Neue Mode

Was sich Schweizer Jungdesigner
erhoffen. Und was sie erwartet

Sie wissen um die Tücken der Branche, und sie haben noch wenig Erfahrung mit Wirtschaftlichkeit.

Sieben Studienabgänger des Instituts für Mode-Design der FHNW Basel über ihren Start ins Berufsleben, ihre Träume und Zukunftsängste.

Aus der Kollektion Lightweight Blizzard von Ghislain Clerc.

Ghislain Clerc, 26, Bern

Ghislain Clerc, 26, freut sich darauf, eines Tages jemanden auf der Strasse zu sehen, der von Kopf bis Fuss «Ghislain Clerc» trägt.

Ghislain Clerc, 26, freut sich darauf, eines Tages jemanden auf der Strasse zu sehen, der von Kopf bis Fuss «Ghislain Clerc» trägt.

Wo werden Sie Mode machen?
Mir ist es sehr wichtig, in der Schweiz zu bleiben und als Jungdesigner etwas zur hiesigen Modeszene beizutragen. Die Szene hier ist klein, und das gibt auch uns jungen Designern die Möglichkeit, aktiv an ihrer Gestaltung mitzuwirken – das ist doch viel interessanter als sich in einer Modemetropole in ein gemachtes Nest zu setzen. Abgesehen davon ist es in den grossen Modestädten nicht unbedingt einfacher, sich als Jungdesigner durchzusetzen.

Worin sehen Sie als junger Modeschaffender die aktuellen Herausforderungen?
Momentan gibt es viel Umschwung in der Branche, es kursieren zahlreiche neue Verkaufskonzepte und einiges deutet darauf hin, dass der Modezyklus, wie wir ihn kennen, bald nicht mehr so relevant sein wird wie bis anhin. Eine Herausforderung liegt darin, die Aufmerksamkeit der Kunden auch abseits der Fashionweeks auf sich ziehen zu können, ohne dabei im Sumpf der Social Media unterzugehen. Als junger Designer muss man einen Weg finden, sich nicht nur durch ­seine Produkte, sondern genauso durch innovative Vermarktungs- und Verkaufsstrategien von der Konkurrenz abzuheben.

Was müsste man in der Modebranche ­grundlegend überdenken?
Man sollte kleine und lokale Produktionsstätten ­wieder mehr fördern. Dies würde nicht nur Stellen erhalten und vielleicht gar neue schaffen, sondern auch eine nachhaltigere Herstellung garantieren und kleinen Modelabels die Möglichkeit sichern, kleine Stück­zahlen produzieren zu können.

Worauf freuen Sie sich?
Darauf, eines Tages in der Stadt an einem Fremden vorbeizugehen, der von Kopf bis Fuss «Ghislain Clerc» trägt.

Die Kollektion von Ghislain Clerc nennt sich «Lightweight Blizzard» und ist seine «Suche nach einem neuen Tragegefühl».

Die Kollektion von Ghislain Clerc nennt sich «Lightweight Blizzard» und ist seine «Suche nach einem neuen Tragegefühl».

Transparente Stoffe über schwerem Strick sollen ein neuartiges Gefühl von Geborgenheit bewirken.

Transparente Stoffe über schwerem Strick sollen ein neuartiges Gefühl von Geborgenheit bewirken.

Eine Herausforderung, so der Designer Ghislain Clerc, liege darin, die Aufmerksamkeit der Kunden auch abseits der Fashionweeks auf sich ziehen zu können.

Eine Herausforderung, so der Designer Ghislain Clerc, liege darin, die Aufmerksamkeit der Kunden auch abseits der Fashionweeks auf sich ziehen zu können.

Zur Kollektion: «‹Lightweight Blizzard› ist meine Suche nach einem neuen Tragegefühl. Pelz trifft auf technische Stoffe, Tascheneingriffe lenken Bewegungen zur Pose, transparente, luftgepolsterte Teile über schwerem Strick bewirken ein neuartiges Gefühl von Geborgenheit und Selbstsicherheit.»

Karmen Mänd liess sich bei ihrer Kollektion von Gärten inspirieren.

Karmen Mänd, 25, Luzern

Karmen Mänd, 25,

Karmen Mänd, 25,

Was ist Ihnen als Designerin wichtig?
Dass alle Kleidungsstücke fair ­produziert werden und niemand bei der Produktion zu Schaden kommt. Auch achte ich darauf, dass Ressourcen so gut wie möglich genutzt ­werden.

Was ist problematisch in der Modebranche?
Im Moment arbeitet die Modeindustrie gegen sich selbst. Die ganzen Fast-Fashion-Labels kopieren sich gegenseitig, um mehr Masse an den Kunden zu bringen. Man müsste ­verlangsamen und nachhaltigere ­Kollektionen kreieren. Dafür müsste aber ein Umdenken in der Branche statt­finden.

Bleiben Sie in der Schweiz oder gehts ins Ausland ?
Im Oktober darf ich mit einem Teil meiner Kollektion nach San Francisco an die Arts of Fashion Competition reisen. Ich freue mich sehr.

Mit einem Teil ihrer Kollektion darf die Luzernerin Karmen Mänd nach San Franciso an die Arts of Fashion Competition reisen.

Mit einem Teil ihrer Kollektion darf die Luzernerin Karmen Mänd nach San Franciso an die Arts of Fashion Competition reisen.

«Jeder trägt seinen geheimen Garten mit sich", sagt Designerin Karmen Mänd.

«Jeder trägt seinen geheimen Garten mit sich", sagt Designerin Karmen Mänd.

Zur Kollektion: «Der Garten ist beides, Metapher und Realität, jeder trägt somit seinen geheimen Garten mit sich. Also habe ich aus diesem Zusammenspiel der beiden Welten meine eigenen Designs kreiert. Diese geheimen Gärten widerspiegeln sich in Overalls, das Kleidungsstück, das sich zwischen Arbeit und Spiel bewegt.»

Aus der Kollektion Uphill Arosa von Laurent Hermann Progin.

Laurent Hermann Progin, 27, Freiburg

Laurent Hermann Progin, 27, arbeitete während des Studiums bei Jean Paul Gaultier.

Laurent Hermann Progin, 27, arbeitete während des Studiums bei Jean Paul Gaultier.

Was hat man Ihnen im Studium beigebracht?
Vieles über mich selbst. Selbstständig zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen und meine Handschrift zu finden.

Was nicht?
Wie es in der Realität schliesslich ist. Man ­befindet sich im Studium in einem sehr geschützten und sehr kreativen Umfeld, man kann sich austoben. Faktoren wie Wirtschaftlichkeit, Produktionsfähigkeit und Tragbarkeit spielen keine Rolle, sind aber für das Überleben eines Labels ein nicht ganz unwichtiges Detail.

Was ist Ihnen als Designer wichtig?
Ein spielerischer, humorvoller Umgang mit Mode. Dafür stehe ich nicht nur als Designer, sondern auch als Person. Ich kenne fast keine Grenzen, insbesondere, wenn es um Geschlechterrollen geht. Alles kann, nichts muss.

Ein inspirierender Modemensch?
Jean Paul Gaultier. Ich erinnere mich daran, wie ich schon als kleiner Junge Laufstegfotos von ihm ausgeschnitten und auf meine Zimmertür geklebt habe. Während des Studiums hatte ich die Möglichkeit, bei ihm zu arbeiten. Es ist eine Zeit, die mich sehr geprägt hat.

«Uphill Arosa». Dem Designer ist ein spielerischer, humorvoller Umgang mit Mode wichtig.

«Uphill Arosa». Dem Designer ist ein spielerischer, humorvoller Umgang mit Mode wichtig.

«Alles kann, nichts muss", sagt Designer Laurent Hermann Progin über Geschlechterrollen.

«Alles kann, nichts muss", sagt Designer Laurent Hermann Progin über Geschlechterrollen.

Inspiration für die Kollektion waren Schweizer Bergskiorte und deren Gegensätze.

Inspiration für die Kollektion waren Schweizer Bergskiorte und deren Gegensätze.

Zur Kollektion: «Inspiration für ‹Uphill Arosa› waren Schweizer Bergskiorte und deren Gegensätze. Ausgehend davon habe ich mich mit dem Begriff Luxus auseinandergesetzt und diesen für mich neu definiert. In meiner Kollektion steht Luxus für die Wertschätzung des Moments.»

«Der Versuch, etwas auszureizen.» Linda Hauser über ihre Arbeit als Designerin.

Linda Hauser, 23, Basel/Zürich
Sind Sie interessiert daran, ein eigenes Label aufzubauen? Oder möchten Sie lieber bei einem Modehaus arbeiten?
Ich möchte kein eigenes Label aufbauen, ich sehe momentan keinen Sinn darin. Fragen stellen sich mir wie: Für wen möchte ich Mode machen, und ist diese Zielgruppe kompatibel mit der Kaufkraft? Ich muss nun zuerst auf meine Lehr- und Wanderjahre gehen, und selbst wenn ich zurückkehre, möchte ich kein eigenes Label aufbauen. Was ich mir eher vorstellen könnte: mit einem Kollektiv zusammen etwas aufzubauen, was sich aber nicht zwingend auf Mode beschränken soll.

Warum haben Sie sich für Modedesign entschieden?
Das hat sich relativ spontan ergeben. Ich habe mich während meiner Maturaarbeit mit nachhaltiger Mode beschäftigt, anschliessend habe ich mich zur Aufnahmeprüfung in Basel angemeldet und bin folgenden September ins Studium gestartet und nach Basel gezogen.

Haben Sie Zukunftsängste?
Nein, Zukunftsängste habe ich noch nicht, aber ich denke, die werden in zwei, drei Jahren kommen, falls ich bis dahin immer noch nicht weiss, wie es weitergehen soll und noch keinen Platz in der Gesellschaft ­gefunden habe.

Was sind Ihre Zukunftsträume?
Ein Traum (für mich persönlich) wäre das bedingungslose Grundeinkommen, dann könnte ich mein kreatives Schaffen fortführen, ohne Existenzangst zu haben.

Worin sehen Sie als junge Modeschaffende die aktuellen ­Herausforderungen in der Branche?
Eine grosse Herausforderung ist es, einen Job zu finden. Die Modebranche wird von sich aufopfernden, unbezahlten Praktikanten ­gestützt, und man wird kaum fest angestellt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrer
Designtätigkeit?
Nachhaltigkeit spielt eine grosse Rolle, es ist unglaublich schwer, sie zu gewährleisten – auch wenn man sich darum bemüht.

Was ist Ihnen als Designerin wichtig?
Die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie. Funktio­nalität und Unnützem. Und der Versuch, etwas auszureizen.

Eine Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie sei ihre Arbeit, sagt Designerin Linda Hauser.

Eine Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie sei ihre Arbeit, sagt Designerin Linda Hauser.

Während der Maturaarbeit beschäftigte sich Linda Hauser mit nachhaltiger Mode, dann entschied sie sich spontan Modedesign zu studieren.

Während der Maturaarbeit beschäftigte sich Linda Hauser mit nachhaltiger Mode, dann entschied sie sich spontan Modedesign zu studieren.

«Für wen möchte ich Mode machen, fragt sich  Designerin Linda Hauser.

«Für wen möchte ich Mode machen, fragt sich Designerin Linda Hauser.

Zur Kollektion: «Dies ist mein Badezimmer. Fühlen Sie sich nicht wie zu Hause, denn es ist nicht Ihr Zuhause.»

«Von Lust und Lastern», beschreibt Linda Horber ihre Kollektion, «von Fleisch und Fett, klebrigen Blüten und vergänglicher Pracht.»

Linda Horber, 26, Stockholm

Linda Horber, 26, hat einen Job bei Acne Studios in Stockholm.

Linda Horber, 26, hat einen Job bei Acne Studios in Stockholm.

Bleiben Sie in der Schweiz oder gehts ins Ausland?
Noch vor meinem Abschluss in Basel erhielt ich ein Angebot von Acne Studios in Stockholm – welchem ich bereitwillig und mit Freude einen Tag nach meiner Bachelor-Abschluss-Show folgte. Das Ausland ist und bleibt Ziel, die Schweiz meine Homebase.

Was müsste man in der Modebranche ändern?
Das Rad müsste langsamer gedreht werden und ­Leute wieder mit Herzblut, Schweiss und Loyalität aus­gebildet werden – die Industrie giert danach. Was noch vor zehn Jahren der akademische BA war, ist heute fundiertes Fachwissen, Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit.

Haben Sie Zukunftsängste?
Ja, aber ich mag sie. Sie erhalten das Kribbeln in der Magengrube, die Neugier und den Enthusiasmus.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrer Designtätigkeit?
Es ist an der Zeit, dass auch mit Nachhaltigkeit wie mit menschlichen Ressourcen umgegangen wird.

Eine Figur der Modegeschichte, die Sie besonders bewegt?
Cristóbal Balenciaga und Hubert de Givenchy. Von diesen Herren hätte man bestimmt für drei Leben lernen können – heute ist da oftmals nur noch heisse Luft und zu viel Selbstbräuner.

Fundiertes Fachwissen, Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit brauche man in der Modeindustrie, so Designerin Linda Horber.

Fundiertes Fachwissen, Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit brauche man in der Modeindustrie, so Designerin Linda Horber.

Balenciaga und Givenchy sind Figuren, die die Designerin Linda Horber besonders bewegen.

Balenciaga und Givenchy sind Figuren, die die Designerin Linda Horber besonders bewegen.

«Begeisterung für Kleines, Liebe zu Volumen und Mut zur enthusiastischen Niederlage.» Linda Horber über ihre Kollektion.

«Begeisterung für Kleines, Liebe zu Volumen und Mut zur enthusiastischen Niederlage.» Linda Horber über ihre Kollektion.

Zur Kollektion: «Von Lust und Lastern – von der Lust, in knisternde Augenblicke zu investieren, in rauschende Feste und knappe Erklärungen. Von Fleisch und Fett, klebrigen Blüten und vergänglicher Pracht. Von unerschütterlicher Begeisterung für Kleines, Liebe zu Volumen und Mut zur enthusiastischen Niederlage.»

Warnung: die falschen Kleider zu kaufen, kann dich töten. Aus der Kollektion von Linus Gemsch.

Linus Gemsch, 27, Basel

Was ist Ihnen als Designer wichtig?
Stur, aber nicht kompromisslos meinen Weg zu ­gehen.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?
Kaum eine. Gibt es ein menschliches Produkt, das Nachhaltigkeit erfüllt?

Ein Modelabel, das gerade alles richtig macht?
Ich kenne mich nicht aus. Es interessiert mich nicht wirklich, was andere tun.

Haben Sie Zukunftsängste?
Nein.

Haben Sie Zukunftsträume?
Ja.

Möchten Sie gerne ein eigenes Label aufbauen?
Ja, es ist eine mystische Vorstellung von Selbstständigkeit. Freiheit.

Zur Kollektion: «Inspiration waren die Odyssee von Homer und ‹1984› von George Orwell.»

«Die Tradition steht am Anfang. Der Defekt wird zum Mittel der Kreation», sagt Olaf Tavares Vieira über seine Kollektion.

Olaf Tavares Vieira, 26, Basel

Olaf Tavares Vieira freut sich darauf, mit seinem alten grünen Land Rover Defender herumfahren. Er hat ihn aber noch nicht.

Olaf Tavares Vieira freut sich darauf, mit seinem alten grünen Land Rover Defender herumfahren. Er hat ihn aber noch nicht.

Was müsste man in der Schweizer und internationalen Modebranche grundlegend überdenken?
Mode hat wie Kunst und Theater, auch einen kulturellen Faktor und sollte da ebenfalls verankert sein. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Vielleicht müssen wir die Mode wieder ­näher zu uns holen, das fördert das Verständnis und lässt Wertschätzung zu.

Der aktuelle Zeitgeist in der Mode?
Post-Internet-Art.

Eine Figur der Modegeschichte, die Sie besonders bewegt?
Yohji Yamamoto, schauen Sie seine ­Videos an. Er ist ein Poet.

Sind Sie interessiert daran, ein ­eigenes Label aufzubauen?
Ja, bin ich.

Könnten Sie sich auch vorstellen, bei einem Modehaus zu arbeiten?
Für einen interessanten Designer, ja. Langfristig gedacht weiss ich aber nicht, ob es mich befriedigen würde.

Worauf freuen Sie sich in den ­kommenden Jahren am meisten?
Darauf, dass ich mit meinem alten grünen Land Rover Defender (welchen ich leider noch nicht habe) herumfahre, auf der Suche nach kleinen Handwerks­betrieben.

Zur Kollektion: «Die Tradition steht am Anfang. Der Defekt wird zum Mittel der Kreation. Die Herstellung wird als haptische und visuelle Erscheinung zelebriert.»

Impressum

Text
Christina Duss

Fotos
Jasmine Deporta, Flavio Karrer, Marc Asekhame, Yasmina Haddad

Gestaltung
Andrea Bleicher