Nicht Brasilien.
Aber Nordirland

Die nordirischen Fussballer nehmen erstmals an einer Europameisterschaft teil, obwohl die nationale Liga nur aus Amateuren besteht. Ein Besuch in Belfast

Michael O'Neill, Trainer der nordirischen Fussball-Nationalmannschaft: «Wir werden spielen, wie wir das können.»

«Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland – aber für mich ist alles das Gleiche.» Fans beim Testspiel Nordirland - Slowenien im Windsor Park.

Was die Nordiren können, geht so: rennen, rennen, rennen. Testspiel Nordirland - Slowenien.

George Best, Popstar des Fussballs, sein Foto an der Tür im Windsor Park.

Rennen, rennen, rennen

Die Regenwolken hängen tief. Der Wind pfeift. Die Backsteinsiedlungen breiten sich fast endlos aus. Wir können uns auf dem Weg von Dublin hoch in den Norden nicht verirrt haben, nein, das muss Belfast sein, George-Best-City, einst das Zentrum religiöser Schlachten zwischen Queen-treuen Protestanten und separatistischen Katholiken. Stadt der Titanic, der Musik, des Fussballs.

Der Bus der nordirischen Mannschaft steht vor dem Windsor Park. Und auf dem Bus steht: «Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland.»

Und das, sagt Michael O’Neill, sei dann eben der nordirische Humor. Die Fans würden das auch während eines Spiels singen. Und so singen sie zur Melodie von «Glory Glory Hallelujah» auch: «Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland – aber für mich ist alles das Gleiche.»

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Testspiel: Nordirland - Slowenien
Michael O'Neill, Trainer mit seinem slowenischen Kollegen

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Testspiel: Nordirland - Slowenien
Michael O'Neill, Trainer mit seinem slowenischen Kollegen

Die Nordiren sind nun nicht gerade als Macht im Fussball bekannt. 1986 waren sie letztmals an einer WM, diesen Sommer fahren sie erstmals zu einer EM,«das grossartigste kleine Land, das die Welt je gesehen hat», singen die Fans auch.

Die Spieler sind keine grossen Künstler, und ihr Fussball ist nicht attraktiv, das wissen sie, «wir werden spielen, wie wir das können», sagt Nationaltrainer O’Neill mit seiner sanften, leicht singenden Stimme.

Und was sie können, geht so: rennen, rennen, rennen. Der gealterte Verteidiger-Haudegen Gareth McAuley erinnert sich noch an die Zeiten vor O’Neill, der nun auch schon seit gut vier Jahren im Amt ist: «Früher rannten wir wie blöd herum. Jetzt machen wir das noch immer, aber wir machen es mit einem Plan – einem Plan, an den wir glauben. Das hat uns erfolgreich gemacht.»

Es ist Montag, als Nordirland im Windsor Park auf Slowenien trifft. Das einst windschiefe Stadion hat neue Tribünen erhalten, die Stimmung ist exzellent, auch wenn es nur ein Testspiel ist.

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Testspiel: Nordirland - Slowenien
Maskottchen der nordirischen Mannschaft

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Testspiel: Nordirland - Slowenien
Maskottchen der nordirischen Mannschaft

Für die Nordiren wird es ein besonderer Abend, weil sie dank eines Tores des Neulings Conor Washington 1:0 gewinnen und erstmals überhaupt zehn Spiele ungeschlagen überstehen.

Die Zähigkeit ist ihre Waffe, ihre Organisation, ihre Bereitschaft, sich auch ohne Ball glücklich zu fühlen. «Wir fahren nach Paris», johlen die Fans und denken dabei an den Ort des EM-Finals.

Der 46-jährige O‘Neill, früher Profi bei mittelmässigen Clubs wie Newcastle, Hibernian oder Wigan, ist der Mann hinter dem Aufschwung. Gut, zu seinen Anfängen musste er sich auch fragen, worauf er sich bloss eingelassen hatte.

Sein erstes Spiel ging gegen Norwegen 0:3 verloren und das zweite 0:6 gegen Holland. Schritt für Schritt hat er Spieler zu einer Mannschaft entwickelt, die er auch einmal in der zweiten oder dritten englischen Liga findet, bei Vereinen wie Notts County, Peterborough oder Reading. Sie sind weder Weltklasse noch tragen sie grosse Namen, sie heissen einfach Caroll, Davies, Washington, Smith oder Norwood.

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Nordirischen Fussball-Nationalmannschaft nach dem Training

Fussball in Nordirland, Belfast
The National Football Stadium at Windsor Park
Nordirischen Fussball-Nationalmannschaft nach dem Training

«Es ist auch gar nicht vorgesehen, dass wir wie Brasilien spielen», sagt O’Neill. Wie Nordirland, das genügt ihm schon.

Und wenn sie tun, wozu sie fähig sind, geht er davon aus, dass sie es bis in die Achtelfinals schaffen können. Die Gruppengegner Deutschland, Polen und die Ukraine ringen O’Neill wohl Respekt ab, aber Angst? Wieso auch?

Wovor soll ein kampferprobter Nordire schon kneifen? «Wir werden unseren Spielern sicher nie sagen, dass wir diese Gegner nie besiegen können. Wir werden ihnen sagen: Falls Schwächen da sind, zeigen wir sie euch auf!»

Seaview, das Stadion der Crusaders, eingeklemmt zwischen Backsteinhäusern und Autobahn.

Die Stadionbar im Seaview-Stadion.

10 Pfund kostet der Eintritt für die Spiele der Crusaders maximal. Wer nach der Pause kommt, zahlt nichts.

Der rechte Haken von Coatesy

Vom Zentrum Belfasts sind es nur ein paar Kilometer in das Stadion, das zwar Seaview heisst und deshalb Meersicht verspricht, aber zwischen Backsteinhäusern und Autobahn eingeklemmt ist.

Die Crusaders sind hier zuhause, die Crues, die sagen, sie seien nie ein politischer Verein gewesen. 10 Pfund kostet der Eintritt maximal. Wer nach der Pause kommt, zahlt nichts mehr.

«Unsere wichtigste Einnahmequelle sind nicht die Zuschauer», sagt Stephen Bell, «das ist der ‚social club.‘» Was abgehoben klingt, ist nichts anderes als ein Pub (es gibt im Stadion übrigens auch einen Medienraum, aber selbst der ist nichts mehr als eine Bar).

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Stephen Bell, Präsident (mit Pokal, schwarze Jacke, rote Kravatte)

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Stephen Bell, Präsident (mit Pokal, schwarze Jacke, rote Kravatte)

Bell ist ein gemütlicher Zeitgenosse, Zimmermann von Beruf und nebenher Präsident der Crues. Als sie letztes Jahr die Vorherrschaft des 51-fachen Meisters Linfield brachen, wurde im Seaview derart gefeiert, dass Bell bis heute nichts mehr vom Tag danach weiss.

«Board room» heisst das kleine Zimmer im ersten Stock der Haupttribüne, Vorstandszimmer. Zwei Groundhoppers sind da, so heissen die Fussballfans, die es sich zum Ziel machen, ein Fussballstadion nach dem anderen zu besuchen. Die beiden sind aus Deutschland und herzlich willkommen, und als sie später wieder gehen wollen, ruft Bell ihnen nach: «Nehmt doch noch ein Bier mit!»

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Halbzeit beim Rauchen

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Halbzeit beim Rauchen

An diesem Tag spielen die Crusaders gegen Dungannon Swifts. Bis zur Pause steht es 0:0 und ist der Fanshop in einem besseren Bretterverschlag wenigstens noch geöffnet. Nachher wechseln die eingefleischten Fans ihre Stehplatztribüne und stehen auch in der zweiten Halbzeit hinter dem Tor der Swifts. Paul Heatley ist der Held mit seinen Toren zum 2:0.

Colin Coates hält die Abwehr zusammen und kommt dabei ohne rote Karte aus, was deshalb von Bedeutung ist, weil Colin Coates, seit klein auf Coatesy genannt, gerne eine rote Karte sieht.

Elf sind es bis heute, «vielleicht auch ein paar mehr», sagt er, «elf sind einfach die, an die ich mich erinnern kann». Die letzte hat er vor fünf Monaten erhalten, «für eine Auseinandersetzung», sagt er. Er hat sie mit einem rechten Haken beendet.

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Colin Coates, Nr. 6, (kurze schwarze Haare)

Fussball in Nordirland, Belfast
IFA Premiership
Crusaders FC (rot/schwarz) - Dungannon FC (2:0)
Seeview-Stadium
Colin Coates, Nr. 6, (kurze schwarze Haare)

Der 30-Jährige ist so etwas wie eine historische Figur im nordirischen Fussball. Denn er ist der letzte, der es als Spieler eines nordirischen Clubs in die Nationalmannschaft geschafft hat.

2011 bestritt er sein bislang sechstes und letztes Länderspiel. «Das Nationalteam war meine Chance, meinen Fuss ins Schaufenster zu stellen und nach England zu wechseln», erzählt er.

Er hätte bei Zweitligist Doncaster ein Testspiel bestreiten können, vor vier oder fünf Jahren war das. Aber so weit kam es nicht, er wollte seine Familie nicht aus der gewohnten Umgebung herausreissen. Ein Baby war gerade noch gekommen. Zwei Kinder hat er heute, noch immer rauben sie ihm nachts den Schlaf, gerade vor einem Spiel, «und dann wundern sich die Leute, wenn ich den Ball nicht treffe», sagt er. Und lacht.

200 Pfund erhält Coates von den Crusaders in der Woche, was 300 Franken sind und ihn zum bestbezahlten Spieler machen. «Part-timers» heissen die Spieler in Nordirlands Premiership, Teilzeitarbeiter.

Zweimal in der Woche trainieren die Crues, mehr ist nicht möglich, weil sie alle noch ihren Beruf und ihre Familie haben und nicht zu oft fort sein wollen. Anderseits sind sie froh, an zwei Abenden die Woche nicht daheim zu sein, «um Spass mit den Jungs zu haben, um machen zu können, was wir wollen», sagt Coates.

Hauptberuflich ist er für die Förderung von Dodgeball in Grossbritannien verantwortlich, eines etwas seltsamen Sportvergnügens aus den USA, das wie Völkerball funktioniert. Das sei gut, um die Leute zum Sport zu bringen, findet er.

Andere bei den Crusaders sind Schneider, Bankangestellte, Auslieferer, Gemeindearbeiter – «nichts zu Intelligentes, um ehrlich zu sein», sagt Coates und lacht wieder herzlich. Seine Frau ist Lehrerin.

Er holt sich noch ein Bier, setzt sich wieder und erzählt von den Plänen im Sommer, den Familienferien in einer Wohnwagensiedlung im südfranzösischen Frejus.

Dass er nicht mit den Fussballern in Frankreich ist, bedauert er kein wenig. «Ich kann nicht sagen: Oh, wieso habe ich das gemacht und das nicht?», sagt er, «es ist so, wie es ist.» Und weil es ist, wie es ist, meldet sich seine Frau, die an diesem Tag daheim nach den Kindern schaut. Sie drängt darauf, dass er heimkommt.

Drei Tage später erzielt Coates das Siegtor in Ballinamallard. Knapp vier Wochen später gewinnt er mit seinem Team 3:1 bei Cliftonville, dem grossen Rivalen aus Belfast, und ist Meister. «Die Freude ist surreal», meldet er.

Belfast Child: «Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht / Mit meinem Glauben an Gott, die Kirche und die Regierung», singen die «Simple Minds».

Wandmalereien an der Shankill Road. Deutliches Zeichen der protestantischen Seite: «Das Herz des Empires» grüsst die Königin.

18 Jahre liegt das Karfreitagsabkommen zurück, das den Nordirlandkonflikt zumindest offiziell beendet hat.

Die verschwundene Melancholie

Die Iren, ob im Süden oder Norden, lieben ihr Bier, am liebsten Guinness-schwarz. An Ostern werden sie auf eine harte Probe gestellt, weil dann die Pubs gleich am Karfreitag geschlossen sind und am Ostersonntag viel zu früh schliessen. Und dann dürfen sie auch nur an ausgewählten Tagen Sport treiben.

18 Jahre liegt inzwischen das Karfreitagsabkommen zurück, das den Nordirlandkonflikt zumindest offiziell beendet hat. Die Spuren des Bürgerkrieges sind in Belfast noch immer sichtbar, vor allem im Westen der Stadt, zwischen Shankill Road und Falls Road, wo die Busse Touristen herumführen und ihnen die Friedenslinien («peace walls») zeigen, die auslassenden Wandmalereien von Königin Elisabeth und waffenstarrenden Kämpfern.

Auf dem Milltown-Friedhof liegt Bobby Sands begraben, einer dieser von der IRA verehrten Kämpfer, der 1981 im Hungerstreik starb. Unterhalb des Friedhofs breitet sich der Windsor Park aus, oberhalb prangt am Hügel die Botschaft: «Ehret die Toten Irlands.» An dieser Ecke ist der katholische Süden der Insel unverändert nahe.

«Belfast Child» heisst ein Lied über den Nordirlandkonflikt. «Simple Minds» singen voller Melancholie: «Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht / Mit meinem Glauben an Gott, die Kirche und die Regierung / Aber es ist reichlich Traurigkeit vorhanden / Eines Tages werden sie die ganze Stadt vernichten.» Und auch: «Die Strassen sind leer / Das Leben geht weiter / Eines Tages werden wir wieder herkommen / Wenn das Kind aus Belfast wieder singt.»

Das Hotel Europa, wo früher die Bomben hochgingen, liegt herausgeputzt an bester Adresse im Zentrum. Gegenüber findet sich der verschnörkelte «Crown Liquor Salon», das berühmteste Pub im Land. Nebenan ist das «Robinson», wo jeden Abend irgendeine Livegruppe spielt. Das Leben ist längst zurück in Belfast.

Der FC Glentoran spielt im Oval. «Le jeu avant tout» ist das Motto des Belfaster Clubs.

«Sie müssen einfach geben, was sie können, und so seriös und gut leben, wie sie es können», sagt Glentoran-Trainer Alan Kernaghan über seine Spieler. Im Spiel gegen Coleraine FC reichte es zum 1:0.

Der Fanshop von Glentoran. Der Club wurde 23 Mal Meister.

Eine Milchbar für die Kinder

Im Hafen ragen die riesigen Kräne der Harland&Wolff-Werft in den Himmel. Sie baute einst die Titanic. Und neben der Titanic hat Belfast auch den ersten Popstar des Fussballs hervorgebracht.

70 wäre George Best heute, wenn er nach seinen Triumphen mit Manchester United nicht dem Alkohol verfallen und vor elf Jahren gestorben wäre. Glentoran gehörte schnell die Zuneigung des kleinen George, da wollte er spielen und wurde abgelehnt, weil er zu klein und leicht sei.

Der Club spielt im Oval, im Zweiten Weltkrieg wurde es bombardiert, heute liegt es zwischen Werft und Stadtflughafen. «Le jeu avant tout», das Spiel über allem, ist sein Motto.

FC Glentoran Belfast - Coleraine FC ( 1-0 ), 19:45
Stadion: The Oval
In der Stadionbar, Trophäen - Kasten

FC Glentoran Belfast - Coleraine FC ( 1-0 ), 19:45
Stadion: The Oval
In der Stadionbar, Trophäen - Kasten

An diesem Abend gegen Coleraine ist davon nicht viel zu sehen. Glentoran gewinnt zwar 1:0, trotz eines biblischen Regensturms. Trainer Alan Kernaghan sagt aber: «Ich bin nicht zufrieden. Unser Spiel war nicht flüssig.»

Kernaghan ist einer dieser Iren, ob von Norden oder Süden der Insel, die als Spieler ihr Glück in England oder auch Schottland suchen, weil sie nur da eine Chance auf eine bessere Karriere sehen.

16 war er, als er 1983 daheim auszog und nach Middlesbrough ging und da immerhin die Hälfte seiner 445 Profispiele im Ausland bestritt. Später arbeitete er im Trainerstab der Glasgow Rangers, bevor er nach Belfast heimkehrte und letzten November bei Glentoran einstieg.

Er sitzt in seinem Büro, das eng ist, wie so vieles eng ist in der Haupttribüne, in der die Alten auch hier einen «social club» und die Kinder eine Milchbar vorfinden.

Kernaghan erzählt von den Sorgen eines Trainers, die alle Trainer haben, die mehr möchten, als die Verhältnisse zulassen. Auch seine Spieler können nur abends trainieren, auch sie gehen gerne im Juli in die Ferien, wenn im Europacup die ersten Runden ausgetragen werden.

Er sagt: «Sie sind wirklich immer mit vollem Herzen dabei. Immer! Sie müssen einfach geben, was sie können, und so seriös und gut leben, wie sie es können, und sie müssen den Hunger haben, besser zu werden. Und wenn ich einmal mit ihnen nicht zufrieden bin, appelliere ich an ihren Stolz.»

Eine Million Pfund hat Meister Crusaders als Budget, nicht zuletzt dank des grossartigen Erfolges, in der Champions-League-Qualifikation gegen Levadia Tallinn die erste Runde überstanden zu haben. «Was unser Budget ist?», fragt Kernaghan, zieht eine Schublade seines Schreibtischs auf, entdeckt ein paar Münzen und sagt: «Das ist unser Budget.» Knapp 250 000 Pfund sind es in Tat und Wahrheit.

FC Glentoran Belfast - Coleraine FC ( 1-0 ), 19:45
Stadion: The Oval
Trainer/Manager: Alan Kernaghan im Büro

FC Glentoran Belfast - Coleraine FC ( 1-0 ), 19:45
Stadion: The Oval
Trainer/Manager: Alan Kernaghan im Büro

Kernaghan verbringt viel Zeit damit, Plätze fürs Training zu organisieren, was beim schlechten nordirischen Wetter nicht immer so einfach ist.

Er träumt deshalb von einem Kunstrasen, wie ihn die Crusaders haben. 60 000 Pfund nehmen sie pro Saison ein, weil sie ihn für die Benutzung vermieten können.

Glentoran hat dank 23 Meisterschaften und 29 nationalen Cupsiegen eine grosse Geschichte (nur Stadtrivale Linfield ist mit je 51 Titeln erfolgreicher.) Kernaghan ist fürs erste schon froh, dass er seit kurzem pro Woche drei- statt nur zweimal trainieren kann. Sein Antrieb ist es, seinen Club wieder dahin zu führen, wo er als Meister letztmals 2009 war.

Dass der Erfolg der Nationalmannschaft einen Einfluss auf die nationale Liga hat, erwartet hier keiner: nicht Nationaltrainer O’Neill, nicht Haudegen Coates, nicht Glentoran-Coach Kernaghan.

Zusammengefasst heisst das: zu klein das Land mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern, zu klein die Liga, zu gross die Konkurrenz von Rugby und Gaelic Football, zu gross der Reiz des Auslands.

Nur einen Gewinner sieht Kernaghan: die Anhänger der Nationalmannschaft. Endlich können sie wieder einmal an ein grosses Turnier reisen. Kernaghan sagt: «Nordirland wird im Sommer leer sein, wie England, Irland und Wales auch. Also, das hilft unserer Liga nicht, aber wenigstens den Fans.»

Die Spieler sind schon fort, als Kernaghan vom Büro über den Gang in die Kabine geht. Auf dem Boden liegt der Dreck ihrer Schuhe. Kernaghan wischt ihn zusammen und steckt ihn mit einer Hand in den Abfallsack. Draussen regnet es wenigstens nicht mehr.

Die EM hilft der nordirischen Liga nicht. Aber den Fans. Sie können endlich wieder an ein grosses Turnier reisen.

«Es ist alles wie ein Märchen.» 1986 waren die Nordiren zuletzt an einer WM, diesen Sommer fahren sie erstmals zu einer EM.

Der Aufstieg des Pöstlers

Alan Kernaghan wurde in England geboren, kam als Vierjähriger nach Bangor, eine Kleinstadt bei Belfast, und spielte für Nordirlands Juniorenauswahlen.

Aber in die Nationalmannschaft schaffte er es nicht, weil weder er noch seine Eltern in Nordirland geboren worden waren. Dafür entdeckte ihn Irland, und Jack Charlton nahm ihn mit zur WM 1994 in den USA.

«Wer kann, der geht nach England», sagt Kernaghan und erzählt von Stuart Dallas. Ihm fehlte es an Kilo und Zentimetern, als er 21-jährig von den Crusaders nach London zu Brentford wechselte und auf Kernaghan traf, der da inzwischen im Trainerstab arbeitete.

Ein Jahr brauchte er, um seine physischen Defizite wegzubringen, und daheim in Belfast staunten sie eines Tages: «Wie gut er war, wie gut sein Körper ausschaute», berichtet Kernaghan. 20 000 Pfund hatte Brentford für den Spieler 2012 bezahlt. Für 1,3 Millionen wechselte er letzten Sommer zu Leeds United.

Eine besondere Geschichte schreibt auch Conor Washington. Vor vier Jahren stürmte er noch für St Ives Town in der Premier Division der United Counties League, was übersetzt hiess: 9. englische Liga.

Er arbeitete als Pöstler, aber weil er in 52 Spielen 50 Tore erzielte, konnte er im Herbst 2012 nach Wales zu Newport. Er litt an Heimweh, kämpfte sich durch, und eineinhalb Jahre später stieg er mit dem Wechsel zu Peterborough eine Liga auf, in Englands League One.

Und vor drei Monaten wurde der einstige Pöstler zum Transfermillionär. Die Queens Park Rangers verpflichteten ihn für 2,8 Millionen Pfund.

Gegen Slowenien, an diesem rauen Montagabend in Belfast, bestreitet Washington sein zweites Länderspiel, sein erstes von Anfang an. Er ist beeindruckt von der Atmosphäre und beeindruckt selbst mit dem, was diese nordirische Mannschaft braucht: mit seiner Furchtlosigkeit im Zweikampf.

«Er ist ein wirklicher Stürmer», schwärmt Nationaltrainer O’Neill, «dieser Hunger! Diese Liebe für die physische Seite des Spiels!»

In der 41. Minute räumt Washington einen ersten slowenischen Verteidiger aus dem Weg, dann den zweiten, um den dritten schlägt er einen Haken, und am Ende lässt er mit seinem Schuss Jan Oblak, dem Torhüter von Atlético Madrid, keine Chance. Es ist das Siegtor.

Bei seiner Auswechslung in der 70. Minute erhält Washington eine stehende Ovation. «Der Lärm hat mich umgehauen», sagt er. «Es ist alles wie ein Märchen.»

Glentoran-Trainer Alan Kernaghan beim Aufräumen in der Kabine.

Belfast: George-Best-City, Stadt der Titanic, der Musik, des Fussballs.

Impressum

Text
Thomas Schifferle & David Wiederkehr

Fotos
Reto Oeschger

Gestaltung
Koni Nordmann

April 2016