Plötzlich Mafioso

Zwei Italiener, die der Mitgliedschaft in der Thurgauer Zelle beschuldigt werden, haben fast alles verloren.
Nun drohen ihnen Jahre in einem italienischen Gefängnis – obwohl es bisher kaum Beweise gegen sie gibt

Frauenfeld Zuerst verlor Tito Rossi seine Freiheit. Am 8. März 2016 verhaftete die Polizei den Logistiker zu Hause in einem Thurgauer Dorf. Dann den Job. Sein Arbeitgeber stellte ihn frei. Begründung: unentschuldigte Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Und heute will sich auch seine Frau von ihm trennen. Sie werfe ihm vor, er habe seine Zeit mit Mafiosi zugebracht, statt sich um die Familie zu kümmern, erzählt der 56-Jährige im Büro seines Frauenfelder Anwalts Erich Moser.

Ignazio Bianchi traf es nicht ganz so hart. Auch bei ihm klingelte an jenem Dienstag frühmorgens die Polizei. Nach vier Tagen Auslieferungshaft durfte der Handwerker wieder nach Hause. Die Fluchtgefahr sei gering, hiess es. Tito Rossi wurde drei Tage später entlassen. Bianchis Familie hält zu ihm, ebenso der Arbeitgeber, der eingeweiht ist: Er pflege eine «stabile und unauffällige Lebensweise» und habe im Geschäft eine «Vorbildfunktion für junge Berufsleute», heisst es in einem aktuellen Arbeitszeugnis, das Bianchi an das Bundesamt für Justiz schicken will.

Rossi und Bianchi heissen in Wirklichkeit anders. Sie fürchten um das, was von ihrem einst guten Ruf noch übrig ist. Die italienische Justiz will ihnen den Prozess machen – als Mitglieder der kalabrischen Mafia.

Landgasthof Schäfli: Hier soll sich die Thurgauer ’Ndrangheta-Zelle regelmässig getroffen haben.

Die Thurgauer ’Ndrangheta-Zelle ist inzwischen berühmt. Zentrales Beweisstück ist ein Video aus dem Jahr 2011, das die Schweizer Polizei heimlich aufgenommen hatte. An einem Sonntagnachmittag trafen sich 15 Männer im Boccia-Club des Restaurants Schäfli in Wängi TG. Im zweiminütigen Mitschnitt erklärte Anführer Antonio N., es gebe für alle genug zu tun: Erpressung, Kokain, Heroin. «10 Kilo, 20 Kilo pro Tag. Besorge ich persönlich.»

Bei ersten Razzien im August 2014 kamen in den Häusern der mutmasslichen Thurgauer Mafiosi 11 Pistolen sowie 5 Gewehre zum Vorschein, die meisten mit Bewilligung gekauft. Bei Tito Rossi beschlagnahmten die Polizisten einen alten Karabiner 31. Er sagt, sein Sohn habe das Gewehr von einem Kollegen bekommen.

Laut den Italienern hat die Mafia die Schweiz kolonialisiert
Für die Fahnder sind die Waffen ein Beleg der Gefährlichkeit der Zelle. In einem Ermittlungsbericht schreiben die italienischen Staatsanwälte Nicola Gratteri und Antonio De Bernardo, die ’Ndrangheta habe die Schweiz «kolonialisiert».

Für sie ist die Frauenfelder «Società» eine Zelle des grenzüberschreitenden Geschwürs, vernetzt mit anderen Ablegern, im regen Austausch mit der Spitze der Organisation.

«Keine Abenteuer»: Bundesanwalt Michael Lauber während einer Medienkonferenz in Lugano TI.

«Mein Klient sieht sich nicht als Mafioso», sagt Bianchis Anwalt Simon Krauter. Unbestritten ist, dass er im Jahr 2011 an einigen Treffen in Wängemer Boccia-Club anwesend war. Reicht das, um den italienischen Staatsbürger nach Kalabrien zu überstellen?

Ja, schreibt die dortige Justiz in ihrem Antrag auf Auslieferung, er habe sich dadurch an der kriminellen Organisation beteiligt. Nein, sagt Krauter: «Mein Klient ging anfangs nach Wängi, um Karten zu spielen, das war ein öffentlicher Club.» Man jasste nach italienischen Regeln, Briscola oder Scopa. Bianchi kannte manche der Stammgäste, weil sie wie er aus Kalabrien stammten. Seit 2011 habe er keinen Kontakt mehr zu den Leuten.

Die SonntagsZeitung nahm Einsicht in die Auslieferungsakten. Im Dossier, das über 700 Seiten umfasst, taucht Bianchi lediglich an einem halben Dutzend Stellen auf. Er war dort, als die Polizei das Video aufnahm. Bei weiteren Treffen ging es nicht um Heroin oder Kokain, sondern um die «Regeln der Società», um Ehre und Würde. Die Anwesenden hielten weitschweifige Reden, versicherten sich gegenseitig ihre Loyalität. «Als mein Klient mitbekam, wie in Wängi geredet wurde, ging er nicht mehr hin», sagt Krauter.

Abgesehen von den Treffen erhebt die italienische Justiz keinerlei konkrete Vorwürfe gegen Bianchi. Keine Drogen, keine Waffen, keine Geldwäscherei. Trotzdem drohen ihm nun mindestens drei Jahre Gefängnis. Es könnten aber auch zehn Jahre sein. Die beiden Anführer der Zelle, die direkt mit der ’Ndrangheta-Spitze in Kontakt standen, wurden 2014 in Italien verhaftet. Das Gericht in Reggio Calabria verurteilte sie zu 12 und 14 Jahren Gefängnis. «Mein Klient muss mit dem Schlimmsten rechnen», sagt Anwalt Krauter.

Die Verhaftete stammen fast alle aus dem Dorf Fabrizia in Kalabrien.

Alles nur «Geschwätz und Angeberei», sagt der Anwalt

Etwas anders sieht es bei Tito Rossi aus. Ihm wirft die italienische Justiz drei Treffen im Lokal in Wängi vor. Er selbst sagt, er sei über die Associazione Calabresi Frauenfeld ins Wängemer Lokal gekommen – über einen kalabrischen Heimatverein, bei dem auch einer der Mafiosi-Anführer mittat.

Aus dem Dossier von Rossi geht hervor, dass ihm innerhalb der Zelle Frauenfeld «Spezialaufgaben» zugeteilt waren. Mindestens einmal erwähnte er, dass er jetzt ans «Crimine» rapportiere, an die Spitze der ’Ndrangheta. Konkretere Aussagen gibt es nicht. Anwalt Moser sagt, Kontakte nach Italien hätten in Wahrheit nie existiert. Die Aussagen seien «grosses Geschwätz und Angeberei» gewesen. Man habe sich nur «aufgespielt», es sei um ein «blosses Ritual» ohne realen Hintergrund gegangen.

Die Anfänge der Schweizer Mafia-Fahndung gehen bis ins Jahr 2009 zurück. Seit 2013 ermitteln die Bundesanwaltschaft und die italienische Justiz gemeinsam. In der Schweiz wurde bis heute keine Anklage erhoben – im Gegenteil: Man erwägt, das Verfahren einzustellen. Die italienische Untersuchung soll Vorrang haben.

Das passt zur Linie von Bundesanwalt Michael Lauber, der in Mafia-Fällen «keine Abenteuer» mehr will, wie er der «NZZ am Sonntag» Anfang 2015 sagte. Zu viel Energie steckte man schon in aufwendige Ermittlungen, bei denen zu wenig herausschaute. Wenn ein Schweizer Fahnder belegen will, dass jemand an einer kriminellen Organisation beteiligt ist, muss er konkrete Beweise vorlegen. Das italienische Anti-Mafia-Gesetz ist viel breiter gefasst, und die Justiz kennt sich mit Ermittlungen im Milieu besser aus. In Kalabrien ist mit harten Strafen zu rechnen.

Dabei gibt es aber ein Problem. Man kann Mafia-Verdächtige nicht ohne weiteres ausliefern. Wenn die Schweiz einen Angeschuldigten an ein anderes Land übergeben will, muss seine Tat auch in der Schweiz strafbar sein. «Beidseitige Strafbarkeit» nennt sich dieser wichtige rechtsstaatliche Grundsatz.

Im Schweizer Strafrecht gibt es einen Anti-Mafia-Artikel, aber dessen Anforderungen sind hoch: Es reicht nicht, dass sich jemand in eine kriminelle Organisation eingliedert, er muss auch aktiv werden.

Und genau das haben Rossi und Bianchi nicht getan, argumentieren deren Anwälte. Sie waren zwar an manchen Treffen in Wängi dabei, taten aber nichts weiter. «Eine Auslieferung kommt nicht infrage», sagt Anwalt Erich Moser.

Der Bund zweifelt, ob eine Auslieferung rechtmässig ist
Selbst das Bundesamt für Justiz, das über die Auslieferungen entscheiden wird, hat seine Zweifel. Das zeigt eine interne Stellungnahme vom September 2015, die dem TA vorliegt. Man habe in den Akten des Falles «kaum Hinweise» darauf, dass die Angeschuldigten für die ’Ndrangheta «tätig geworden» seien. Das sei ein «Schwachpunkt» in der Argumentation zur Auslieferung. Am Ende erklärte das Amt den Anti-Mafia-Artikel für anwendbar, wenn auch «mit Vorbehalten».

Auf Anfrage schreibt das Bundesamt für Justiz, das Papier sei nur eine «vorläufige Einschätzung». Gleichzeitig deutet der Sprecher an, dass es bei den Beweisen knirscht: Man sei daran, «gewisse Ergänzungen» einzuholen. Im Klartext: Die Ermittler sollen nachbessern. Es wird darum wohl noch Monate dauern, bis entschieden ist, ob Rossi und Bianchi nach Italien ausgeliefert werden.

Am Ende der Besprechung im Büro von Anwalt Moser redet sich Tito Rossi ins Feuer: «Ich kam 1979 zum ersten Mal in die Schweiz, ich habe hier immer gearbeitet. Alles, was ich mir aufgebaut habe, ist ruiniert.» Kurz darauf klingelt sein Mobiltelefon. Es ist sein Untermieter, der einen Schlüssel zurückgeben und ausziehen will.

Mit einem Mafioso möchte niemand etwas zu tun haben.

Dreckige Geschäfte: Die ’Ndrangheta macht jährlich einen geschätzten Umsatz von 50 Milliarden Franken mit Drogenhandel und der Kontrolle über die Müllentsorgung.

Die Thurgauer Zelle

Raffaele A. (74)  und Antonio N. (65) wurden 20114 in Italien geschnappt. Sie wurde 2015 zu 12 und 14 Jahren verurteilt.

Raffaele A. (74) und Antonio N. (65) wurden 20114 in Italien geschnappt. Sie wurde 2015 zu 12 und 14 Jahren verurteilt.

Vor 40 Jahren hat sich in Frauenfeld ein Ableger der ’Ndrangheta eingenistet. Im August 2014 nahm die italienische Polizei die beiden Anführer in Kalabrien fest und veröffentlichte das Überwachungsvideo aus dem Boccia-Club in Wängi TG. Die meisten der rund 20 Verdächtigen wohnen im Kanton Thurgau und stammen aus dem kalabrischen Dorf Fabrizia. Sie werden des Drogen- und Waffenhandels beschuldigt. Sie blieben zunächst in Freiheit, während im Hintergrund bereits die Prozedur für die Auslieferung anlief.

Am 8. März 2016 liess das Bundesamt für Justiz 13 der mutmasslichen Thurgauer Mafiosi in Haft setzen. Inzwischen sind sie wieder auf freiem Fuss und wehren sich gegen die Auslieferung. Zwei weitere Beschuldigte können aufatmen: Sie besitzen den Schweizer Pass. (MS)

Impressum

Text
Mario Stäuble
Mitarbeit: Vincenzo Capodici

Fotos
Katja Fässler/«Wiler Nachrichten» (2)
Gabriele Putzu/Ti-Press, Keystone (1)
Videostill: Carabinieri di reggio calabria/Keystone (1)

Gestaltung
Natalie Hauswirth