Fassade für dunkle Geschäfte

Der Offshoreprovider Mossack Fonseca bedient sich des Namens des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist in ständigem Einsatz für Menschen in Not auf der ganzen Welt – zurzeit besonders auch für Kriegsflüchtlinge aus Syrien. IKRK-Mitarbeiter riskieren jeden Tag ihr Leben, um andere zu retten. Es schützt sie einzig der weltberühmte Name, der für Unbestechlichkeit bürgt. Das rote Kreuz auf weissem Grund steht für Menschlichkeit und Integrität.

Recherchen in den Panama-Papieren zeigen, dass der Name der weltberühmten Schweizer Hilfsorganisation benutzt wird, um schmutziges Geld zu verstecken. Ihr guter Ruf muss als unverdächtige Fassade herhalten, um dahinter Geschäftsleute und Unternehmen zu kaschieren, die geheim bleiben wollen. Es besteht dabei nicht die Absicht, der Hilfsorganisation etwas zukommen zu lassen.

Für dieses Konstrukt stellt der Offshoreprovider Mossack Fonseca (MF) eine Stiftung zur Verfügung, die von den Kunden als Aktionärin beliebiger Strohfirmen eingesetzt werden kann. Zu diesem Zweck führt MF die Brotherhood Foundation und die Faith Foundation.

Erstere ist in den MF-Dokumenten als Aktionärin von rund 400 Firmen geführt, letztere von knapp 100 Firmen. Als Begünstigte der beiden Stiftungen hat MF das Internationale Rote Kreuz eingesetzt.

Wozu das dient, zeigt folgendes Beispiel: Ein MF-Kunde will für eine seiner Firmen ein Bankkonto eröffnen. Hierfür muss er der Bank angeben, wer an der Firma wirtschaftlich berechtigt ist. Also nennt er die Aktionärin, Faith Foundation. Nun will die Bank die Besitzverhältnisse der Faith Foundation abklären. Hierfür hat MF ein Zertifikat vorbereitet, das «in solchen Fällen normalerweise verwendet wird», wie eine MF-Mitarbeiterin per E-Mail schreibt. Und dieses Zertifikat weist das Internationale Rote Kreuz als Begünstigte der Faith Foundation aus. Der tatsächliche Besitzer der Firma, für den das Bankkonto eröffnet wird, bleibt im Dunkeln.

Unverblümt beschreibt eine andere MF-Mitarbeiterin einem Kollegen der Niederlassung in Jersey die Hintergedanken für das Konstrukt: Heutzutage, wo die Banken gezwungen seien, Informationen über Begünstigte zu erfragen, sei es schwierig, den Namen des Begünstigten der Faith Foundation zurückzuhalten. «Das ist der Grund, weshalb wir diese Struktur mit dem Roten Kreuz aufgebaut haben. So ist es nicht kompliziert», schreibt die MF-Mitarbeiterin 2009 per E-Mail.

Offensichtlich weiss das Rote Kreuz nichts davon, via MF-Stiftungen bei Hunderten von Offshorefirmen eine Rolle zu spielen. Ein MF-Mitarbeiter erklärt einer Kollegin, wiederum per E-Mail: «Bitte beachte, dass gemäss Gesetzgebung in Panama Begünstigte einer Stiftung ohne deren Wissen eingesetzt werden können. Will heissen: Das Internationale Rote Kreuz ist sich dieser Abmachung nicht bewusst.»

In den Panama-Papieren taucht das Vehikel in etlichen Fällen auf, in welchen auch mutmasslich kriminelle Gelder oder gesuchte Vermögenswerte versteckt wurden. Oder es diente dazu, einem Staatsoberhaupt beim Einkauf teurer Häuser in London die nötige Diskretion zu bieten.

Das Rote Kreuz im Einsatz in der zerstörten syrischen Stadt Homs, 25. Februar 2016.

Im Soge der Korruption: ehemaligen Präsidenten Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner.

Im Soge der Korruption: ehemaligen Präsidenten Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner.

Argentinien: Versteckspiel im Korruptionssumpf

Argentinische Journalisten deckten 2013 ein Netz von Korruption und Geldwäscherei rund um die ehemaligen Präsidenten Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner auf. Sie sollen unter anderem mithilfe eines befreundeten Geschäftsmannes Dutzende Millionen Dollar veruntreut und ausser Landes gebracht haben. Gemäss dem argentinischen Staatsanwalt hat der Geschäftsmann via Panama und eine Vielzahl von MF-Firmen im US-Bundesstaat Nevada 65 Millionen Dollar gewaschen.

US-Gerichtsdokumenten zufolge haben die MF-Firmen in Nevada eines gemeinsam: Sie werden allesamt von den zwei MF-Strohfirmen Aldyne Ltd. und Gairns Ltd., eingetragen auf den Seychellen, kontrolliert. Auf dem Papier gehören die beiden allerdings nicht MF – sondern der Faith Foundation. Das Internationale Rote Kreuz als Begünstigte der Faith Foundation steht also am Ende dieser Kette, die von Argentinien nach Nevada, von da auf die Seychellen und weiter nach Panama reicht.

Das Konstrukt erleichtert MF das Versteckspiel mit der Justiz. In einem Prozess in den USA gab eine MF-Mitarbeiterin zu Protokoll, weder Aldyne noch Gairns «gehören tatsächlich jemandem». Das ist formal möglicherweise richtig, da eine Panama-Stiftung wie die Faith Foundation keine Besitzer, sondern «nur» Begünstigte hat. Gleichzeitig zeigt die Aussage die Absicht in aller Deutlichkeit: Zwar kontrolliert MF die Faith Foundation und nützt sie rege als Pseudoaktionärin. Doch wenn es brenzlig wird, versteckt sich MF hinter dem Stiftungsrecht – und damit indirekt hinter dem Roten Kreuz.

Bediente sich am Namen des Roten Kreuzes: Der Präsident der Arabischen Emirate Sheikh Khalifa bin Zayid Nahyan

Bediente sich am Namen des Roten Kreuzes: Der Präsident der Arabischen Emirate Sheikh Khalifa bin Zayid Nahyan

Die Londoner Häuser des Scheichs

Sogar dem amtierenden Präsidenten der Arabischen Emirate, Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahayan, diente das Vehikel mit dem Roten Kreuz. Er hat im Jahr 2005 an bester Lage in London Häuser gekauft. Die Bank of Scotland hat ihm dafür ein zinsloses Darlehen von 291 Millionen Pfund gewährt. Gekauft hat die Häuser die auf den Britischen Jungferninseln (BVI) von MF registrierte Gesellschaft Mayfair Commercial Limited. An diese Firma angehängt ist ein ganzer Rattenschwanz von Direktorenfirmen.

Am Schluss der Kette: die Faith Foundation und mit ihr das Rote Kreuz. Der wahre Besitzer bleibt dadurch gut geschützt. Was für Aussenstehende nicht sichtbar ist: Die Mayfair Commercial Limited ist eigentlich im Besitz eines Trusts des Scheichs.

Russische Oligarchen im Streit

Besonders verworren ist ein weiteres Beispiel. Die gemäss Medienberichten reichste Russin, Elena Baturina, hat einen ehemaligen Geschäftspartner verklagt. Er soll sie um rund 100 Millionen Euro betrogen haben. Der Fall ist derzeit am High Court in London hängig.

Für ein gemeinsames Immobilienprojekt überwies Baturina 2008 Dutzende Millionen an eine Firma des Geschäftspartners. Gemäss ihrer Klageschrift leitete dieser allerdings den grössten Teil des Geldes nicht wie abgemacht an die gemeinsame Investmentfirma weiter, sondern zweigte ihn ab. Gut 13  Millionen Euro sind dabei auf Konten von drei MF-Firmen auf den BVI geflossen.

Betreut werden diese Firmen von einem Genfer Treuhandbüro. Zu einer der Firmen, der Joyton International SA, finden sich in den Panama-Papieren verdächtige Darlehensverträge. Sie zeigen, dass Joyton wenige Monate nach Eingang von Baturinas Geld fünf Millionen Euro als Darlehen an zwei andere Firmen weiterverschob. Mitarbeiterinnen des Genfer Büros unterzeichneten sowohl für die Joyton als auch für die Empfängerfirmen die Verträge zur Regelung der Darlehen.

Für die Verschleierung der Besitzverhältnisse der drei MF-Firmen nutzte auch das Genfer Treuhandbüro eine Stiftung in Panama. Analog zur Faith Foundation von MF dient sie den Kunden des Treuhandbüros als Pseudoaktionärin für über 200 Firmen, darunter die drei, über die das Geld von Baturina verschoben wurde. Auch diese Stiftung ist über mehrere Ecken mit der Faith Foundation verbunden. Und damit mit dem Roten Kreuz.

Und so schliesst sich der Kreis dieser Geschichte in Genf.

Das Treuhandbüro und der Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt.

Panama-Stadt, der Standort der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca.

Das Hauptsitz von Mossack Fonseca.

MF setzt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mit diesem Vorgehen Gefahren aus. Es besteht das Risiko, dass der Name der Hilfsorganisation im Kontext mit schmutzigen Geschäften erscheint. Im schlimmsten Fall haben diese einen Bezug zu Kriegsregionen, in denen IKRK-Mitarbeiter im Einsatz stehen. Das IKRK hat keinerlei Kontrolle darüber, was sich hinter den Hunderten von Firmen versteckt.

Nichts ist dem IKRK so heilig wie der Ruf der absoluten Integrität. Das schützt Menschenleben – die der Mitarbeiter und der Opfer auf Kriegsschauplätzen gleichermassen. Nach Genfer Konvention ist deshalb jede Nachahmung des Namens ausdrücklich verboten. Er darf für keine andere Aktivität als die der Hilfsorganisation benutzt werden. Vertragsstaaten verpflichten sich, auf ihrem Territorium für die Einhaltung der Konvention besorgt zu sein. Panama, Hauptsitz von MF, ist seit 1956 Unterzeichnerstaat.

Das IKRK hat von den Machenschaften von MF nichts gewusst. Die SonntagsZeitung hat Peter Maurer, Präsident des IKRK, die Rechercheergebnisse unterbreitet. Er will sofort reagieren: «Es steht viel auf dem Spiel. Wir werden alles in unserer Macht stehende unternehmen, um solchen Missbrauch zu stoppen.» Mossack Fonseca antwortete nicht auf konkrete Fragen. In einer allgemeinen Stellungnahme schrieb der Offshoredienstleister, die Beschuldigungen seien falsch, dass MF Strukturen anbiete, die dazu dienten, die Identität von tatsächlichen Besitzern von Firmen zu verstecken.

Peter Maurer (r.), Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, im Einsatz.

«Wenn die Reputation des IKRK leidet, gefährdet das Menschenleben»

Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, über die Folgen des Namensmissbrauchs Peter Maurer: «Wir hatten nie Beziehungen zu Mossack Fonseca»

Herr Maurer, der Offshoreprovider Mossack Fonseca setzt Ihre Organisation als Begünstigte von Stiftungen ein, um die wahren Besitzverhältnisse von Strohfirmen zu kaschieren. Was sagen Sie dazu?
Ich bin erstaunt. Wir haben nie eine Beziehung gehabt zu dieser Firma Mossack Fonseca und nie Geld erhalten. Wir wollen in keinster Weise an solch zweifelhaften Geschäften beteiligt sein, und wir wollen ebenso wenig, dass unser Name damit in Verbindung gebracht wird. Das würde unsere internen Regeln und die Genfer Konventionen verletzen.

Wie problematisch ist dieser Namensmissbrauch?
Es steht viel auf dem Spiel. Es gibt kaum eine Marke, die inter
national so schutzbedürftig ist wie die des IKRK. Wir können
nicht zulassen, dass wir mit Aktivitäten in Verbindung gebracht werden, für die wir durch die Genfer Konventionen nicht mandatiert sind und welche unsere Operationen gefährden. Sonst gerät die Integrität des IKRK in Gefahr.

Worin genau liegt die Gefahr?
Der Name des IKRK braucht ganz besonderen Schutz, denn wir arbeiten in Kriegsgebieten mitten im Konflikt zwischen Kriegsparteien. Unsere Mitarbeiter sind dort einigermassen sicher, weil unser Name und das Emblem respektiert werden , das für Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und absolute Integrität steht. Wenn die Reputation des IKRK leidet, gefährdet das Menschenleben. Heute mehr denn je, wir sind sehr exponiert.

Mossack Fonseca verwendet das Rote Kreuz als Begünstigte von mehreren Stiftungen, die Aktien halten von Hunderten von Firmen. Wo sehen Sie dabei das Risiko?
Wir haben keine Kontrolle darüber, was da passiert. Das ist ein enormes Risiko. Stellen Sie sich vor, wir würden in Verbindung gebracht mit einer Firma, die beispielsweise einer Kriegspartei zuzurechnen wäre. Nicht auszudenken, in was wir hineingezogen werden könnten.

Mossack Fonseca gibt zwar häufig die richtige
Adresse des IKRK in Genf an, doch sie benutzen den
Namen leicht falsch. Nur Internationales Rotes Kreuz – das Komitee fehlt. Ändert das etwas?
Der Name existiert zwar so nicht, aber mit der Angabe der richtigen Adresse ist davon auszugehen, dass das IKRK gemeint ist.

Was werden Sie tun?
Wir sind durch die Konventionen dazu angehalten, den Namen und das Logo des IKRK zu schützen. Wir werden alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um solchen Missbrauch zu stoppen.

Deckname «der Vogel» – auch der WWF wurde missbraucht

Ein Offshorekunde unterschrieb im Namen des WWF – und machte sich damit wohl der Urkundenfälschung schuldig

Auch der WWF wird von Mossack Fonseca für die Verschleierung von Offshoregeschäften benutzt – und zwar unter dem Namen World Wildlife Fund, wie er in den USA und in Kanada offiziell heisst.

Offensiv macht eine Mitarbeiterin von Mossack Fonseca einen Kunden, der an Stiftungen in Panama interessiert ist, auf folgende Möglichkeit aufmerksam: «Wenn unsere Kunden die Anonymität von den Begünstigten (einer Stiftung) bewahren wollen, dann benennen wir den World Wildlife Fund als Begünstigten», erklärt sie per E-Mail. Trotzdem behalte der Kunde die Kontrolle über die Stiftung, kraft seiner Rolle als Protektor. «So können Sie den Begünstigten jederzeit auswechseln.»

Das Konstrukt kann unangenehme Nebenwirkungen haben, wie der folgende Fall zeigt: Ein Kunde aus Frankreich, Frédéric A., will 2013 seine auf den Britischen Jungferninseln registrierte Firma auflösen. Er nutzte sie vorher fast zehn Jahre lang, um ein Bankkonto mit gegen drei Millionen Franken bei der HSBC in Genf zu führen. Für den Franzosen hat die Wahrung seiner Anonymität offenbar höchste Priorität. Er setzte nicht nur den WWF als Begünstigten seiner Firma ein. Er zeichnete eine E-Mail an die HSBC und an MF auch mit dem Tarnnamen «L’oiseau», der Vogel.

Um die Firma zu liquidieren, braucht A. nun aber die Unterschrift des Begünstigten unter drei Formulare. Da er aber rein gar nichts mit dem WWF zu tun hat, unterschreibt er die Formulare kurzerhand selbst, «für den und im Namen von World Wildlife Fund». Damit dürfte sich der vermögende Franzose der Urkundenfälschung schuldig gemacht haben. Der WWF bestätigt, dass A. nie in einem Zusammenhang mit dem WWF stand.

Mossack Fonseca nutzte die Konstrukte mit dem WWF, ohne die Organisation mit Hauptsitz in der Schweiz darüber zu informieren. Der WWF sei entsetzt, dass sein guter Ruf missbraucht werde, um die wahren Besitzverhältnisse von Geld und Vermögenswerten zu verschleiern, sagt Maria Boulos, operative Leiterin von WWF International. «Wir prüfen rechtliche Schritte», sagt Boulos.

Impressum

Text
Catherine Boss
Christian Brönnimann

Fotos
Keystone (6)
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Reuters (4)

Gestaltung
Linda von Burg