«No problems»

Auf den griechischen Ferieninseln Kos und Rhodos gibt es laut Politikern keine Flüchtlinge

«Keine Kleiderspenden. Danke»: Eingang zu einer Flüchtlingsunterkunft am Hafen von Rhodos-Stadt.

Wie viele Flüchtlinge harren zurzeit auf Kos und Rhodos aus? Wird der Feriengast mit ihrem Schicksal konfrontiert? Kann man Ferien auf den griechischen Inseln überhaupt geniessen? Reiseveranstalter Hotelplan hat letzte Woche ein paar Journalisten nach Kos und Rhodos geladen, wir sollen mit eigenen Augen sehen, was den Touristen erwartet.

Ein heikles Unterfangen, je nach Situation ein Risiko gar, sagt Hotelplan-Suisse Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir, die das Grüppchen auf die «Inforeise» begleitet. Als Reiseveranstalter wolle man Ferien verkaufen, eine unbeschwerte Zeit. Erschöpfte, verzweifelte Flüchtlinge oder gar angeschwemmte Leichen am Strand passen da nicht ins Bild.

Auch wir Journalisten sind skeptisch: Wird man uns nur
«sichere» Orte, flüchtlingsfreie Zonen zeigen? Werden wir bloss die idyllischen Seiten der Inseln zu sehen bekommen? Und überhaupt, warum führt man uns nicht auf die Insel Lesbos, wo 4000 Flüchtlinge festsitzen? Wo Papst Franziskus letzten Samstag Kränze für die ungezählten Menschen ins
Meer warf, die die Überfahrt nicht geschafft haben?

Weil Lesbos keine Rolle im Massentourismus spielt, erklärt Prisca Huguenin, nur eine Handvoll Inselhüpfer buchen bei hotelplan.ch, während Tausende Schweizer auf Kos und Rhodos Ferien machen.

Grossvater Tom und sein Enkel am Strand auf der Insel Kos.

Flüchtlinge auf dem Balkon eines Hotels in Kos-Stadt.

Beide Inseln leben vom Tourismus, die Saison ist kurz, in knapp sechs Monaten, zwischen Mai und Oktober, muss so viel Geld verdient werden, um im Winter davon zehren zu können. Doch die verstörenden Bilder vom letzten Spätsommer – Tausende Menschen, die sich mit letzter Kraft am Touristenstrand an Land retten – schrecken die Feriengäste ab.

Besonders die Schweizer wollen in den Ferien nicht mit dem Elend konfrontiert werden. Sie erkundigen sich vor der Buchung, ob man Flüchtlinge sehen wird. Wollen wissen, ob das Hotel in der Nähe der Ankunftsstellen liegt. Die Engländer sind da weniger sensibel, sie sind bereits zurück.

Kos verzeichnet gemäss Schweizer Veranstaltern bis zu
50 Prozent weniger Buchungen als im letzten Sommer, bei Hotelplan liegt der Einbruch derzeit bei 20 Prozent, für Rhodos bei 9 Prozent. Kreta hingegen, das vom Flüchtlingsdrama verschont bleibt, läuft besser als 2015.

Der Eingang zum lange geplanten Hotspot bei Pili auf der Insel Kos.

«Ein einzigartiger Ort». Das Asklepieion ist die bedeutendste archäologische Stätte auf Kos.

Sonne, 26 Grad, von Kos-Stadt aus, dem touristischen Zentrum der Insel, sieht man die türkische Küste, der Ferienort Bodrum scheint ganz nah, weniger als fünf Kilometer beträgt die kürzeste Distanz. Während der Saison verkehren stündlich Ausflugsschiffe zwischen Kos und Bodrum, der «Fast Catamaran» braucht bloss 20 Minuten.

Heute ist das Meer spiegelglatt – und doch, Hunderte haben in den letzten Monaten ihr Leben in der Ägäis verloren.

Skipper Jean Claude: "Ich darf nicht helfen."

Skipper Jean Claude: "Ich darf nicht helfen."

Die Flüchtlinge kommen nachts, bei Sturm und Wellengang, damit sie der Radar nicht erfasst, erklärt Skipper Jean Claude aus Frankreich. Er macht sein Segelboot bereit für die Rückfahrt nach Athen. Am Strand der kleinen Insel Pserimos habe er zerschlissene Gummiboote und Berge von Schwimmwesten gesehen.

Jean Claude ist froh, ist er noch keinem Flüchtlingsboot begegnet, denn: «Ich darf nicht helfen», es sei verboten, Flüchtlinge aufzunehmen. Er erzählt von einem dänischen Segler-Paar, das in Athen im Gefängnis sitzt, nur weil es Hilfe organisierte.

George, Sicherheitsmann im neuen Hafen von Kos Stadt hat jede Nacht Menschen aus dem Wasser gezogen.

George, Sicherheitsmann im neuen Hafen von Kos Stadt hat jede Nacht Menschen aus dem Wasser gezogen.

George, Security Guard im neuen Hafen, hat jede Nacht Menschen aus dem Wasser gezogen, viele Kinder auch. Sie konnten nicht schwimmen, die Rettungswesten waren nutzlos. Sind das die Überresten eine Schlauchboots im Sand? Gehörte die Sandale einem Flüchtling?

Ein alter Mann spielt mit seinem Enkel am Strand. Im Spätsommer hätten die Flüchtlinge oft ihre Kleider im Meer gewaschen, es sei hier sehr dreckig gewesen, sagt er und hält sich die Nase zu.

Die Insel Kos wurde vom Flüchtlingsstrom überrollt. Die Bevölkerung half, wo sie konnte. Die staatliche Hilfe hingegen hatte total versagt. Eine unrühmliche Rolle spielte Bürgermeister Giorgos Kiritsis, ihm wurde vorgeworfen, die Flüchtlingen bewusst im Stich zu lassen, um weitere
Migranten abzuschrecken.

Und er wollte sich weigern, auf Kos ein Registrierungszentrum zu errichten – der Hotspot ist noch immer nicht in Betrieb.

Dieser Bürgermeister hat uns zur Pressekonferenz ins Stadthaus eingeladen. Vorne auf dem Podium, auf dicken schwarzen Ledersesseln sitzen scheinbar wichtige Vertreter aus Politik und Tourismus.

Nur: Der Bürgermeister fehlt! Ein kurzfristiger Termin in Athen, sagt man uns.

Sein Stellvertreter Ilias Sifakis beginnt mit den Worten: «Ich will mit Ihnen über die Wahrheit sprechen.» Die Wahrheit: Kos sei ein einzigartiger Ort, die Insel biete Stadt, Dörfer, Kultur, wunderschöne Natur, Berge, Strände. Kos sei für Familien (günstige Pauschalangebote), für junge Leute (Nachtleben), für Sportler (25 Kilometer Velowege) und Paare (Romantik). «Wir laden Sie ein, die Gastfreundschaft der Insel zu erfahren.»

Und die Flüchtlinge? Seit fünf Monaten kämen weniger, seit zwei Monaten keine mehr, «zero arrivals», so der Stellvertreter.

Tatsächlich ist die Zahl der Neuankömmlinge seit dem Flüchtlingsdeal zwischen der Türkei und der Europäischen Union gesunken. Kamen an extremsten Tagen rund 7000 Menschen pro Tag in Griechenland an, sind es heute
weniger als 100.

Wie viele Flüchtlinge sind zurzeit auf Kos? Auf dem Podium wird gestritten - keiner, 50, 100, man ist sich nicht einig.

Auf jeden Fall hätten die Medien masslos übertrieben. Der Präsident des Tourismus-Verbandes hält die Kopie einer englischen Zeitung in die Luft: «Hell on earth», titelte das Blatt.

Fotografen hätten Flüchtlingen geboten, damit sie nochmals in Wasser stiegen, ihre weinenden Kinder in die Kameras hielten. Die Medien sind schuld an der Misere – Lügenpresse!

Aber schauen wir vorwärts. Auf uns wartet die «beste Taverne der Insel», gemeinsam sitzen wir an der langen Tafel. «Crazy people», seien wir Schweizer, lehnten in einer Volksabstimmung längere Ferien ab, sagt der Stellvertreter nach ein paar Gläsern Wein.

Das können die Griechen nicht verstehen. Und wieder füllt er nach, «Jamas!», zum Wohl! Trinkfest ist sie, die Regierung von Kos. Am Schluss eines langen Abends verteilen die Hotelbesitzer am Tisch ihre Visitenkärtchen, beim nächsten Besuch sollen wir ihre Gäste sein.

«Stop War. Hug more»: Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Schlachthaus am Hafen von Rhodos-Stadt.

Die Überreste eines Gummibootes am Strand auf Kos: Hunderte Flüchtlinge verloren in den vergangenen Monaten ihr Leben in der Ägäis.

«300 days of sunshine, friendly people, very good prices»: Markt bei Rhodos-Stadt.

Fischerboote in der Paulus-Bucht bei Lindos auf Rhodos.

Touristinnen in Rhodos-Stadt.

Ein Begleittross aus griechischen Tourismusvertretern und
Reiseleiterinnen erwartet uns am nächsten Morgen im Car. Sie wollen uns ihre «wunderschöne Insel» zeigen.

Wir aber beharren auf der Flüchtlingsthematik. Man fährt uns zum Hotel, wo seit ein paar Monaten 30 Migranten untergebracht sein sollen. Drei Sterne, der Pool ohne
Wasser, Wäsche hängt über den Balkonen, zwei, drei junge Männer schauen verwundert zu uns hinunter.

Am nächsten Tag würden sie nach Athen gebracht, sagt die Hotelbesitzerin, gerade rechtzeitig, in einer Woche kommen die Feriengäste. Bezahlt wird die Unterkunft vom Uno-Flüchtlingshilfswerk.

Manche Hoteliers haben von den Flüchtlingen gar profitiert, nicht alle sind arm, einige Syrer konnten sich ein Hotel leisten.

Nächster Halt beim alten Stadion, hier waren 2000 Flüchtlinge eingepfercht, in der brütender Hitze warteten sie darauf, von der Fremdenpolizei registriert zu werden, kaum Wasser, kaum Nahrung, es kam zu Tumulten. «Eine Schande», schrieben die Zeitungen.

Maxine, eine ältere Dame, wohnt gleich nebenan, sie habe Mütter mit Babys zum Wickeln in ihr Haus gebeten. Ja, sie hatte Mitleid mit den armen Menschen, jetzt aber mache sie sich Sorgen um ihre Landsleute, «wir müssen auch unsere eigenen Familien ernähren».

Im Landesinnern, nahe des Dörfchens Pili, in einer alten Kaserne mitten im Nirgendwo, wird der lang geplante Hotspot gebaut, demnächst soll er eröffnet werden.

Der drei Meter hohe Zaun glitzert in der Sonne. Polizisten mit schwarzer Sonnenbrille, Arme verschränkt, verweigern uns
die Zufahrt, Fragenstellen verboten.

Monika, unsere lokale Reiseführerin, möchte nun endlich über Architektur, Kultur, Spezialitäten ihrer Insel –«Zimtsirup, süsse Tomaten, Schafskäse in Rotwein» - reden. Kos habe doch so viel zu bieten.

Vor unserer Weiterreise auf die Insel Rhodos will sie uns unbedingt den Tempel des Asklepios, des griechischen Gottes der Heilkunst, zeigen.

Der Ginster blüht, Orangen und Zitronen hängen schwer an den Bäumen.

Auch in Rhodos-Stadt erwarten uns wichtige Vertreter aus Politik und Tourismus. Und wieder fehlt der angekündigte Bürgermeister. Eine Erklärung gibt’s nicht, alle blicken finster, keiner grüsst. Es folgt ein ausführlicher Werbespot: «300 days of sunshine, friendly people, very good prices.»

Flüchtlinge? «Keine Flüchtlinge, keine Zwischenfälle - no
problems.» Ende der Veranstaltung.

Redet man mit der Bevölkerung, tönt es anders. Schmuckladen-Besitzer Nektarios sagt: «Auch hier sind viele Menschen ertrunken.» Die Helfer seien gut organisiert, «wir schauen, dass alle ein Dach über dem Kopf und zu essen haben.» Regelmässig habe er Milch für die Kinder und Schmerztabletten für die Frauen gekauft.

Die Flüchtlinge seien sehr wohl ein Thema auf Rhodos, bestätigt Vera Baumann, «aber keine Bedrohung». Sie seien in einem alten Schlachthaus bei der Werft untergebracht.

Die Bernerin lebt seit 33 Jahren hier, um den Tourismus,
um ihr Lederwaren-Geschäft mache sie sich keine Sorgen. Und sie findet es eine «bodenlose Frechheit», wenn die Schweizer nicht kommen, weil sie den Anblick der Flüchtlinge nicht ertragen.

Wir fahren zur Werft, seit ein paar Tagen, so hat Hotelplan-Suisse-Sprecherin Huguenin von ihrem lokalen Agenten erfahren, würden rund 90 Flüchtlinge auf die Weiterfahrt nach Athen. Das Gebäude ist schäbig, kaputte Fensterscheiben, ein Gittertor. Kein Mensch weit und breit. Doch auf der Rückseite des Gebäudes trocknen Kinderkleider in der Sonne.

Die lokale Reiseleitung drängt zum Aufbruch: Ein Abstecher nach Lindos, Pflichtprogramm jedes Touristen, ist geplant. Weissgetünchte Häuschen, Fischerboote dümpeln im Hafen, über dem Dorf thront die Akropolis von Rhodos.

Und noch ein göttliches Mal in der «besten Taverne der Insel». Wir schauen aufs Meer – keine Flüchtlinge in Sicht.

Impressum

Text
Chris Winteler

Fotos
Moritz Hager

Gestaltung
Andrea Bleicher