Fürstlicher Lohn für den Präsidenten statt Desserts für die Kinder

In vielen Gemeinden fehlt das Geld. Nun kommen die Löhne ihrer Präsidenten unter Druck. Die regionalen Unterschiede sind immens

Die Stadt Baden muss sparen. «Optima» heisst das Projekt, das rote Zahlen verhindern soll. Der Einwohnerrat hat der Stadtverwaltung bei den Ausgaben ein Nullwachstum verordnet. Der Widerstand ist gross: Unlängst demonstrierten Lehrer, Schüler und erboste Eltern gegen den Abbau von Schulstunden. Auch die Badener Nachbarsgemeinde Wettingen hat den Rotstift angesetzt. Das hat Auswirkungen bis ins Detail: So erhalten die Kinder in der örtlichen Heilpädagogischen Schule nur noch zwei statt vier Desserts pro Woche, wie die Lokalzeitung berichtete. Und bürgerliche Politiker wollen erreichen, dass Wettingen Werke aus der gemeindeeigenen Kunstsammlung verkauft, um die Kasse zu füllen.

Die beiden Aargauer Gemeinden verbindet noch mehr: nämlich ein überdurchschnittlich hoher Lohn ihres Oberhaupts. Der Badener Stadtammann Geri Müller erhält inklusive Spesen und Zulagen rund 270 000 Franken pro Jahr, der Wettinger Gemeindeammann Markus Dieth kommt auf knapp 260 000 Franken. Damit liegen ihre Gehälter deutlich über denjenigen von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Regionen in der Schweiz, selbst von grösseren Städten wie Bern oder Winterthur. Das zeigt eine Umfrage der SonntagsZeitung bei allen Schweizer Gemeinden und Städten mit mehr als 10 000 Einwohnern.

So viel verdienen die Schweizer Stadtpräsidenten

Quellen Umfrage der SonntagsZeitung zu den Bruttogehältern 2015 der Exekutiv-Chefs der Schweizer Gemeinden mit mehr als 10'000 Einwohnern und Bundesamt für Statistik (BFS), Einwohnerzahlen 2014.
Bemerkung Die Gemeinden Dietikon, Kloten, Locarno, Mendrisio, Arbon, Uzwil, Buchs SG, Münchenstein, Ittigen, Romanshorn, Flawil und Zollikofen haben nicht geantwortet. Basel-Stadt ist nicht in der Liste aufgeführt, da der Stadtpräsident gleichzeitig auch Regierungspräsident ist. Er erhält 322'246 Franken für beide Funktionen.

Von den über 140 Gemeinden beteiligten sich 133 an der Umfrage. Im Durchschnitt verdienen deren Präsidenten hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum rund 190 000 Franken im Jahr. Die Unterschiede sind markant. In zwölf Orten liegt das Salär inklusive Spesen und Zulagen bei 250 000 Franken oder mehr. Hingegen verdienen die Präsidenten von 14 Gemeinden hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum weniger als 120 000 Franken im Jahr. Die Spitzenplätze vor Baden belegen die Städte Zürich, Lausanne, St. Gallen und Genf.

Auch Biel schafft es im Lohnranking in die Top 10. Und auch in der Stadt mit einer der höchsten Sozialhilfequote der Schweiz heisst es: sparen. Grössere Schulklassen, weniger Skilager, weniger Geld für die Ludothek. Vielen Einwohnern gehen diese Massnahmen zu weit. Die Bevölkerung versenkte die Pläne an der Urne, und so steht Biel im Moment ohne Budget da.

Weit oben mit dem 8. Rang: Biel

Weit oben mit dem 8. Rang: Biel

In Zeiten wie diesen erstaunt es nicht, wenn die Löhne der Gemeindepräsidenten ins Wanken geraten. Die Junge SVP hat in Biel problemlos genügend Unterschriften für eine Volksinitiative gesammelt, über die im Sommer abgestimmt wird. Sie verlangt eine Senkung des Stadtpräsidentenlohns auf 220 000 Franken. In Baden läuft die Lohndebatte ebenso. Per Motion wollen bürgerliche Einwohnerräte das Salär des Stadtammanns auf denselben Betrag senken. In Anbetracht der angespannten Finanzlage müssten alle beeinflussbaren Ausgaben überprüft werden, sagen sie. Mit dem gleichen Argument haben bereits Frauenfeld und Luzern die Löhne der Stadtregierung gesenkt.

Gemeindeforscher Reto Steiner von der Uni Bern stellt zwei gegenläufige Trends fest. Einerseits seien die Löhne der Exekutivpolitiker in den letzten zehn Jahren in zwei von drei Gemeinden gestiegen, sagt er. Diese Entwicklung sei vor allem in kleineren und mittleren Gemeinden zu beobachten, wo es oft schwieriger geworden sei, passende Leute für die Ämter zu finden und der Lohn als Anreiz eine gewisse Rolle spiele. Andererseits seien die Präsidentenlöhne in grösseren Gemeinden und Städten vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, was zu Kürzungen oder zumindest Deckelungen der Löhne geführt habe.

Das Einkommen der Präsidenten im Verhältnis zur Einwohnerzahl

Selbst Geri Müller sieht das Gleichgewicht gestört

Dass sein Lohn zur Debatte steht, findet der Badener Stadtammann Geri Müller nicht etwa schlecht. Im Gegenteil: «Es ist okay, ihn zu hinterfragen. Er muss gerechtfertigt sein, gerade auch im Vergleich mit anderen Gemeinden», sagt Müller. In der Tat stimme das Gleichgewicht bei den Präsidentenlöhnen angesichts der teils beträchtlichen Unterschiede wohl nicht in jedem Fall.

In einigen Städten gibt es schon länger einen Lohndeckel. So zum Beispiel in Zürich und Bern. Das hat zur Folge, dass der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät weniger verdient als Kollegin Elisabeth Zäch im nahe gelegenen und achtmal kleineren Städtchen Burgdorf. Auch der Präsident der Berner Nachbarsgemeinde Köniz, Ueli Studer, verdient deutlich mehr als Tschäppät, wenn man sein Salär auf ein Vollzeitpensum hochrechnet. Bei Tschäppät kommen allerdings noch Nebeneinkünfte aus seinem Nationalratsmandat hinzu, die nicht Teil der Umfrage sind.

Die Präsidentenlöhne werden von den Gemeindeparlamenten oder dem Volk festgelegt. Sie sind also demokratisch legitimiert. Darauf verweisen die Spitzenverdiener mit Nachdruck. Auch die Arbeitsbelastung ist ein wichtiges Thema, wenn sie auf ihr Salär angesprochen werden. Er habe nur auf dem Papier ein 80-Prozent-Pensum, sagt der Könizer Ueli Studer. De facto arbeite er mindestens 100 Prozent, was seinen Spitzenplatz relativiere. Der Wettinger Gemeindeammann Markus Dieth sagt, er sei oft von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends im Büro und arbeite auch an den Wochenenden. Ohnehin sei der Lohn nicht der entscheidende Antrieb, um ein solches politisches Amt zu bekleiden. Als Anwalt mit eigener Kanzlei habe er nicht wegen des Verdienstes in die Politik gewechselt.

Löhne: Wer wo wie viel verdient

Zürcher Gemeinden zahlen am schlechtesten

Am unteren Ende des Rankings befinden sich viele Zürcher Gemeinden. In Regensdorf verdient Gemeindepräsident Max Walter mit einem 70-Prozent-Pensum gerade mal 52 000 Franken im Jahr. Dass er damit viel schlechter bezahlt ist als die meisten Amtskollegen, ist ihm bewusst. Mitglieder der Rechnungsprüfungskommission hätten ihn vor zwei Jahren sogar explizit darauf hingewiesen, dass es doch mal an der Zeit wäre, sein Gehalt anzupassen, erzählt Walter beim Schwatz im modernen Gemeindehaus. Die Diskussion darüber werde wohl bald geführt. Das Gehalt sollte eine faire Entschädigung, aber nicht der Anreiz sein, sagt Walter. «Ansonsten könnte es die falschen Leute anziehen.» Denn für das Amt des Gemeindepräsidenten brauche es eine gute Portion Idealismus. Diesen muss auch der Kollege in Bülach mitbringen, wo es für den 70-Prozent-Job knapp 66 000 Franken gibt. Mehrfach verwehrte die Bülacher Bevölkerung den bisherigen Präsidenten eine Erhöhung. «Da die letzte Anpassung vor über 15 Jahren war, müsste man einen grösseren Sprung machen, um ins Mittelfeld zu kommen. Das schreckte vielleicht beim letzten Mal die Leute ab», sagt Stadtpräsident Mark Eberli. So werden viele Zürcher Gemeindepräsidenten wohl auch künftig auf das Einkommen in ihrem angestammten Beruf angewiesen sein. Walter betreibt eine Beratungsfirma, und Eberli ist im internationalen Handel tätig.

Historische Gründe für die Differenzen, aber nicht nur

Die regionalen Differenzen hängen teilweise mit einer unterschiedlichen Aufgabenteilung zusammen. So sind die Gemeindepräsidenten im Kanton Aargau anders als im Kanton Zürich auch für die Führung der Gemeindeverwaltungen zuständig. «Mein Job ist mit dem des Chefs eines mittelgrossen Unternehmens mit 250 Angestellten vergleichbar», sagt der Wettinger Gemeindeammann Dieth. Allerdings liessen sich die Lohnunterschiede nicht vollständig mit unterschiedlichen Pflichtenheften erklären, sagt Gemeindeforscher Steiner. Teilweise seien sie schlicht historisch bedingt. So sind etwa viele Gemeinden rund um Zürich in den letzten Jahren stark gewachsen und als Agglomerationsstädte deutlich komplexer zu führen geworden, ohne dass der Lohn der Präsidenten angepasst worden wäre. «Da hinkt die Lohnentwicklung den realen Verhältnisse hinterher», sagt Steiner. Für Eberli aus Bülach ist klar: «Heute ist das Amt des Stadtpräsidenten eigentlich kein Nebenamt mehr.»

Dass die Schüler der Heilpädagogischen Schule in Wettingen auf ihre Desserts verzichten müssen, stört übrigens Gemeindeammann Dieth. Da werde eindeutig am falschen Ort gespart, sagt er. Dieth hat Kontakt mit der Schulleitung aufgenommen, um eine Lösung zu finden, wie die Kinder wieder zu den gewohnten vier Desserts pro Woche kommen.

Impressum

Text
Noele Illien
Alexandre Haederli
Christian Brönnimann
recherchedesk@sonntagszeitung.ch

Fotos
Alex Spichale/«Aargauer Zeitung», Michele Limina, Wisi Grete, Patrick Nouhailler, Marius Haffner

Gestaltung
Linda von Burg