmonierte. «Wir kamen an Armeestützpunkten vorbei, an Polizeipatrouillen und an der Grenzwache», sagt Ovuorie.

«Alle winkten unserer Mamma zu. An der Grenze erkundigten sie sich sogar nach den Umsätzen und ihrem Anteil.»
Ovuorie hatte nun Angst, jede Sekunde doch noch entdeckt zu werden. Sie entschied sich, schon an der Grenze zu fliehen.

Bei der ersten Gelegenheit stürzte sie sich vom Bus und verschwand in der Menge. Durch Glück entkam sie den Verfolgern. Ihre Kontaktfrau in Benin schrieb später, wie die Journalistin schwer angeschlagen bei ihr auftauchte. Während Stunden war sie kaum ansprechbar und weinte ununterbrochen.

Verhaftungen in Nigeria gab es aufgrund von Ovuories Bericht keine. Wo ihre Gefährtinnen gelandet sind, weiss sie nicht.

Viele wohl auf den Strassen und in den Bordellen von Italien, Frankreich und womöglich der Schweiz. Dort nimmt die Zahl der gehandelten Frauen aus Nigeria stetig zu. Experten beobachten, dass die Frauenhändler die Afrikanerinnen mit Geschlechtskrankheiten heute eher im Schweizer Asylsystem parkieren, als sie zurückzubringen, weil das billiger ist.

«Für meine Gefährtinnen gibt es kein Happy End», sagt Tobore Ovuorie tonlos. Noch heute kann sie die Namen ihrer Freundinnen aus dem Camp auswendig: Adesuwa, Isoken, Lizzy, Mairo, Adamu, Ini, Tessy, Omai und Sammy.

«Ja, Frauen werden auch in der Schweiz gehandelt»

Kennen Sie Frauen in der Schweiz, die Ähnliches durchgemacht haben wie Tobore Ovuorie?
Wir betreuen jährlich etwa 100 neue Fälle von Frauenhandel, davon fünf bis acht aus Westafrika. Tendenz steigend. Viele Opferaussagen decken sich mit den Schilderungen von Frau Ovuorie. Das Geschäft ist sehr brutal. Die Geschichten sind zuweilen ebenso grausam wie jene der Journalistin. Es fällt uns zwar manchmal schwer, aber wir müssen akzeptieren, dass diese Gewalt real ist.

Ist die Schweiz ein Ziel für Menschenhändler aus Westafrika?
Zunächst ist nicht jede Sexarbeiterin aus Westafrika in der Schweiz ein Opfer von Menschenhandel. Die Frauen die gehandelt wurden, werden zur Prostitution gezwungen. Sie werden rund um die Uhr überwacht, müssen fortlaufend anschaffen, können keine Freier, oder bestimmte Praktiken ablehnen, sie dürfen keine Kondome verlangen und ihnen wird alles Geld abgenommen. Und ja - sie werden auch in die Schweiz gehandelt.

Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ): «Die Priester erhalten einen Teil der Gewinne der Menschenhändler.»

Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ): «Die Priester erhalten einen Teil der Gewinne der Menschenhändler.»

Wie geschieht das ?
Man gaukelt ihnen vor, sie hätten Zehntausende Franken schulden und müssten dies abarbeiten. Man droht ihnen oder ihrer Familie mit Gewalt oder mit dem Tod, oder damit sie öffentlich zu ächten und blosszustellen. Schliesslich werden sie auch mit Gewalt gezwungen zu dieser Arbeit - auch mit psychischer Gewalt. Dazu zählen neben den Drohungen gerade in Westafrika jene Juju-Rituale, über welche die Journalistin berichtet.

Was geschieht dabei?
Es ist ein Missbrauch der Voodoo-Religion. Die Priester nehmen den Frauen einen Schwur ab und drohen ihnen mit Gewalt, Krankheit oder Tod, wenn sie nicht gehorchen. Diese Drohungen sind sehr real. Die Priester können etwa die Familie der Frau ächten, so dass keiner mehr mit ihnen spricht oder Geschäfte macht. Die Frauen gehorchen schon aus Angst um ihre Angehörigen. Die Priester erhalten einen Teil der Gewinne der Menschenhändler. Auch hier decken sich die Aussagen der Betroffenen mit der Journalistin.

Ähneln sich die Schicksale?
Die Frauen aus dieser Region, die wir hier in der Schweiz betreuen, sind in der Regel bereits sehr jung in eine Ausbeutungssituation gekommen, in manchen Fällen unter 18. Viele wurden bereits in Italien, Frankreich oder Spanien in die Prostitution gezwungen, fliehen in die Schweiz und kommen hier in ein Asylverfahren. Doch sie werden in der Regel sofort wieder abgeschoben.

Wie das?
Wenn die Ausbeutung nicht in der Schweiz geschieht, sondern zum Beispiel in Italien, sind die dortigen Behörden zuständig. Die Frauen, obwohl teils schwerstens traumatisiert und gefährdet, werden dann als normale Dublin Fälle behandelt und im beschleunigten Verfahren nach Italien abgeschoben. In manchen Fällen können wir nicht einmal mehr eine Betreuung durch eine andere Opferschutzstelle in Italien organisieren. Nach unserer Meinung nimmt die Schweiz ihre Verantwortung viel zu wenig war.

Und wer hier ausgebeutet wurde?
Sie müsste die Schweiz gemäss Opferhilfegesetz unterstützen. Doch selbst hier nimmt die Schweiz ihre Verantwortung nicht wahr. In der Schweiz geht das Asylverfahren dem Opferschutz vor. Vor ein paar Wochen hat das Staatssekretariat für Migration SEM eine neue Weisung erlassen, die unter Anderem den Aufenthalt der Personen regelt, die Opfer von Menschenhandel in der Schweiz sind und sich im Dublin-Verfahren befinden. Das trifft gerade bei den Fällen aus Westafrika fast immer zu.

«In der Schweiz geht das Asylverfahren dem Opferschutz vor.»

Wie werden diese Fälle nun geregelt?
Die Weisung besagt, dass die Betroffenen auf jeden Fall im beschleunigten Verfahren ausgeschafft werden. Falls es dann in der Schweiz zu einem Verfahren gegen ihre Händler kommt, könnten sie mit einem speziellen Visum für den Prozess wieder einreisen. Auf diese Weise können wir die Frauen weder schützen noch unterstützen. Dass die Betroffenen in der Schweiz einen gesetzlichen Anspruch auf Opferhilfe haben, wird vom Bund ignoriert.

Was droht den Tätern, wenn es tatsächlich zu einer Verurteilung kommt?
Es gab Fortschritte die letzten Jahre, im 2014 waren es immerhin 15 Verurteilungen. Aber es trifft nur eine sehr kleine Minderheit der Täter. Und selbst wenn wir ein Urteil haben, werden die Haftstrafen oft bedingt ausgesprochen oder sind so kurz, dass sie mit der Zeit in der Untersuchungshaft schon abgegolten sind. Häufig kommen die Verurteilten also gleich wieder auf freien Fuss. Und die Gewinne, die sie mit dem Menschenhandel erwirtschaftet haben, sind längst in Sicherheit gebracht. Das bittere Fazit: Menschenhandel, ist ein Geschäft, das sich lohnt.

Impressum

Fotos
Jean Revillard/Rezo

Gestaltung
Andrea Bleicher