«Modeln ist ein
Hochleistungssport»

Ronja Furrer ist das Gesicht von Ralph Lauren und das erfolgreichste Schweizer Model. Morgen Montag wird sie 24 – in ihrem Metier gilt sie damit schon als Oma

Wann merkten Sie, dass Sie schön sind?
Schön  . . . ui. Keine Ahnung. Ich war früher sehr zurückhaltend, fast schon extrem. Als ich vor zwei Jahren erstmals für die Schauen gebucht wurde, hat mir das grosses Selbstvertrauen gegeben. Aber schön . . ., ach, ich weiss nicht.

Wie reagieren Frauen auf Sie?
Jüngere reagieren positiv. Sie finden meinen Beruf faszinierend oder würden das auch gerne machen. Ab, ich würde mal sagen, 30 ist dann fertig. Dann wirds eher giftig. Wenn ich mit Andres unterwegs bin, gehen diese Frauen direkt auf ihn zu, sagen Hallo und unterhalten sich mit ihm, mich lassen sie demonstrativ links liegen.

Und Männer?
Männer sind zurückhaltend. Während Andres von Frauen angesprochen wird, getrauen sich das Männer mir gegenüber nicht. Aber das ist mir ja auch recht so.

Wenn Sie selbst auch zurückhaltend sind: Fällt Ihnen da das Modeln nicht schwer?
Nein. Das Drumherum ist schwer, der Job selbst nicht. Meistens jedenfalls. Gestern zum Beispiel war es schwer: Da haben wir an einem Tag 65 Outfits für ein Lookbook fotografiert.

Wie lange dauerte das?
13 Stunden. Das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Heute muss alles viel schneller gehen, es gibt weniger Geld, sowohl für die Produktionen wie für uns.
Sie sind das Gesicht von Ralph Lauren, das müsste doch einschenken. Es kommt sehr auf das Label an. Für weltweite Werbekampagnen reden wir noch von 20 000 bis 30 000 Franken, früher waren das über 100 000. Die Branche hat sich sehr verändert.

«Es geht nicht um das Gewicht, sie finden in keiner Modelagentur eine Waage, weil es um die Masse geht»

Ronja Furrer

Ihre Kollegin Binx Walton äusserte sich kürzlich ähnlich in einem Interview. Sie sagte, die Industrie werde immer brutaler: Models seien zur Wegwerfware geworden.
Oh, Binx hat das gesagt? Ich sehe das auch so. Manchmal ist es sehr frustrierend in diesem Business. Du kannst nichts kontrollieren, du kannst noch so professionell und pünktlich sein: In einer Saison lieben dich alle, in der nächsten nicht mehr, und du hast keine Ahnung, wieso. Aber das hat auch viel mit Social Media zu tun und mit diesen ganzen Celebrity-Kids.

Die Ihnen wegen ihrer Bekanntheit und den Millionen Followern Jobs wegschnappen.
Ja, das ist extrem ärgerlich. Als ich das Gesicht von Tommy Hilfiger war, ging ich davon aus, dass ich auch an der Show laufen würde. Das ist normalerweise so. Ich sagte mir: Jetzt probiere ich das mal ohne die Vorbereitungen, die sonst für die Shows nötig sind. Ohne Sport, ohne Diät.
Am Casting haben sie mir dann gesagt, ich würde nicht gebucht, mein Körper habe sich verändert. Sprich: Sie fanden mich zu dick. Und dann eröffnete Gigi Hadid die Show, die viel, viel kurviger ist als ich. Das war ernüchternd. Wenn Gigi nicht diese immense Anzahl Follower hätte, dann wäre sie ein gut verdienendes kommerzielles Model, aber sie würde niemals für den Laufsteg gebucht.

Sie werden morgen 24. Und arbeiten in einem Beruf, in dem man mit über 20 als alt gilt. Wie fühlt sich das an?
Es hat Vorteile, älter zu sein. Man lässt sich nicht mehr alles gefallen. Die vorletzte Saison hätte ein Casting von 9 bis 11 stattfinden sollen, die Castingdirektoren – beide sehr einflussreich, sie buchen die Models für Jil Sander, Calvin Klein und Dior – kamen um 12.
Es gab kein Wasser, nichts zu essen, wir warteten, etwa 100 Models in einem kleinen Raum, und als sie reinkamen, verzogen sie sich mit ihren McDonald’s-Tüten erst mal in ihr Büro. Es war absolut respektlos. Das ertrage ich immer schlechter, und das hat mit meinen Alter zu tun.

Was haben Sie gemacht?
Ich bin gegangen. Natürlich durfte ich nicht an der Show laufen. Das ist der Preis, den du bezahlst.

Welche Vorteile hat Ihr Alter noch?
Viele arbeiten lieber mit älteren Models, weil die ein besseres Körpergefühl haben und besser kommunizieren können. Bis jetzt habe ich jedenfalls noch nie einen Job nicht bekommen wegen meines Alters. Aber ich mache mir nichts vor: Das kommt.

Fürchten Sie sich davor?
Ich denke kaum darüber nach. Wenn man etwas lernt als Model, dann ist es, einzustecken. Ich muss mir bei Castings immer wieder sagen lassen, meine Brüste seien zu gross. Anfangs verletzt einen das sehr, man hat nicht das Selbstbewusstsein, damit umzugehen.

Man nimmt es persönlich, denn es ist ja persönlich, wenn jemand an deinem Körper rummäkelt. Aber das muss man eben lernen: die Dinge nicht so an sich heranzulassen. Wenn mir also nun gesagt wird, ich sei zu alt, dann ist das nicht anders, als wenn jemand sonst wie an meinem Körper herumnörgelt.

Was wurde herumgenörgelt?
Man sagte mir immer, ich sei für ein Show-Model zu dick. Was stimmte – hinsichtlich der Vorgaben für Laufstegmodels.

Wie viel mussten Sie abnehmen?
Es geht nicht um das Gewicht. Sie finden in keiner Agentur eine Waage, weil es um die Masse geht: Für die Hüften gilt die Vorgabe von 86 Zentimeter. Bei mir sind es normalerweise 90 Zentimeter, es müssen also vier Zentimeter weg.
Dafür mache ich viel Sport, zwei bis drei Stunden pro Tag, und natürlich eine Diät. Bei den Vorbereitungen für die Schauen hast du kein Sozialleben mehr, du bist im Training wie ein Sportler vor einem Marathon. Das ist dann wie Hochleistungssport.

Womit wir beim Thema wären, das dominiert, wenn es um Models geht: das Dünnsein.
Ich kann es nicht mehr hören, das mit der Magersucht. Auf Social Media bekomme ich viele gehässige Kommentare wegen meines Gewichts. Ich denke dann oft: Nie würde ich zu jemandem sagen «Du solltest mal ein bisschen auf deine Linie achten».
Umgekehrt haben die Leute aber kein Problem, mich krank oder magersüchtig zu nennen. Ich bin weder das eine noch das andere. Wir trainieren und ernähren uns wie Sportler.

Viele junge Frauen geben heute als Traumberuf Model an. Unterschätzen die alle, wie viel Disziplin nötig ist?
Oh ja. Ich hatte gerade gestern ein Gespräch über das Modeln, wo jemand sagte, ach, das ist ja sowieso leicht verdientes Geld. Das ist ein gewaltiger Irrtum. Die denken, man fliege überallhin in der Business-Klasse und wohne in den schicksten Hotels, weil das so in «Germany’s Next Topmodel» gezeigt wird.

Wie ist es denn wirklich?
Zunächst wurde ich in meiner ganzen zehnjährigen Karriere noch nie am ganzen Körper mit Farbe angemalt, was bei Heidi Klum in fast jeder Staffel gezeigt wird. Das mag telegen sein, mit dem Modelalltag hat das nichts zu tun. Aber ich verstehe, dass es schwierig ist, diesen Beruf zu verstehen.
Als ich die Ralph-Lauren-Kampagne bekam, war das wirklich etwas Grosses für mich. Viele fanden das zwar toll, aber es war in ihren Augen einfach ein Foto mehr. Es ist für Aussenstehende nicht nachzuvollziehen, wie hart ich gearbeitet habe, um diesen Job zu bekommen.

Worin bestand die harte Arbeit?
Zwei Jahre krampfen. Reisen, Jobs machen, bei denen man nichts verdient, die man aber annimmt, in der Hoffnung, dort mit jemandem zusammenzuarbeiten, der jemanden kennt, der dich weiterempfiehlt. Man verdient dabei keinen Rappen. Wir zahlen alles selbst: Flüge, Hotels,Taxis, Personal Trainer, alles. In den drei Saisons, in denen ich die Shows gemacht habe, habe ich sogar Geld verloren. Im Sinne von: investiert.

Wieso tut man sich das an, erst recht, wenn das Ganze doch so unberechenbar ist?
Bei mir hatte es anfangs vor allem mit finanziellen Gründen zu tun: Ich wollte mein Mami unterstützen. Jetzt ist es eine Herausforderung. Als ich für die Shows gebucht wurde, hat für mich eine ganz neue Karriere angefangen. Ich wollte immer auf diesem Niveau arbeiten und nicht Katalogmodel sein. Und wenn ich etwas will, gebe ich alles dafür.

Macht einen das Modeln hart?
Ja. Aber das hilft fürs Leben.

Haben Sie negative Erfahrungen macht?
Ein einziges Mal. Wir waren mit einem französischen Magazin auf Mauritius, ich lag im Wasser, wir arbeiteten nachts und der Fotograf benahm sich merkwürdig. Die Chefredaktorin merkte es auch und brach das Shooting ab. Ansonsten droht aber von dieser Seite fast nie Gefahr, denn die meisten Männer in diesem Metier sind schwul. Die interessieren sich nicht für einen, ausser, es geht um Brüste. Die mögen sie nicht. Sie mögen auch keine Hintern. Die möchten Models, die aussehen wie Buben. Je knabenhafter, desto besser.

Deshalb müssen Models dünn sein?

Ich habe mich das schon oft gefragt und vermute, es hat stark damit zu tun. Natürlich fallen die Kleider schöner, wenn man schlank ist, aber der Hauptgrund ist wohl der, dass fast alle, die etwas zu sagen haben in diesem Business, schwule Männer sind. Ich habe viele schwule Freunde, und es ist überhaupt nicht böse gemeint, aber in diesem Business mögen die schwulen Männer keine Kurven. Deshalb auch die Vorliebe für Teenager: 15-jährige Mädchen haben noch diese knabenhafte Körper.

Die Designerinnen, die immer mehr Einfluss haben, müssten da doch Gegensteuer geben?
Das stimmt, aber sie sind zu wenig zahlreich, als dass sie sich durchsetzen könnten. Und so bleibt es eben dabei, dass Models dünn sein sollen. Ausser bei Stella McCartney. Die mag ich ohnehin sehr. Auch wegen ihrer Haltung Pelz gegenüber.

Machen Sie keine Pelz-Aufnahmen?
Doch. Ich bin damit nicht einverstanden, aber es ist Teil meines Jobs. Dass Stella McCartney konsequent darauf verzichtet, finde ich toll. Zudem ist sie freundlich mit allen, auch mit dem Putzpersonal und uns Models. Und sie ist mit mir genauso freundlich wie mit Cara Delevingne. Das erlebt man selten. Abgesehen davon hat sie kein Problem mit Brüsten. Das letzte Mal, als ich für ihre Show lief, war das Oberteil ein bisschen eng. Da haben die einfach die Naht versetzt, und schon passte es perfekt. Das macht sonst niemand.

Nach ihrer Karriere wollen fast alle Models Schauspielerin werden. Sie nicht.
Ich weiss nicht, wieso das alle werden wollen, mich interessiert das nicht.

Moderieren?
Um Himmels willen, nein. Genau das mag ich ja am Modeln: dass ich nicht reden muss. Wenn ich mal bei einem Werbespot einen Satz sagen muss, ist mir unwohl dabei. Ich gebe auch nicht sehr gerne Interviews, ich rede lieber im Privaten.
Dafür dann richtig viel.

Ronja Furrer, 24, stammt aus Lüterkofen SO und modelt seit 10 Jahren. Dazwischen machte sie die Matur, seit 2013 läuft sie an den internationalen Schauen für grosse Labels.
Sie warb unter anderem für Tommy Hilfiger, war zweimal in der «Vogue Paris» zu sehen und ist aktuell das Gesicht von Ralph Lauren.

Sie lebt in New York und ist mit dem Musiker Stress liiert.

www.ronjafurrer.com

Impressum

Text
Bettina Weber

Fotos
Sebastian Magnani (7)
Getty Images (2)
Esther Michel (1)

Video
20 Minuten
Youtube

Gestaltung
Natalie Hauswirth