Am Anschlag

Nach den Krawallen vor der Reitschule erheben Polizisten schwere Vorwürfe gegen den eigenen Kommandanten

Um Mitternacht schleppen vermummte Gestalten Absperrgitter und Müllcontainer auf die Schützenmattstrasse bei der Berner Reitschule.

Sie verbarrikadieren die Strasse, zünden die Container an. Die Vermummten nennen sich Gruppe Leon Czolgosz – nach einem US-Anarchisten und Präsidentenmörder.

Die Polizei rückt mit 15 bis 20 Mann an, wird zurückgedrängt, holt Verstärkung. Die Randalierer werfen Steine, Flaschen, zünden Feuerwerkskörper. Die Polizei geht mit Gummischrot und Tränengas vor, bis sich die Randalierer zurückziehen – zum Teil gelangen sie aufs Dach des Kulturzentrums, wo sie ihren Kampf fortsetzen.

Drei Stunden dauert die Strassenschlacht in der Samstagnacht vor einer Woche. Resultat: elf verletzte Polizisten, vermutlich verletzte Randalierer und einige verletzte Reithalle-Besucher.

Und Bern ist wieder einmal Thema in den nationalen Medien.
Der SonntagsZeitung gelingt es, mit beteiligten Polizisten zu sprechen. Die Beamten riskieren viel, wenn sie mit Journalisten ­reden. Dass sie sich trotzdem äussern, zeugt von ihrer Wut und Ohnmacht. Im Zentrum der Kritik: die Strategie von Kommandant ­Stefan Blättler.

«Ich persönlich habe mehrere Male darauf hingewiesen, dass die Situation unhaltbar ist.» Polizeikommandant Stefan Blätter zur Kritik am Polizeieinsatz.

«Ich persönlich habe mehrere Male darauf hingewiesen, dass die Situation unhaltbar ist.» Polizeikommandant Stefan Blätter zur Kritik am Polizeieinsatz.

Rückblende: Der Grund für die Eskalation sind die Ereignisse am Tag zuvor. So stellen es lokale Medien dar. Auf dem Vorplatz der Reitschule führen Polizisten am Freitag Kontrollen durch. Eine Provokation für die Reitschüler, es kommt zu einer spontanen Demonstration.

Ein Polizist erzählt, dass in einem Text auf der Website Indymedia als Folge der Freitagnacht zu Gewalt und Demonstrationen gegen die Polizei aufgerufen worden sei. «Warum bot man für Samstag nicht von Anfang an mehr Leute auf, obwohl man mit solchen Ausschreitungen rechnen musste?»

«Jedes Mal hat das Kommando versprochen, dass man gegen die Chaoten vorgehe. Bis heute waren das leere Worte.»

Ein Berner Polizist

Für ihn ist klar: Die elf verletzten Polizisten sind «das Ergebnis dieser Fehlplanung». Einmal mehr habe es das Berner Polizeikommando verpasst, «genügend Einsatzkräfte aufzubieten».

Der Polizist kritisiert Kommandant Blättler direkt. «Seitens des Kommandos stelle ich die Unterstützung infrage», sagt er. Der Vorfall vom Wochenende sei nicht der erste dieser Art gewesen – mindestens fünfmal sei es 2015 zu ähn­lichen Angriffen auf Polizisten gekommen.

Jedes Mal habe das Kommando versprochen, «dass man gegen die Chaoten vorgehen werde. Bis heute waren das leere Worte». Der Polizist erzählt von Faust­schlägen und Pfefferspray-Einsätzen gegen seine Kollegen.

In der Tat nahmen Gewalt und Drohungen gegen Polizisten und andere Beamte zwischen 2000 und 2012 stark zu. Seit Jahren würden die Zahlen massiv steigen, sagt Max Hofmann, Generalsekretär beim Verband Schweizerischer Polizei-Beamter.

So gab es 2000 774 Gewaltakte oder Drohungen gegen Beamte; 2012 waren es 2957. Auch wenn die Zahlen in den letzten zwei Jahren leicht rückläufig waren, sagt Hofmann: «Wir haben ein grosses Problem.»

Man wisse, dass «die Brutalität zugenommen hat. Davon betroffen sind vor allem die Städte Bern und Zürich. Was am Wochenende bei der Reitschule vorgefallen ist, bestätigt leider die Beobachtungen.»

Wenig Verständnis haben die Berner Polizisten auch für die Zurückhaltung, die ihnen vom Kommando auferlegt wird. Im Normalfall betritt die Polizei die Reithalle bei Grossveranstaltungen nicht – zum Schutz der Besucher.

In jener Samstagnacht hielten sich 700 Gäste in den Räumen auf. Ein Polizist sagt jedoch: «Man hat es einmal mehr verpasst, die Reithalle zwecks Beweissicherung zu betreten. Dies wohlverstanden bei Tatbeständen wie Landfriedensbruch und Gefährdung des Lebens.»

«Wir können nicht prophylaktisch jedes Wochenende mehrere Hundert Mitarbeiter aufbieten.»

Polizeikommandant Stefan Blättler

Randalierende Gruppen in Bern bewegen sich im Dunstkreis der Reithalle. Offiziell grenzen sich die Betreiber ab von jeder Form der Gewalt, und es heisst, man kenne die Identität der mutmasslichen Täter nicht.

Trotzdem können sich vermummte Störenfriede immer wieder in die Reitschule zurückziehen, wo sie vor dem Zugriff der Polizei geschützt sind.

Ein anderer Polizist kritisiert die laxe Haltung des Berner Kommandos. Er habe den Eindruck, man mache zugunsten eines Teilfriedens zu viele Zugeständnisse – und setze so die Gesundheit der eigenen Leute aufs Spiel.

Kommandant Blättler nimmt ausführlich Stellung zu den Vorwürfen. Die Ereignisse vom Samstag hätten sich «so nicht angekündigt», schreibt er.

Die Angreifer seien nicht dumm, sie würden merken, wenn die Polizei ein grösseres Aufgebot vorbereite. «Dann bleibt es verhältnismässig ruhig, und die Polizei muss sich neben dem Umstand, dass viele Mitarbeiter an einem freien Tag aufgeboten werden, den Vorwurf gefallen lassen, überreagiert zu haben.»

Das sei schon öfter passiert. «Wir können nicht prophylaktisch jedes Wochenende mehrere Hundert Mitarbeiter aufbieten. Sie wären in einer solchen Situation in dieser Umgebung aber notwendig.»

«Wir können die Rahmenbedingungen nicht ändern.»

Polizeikommandant Stefan Blättler

Auch dass die Polizei nicht in die Reitschule eingedrungen ist, verteidigt Blättler. In diesem Fall hätte es vermutlich «massive Ausschreitungen und weitere Verletzte bei den Polizisten und den Besuchern» gegeben, sagt er.

Blättler gibt den Schwarzen Peter an die Politik weiter: «Ich persönlich habe mehrere Male darauf hingewiesen, dass die Situation unhaltbar ist. Wir können die Rahmenbedingungen aber nicht ändern.»

Der oberste politische Verantwortliche ist Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). Er hat das Sicherheitskonzept persönlich verhandelt, das der Reitschule Vorschriften machen soll.

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) hat das Reithalle-Sicherheitskonzept persönlich verhandelt.

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) hat das Reithalle-Sicherheitskonzept persönlich verhandelt.

An einer Pressekonferenz vergangene Woche erklärte Reitschule-Sprecher Christoph Ris, man habe das Konzept nicht verletzt.

Tatsächlich steht im Papier kein Wort davon, die Reithalle-Betreiber müssten auch rund um ihren Betrieb für Sicherheit sorgen. Man könne doch nicht die Aufgaben der Polizei übernehmen, sagte Ris. Für die Reitschule sei der Schutz der Besucher zentral.

Reitschule-Sprecher Christoph Ris (Mitte) erklärt, man könne nicht die Aufgaben der Polizei wahrnehmen.

Reitschule-Sprecher Christoph Ris (Mitte) erklärt, man könne nicht die Aufgaben der Polizei wahrnehmen.

Der interne Sicherheitsdienst könne auch nicht gegen Randalierer vorgehen, die sich in die Reitschule zurückzögen. Sonst riskiere man bei Grossveranstaltungen eine Massenpanik.

Trotzdem hat der Gemeinderat entschieden, die Reitschule zu bestrafen und die Subventionen zu blockieren. Pro Jahr werden dem Betrieb rund 380 000 Franken erlassen; im Wesentlichen geht es um die Jahresmiete. Nun soll es neue Verhandlungen geben.

Was es zu verhandeln gibt, bleibt offen. Stadtpräsident Tschäppät wollte sich nicht mehr äussern.

Die Reitschule sei seit 27 Jahren ein besetztes Haus. Und das werde sie bleiben. Sagt Sprecher Christoph Ris.

Die Reitschule sei seit 27 Jahren ein besetztes Haus. Und das werde sie bleiben. Sagt Sprecher Christoph Ris.

Ob die Reitschule gewillt ist, die Miete zu zahlen, liessen die Reitschüler offen. Sprecher Ris ­sagte nur, die Reitschule sei seit 27 Jahren ein besetztes Haus. Und das werde sie bleiben.

Derweil sind die elf verletzten Polizisten wieder arbeitsfähig, wie Polizeisprecher Christoph Gnägi sagt. Noch offen ist, ob die Polizisten, die Gehörverletzungen erlitten haben, bleibende Schäden ­davontragen.

«Die Reitschule hat einen grossen sozialen Wert»

Herr Mäder, Sie haben für den Berner Gemeinderat eine Studie zur Reitschule verfasst. Darin zeigen Sie viel Verständnis und Sympathie für das linksautonome ­Kulturzentrum. Ändern die jüngsten Krawalle etwas an Ihrer Einschätzung?
Nein. Solche Auseinandersetzungen gab es immer wieder. Was die Reitschule macht, hat einen hohen sozialen Wert.

Soziologe Ueli Mäder: «Wichtig ist gewiss, wie die Polizei auftritt.»

Soziologe Ueli Mäder: «Wichtig ist gewiss, wie die Polizei auftritt.»

Gewalt ist doch schlicht nicht ­tolerierbar.
Jegliche Gewalt ist zu viel. Alle Opfer tun mir leid. Aber ein Stück Gewalt wird immer bleiben. Es wäre eine Illusion zu meinen, dass man sie auf ewig ganz vermeiden kann.

Muss man die Reitschule schliessen?
Auf keinen Fall. Es braucht eine Auseinandersetzung. Dafür gibt es in Bern unter anderem den runden Tisch.

Vertreter der Reitschule erklärten vergangene Woche, die Polizei solle das Zentrum in Ruhe lassen. Das ist das Gegenteil von Auseinandersetzung.
Das Anliegen, dass es an einem solchen Ort möglichst viel Freiheit gibt, macht Sinn. Die Reitschule ist ein Lernfeld für viele Jugendliche, und nicht nur für sie. Aber sie darf keine rechtsfreie Zone sein. Das würde ich weder bei Reichen noch in einem Umfeld von Autonomie dulden. Man muss aber auch sehen, dass die Reitschule bereits viel selber gemacht hat. Der eigene Ordnungsdienst, das «Wellness-Team», wurde aufgewertet.

«Das sind konjunkturelle Verläufe. Es gab Zeiten, da stand Zürich im Vordergrund, dann Basel, jetzt Bern.»

Soziologe Ueli Mäder

Das hat aber bei den jüngsten ­Ausschreitungen nicht funktioniert. Das Kontakttelefon, auf dessen Nummer die Polizei bei Krisen anrufen kann, war nicht bedient.
Das ist ein grosses Ärgernis. Hier müsste man auch die Reitschüler etwas stärker in die Pflicht nehmen.

Weshalb gibt es in Städten wie Zürich oder Basel weniger Probleme?
Man kann das schwer ver­gleichen. Das sind konjunkturelle Verläufe. Es gab Zeiten, da stand Zürich im Vordergrund, dann Basel, jetzt Bern.

Aber Zürich hat das inzwischen offenbar besser im Griff. Um die Rote Fabrik ist es ruhig geworden, auch die 1.-Mai-Demos sind in letzter Zeit relativ friedlich.
Das ist erfreulich. Einige sind aber nicht glücklich darüber, dass die Rote Fabrik zu einem gängigen Kulturbetrieb geworden ist. Was die 1.-Mai-Demos betrifft, so begrüsse ich, wie intensiv man das in Zürich angegangen ist. Ich würde meine Hand aber nicht ins Feuer legen, dass es immer so friedlich bleibt.

In Basel sind gezielte Angriffe auf ­Polizisten kaum bekannt, obwohl die Stadt eine aktive Besetzer- und Ultra­szene hat. Was macht man dort besser?
Wichtig ist gewiss, wie die Polizei auftritt. Wenn sie hemdsärmlig und direkt auf die Leute zugeht, nützt das der Verhinderung einer Eskalation mehr als eine protzige Montur. Ich habe in Basel Polizisten erlebt, die das an Kundgebungen ausgesprochen gut gemacht haben. Auch die Berner Polizei tritt zuweilen recht geduldig und zurückhaltend auf und konnte dadurch Ausschreitungen verhindern.

Gewalt gegen Beamte geht in der Schweiz zahlenmässig zurück, aber die Attacken auf Polizisten sind brutaler geworden. Wie lässt sich das erklären?
Ein Aspekt ist, dass wir einen hohen medialen Gewaltkonsum haben. Es gibt manchmal einen fliessenden Übergang zwischen Fiktion und Realität. Wenn man oft Bilder von massiver Brutalität sieht, kann das in bestimmten Situa­tionen eine verhängnisvolle Dynamik entwickeln.

Nadja Pastega

Immer wieder Reitschule: Im Dezember 2013 riegeln Polizisten nach Tumulten Teile der Schützenmatte ab.

Impressum

Text
Dominik Balmer, Nadja Pastega

Fotos
Raphael Moser (2), Tobias Anliker (1), Keystone (6)

Gestaltung
Andrea Bleicher